Auf Tessiner Trekking-Pfaden

Peter Jankovsky

Eine vielfältige Berglandschaft, ein grosser Fluss und überall verstreut Rustici: Die Vallemaggia ist eine beliebte Feriendestination bei den Deutschschweizern. Doch das langgezogene Tal nördlich von Locarno ist auch Lebens- und Wirtschaftsraum für die ansässige Bevölkerung. Seit zwei Jahrzehnten laufen Förderprojekte, die die Bedingungen für beide Bereiche verbessern sollen. Diese betreffen die Aufwertung der Landschaft ebenso wie die Schaffung neuer Infrastrukturen. Eines dieser Projekte ist die «Via Alta Vallemaggia», ein 200 Kilometer langer Höhenweg. Er bietet spektakuläre Trekking-Erlebnisse und entwickelt sich zu einem relevanten Wirtschaftsfaktor.

Für viele Gäste, aber auch für Tessinerinnen und Tessiner, ist das Maggiatal ein Sehnsuchtsort sondergleichen. Sein Reiz liegt in der abwechslungsreichen Berg- wie auch Tallandschaft. So ist die 36 Kilometer lange Vallemaggia stellenweise recht breit und die Maggia bestimmt mancherorts mit ihrem ausgeprägten Steinbett das Tal. Trockenmauern durchziehen viele Wiesen, oberhalb deren alte Kastanienselven stocken, aber auch Buchenwälder, für die die Aufnahme ins unesco-Welterbe beantragt wurde. Für ein Bergtal ist auch die Landwirtschaftsfläche beachtlich, auf der einige agrotouristische Einrichtungen zu finden sind. Ins Auge stechen die zahlreichen Rustici: Sie geben der Landschaft ein besonderes Gepräge und sind oft zu Ferienhäusern ausgebaut. Schliesslich tragen auch die Dörfer mit ihren historischen und architektonisch wertvollen Kernen zum malerischen Charakter des Tales bei, etwa das Dorf Peccia in der Nähe des einzigen Marmorsteinbruchs der Schweiz. Unweit davon schmiegt sich in Fusio die Kirche des Tessiner Stararchitekten Mario Botta ins Terrain.

Für Tessiner und Touristen projektieren

Wer durchs Tal fährt oder wandert, dem wird rasch klar: Das Maggiatal bietet viel Potenzial für eine auf der Landschaft basierende Regionalentwicklung. Es eröffnen sich mannigfaltige Möglichkeiten, Landschaftsprojekte mit der Aufwertung von Infrastrukturen für die Bevölkerung und für Gäste zu verbinden. In den letzten zwanzig Jahren realisierten Akteure wie die Associazione Paesaggio Bosco Gurin oder die Fondazione Bavona über 60 Projekte und investierten dabei rund 20 Millionen Franken. Seit 2018 gelangt das regionale Landschaftskonzept namens «Progetto paesaggio comprensoriale», kurz PPC, zur Umsetzung. Es basiert auf der kantonalen Landschaftspolitik, die im Tessiner Raumentwicklungsgesetz verankert ist und von der Abteilung für Raumentwicklung getragen wird. Das PPC formuliert rund 70 neue Ideen für Infrastruktur- und Landschaftsprojekte, die schrittweise konkretisiert und realisiert werden sollen.

© regiosuisse

Für den oberen Teil des Maggiatals gilt ein eigenständiger Masterplan. «Es geht darum, für die Talbewohnerinnen und -bewohner eine bessere Lebensqualität und für die Erholungsuchenden mehr Anziehungspunkte zu schaffen», sagt Christian Ferrari. Er leitet die Arbeitsgruppe «Antenna Vallemaggia», die für die Gesamtentwicklung des Maggiatals zuständig ist. Die Vision sei, mit der Förderung touristischer Aktivitäten die Zahl der Talbewohnerinnen und -bewohner zu stabilisieren, erklärt der regionale Koordinator des Masterplans, Timo Cadlolo. Die Realisierung dieser Vision sollte auch Arbeit für die regionalen Kleinbetriebe generieren. Für die ersten vier Jahre sind Investitionen in der Höhe von 25 Millionen Franken vorgesehen. Sie betreffen rund zwanzig touristische und andere infrastrukturelle Projekte, von denen einige – wie auch der Masterplan selbst – über die Neue Regionalpolitik (NRP) gefördert werden. Für Landschaftsprojekte im engeren Sinne steht zudem eine Million Franken zur Verfügung, insbesondere für grössere Aufwertungsarbeiten in der Valle Sascola.

Eines der Landschaftsprojekte, die Herrichtung der Weinberge zwischen Lodano und Moghegno im traditionellen Stil, ist inzwischen gestartet. Bereits realisiert ist der Einkaufsladen «Val Magia», den lokale Lebensmittelproduzentinnen und -produzenten beliefern. Eröffnet wurde auch das «Cà Vegia», ein historisches Patrizierhaus in Cerentino mit jahrhundertealter Originaleinrichtung, wo Feriengäste Übernachtungsmöglichkeiten finden. Eines der Vorzeigeprojekte des Masterplans, das sowohl die Bedürfnisse der Gäste als auch jene der Bevölkerung erfüllen soll, ist schliesslich der geplante Bau eines Hallenbads in Bignasco.

