«langsamer, leichter und lokaler»

Jana Avanzini

Es war nicht immer leicht, in den vergangenen Jahren auf Reisen zu gehen. Doch die Entwicklung vor und auch nach der Pandemie zeigt in der Schweiz einen Trend zu immer längeren und emissionsreicheren Reisen. Mit dem Projekt «bleib hier» wollte die Mobilitätsakademie des TCS, unterstützt durch die Koordinationsstelle für nachhaltige Mobilität (KOMO), dieser Entwicklung entgegentreten. Das Projekt fördert langsameres, leichteres und lokaleres Reisen und stellt dabei Angebote für Ferien zuhause, Mikroabenteuer in der Region oder Camping-Angebote mit Cargo-Bikes ins Zentrum. Als erfolgversprechend für die Zukunft haben sich Camping-Ferien mit dem Lastenvelo herausgestellt.

Ein Ausflug mit dem hübschen alten VW-Bus, mit dem Car die Familie in Ungarn besuchen, zum Skifahren mit dem Auto in die Berge fahren oder für die Ferien nach Irland fliegen: Es ist nicht der tägliche Pendlerstau für die Arbeit, es sind die Reisen, die wir in der Freizeit unternehmen, die in der Schweiz den grössten Teil des Gesamtverkehrs ausmachen. Besonders der Flugverkehr dominiert die Emissionen im Mobilitätsbereich. Für ganze 18 Prozent des Treibhausgasausstosses ist er verantwortlich. Ferienreisen – der alltägliche Freizeitverkehr ausgenommen – machen 55 Prozent der zurückgelegten Distanzen des gesamten Freizeitverkehrs aus. Und es wird immer mehr.
Im Vergleich zu den regelmässigen Pendlerwegen sind die Freizeitwege extrem vielfältig, wechseln spontan und ganz spezifisch je nach Freizeitaktivität. Dies macht es komplexer, Strategien und Planungen für einen nachhaltigen Freizeitverkehr zu entwickeln. Auch wenn eine Sache bleibt: Beim Freizeitverkehr dominiert bei praktisch allen Aktivitäten der motorisierte Individualverkehr. Die gute Nachricht: Es entwickelt sich ein neues Reiseverhalten: Schweizerinnen und Schweizer küren immer häufiger das eigene Land und die Nachbarstaaten zur Feriendestination.

© regiosuisse

Das Projekt «bleib hier»

Aufgrund dieser Fakten und Entwicklungen lancierte die Mobilitätsakademie des TCS, eine Tochtergesellschaft des TCS in Bern, auf das Jahr 2020 das Projekt «bleib hier». Sie setzte sich damit zum Ziel, in der dreijährigen Projektphase suffiziente Geschäftsmodelle für die Freizeitmobilität zu entwickeln. Im Zentrum stand die Frage, wie sich das Reisen in der Freizeit mit weniger Verkehr persönlich erfüllend und ökonomisch sinnvoll gestalten lässt. Das Projekt wurde unter dem Motto «langsamer, leichter und lokaler» lanciert.

Gemeint ist damit erstens die Entschleunigung, indem der Langsamverkehr als ressourcenschonende Form des Reisens propagiert wird. Dazu kommt der Aspekt des leichteren Reisens durch die Reduktion des Materialaufwands und einen genügsamen Umgang mit Konsum. Schliesslich ist der Aspekt des Lokalen mit Fokus auf kurze Wege und regionale Angebote. Projektleiter Jonas Schmid betont: «Spannende Freizeit muss nicht mit grossen Distanzen und viel Konsum verbunden sein.»

«Homelidays» und Camping mit Cargo-Bikes

Das Projekt begann 2020 mit einer Reihe von Experteninterviews und Befragungen zum Freizeitverhalten der Schweizerinnen und Schweizer. Daraus wurden drei Felder von Angeboten entwickelt. Dabei ging es um Dienstleistungen für die Ferien zuhause, um Mikroabenteuer und u alternative Campingmöglichkeiten in der Region. Das Angebot von Ferien zuhause, die sogenannten «Homelidays», wurde jedoch mangels Nachfrage während der ersten Testphase wieder fallengelassen.