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Trekking-Route als Erfolgsgeschichte

Das eigentliche Vorzeigeprojekt ist aber eine Trekking-Route, der Höhenweg «Via Alta Vallemaggia». Er startet bei den Hügeln am Lago Maggiore, zieht sich – teils auf Bergwanderwegen und alpinen Wegspuren – über die Bergkämme des Maggiatals Richtung Norden und endet in der hochalpinen Zone am Rande des Basòdino, des grössten Tessiner Gletschers. Der Weg erstreckt sich in zwei Varianten mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden über insgesamt 200 Kilometer. Die stark wechselnden Landschaftsszenerien sind das herausragende Merkmal dieses Weges.

Die Idee dazu entwickelte sich während der Erarbeitung des Masterplans 2016, erläutert Ferrari. Man sei von der bereits seit 2009 vorhandenen, 50 Kilometer langen Route auf der rechten Talseite ausgegangen und habe sie auf die andere Seite ausgeweitet. Das Projekt befindet sich mitten in der Umsetzung: Die Route ist erstellt, wofür zusammen mit der Beschilderung und dem Marketing rund 200 000 Franken aufgewendet wurden. Wo möglich, wurden bestehende Wege genutzt, instandgestellt oder abschnittsweise auch neu gebaut. Nun sind die Renovations- und Erweiterungsarbeiten an rund 15 Berghütten, zum Teil verfallenen früheren Rusticosiedlungen, im Gange.

Christian Ferrari (links ) und Timo Cadlolo © regiosuisse

Die «Capanna Alp da Canaa» ist eine der grössten Hütten. Ihr Schlafplatzangebot wird auf zwanzig Plätze verdoppelt. An den Kosten von 820 000 Franken beteiligt sich zur Hälfte der Kanton via NRP. Für den Rest kommen unter anderem der Hilfsfonds der regionalen Burgergemeinden, die «Ente Regionale Lago Maggiore è Vallemaggia», die Gemeinde Maggia und der Grossverteiler Coop auf.

Mit der «Via Alta Vallemaggia» soll mit möglichst geringen Landschaftseingriffen eine neue Attraktion entstehen. Letzten Sommer habe sich das Trekking-Angebot bereits als Erfolgsgeschichte entpuppt, freut sich Masterplan-Koordinator Cadlolo. Die Berghütten seien sehr gut besucht gewesen, dies trotz der Corona-Vorschriften, die die Bettenkapazität verringert hätten. Laut Cadlolo stammte die Mehrheit der Hüttenbesucherinnen und -besucher aus der Deutschschweiz. Der Masterplan-Koordinator schliesst nicht aus, dass sich im kommenden Sommer die Trekking-Übernachtungen in den Berghütten auf insgesamt 1500 verdoppeln.

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Tourismus attraktivieren – Landschaftsqualität erhalten

Die Einweihung des Weges am kommenden 24. Juli steht noch bevor. Doch jetzt schon hat sich der Höhenweg zu einem Wirtschaftsfaktor entwickelt. Vor dem Trekking-Projekt übernachteten in der unbewarteten «Capanna Alp da Canaa» pro Saison etwa 300 Personen für jeweils 35 Franken. In zwei oder drei Jahren dürften es bis zu 500 Übernachtungen pro Saison sein, erwartet Ferrari. Zu den unbewarteten und nun vernetzten Berghütten gesellen sich bewartete Unterkünfte, in denen einem für rund 65 Franken nebst einem Bett auch Abendessen und Frühstück angeboten werden.

Nach Abschluss der Hüttensanierungs- und -ausbauarbeiten sollen weitere Dienstleistungen wie geführte Touren das Angebot ergänzen. Um die Bettenzahl zusätzlich zu erhöhen, ist auch dieses Jahr die Errichtung von Schlafzelten vorgesehen. Auch eine Online-Reservierung soll ermöglicht werden.

Bei aller eifriger Ausbautätigkeit hält Ferrari fest, das Ziel im Hinblick auf die Landschaft des Maggiatals bleibe, sie als Touristenattraktion zu nutzen – aber als möglichst unberührte Alpenlandschaft. Denn genau das ist in Ferraris Augen ihr grösster Wert.

invallemaggia.ch/it/progetti

viaaltavallemaggia.ch

regiosuisse.ch/nrp

Weitere Artikel

Ticino a tavola

«Das Tessin bittet zu Tisch» – mit Spezialitäten, deren Zutaten aus lokaler Produktion stammen. Das ist das Konzept des 2009 gestarteten nrp-Projekts «Sapori del Ticino a Tavola» (seit 2013 «Ticino a Tavola»; «regioS 07»). Zuständig für «Ticino a tavola» ist das Kompetenzzentrum für Agrarprodukte und Nahrungsmittel.

Die Tessiner Lust auf «local food»

Die Sonnenstube der Schweiz entwickelt sich zu einem Gastroparadies der authentischen Art: Auf die Teller von Tessiner Restaurants kommen immer mehr Menüs aus lokaler Produktion. «Unsere Produkte werden bei Tessiner Kundinnen und Kunden und den Gästen immer beliebter», sagt CCAT-Direktorin Sibilla Quadri.

Momentan beteiligen sich 98 Tessiner Restaurants am Projekt sowie vier ausserkantonale; letztes Jahr waren es noch 150. Der Rückgang ist eine Folge verschärfter Aufnahmekriterien. Unter anderem muss nun jedes Mitgliedsrestaurant mindestens drei lokale Hauptmenüs anbieten, die ausschliesslich aus regionalen und saisonalen Zutaten bestehen. Dazu gehören etwa der Mais für die Polenta oder der Reis aus Ascona für den Risotto.

Zudem baute das CCAT das Webportal aus, über das auch der Online-Verkauf organisiert ist, und es wurden neue Verkaufsläden eröffnet.

ticinoatavola.ch
ccat.ch

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Programm «Smart Villages/Smart Regions»

Die Digitalisierung betrifft alle Lebensbereiche; auch Gemeinden und Regionen in Berggebieten eröffnet sie neue Möglichkeiten. Im Rahmen der NRP-Pilotmassnahmen für die Berggebiete haben das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) und die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete (SAB) das Programm «Smart Villages/Smart Regions» lanciert. Das Programm bietet Beratung und finanzielle Unterstützung für Gemeinden und Regionen, die in einem partizipativen Prozess Massnahmen erarbeiten, mit denen sich die digitalen Möglichkeiten für die wirtschaftliche, soziale und ökologische Entwicklung nutzen lassen. Ziel ist es, jeweils einen von der Gemeindeexekutive verabschiedeten Aktionsplan mit konkreten Umsetzungsprojekten zu entwerfen. Die Möglichkeiten des Programms nutzen bereits mehr als ein Dutzend Gemeinden und Regio­nen. Weitere können teilnehmen.

Mehr zum Programm und zur Teilnahme

regiosuisse.ch/nrp-pilotmassnahmen-berggebiete

Landschaft in der Regionalentwicklung – eine lohnende Herausforderung

Pirmin Schilliger & Urs Steiger
Die Schönheit und Eigenart der Landschaft stellt in vielen ländlichen Regionen und Berggebieten der Schweiz, aber auch in den Agglomerationen, einen zentralen wirtschaftlichen Faktor dar. Mancherorts bildet sie die eigentliche Lebensgrundlage. Es drängt sich damit die Frage auf, wie weit sich diese Regionen wirtschaftlich entwickeln können, ohne dass ihre Landschaften an natürlichen und baukulturellen Qualitäten einbüssen. Einen Weg für einen sorgfältigen Umgang mit Landschaft bietet der Bund mit den Pärken von nationaler Bedeutung. Auch im Rahmen der Neuen Regionalpolitik (NRP), der Modellvorhaben Nachhaltige Raumentwicklung und weiterer staatlicher und privater Förderinstrumente sind in den vergangenen Jahren zukunftsweisende Projekte lanciert worden. Die Inwertsetzung von Landschaft erweist sich in der Umsetzung allerdings als anspruchsvolle Aufgabe mit langem Zeithorizont, die in die verschiedensten Lebens- und Wirtschaftsbereiche hineinwirkt.

Ranger Stefan Steuri vom Naturpark Gantrisch © regiosuisse

Noch vor einem Jahrzehnt war das Gantrisch-Gebiet eine wenig bekannte Landschaft. Dies hat sich in den letzten Jahren geändert. Die waldreiche Voralpengegend mit den tief eingeschnittenen Flussläufen von Sense und Schwarzwasser, der Gantrisch- und Gurnigelkette, Moorlandschaften, dem Schwarzsee sowie der Urlandschaft Brecca gehört seit 2012 unter dem Label «Regionaler Naturpark Gantrisch» (RNG) zum erlesenen Kreis der regionalen Naturpärke der Schweiz. Wie 18 weitere Gebiete untersteht der RNG damit der Pärkeverordnung (PäV, Verordnung über die Pärke von nationaler Bedeutung) und gilt als Modellregion für eine nachhaltige Regionalentwicklung. Die Pärkeverordnung ermöglicht es dem Bund, die Errichtung und den Betrieb von Pärken in Gebieten mit hohen Natur- und Landschaftswerten finanziell zu fördern.

Attraktive Angebote

«Die Gründung des Parks hat in unserer Region eine Reihe von Projekten ausgelöst», sagt RNG-Sprecherin Ramona Gloor. Touristische Angebote erschliessen das Gantrisch-Gebiet heute als alpine Outdoorlandschaft, als Bike- und Fahrradregion oder Seilpark. Eine weitere Attraktion ist der kürzlich erneuerte «Gäggersteg», auf dem Besucherinnen und Besucher aus nächster Nähe beobachten, wie sich der Wald seit dem Sturm Lothar im Jahr 1999 entwickelt hat.

Gloor spricht im Zusammenhang mit dem Aufbau und Betrieb des Parks von einer «anspruchsvollen Aufgabe», bei der das richtige Mass oft entscheidend sei. An schönen Wochenenden etwa geraten die urtümlichen Moor- und die wilden Flusslandschaften schnell unter Naherholungsdruck. Das Team des Naturparks Gantrisch begegnet dieser Herausforderung mit einer gezielten Besucherlenkung und mit Rangern, die die Gäste auf die richtigen Wege lotsen. Gloor meint: «Wir wollen nicht mit mehr und mehr Angeboten stets noch mehr Gäste ins Gantrisch-Gebiet locken; der Tourismus muss auf den Nachhaltigkeitsprinzipien aufbauen und unseren Parkwerten entsprechen.»