Der Fokus lag somit bald auf dem «alternativen Camping» und den «Mikroabenteuern mit Carvelos». «Bleib hier» setzte intensiv auf E-Bikes und E-Cargo-Bikes. Zum Angebot gehörten Carvelo-Touren durch die Schweiz, Familienferien mit Übernachtungen, Camping mit dem Lastenvelo und Mikroabenteuer mit den E-Cargo-Bikes. In Zusammenarbeit mit verschiedenen Läden in der Stadt Bern wurden «Themen-Bikes» lanciert: Cargo-Bikes, ausgerüstet mit Stand-up-Paddle-Boards, Campingequipment, Barbecue, grossen Lastenanhängern und vielen anderen Ausstattungen konnten gebucht werden. Bestimmt ein Dutzend verschiedene Carvelo-Angebote wurden getestet.
In Kooperation mit dem Campingplatz Eymatt in Bern entstand zudem ein Angebot zur Buchung von Carvelos und Mikrowohnwagen, samt Camping-Equipment und Tipps für Routen und Übernachtungsmöglichkeiten. «Die Camping-Angebote mit E-Cargo-Bikes waren definitiv der grösste Erfolg des Projekts», stellt Jonas Schmid rückblickend fest.

Emanuel Freudiger, TCS

Durchzogene Bilanz

Das Projekt wurde im Herbst 2022 abgeschlossen, die Erfahrungen und Erkenntnisse wurden ausgewertet. Mit Ausnahme der Angebote auf Campingplätzen und ein paar Angeboten mit lokalen Freizeit-Cargo-Bikes gelang es während der Projektlaufzeit allerdings nicht, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Äusserst positiv fiel hingegen das Echo auf das Camping-Angebot mit dem Lastenvelo aus. Dieses wird nun schweizweit auf TCS-Campings ausgebaut und weiterentwickelt.

Jonas Schmid blickt auf eine aussergewöhnliche Zeit zurück. Die Pandemie, die die drei Jahre des Projekts intensiv prägte, habe es massiv beeinflusst. «Wir hatten für das Projekt einerseits Vorteile durch die Covid-Situation, andererseits gab es auch massive Einschränkungen», so Schmid. Natürlich sei die Bevölkerung durch die Reisebeschränkungen sehr stark auf regionale Angebote ausgewichen, gleichzeitig habe sich auch das Konkurrenzangebot massiv vergrössert. Zudem sei es schwierig gewesen, das Projekt in den Medien bekanntzumachen, da diese hauptsächlich Pandemiethemen im Fokus hatten. «Und nach der Pandemie hat das Pendel auf die andere Seite ausgeschlagen. Sobald man wieder uneingeschränkt fliegen und reisen konnte, wurde das wieder stark genutzt.»

Emanuel Freudiger, TCS

Für Städte interessant

Als Erkenntnis für zukünftige ähnliche Projekte betont Schmid, wie zentral die kommunikative Power sei. «Ohne Präsenz in den Medien und ohne Plattformen, die die Angebote verbreiten, ist es äusserst schwierig.» Wichtig ist dafür auch eine intensive Vernetzung von touristischen Angeboten mit Anbietern aktiver Mobilität, beispielsweise die Vernetzung lokaler Freizeitangebote mit den in den Städten bereits stark genutzten Bike- und Trottisharing-Angeboten.
«Wir haben uns für den Vertrieb der Angebote intensiv bemüht, Partnerschaften mit touristischen Akteuren aufzugleisen», so Schmid. Die touristischen Vermarktungsorganisationen hätten wenig Interesse, lokale Angebote für die lokale Bevölkerung zu bewerben. «Die müssen Übernachtungszahlen generieren», so Schmid. «Interessant für uns sind kleine, lokale Partner wie die in Bern, die nun eigene Angebote mit den Freizeit-Cargo-Bikes weiterführen.» Das Zentrale an «bleib hier» sei die Nähe der Nutzerinnen und Nutzer und des Angebots. So sei auch die direkte Zusammenarbeit mit Städten besonders attraktiv, sagt Schmid. «Erstens wollen die Städte attraktiv für ihre Bewohnerinnen und Bewohner, aber auch für Gäste sein und bleiben, zweitens sind solche Angebote im Interesse der Städte aufgrund gesteckter Klimaziele.» Ein Punkt, dessen Ausstrahlung in den kommenden Jahren nur zunehmen kann.

bleibhier.ch

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«Zirkulär in die Zukunft»