Naturpark als Vorzeigemarke

Wirtschaftlich profitiert vom Naturpark die Land- und Forstwirtschaft ebenso wie das lokale Gewerbe; mittlerweile werden über 300 Erzeugnisse unter dem Produktlabel «Schweizer Pärke» vermarktet. Nicht zuletzt ist die Parkorganisation selbst ein wichtiger Auftrag- und Arbeitgeber. Ausserdem funktioniert sie als Vernetzungsplattform für die beteiligten Akteurinnen und Akteure. «Seit der Errichtung des Naturparks herrscht in unserer Region Aufbruchstimmung; der Park hat dem Gantrisch-Gebiet zu einer eigenen Identität verholfen», stellt Gloor fest. Das naturnahe Gebiet in den Berner und Freiburger Voralpen hat sich als unverwechselbare und eigenständige Region und als touristische Marke etabliert. Es ist zum Vorzeigebeispiel geworden, wie Landschaft nachhaltig in Wert gesetzt und gleichzeitig in ihrer Qualität gestärkt werden kann.

Dieses Fazit ziehen die Expertinnen und Experten des Interdisziplinären Zentrums für Nachhaltige Entwicklung und Umwelt (CDE) der Universität Bern im Evaluationsbericht, den sie zuhanden des für den Park verantwortlichen Kantons Bern erstellt haben. Mit Zahlen belegt der Bericht den Beitrag zur Stärkung und Förderung der regionalen Wirtschaft: Die durch den Naturpark induzierte touristische Wertschöpfung betrug 2018 rund 7,3 Millionen Franken. Dies entspricht beschäftigungsmässig 87 Vollzeitstellen. Die zusätzliche Wertschöpfung aus regionalen Produkten belief sich im Zeitraum 2012 bis 2018 auf knapp 9 Millionen Franken. Nicht berücksichtigt sind in diesen Summen Leistungen zur Aufwertung von Natur und Landschaft wie das Offenhalten von Wiesen und Weiden (Schwenten), Heckenunterhalt und -pflege, Neubepflanzungen, Nistplatzpflege, Trockensteinmauersanierungen usw., die Landwirte sowie private Organisationen im Park erbringen. Die Expertinnen und Experten sehen aber auch noch wirtschaftliches Entwicklungspotenzial für den RNG, beispielsweise bei der Wertschöpfung mit Holz oder in der Gastronomie.

Ein ähnlich positives Fazit wie für den Naturpark Gantrisch liesse sich für die meisten der 18 Schweizer Pärke von nationaler Bedeutung ziehen, die zusammen über 5200 Quadratkilometer oder rund einen Achtel der Landesfläche einnehmen. Das Ziel, das der Bund mit den Pärken von nationaler Bedeutung verfolgt – die Natur- und Landschaftsqualität im Einklang mit einer nachhaltigen regionalen Wirtschaftsentwicklung erhalten und aufwerten –, deckt sich dabei weitgehend mit den Zielen der Neuen Regionalpolitik (NRP).

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«Landschaftskonzept Schweiz» (LKS) als Richtschnur

Die Landschaften der dicht besiedelten Schweiz sind zumeist belebte Räume, vom Menschen geprägt und auf vielfältige Weise beansprucht und genutzt: als Wohn-, Arbeits-, Erholungs-, Bewegungs-, Kultur- und Wirtschaftsraum und als räumliche Basis für die Biodiversität. Es sind Landschaften, die sich über die Jahrhunderte entwickelt haben und gerade in den letzten Jahrzehnten enorm umgestaltet wurden. In unserer durch Wachstum und Mobilität geprägten Gesellschaft müssen sie unterschiedlichsten Ansprüchen genügen. Das 2020 vom Bundesrat verabschiedete, aktualisierte «Landschaftskonzept Schweiz» (LKS)1 ist die eigentliche Richtschnur für einen Ausgleich der Interessen und gibt den Rahmen für eine kohärente und qualitätsorientierte Entwicklung der Landschaft vor. Die Vision des Bundesrates ist es, dass die Schönheit und die Vielfalt der Schweizer Landschaften mit ihren regionalen natürlichen und kulturellen Eigenarten sowohl heutigen als auch künftigen Generationen eine hohe Lebens- und Standortqualität bieten. Zur Realisierung dieser Vision definiert das LKS je sieben allgemeine und landschaftsspezifische Landschaftsqualitätsziele sowie darauf abgestimmte Sachziele für die landschaftsrelevanten Sektoralpolitiken. Das LKS wirkt dabei als Koordinationsinstrument der verschiedenen Gesetze und Instrumente, die sich mit der Landschaft befassen – dies betrifft den Natur- und Heimatschutz und die Raumplanung ebenso wie die Landwirtschaftspolitik, die Landesverteidigung, die Regionalpolitik oder den Tourismus. So soll die Regionalentwicklung etwa die Vielfalt der Landschaften mit ihren regionaltypischen Natur- und Kulturwerten als wichtigen Standortqualitäten und insbesondere als Alleinstellungsmerkmalen stärker berücksichtigen. Sie soll sowohl zu deren Sicherung wie auch zu einer nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung beitragen.