Pirmin Schilliger & Urs Steiger

Wie kann die Kreislaufwirtschaft in die Wirtschaft und die Gesellschaft integriert und als zukunftsweisendes Modell einer nachhaltigen Entwicklung gezielt gefördert werden? Welche besonderen Chancen eröffnen sich damit der regionalen Wirtschaft? Diese Fragen diskutierten im Gespräch mit «regioS» Marie-Amélie Dupraz-Ardiot, Sustainability-Managerin und Verantwortliche des Kantons Freiburg für die Strategie «Nachhaltige Entwicklung», Antonia Stalder, Geschäftsführerin von Prozirkula, sowie Ökonomieprofessor Tobias Stucki, Co-Leiter des Instituts Sustainable Business an der Berner Fachhochschule Wirtschaft.

regioS: Kreislaufwirtschaft ist ein älteres Konzept. In der Schweiz hat sich die Abfallkampagne des Bundes bereits in den 1990er-Jahren mit Aspekten davon auseinandergesetzt. Können wir folglich heute auf Bestehendem aufbauen, oder starten wir neu?

Marie-Amélie Dupraz-Ardiot: Das Konzept der Kreislaufwirtschaft ist heute relevanter als je zuvor. Wir können dabei zwar auf Bestehendem aufbauen, aber wir müssen deutlich mehr machen als bisher. Wir dürfen nicht nur das Recycling ansprechen, sondern müssen eine breitere Perspektive entwickeln, in der Themen wie «Abfall vermeiden», «Reparieren» und «Wiederverwenden» eine grosse Rolle spielen.

Tobias Stucki: Wir haben das Denken in Kreisläufen generell noch zu wenig verinnerlicht. Wir müssen dieses Denken auch bei uns wieder in die Köpfe reinkriegen, so wie das früher normal war und heute in ärmeren Ländern noch ganz normal ist. In einer Vorlesung hat ein Student aus Kuba gesagt: «Kreislaufwirtschaft ist, wie wir bei uns leben.»

Antonia Stalder: Einen – zumindest historischen – Anknüpfungspunkt gibt es auch bei uns. In unseren Schulungen erzählen die Teilnehmenden immer wieder, dass ihre Grosseltern noch auf diese Art und Weise gewirtschaftet hätten. Sie haben zum Beispiel ihre Möbel dreissig Jahre lang zweimal im Monat geölt, um sie möglichst lange nutzen zu können. Wir haben solch sorgfältiges Wirtschaften irgendwie verlernt. Wir sind nicht mehr interessiert daran, Dinge mit langlebiger Qualität zu bauen und sie entsprechend zu unterhalten und zu pflegen. Es geht bei der Kreislaufwirtschaft tatsächlich nicht einfach nur um Recycling, sondern um die richtigen Werte. Diese beruhen darauf, dass die Dinge nicht einfach neu und chic sein müssen, sondern dass sie von guter Qualität sind, sodass sie sich mehrmals aufbereiten und immer wieder reparieren lassen – und dabei noch edler aussehen als Neueinkäufe.

Wo stehen wir heute in der Umsetzung gemessen am Fernziel einer konsequent auf erneuerbare und wiederverwertbare Ressourcen ausgerichteten Kreislaufwirtschaft?

Marie-Amélie Dupraz-Ardiot: Wir sind vom Fernziel noch weit entfernt. Um die Kreislaufwirtschaft überhaupt umsetzen zu können, brauchen wir eine neue Denkweise. Solange in unseren Köpfen nichts passiert, nehmen die Materialflüsse in unserer Wirtschaft unentwegt zu. Wir müssen uns wieder an all das erinnern, was wir von unseren Grosseltern hätten lernen können. 

Antonia Stalder: In der Baubranche beispielsweise verbauen wir mengenmässig so viel, dass wir mit den eingesetzten Materialien jeden Monat New York City frisch aus dem Boden stampfen könnten. Laut Prognosen wird sich bis 2050 daran auch nichts Entscheidendes ändern.

Tobias Stucki: Wir haben erst kürzlich gemeinsam mit der ETH eine repräsentative Befragung bei Unternehmen in der Schweiz durchgeführt. Die Ergebnisse zeigen, dass lediglich bei rund zehn Prozent der Firmen die Kreislaufwirtschaft schon ernsthaft ein Thema ist. Rund vierzig Prozent der Unternehmen haben hingegen in den letzten Jahren keine Massnahmen zur Steigerung der ökologischen Nachhaltigkeit umgesetzt.

Lässt sich Kreislaufwirtschaft in der Schweiz, deren Wirtschaft bekanntlich extrem in globale Wertschöpfungsketten eingebettet ist, überhaupt umsetzen? Wie können sich die Betriebe organisieren, um zirkulär zu werden?

Tobias Stucki © regiosuisse

Tobias Stucki: Die zirkuläre Transformation setzt in den meisten Fällen voraus, dass man die gesamten Lieferketten überdenken und – zum Teil mit neuen Partnern – neu organisieren muss. Dabei ist nicht die Logistik das grösste Problem. Die eigentliche Herausforderung bilden die Produkte selbst. Zentral ist die Frage, welche Materialien und Stoffe in welchen Produkten überhaupt eingesetzt werden sollen.

Antonia Stalder: Ich glaube nicht, dass wir uns die globalen Wertschöpfungsketten mitsamt allem logistischen Aufwand in diesem Ausmass auch in Zukunft leisten können. Heute produzieren wir – das Wort sagt es – entlang von Ketten, sogenannten Wertschöpfungsketten, die per se linear und nicht zirkulär sind. Wir werden nicht darum herumkommen, in Zukunft viel mehr Produkte und Geräte aufzubereiten, zu reparieren und zu teilen, und zwar im regionalen und lokalen Rahmen. Wenn wir stattdessen unseren globalen Warenverkehr noch stärker ausweiten, sehe ich grosse Probleme auf uns zukommen.

Tobias Stucki: Letztendlich stehen wir bei der Umsetzung einer effizienten Kreislaufwirtschaft einem Trade-off gegenüber: Einerseits macht es natürlich Sinn, Kreisläufe möglichst lokal zu schliessen, andererseits wird dies technisch nicht immer möglich sein. Wir brauchen in Zukunft einen gewissen Mix aus lokalen, regionalen und globalen Wertschöpfungskreisläufen.

Wie beurteilen Sie, Frau Dupraz-Ardiot, die Notwendigkeiten und Möglichkeiten, die Kreislaufwirtschaft in unserem System einzuführen?

Marie-Amélie Dupraz-Ardiot: Die Kreislaufwirtschaft wird über kurz oder lang ein wesentlicher Teil der Ökonomie, denn sie ist ein entscheidender Kostenreduktionsfaktor und auch ein Faktor der Wettbewerbsfähigkeit. Ausserdem trägt sie zur Resilienz bei in einer Zeit, in der die Rohstoffpreise rasant steigen und es Engpässe in den Lieferketten gibt. So betrachtet wird die Kreislaufwirtschaft immer mehr auch zum Faktor der wirtschaftlichen Widerstandsfähigkeit einer Region.

Marie-Amélie Dupraz-Ardiot © regiosuisse

Gibt es dafür ein erfolgreiches Beispiel?

Marie-Amélie Dupraz-Ardiot: Im Kanton Freiburg haben wir eine Agrar- und Lebensmittelstrategie entwickelt, die sich stark auf die Umsetzung einer regionalen Kreislaufwirtschaft mitsamt der Vernetzung der Akteurinnen und Akteure konzentriert. Eine der Leitideen ist dabei, die sekundäre Biomasse wiederzuverwerten.

Wo liegen die eigentlichen Knackpunkte bei der Umsetzung?

Antonia Stalder: Der Knackpunkt in der öffentlichen Beschaffung zum Beispiel liegt in der Komplexität. In unserer Beratung versuchen wir, diese auf eine verständliche Ebene herunterzubrechen. Der Bedarf nach dieser Art von Beratung ist vor allem in kleineren Strukturen gross. Ein Kanton hat vielleicht noch die notwendigen Ressourcen, aber eine Gemeinde ist mit dem Thema schnell überfordert. Es fehlen allerdings praktische Instrumente zur Umsetzung. Ich denke an Checklisten, verbindliche Ausschreibungskriterien, Blueprints für klare Entscheidungsgrundlagen und Ähnliches. Dazu wollen wir von Prozirkula in der Beratung und mit unserem Kompetenzzentrum einen Beitrag leisten.

Tobias Stucki: Die Herausforderungen in der Privatwirtschaft sind ähnlich wie bei der öffentlichen Beschaffung: Das Konzept der Kreislaufwirtschaft ist den Verantwortlichen zwar einigermassen bekannt, aber die Umsetzung im eigenen Betrieb erweist sich als schwierig. Es gibt kaum Standardlösungen dafür. Gefragt ist ein individueller Ansatz, und diesen zu entwickeln, ist meistens nicht ganz einfach. Hinzu kommt, dass der Wandel zur Kreislaufwirtschaft mit Finanzierungskosten verbunden ist.