Der Kanton als Koordinator und Wegbereiter

Projekte zu entwickeln, die den gesellschaftlichen Ansprüchen an eine hohe Landschaftsqualität gerecht werden und wirtschaftlich erfolgreich – also insgesamt nachhaltig – sind, bringt für die jeweiligen Initianten einige Herausforderungen mit sich. Es gilt den Aktionsradius zu definieren, in dem der Aufwand und der wirtschaftliche Ertrag räumlich in etwa übereinstimmen, sich aber auch in den vielfältigen Vorschriften, Fördermöglichkeiten und Handlungsebenen zurechtzufinden. Erfolgreiche Beispiele, Hilfsmittel und Unterstützungsangebote weisen inzwischen den Weg. Der Kanton Tessin beispielsweise hat mit der «Piattaforma paesaggio» eine Anlaufstelle beim Amt für Raumentwicklung etabliert, die entsprechende Projekte koordiniert. Sie dient Projekt­initianten – ob Gemeinden, Korporationen, Vereinen oder Verbänden – als eine Art One-Stop-Shop. Expertinnen und Experten helfen bei der Finanzierung, beraten und begleiten die Gesuchstellerinnen und Gesuchsteller und leiten sie zu weiteren Fördermöglichkeiten, etwa zu privaten Organisationen und Stiftungen. «Das finanzielle Engagement des Kantons ist oft eine entscheidende Voraussetzung, um weitere Unterstützung zu erhalten», erklärt Paolo Poggiati, Präsident der «Piattaforma paesaggio». Im Zeitraum von 2008 bis 2018 wickelte die Plattform 57 Projekte mit einem Investi­tionsvolumen von insgesamt rund 30 Millionen Franken ab. Nicht zuletzt bündelt die Plattform auch die Aufgaben aller beteiligten kantonalen Ämter (Wirtschaft, Wald und Landwirtschaft, Natur- und Heimatschutz, Denkmalpflege usw.). «Die Projekte sind vor allem für die abseits gelegenen Seitentäler und Berggebiete enorm wichtig», betont Poggiati. «Dort haben die Initiativen lokale Wertschöpfungsketten wiederbelebt und neue Formen der Zusammenarbeit ausgelöst.»

Good Practices landschaftsbezogener Regionalentwicklung

Im Auftrag des BAFU hat die PLANVAL AG die praktischen Möglichkeiten untersucht, ob und wie die Landschaft als Potenzial für eine nachhaltige regionale Entwicklung wirken kann und wie Regionen in ihrer Entwicklung konkret von einem «Leitthema Landschaft» profitieren können. Die Studie2 umfasst mehr als hundert Landschaftsprojekte und kategorisiert deren Strategien zur Inwertsetzung der Landschaft als «marktwirtschaftlich» (Wohnstandort, Tourismus, Energie), «Abgeltung für Landschaftsleistungen» oder «gemischt» (Pärke, Landwirtschaft). Vertieft beleuchtet die Studie schliesslich zwölf Musterbeispiele aus der Schweiz, die inhaltlich ein breites Spektrum von Aktivitätsbereichen abdecken. Die Inwertsetzung gelingt am besten, wenn die spezifischen Potenziale einer Landschaft erkannt, gezielt genutzt und erhalten werden. Dazu braucht es meist das Zusammenspiel mehrerer Fachbereiche wie Tourismus, Landwirtschaft und Naturschutz. Ein zentrales Merkmal der Musterbeispiele ist, dass sich eine Stelle um die langfristige Steuerung und Koordination kümmert. Als sehr hilfreich haben sich dabei regionale Strategien erwiesen (vgl. «regioS 17»). Für die Umsetzung in der Praxis skizziert die Studie ein Modell mit Entwicklungspfaden, die sich in sechs Phasen gliedern lassen. Betont wird ausserdem die langfristige Ausrichtung. Schnelle Erfolge erleben die Beteiligten selten, gefragt sind vielmehr Beharrlichkeit, Durchhaltewille und Geduld.

© regiosuisse Basierend auf: «Landschaft als Leitthema für eine nachhaltige Regionalentwicklung». Eine Analyse von Musterbeispielen. Schlussbericht. PLANVAL, im Auftrag des BAFU. Bern, 2019.

«100 % Valposchiavo»