Marie-Amélie Dupraz-Ardiot: Auf Kantonsebene haben wir zwar die Ressourcen, um den strategischen Rahmen zu entwickeln, in der Umsetzung fehlen uns aber die Kenntnisse. Kreislaufwirtschaft ist eine interdisziplinäre Disziplin, bei der alle Beteiligten zusammenarbeiten müssen. Es funktioniert nur, wenn alle miteinander reden, die Akteure der Wirtschaftspolitik mit jenen der Agrarpolitik, die Akteurinnen der Agrarpolitik mit jenen der Abfallwirtschaft. Ein weiterer Knackpunkt ist rein technischer Art: Die meisten Materialien lassen sich nicht beliebig oft recyceln und wiederverwenden. Sie verlieren nach jedem Durchlauf an Qualität. Zirkularität ist eine Möglichkeit, den Ressourcenverbrauch zu verlangsamen und zu reduzieren, aber sie kann ihn nicht gänzlich aufhalten.

Wer ist in der Umsetzung besonders gefordert? Welche Akteure spielen die entscheidende Rolle?

Tobias Stucki: Entscheidend sind nicht nur die Produzenten, sondern auch die Konsumentinnen und Konsumenten. Auch sie müssen sensibilisiert werden, damit die Kreislaufwirtschaft wirklich funktionieren kann. Sie müssen bereit sein, Produkte länger und zirkulär zu nutzen. Eine Schlüsselrolle spielt das öffentliche Beschaffungswesen, etwa wenn es darum geht, Pilotprojekte zu finanzieren. Mitspielen muss auch der Finanzsektor. Und selbstverständlich ist die Politik gefordert, wenn es gilt, die entsprechenden Rahmenbedingungen festzulegen. Wie generell bei der Nachhaltigkeit bringt es nichts, sich bei der Kreislaufwirtschaft nur auf einzelne Punkte zu fokussieren. Als Bildungsanbieter stehen wir zudem in der Pflicht, die Leute zu schulen und das notwendige Wissen zu vermitteln.

Verfügt die Schweiz bereits über die notwendigen gesetzlichen Rahmenbedingungen?

Tobias Stucki: An unseren Zielen gemessen: Nein! Sieht man, was die EU im Moment macht, sind wir völlig im Rückstand – obwohl wir aufgrund unserer Ressourcenknappheit und unseres Innovationswissens prädestiniert wären, eine Vorreiterrolle einzunehmen. Beginnen wir nicht sofort und energisch, an unseren Rahmenbedingungen zu arbeiten, laufen wir Gefahr, gegenüber anderen Ländern in einen Wissensrückstand zu geraten, den wir nicht mehr so schnell werden aufholen können.

Antonia Stalder: Speziell in der öffentlichen Beschaffung hätten wir mit dem revidierten öffentlichen Beschaffungsgesetz seit Januar 2021 eigentlich genug Spielraum. Es wäre klug und nützlich, diesen Spielraum auszuschöpfen und die entsprechenden Projekte aus dem Boden zu stampfen. Natürlich müssen die Rahmenbedingungen noch weiter angepasst werden, aber man könnte bereits jetzt sehr viel mehr tun, als tatsächlich geschieht.

Marie-Amélie Dupraz-Ardiot: Wir hätten, wie es Herr Stucki erwähnt hat, in der Schweiz vor einigen Jahren eine Vorreiterrolle übernehmen können. Mittlerweile ist die EU schon viel weiter, und auch einzelne Länder wie Frankreich haben mehr gesetzliche Grundlagen als die Schweiz.

Wo könnte und sollte man in der Gesetzgebung Nägel mit Köpfen einschlagen?  

Marie-Amélie Dupraz-Ardiot: In der laufenden Revision des Umweltschutzgesetzes könnte man viel machen. Der Bund hat die Revision in die Vernehmlassung geschickt. Der Kanton Freiburg hat vorgeschlagen, in verschiedenen Punkten weiter zu gehen als vorgeschlagen. Wichtig sind gesetzliche Rahmenbedingungen, die wir dann auch tatsächlich umsetzen können. Ich habe Bedenken, ob wir bereits über genügend fähige Leute mit dem notwendigen Wissen und den erforderlichen Kompetenzen verfügen. Es gibt zweifellos noch grösseren Ausbildungs- und Schulungsbedarf.

Tobias Stucki: In der Schweiz setzen wir extrem stark auf das Prinzip der Freiwilligkeit. Die EU geht da entschieden einen Schritt weiter und versucht, die Kreislaufwirtschaft gesetzlich klar zu regeln. Es gibt Vorschriften, die für Druck sorgen, sodass die Unternehmen sich wirklich bewegen müssen. Und wer nichts unternimmt, muss mit Sanktionen rechnen.

Antonia Stalder: Mehr Vorgaben und ein bisschen mehr Verbindlichkeit täten uns sicher gut. Wenn wir es nur bei der Freiwilligkeit belassen, bleiben wir Schweizerinnen und Schweizer in der Regel ziemlich träge.

Kreislaufwirtschaft ist als wesentliches Element einer nachhaltigen Entwicklung auf der Agenda der Neuen Regionalpolitik (NRP) weit nach oben gerückt. In welchen Bereichen sehen Sie besondere Chancen und Vorteile, in den Regionen die Kreislaufwirtschaft erfolgreich umzusetzen?

Antonia Stalder © regiosuisse

Antonia Stalder: Haben sich kreislauffähige Lösungen einmal etabliert, haben sie das Potenzial, ökonomisch und ökologisch grundsätzlich besser zu sein als lineare Lösungen. In der linearen Wirtschaft vernichtet man ja Werte, indem man Dinge wegwirft, die noch wertvoll wären. Rückt man von dieser Praxis ab und stellt stattdessen den Werterhalt in den Vordergrund, gewinnt man auf der ganzen Linie, egal, ob in der Stadt oder in einer ländlich geprägten Region. Hinzu kommen weitere Vorteile wie Liefersicherheit und Resilienz. Kürzlich hatten wir den Fall eines Kaffeeautomatenherstellers, der uns in grosser Verzweiflung gesagt hat: «Nennt mir die grösste Deponie in Deutschland, ich schicke zehn meiner Mitarbeiter dorthin, damit sie unsere Geräte raussuchen und die Chips ausbauen. So können wir weitere drei Monate produzieren und überleben.» Die Region kann also in der Kreislaufwirtschaft zur entscheidenden Drehscheibe werden.

Frau Dupraz-Ardiot, wie bringen Sie die Kreislaufwirtschaft gezielt in die Regionen des Kantons Freiburg?

Marie-Amélie Dupraz-Ardiot: Meine Hauptaufgabe ist es, das Bewusstsein über die Herausforderungen der Nachhaltigkeit in die verschiedenen Sektoralpolitiken des Kantons einzubringen. Notwendig ist dafür eine Kultur der Interdisziplinarität. Wer in der Wirtschaftspolitik tätig ist, muss also auch an die ökologischen und sozialen Aspekte denken und umgekehrt. Wir versuchen, mit Beteiligten aus allen Bereichen der Verwaltung verschiedene Projekte zu lancieren, die diese Kultur der Interdisziplinarität leben.

Herr Stucki, wird die Kreislaufwirtschaft bei den Unternehmen als Chance begriffen oder als mühsame Last?

Tobias Stucki: Es gibt Unternehmen, die sich bereits um Kreislaufwirtschaft bemühen und entsprechend handeln, gerade weil sie da Chancen sehen. Die vielen anderen wittern in der Kreislaufwirtschaft vor allem Risiken und Gefahren. Mittlerweile gibt es aber in allen Branchen «Leuchttürme», die zeigen, dass es funktioniert. Um die Berührungsängste abzubauen, müsste man diese noch stärker ins Schaufenster stellen. Dabei geht es nicht um den sorgfältigen und effizienten Umgang mit Ressourcen, die immer knapper werden. Eine Wirtschaft, die das nicht begreift und nicht bereit ist, die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen, wird eines Tages nicht mehr wettbewerbsfähig sein.

Benötigen wir zusätzliche Signale von der Politik, um die Kreislaufwirtschaft bei uns zu etablieren?