Eindrücklich zeigt dies die Landschaftsentwicklung im Puschlav, wo derzeit die zweite Etappe des Projekts «100 % Valposchiavo» läuft. Das Ziel: Bis 2028 sollen alle Bauern und Bäuerinnen im Tal ihre Betriebe nicht nur biologisch bewirtschaften, sondern auch alle Erzeugnisse – Milch- und Fleischprodukte, Buchweizenmehl, Kräuter, Früchte usw. – selber verarbeiten und unter dem Label «100 % Valposchiavo»® vermarkten. Die Region baut damit eine geschlossene Wertschöpfungskette auf. Mit gutem Erfolg: «Es gibt heute schon über hundert Produkte mit dem Zertifikat», erklärt Cassiano Luminati, Direktor des Polo Poschiavo. Die meisten Restaurants im Tal führen seit 2015 auf ihrer Speisekarte Gerichte, die ausschliesslich mit lokalen Zutaten zubereitet sind. An den Kosten der aktuellen Etappe 2021 bis 2028 beteiligt sich der Bund im Rahmen des Programms «Projekte zur regionalen Entwicklung» (PRE) des Bundesamtes für Landwirtschaft mit 10,7 Millionen Franken. Die Entwicklung des Puschlavs zum innovativen «Bio Smart Valley» ist von langer Hand geplant. «Das Tal zählt zu den Pionieren der biologischen Landwirtschaft», ruft Luminati in Erinnerung. Bereits heute werden 95 Prozent der Landwirtschaftsfläche biologisch bewirtschaftet – ein schweizweit einmaliger Anteil. Ein entscheidender Schritt für die Entwicklung im Tal war die Anerkennung der Bernina-Bahnlinie als UNESCO-Welterbe 2008. «Wir haben in der Folge partizipativ eine regionale Strategie entwickelt, die die materiellen und immateriellen Ressourcen unseres Gebietes in den Mittelpunkt stellt», sagt Luminati. Ziel ist es, das Valposchiavo zur grundlegenden wirtschaftlichen Basis der regionalen Entwicklung zu machen; der Weg dazu führt über eine Symbiose aus biologischer Landwirtschaft und nachhaltigem Tourismus auf dem Fundament der einzigartigen Landschaft. Das Tal steckt somit mitten in einem Langzeitvorhaben, das die Bevölkerung Schritt für Schritt in die Tat umsetzen wird. Sie nutzt dazu geschickt die zahlreichen Instrumente, die die Politik zur Verfügung stellt. Mit dem jüngsten Projekt – dem Modellvorhaben «Landschaftswerte für die nächste Generation erhalten» – versucht das Tal den Weg in die Zukunft mittels einer gemeinsamen «Perspektive 2040» weiter zu justieren. Das historische Gedächtnis des Tals, das traditionelle Landschaftswissen und die Wertvorstellungen der lokalen Bevölkerung sollen noch stärker in die Regionalentwicklungsprozesse einfliessen.

Blick auf Poschiavo GR im Puschlav © regiosuisse

Geschichte neu lanciert

Über alle Förderinstrumente betrachtet, betreffen rund zwei Drittel aller in der PLANVAL-Studie untersuchten Projekte zur Inwertsetzung von Landschaft den Tourismus. Das ist kein Zufall, bedenken wir die einzigartige Dichte attraktiver Landschaften in der Schweiz und die historische Entwicklung. Die «Entdeckung der Alpen» durch vorwiegend englische Bildungsreisende begründete gleichsam den Schweizer Tourismus. In Anlehnung an die sogenannte «Grand Tour», die Thomas Cook 1858 erstmals als Pauschalreise durch die Schweiz organisierte, steht bei dem 2015 von Schweiz Tourismus lancierten Projekt «Grand Tour of Switzerland» die landschaftliche Vielfalt im Mittelpunkt. Die 1640 Kilometer lange Route führt – meist im eigenen Auto – durch die spektakulärsten Landschaften und die attraktivsten Städte der Schweiz. Sie verknüpft 5 Alpenpässe, 22 Seen, 12 UNESCO-Welterbestätten und 45 Sehenswürdigkeiten. Das Angebot greift dabei auf bestehende Infrastrukturen im Verkehr, in der Gastronomie und der Hotellerie zurück. Neu sind lediglich 650 diskrete Wegweiser sowie 48 installierte «Fotorahmen», die besondere Landschaftsausschnitte einfassen und zum Fotografieren einladen. «Mit ihnen rücken wir die ikonografischen Landschafts- und Siedlungsbilder ins eigentliche Zentrum des Erlebnisses», erklärt Konzeptentwickler Matthias Imdorf von der Erlebnisplan AG, der als Berater mit von der Partie war. Imdorf ist überzeugt, dass die Inwertsetzung der Landschaft noch «fast endloses Potenzial bietet».

© regiosuisse

Ökonomischer Nutzen schwer erfassbar

Die Fallbeispiele der PLANVAL-Studie veranschaulichen eindrücklich, dass eine nachhaltige, qualitätsorientierte und vielfältige Nutzung und Bewirtschaftung von Landschaft gelingen kann. Vorausgesetzt werden die Kenntnis der komplexen gesetzlichen Rahmenbedingungen und eine zielgerichtete Koordination der Beteiligten im Sinne einer Good Governance.

Der ökologische und landschaftsästhetische Nutzen ist in vielen Fallbeispielen ebenso offensichtlich wie die ideellen Benefits wie Imagegewinn, Kooperationskultur oder neue sozioökonomische Netzwerke. Welche konkrete Wertschöpfung sich mit landschaftsbezogenen Produkten und Dienstleistungen effektiv erzielen lässt, bleibt aber mangels Daten häufig diffus. Es lässt sich nur indirekt ermitteln, welcher volkswirtschaftliche Nutzen einer Region entgeht, wenn sie auf die Inwertsetzung der Landschaft verzichtet. In dieser Hinsicht gilt es noch einige ökonomische Grundlagenarbeit zu leisten. «Zwar lässt sich der unmittelbare Nutzen der Landschaft etwa für die Land- und Forstwirtschaft oder für eine konkrete Region und Fragestellung meistens ziemlich genau berechnen, doch die kulturellen und touristischen Leistungen von Landschaft lassen sich insgesamt schwer beziffern», stellen Ökonomen der HES-SO Genève in einer Metastudie3 fest.