Marie-Amélie Dupraz-Ardiot: Die aktuelle Situation mit Engpässen in den Lieferketten trägt dazu bei, dass sich viele Unternehmen der Bedeutung einer effizienten Ressourcenbewirtschaftung erstmals so richtig bewusst werden. Die Mangellage löst wohl mehr aus als manches politische Druckmittel. Gleichzeitig hoffe ich, dass die Änderung des Umweltschutzgesetzes etwas bringen wird, auch den Regionen. Im Kanton Freiburg versuchen wir mit dieser neuen Perspektive einen Plan für die Abfallbewirtschaftung zu erarbeiten, der ganzheitlich ist und weit über das Recycling hinaus die gesamte Kreislaufwirtschaft ansprechen wird.

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Landschaft – Kapital einer Bergregion

Lukas Denzler

Als naturnahe Landschaft stellt das Zürcher Berggebiet rund um den Tössstock einen Kontrapunkt zur hektischen Agglomeration Zürich dar. Die ländliche Hügelregion verfügt über hohe Natur- und Landschaftswerte. Der Verein Pro Zürcher Berggebiet hat das Potenzial erkannt und sich zum Ziel gesetzt, die attraktive Landschaft zusammen mit dem Kanton Zürich im Rahmen der Neuen Regionalpolitik (NRP) vermehrt in Wert zu setzen.

Der Wanderweg führt vom Bahnhof Fischenthal ein Stück der Töss entlang, bevor er an abgelegenen Höfen vorbei und über Weiden steil zum Hüttchopf ansteigt. Dort öffnet sich der Blick zum Schnebelhorn und zum Tössstock. Bereits 1912 wurde dieses waldreiche Gebiet vom Zürcher Regierungsrat als Pflanzen- und Wildschongebiet bezeichnet. Weiter führt der Weg zur Alp Scheidegg, wo der Blick von den Glarner Alpen über die beiden Zacken der Mythen bis zu Rigi und Pilatus schweift. Im Vordergrund, sanft eingebettet in die Landschaft, der Zürichsee mit dem Seedamm.

Das Zürcher Oberland und das Tösstal bieten ideale Möglichkeiten für kürzere oder längere Wanderungen. Von Rapperswil, Wetzikon, Uster, Zürich und Winterthur her gut erreichbar, stellen sie einen Gegensatz zur hektischen Agglomeration Zürich dar. Die hohen Natur- und Landschaftswerte widerspiegeln sich nicht zuletzt darin, dass der überwiegende Teil des Zürcher Berggebiets zum Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung gehört (BLN 1420, Hörnli-Bergland).

Landschaftliche Qualitäten als Basis der Zürcher NRP

Der Verein Pro Zürcher Berggebiet und das ihm angegliederte Regionalmanagement Zürioberland haben diesen Trumpf erkannt. Zusammen mit dem Kanton Zürich möchten sie die Landschaft im Rahmen der Neuen Regionalpolitik (NRP) vermehrt in Wert setzen. Dem Verein gehören dreizehn Gemeinden an, neben zehn Gemeinden im Zürcher Oberland und im Tösstal auch die beiden Thurgauer Gemeinden Bichelsee-Balterswil und Fischingen sowie das sanktgallische Eschenbach. Aufgrund der Topografie, der touristischen Anziehungspunkte sowie der Liefer- und Wertschöpfungsketten handelt es sich um einen funktionalen Raum. Entsprechend wurde auch der NRP-Perimeter kantonsübergreifend festgelegt. Der Kanton Zürich trägt dabei die Programmverantwortung und fragt die Kantone Thurgau und St. Gallen an, sich finanziell zu beteiligen.

© regiosuisse

Für die NRP zuständig ist im Kanton Zürich das Amt für Landschaft und Natur (ALN) der Baudirektion. Grund dieser speziellen Situation ist, dass sich das Zürcher Berggebiet, das bis letztes Jahr allein das NRP-Wirkungsgebiet des Kantons ausmachte, durch hohe Landschafts- und Naturwerte auszeichnet. Die grundsätzliche Stossrichtung der NRP bestand im Kanton Zürich daher von Anfang an darin, die regionale Wertschöpfung ausgehend von den landschaftlichen Qualitäten zu steigern.