Nicht zwingend besteht eine direkte Beziehung zwischen dem ökologischen Wert einer Landschaft, etwa als Hotspot der Biodiversität, und ihrem ökonomischen Wert. Ein vielbesuchter Stadtpark ist ökonomisch allenfalls wertvoller als ein peripheres Naturgebiet. Um den Wert und die Leistungen einer Landschaft trotzdem zu erfassen, bedient sich die Landschaftsökonomie indirekter Methoden, etwa um mithilfe der Immobilienwerte die Seesicht und das Bergpanorama zu bewerten. Eine BAFU-Studie4 aus dem Jahre 2014 ermittelt auf solche Weise den Erholungswert des Schweizer Waldes auf zwei bis vier Milliarden Franken pro Jahr. Eine Studie5 der ETH und der Schweizer Pärke von 2018 beziffert die touristische Wertschöpfung für den Landschaftspark Binntal auf 22 Millionen Franken und für den Parc Ela auf 106 Millionen Franken pro Jahr.

Insgesamt ist die Faktenlage hinsichtlich der ökonomischen Bewertung der Landschaft deshalb zurzeit noch unbefriedigend. Die Messbarkeit landschaftsinduzierter Wertschöpfung wäre aber eine wichtige Voraussetzung, um landschaftsbezogene Regionalentwicklung gezielter anzugehen. Der Tourismusexperte Jürg Schmid sieht vor allem im naturnahen Tourismus überdurchschnittliche Wachstumsmöglichkeiten, die genutzt werden könnten, ohne die Landschaftsqualität zu beeinträchtigen. «Die regionalen Naturpärke und die Welterbegebiete präsentieren die Essenz der Schweizer Natur und die regionale Vielfalt. Doch es fehlen lustvolle, gästeorientierte Angebote und spezifisch auch Erlebnisse für den Premium-Reisemarkt, die das grosse Potenzial in Wertschöpfung umsetzen», so Schmid (vgl. Roundtable «Die attraktive Landschaft ist das Fundament unseres Tourismus.»).

Potenziale, Instrumente und gute Vorbilder, um die hohe Landschaftsqualität in den Regionen der Schweiz zu nutzen und gleichzeitig zu fördern, sind also vorhanden. Was es braucht, sind engagierte Menschen mit guten Ideen und einem langen Atem, die die Potenziale erkennen und andere Leistungsträger zum Mitmachen begeistern.

Gesetzlicher Rahmen und Förderinstrumente

Landschaftsrelevante Gesetzgebung: Bundesverfassung (BV), Raumplanungsgesetz (RPG), Bundesgesetz über den Natur- und Heimatschutz (NHG), Pärkeverordnung (PäV), Landwirtschaftsgesetz (LwG), Waldgesetz (WaG), Gewässerschutzgesetz (GSchG), Bundesgesetz über Fussund Wanderwege (FWG), Jagdgesetz (JSG), Bundesgesetz über die Fischerei (BGF), Energiegesetz (EnG), Nationalstrassengesetz (NSG), Eisenbahngesetz (EBG), Landschaftskonzept Schweiz (LKS) u.a.

Förderinstrumente des Bundes: Neue Regionalpolitik (NRP), Pärkepolitik des Bundes, ProgrammvereinbarungenNaturschutz und LandschaftFinanzhilfen nach Art. 13, NHG (Historische Verkehrswegeund Ortsbilder/Denkmalpflege), Projekte zur regionalen Entwicklung(PRE), Landschaftsqualitätsprojekte(LQP), Modellvorhaben NachhaltigeRaumentwicklung (MoVo), Tourismusförderung^(Innotour), Landschaftsfonds Schweiz u.a.

gantrisch.ch

valposchiavo.ch

grandtour.myswitzerland.com

regiosuisse.ch/nrp

parks.swiss

bafu.admin.ch/paerke

blw.admin.ch/pre

regiosuisse.ch/finanzhilfen

Literatur und weiterführende Informationen

Weitere Artikel

Landschaft – Kapital einer Bergregion

Lukas Denzler

Als naturnahe Landschaft stellt das Zürcher Berggebiet rund um den Tössstock einen Kontrapunkt zur hektischen Agglomeration Zürich dar. Die ländliche Hügelregion verfügt über hohe Natur- und Landschaftswerte. Der Verein Pro Zürcher Berggebiet hat das Potenzial erkannt und sich zum Ziel gesetzt, die attraktive Landschaft zusammen mit dem Kanton Zürich im Rahmen der Neuen Regionalpolitik (NRP) vermehrt in Wert zu setzen.

Der Wanderweg führt vom Bahnhof Fischenthal ein Stück der Töss entlang, bevor er an abgelegenen Höfen vorbei und über Weiden steil zum Hüttchopf ansteigt. Dort öffnet sich der Blick zum Schnebelhorn und zum Tössstock. Bereits 1912 wurde dieses waldreiche Gebiet vom Zürcher Regierungsrat als Pflanzen- und Wildschongebiet bezeichnet. Weiter führt der Weg zur Alp Scheidegg, wo der Blick von den Glarner Alpen über die beiden Zacken der Mythen bis zu Rigi und Pilatus schweift. Im Vordergrund, sanft eingebettet in die Landschaft, der Zürichsee mit dem Seedamm.