Lebensqualität als zentraler Standortfaktor

Für den Wirtschaftsraum Zürich mit seinen internationalen Unternehmen und Hochschulen, die auf hochqualifizierte Arbeitskräfte angewiesen sind, stellt die Lebensqualität einen zentralen Standortfaktor dar. Die gut erreichbaren ländlichen Räume gewinnen in diesem Zusammenhang an Bedeutung (siehe Kasten). Das Bedürfnis der Menschen nach Erholung in intakten Landschaften und idyllischer Natur als Ausgleich zum hektischen Alltag ist gross. «Somit gewinnt das landschaftliche und kulturelle Kapital des Zürcher Berggebiets an Bedeutung», folgert Daniela Waser, Geschäftsführerin des Regionalmanagements Zürioberland. Durch gezielte Angebote könne dieses zu einer qualitativen Entwicklung der Region beitragen. Bereits in der NRP-Periode 2016–2019 lancierte man das Vertragsziel «Ruhelandschaft» mit der Absicht, das Zürcher Berggebiet als Ort der Ruhe, der Zeit und der Gesundheit zu positionieren. Es ergänzte andere NRP-Schwerpunkte wie die Förderung von Tourismus und regionalen Produkten in idealer Weise.

Ein wichtiger Meilenstein war die Erarbeitung einer Grundlagenstudie des Instituts für Umwelt und Natürliche Ressourcen der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Wädenswil zum Potenzial des Zürcher Berggebiets als «Ruhelandschaft». Die Themen «Ruhe», «Zeit» und «Gesundheit» seien gut gewählt und nähmen die gesellschaftlichen Bedürfnisse nach Erholung, Entschleunigung und Ausgleich auf, schreiben die Autorinnen und Autoren. Es bestehe grosses Potenzial, die vorhandenen Werte in die regionalen Wertschöpfungsketten des Zürcher Berggebiets einzubinden. «Der Bericht bestätigt, dass das Vertragsziel ‹Ruhelandschaft› vielversprechend ist und eine solide Grundlage darstellt, um nun konkrete Projekte zu entwickeln», stellt Franziska Heinrich vom ALN fest.

Blick von der Scheidegg bei Wald ZH zum Obersee und zum Alpenrand © regiosuisse

Angebote bündeln und besser sichtbar machen

Für viele Menschen ist die Landschaft eine Quelle der Inspiration. Kraftorte und Spiritualität gewinnen an Bedeutung. Im Nordosten des Zürcher Berggebiets etwa liegt das Benediktiner Kloster Fischingen, das auch Übernachtungsmöglichkeiten bietet. Es ist eine stille Oase für Kurse und Seminare und ein Geheimtipp für kulturelle Veranstaltungen.

In der aktuellen NRP-Periode geht es nun darum, konkrete Projekte anzupacken. «Wir wollen die bestehenden und die neuen Angebote bündeln und besser sichtbar machen», sagt Daniela Waser vom Regionalmanagement. Wichtig sei dabei, wie die Angebote unter dem Dach der «Ruhelandschaft» präsentiert würden. Dabei gehe es auch darum, den regionalen Akteurinnen und Akteuren und der lokalen Bevölkerung das Potenzial sichtbar zu machen, das sich mit der «Ruhelandschaft» eröffnet.

© regiosuisse

Um das Zürcher Oberland als Komplementärraum zu den urbanen Gebieten zu entwickeln, gilt es aber auch, die Vereinbarkeit von Arbeit und Wohnen zu bessern – beispielsweise mit neuen Co-Working-Spaces. «Eine Chance stellt auch das Corporate Volunteering dar», betont Daniela Waser. Diese Angebote richten sich an Firmen, die ihren Mitarbeitenden Arbeitseinsätze mit gemeinnützigem Zweck ermöglichen wollen.

Das Regionalmanagement hat das Potenzial der Landschaft erkannt. An den regionalen Akteurinnen und Akteuren liegt es nun, den Ball aufzunehmen und Angebote zu entwickeln.

prozb.ch

regiosuisse.ch/nrp

Der kantonale Entwicklungsrahmen

Mit der «Langfristigen Raumentwicklungsstrategie (LaRES)» soll der Kanton Zürich auch in Zukunft ein attraktiver Lebens- und Wirtschaftsraum bleiben. Die Entwicklungsstrategie unterscheidet fünf Handlungsräume. Das Zürcher Berggebiet gehört überwiegend zum Handlungsraum «Kultur- und Naturlandschaften». Da die Siedlungsentwicklung künftig im Wesentlichen in den Stadt- und urbanen Wohnlandschaften stattfinden soll, ergibt sich für das Berggebiet mit seinen hohen Landschafts- und Natur-werten die langfristige Perspektive, sich als lebendigen Komplementärraum zu den Ballungszentren zu positionieren.

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