Das Zürcher Oberland und das Tösstal bieten ideale Möglichkeiten für kürzere oder längere Wanderungen. Von Rapperswil, Wetzikon, Uster, Zürich und Winterthur her gut erreichbar, stellen sie einen Gegensatz zur hektischen Agglomeration Zürich dar. Die hohen Natur- und Landschaftswerte widerspiegeln sich nicht zuletzt darin, dass der überwiegende Teil des Zürcher Berggebiets zum Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung gehört (BLN 1420, Hörnli-Bergland).

Landschaftliche Qualitäten als Basis der Zürcher NRP

Der Verein Pro Zürcher Berggebiet und das ihm angegliederte Regionalmanagement Zürioberland haben diesen Trumpf erkannt. Zusammen mit dem Kanton Zürich möchten sie die Landschaft im Rahmen der Neuen Regionalpolitik (NRP) vermehrt in Wert setzen. Dem Verein gehören dreizehn Gemeinden an, neben zehn Gemeinden im Zürcher Oberland und im Tösstal auch die beiden Thurgauer Gemeinden Bichelsee-Balterswil und Fischingen sowie das sanktgallische Eschenbach. Aufgrund der Topografie, der touristischen Anziehungspunkte sowie der Liefer- und Wertschöpfungsketten handelt es sich um einen funktionalen Raum. Entsprechend wurde auch der NRP-Perimeter kantonsübergreifend festgelegt. Der Kanton Zürich trägt dabei die Programmverantwortung und fragt die Kantone Thurgau und St. Gallen an, sich finanziell zu beteiligen.

© regiosuisse

Für die NRP zuständig ist im Kanton Zürich das Amt für Landschaft und Natur (ALN) der Baudirektion. Grund dieser speziellen Situation ist, dass sich das Zürcher Berggebiet, das bis letztes Jahr allein das NRP-Wirkungsgebiet des Kantons ausmachte, durch hohe Landschafts- und Naturwerte auszeichnet. Die grundsätzliche Stossrichtung der NRP bestand im Kanton Zürich daher von Anfang an darin, die regionale Wertschöpfung ausgehend von den landschaftlichen Qualitäten zu steigern.

Lebensqualität als zentraler Standortfaktor

Für den Wirtschaftsraum Zürich mit seinen internationalen Unternehmen und Hochschulen, die auf hochqualifizierte Arbeitskräfte angewiesen sind, stellt die Lebensqualität einen zentralen Standortfaktor dar. Die gut erreichbaren ländlichen Räume gewinnen in diesem Zusammenhang an Bedeutung (siehe Kasten). Das Bedürfnis der Menschen nach Erholung in intakten Landschaften und idyllischer Natur als Ausgleich zum hektischen Alltag ist gross. «Somit gewinnt das landschaftliche und kulturelle Kapital des Zürcher Berggebiets an Bedeutung», folgert Daniela Waser, Geschäftsführerin des Regionalmanagements Zürioberland. Durch gezielte Angebote könne dieses zu einer qualitativen Entwicklung der Region beitragen. Bereits in der NRP-Periode 2016–2019 lancierte man das Vertragsziel «Ruhelandschaft» mit der Absicht, das Zürcher Berggebiet als Ort der Ruhe, der Zeit und der Gesundheit zu positionieren. Es ergänzte andere NRP-Schwerpunkte wie die Förderung von Tourismus und regionalen Produkten in idealer Weise.

Ein wichtiger Meilenstein war die Erarbeitung einer Grundlagenstudie des Instituts für Umwelt und Natürliche Ressourcen der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Wädenswil zum Potenzial des Zürcher Berggebiets als «Ruhelandschaft». Die Themen «Ruhe», «Zeit» und «Gesundheit» seien gut gewählt und nähmen die gesellschaftlichen Bedürfnisse nach Erholung, Entschleunigung und Ausgleich auf, schreiben die Autorinnen und Autoren. Es bestehe grosses Potenzial, die vorhandenen Werte in die regionalen Wertschöpfungsketten des Zürcher Berggebiets einzubinden. «Der Bericht bestätigt, dass das Vertragsziel ‹Ruhelandschaft› vielversprechend ist und eine solide Grundlage darstellt, um nun konkrete Projekte zu entwickeln», stellt Franziska Heinrich vom ALN fest.

Blick von der Scheidegg bei Wald ZH zum Obersee und zum Alpenrand © regiosuisse

Angebote bündeln und besser sichtbar machen

Für viele Menschen ist die Landschaft eine Quelle der Inspiration. Kraftorte und Spiritualität gewinnen an Bedeutung. Im Nordosten des Zürcher Berggebiets etwa liegt das Benediktiner Kloster Fischingen, das auch Übernachtungsmöglichkeiten bietet. Es ist eine stille Oase für Kurse und Seminare und ein Geheimtipp für kulturelle Veranstaltungen.

In der aktuellen NRP-Periode geht es nun darum, konkrete Projekte anzupacken. «Wir wollen die bestehenden und die neuen Angebote bündeln und besser sichtbar machen», sagt Daniela Waser vom Regionalmanagement. Wichtig sei dabei, wie die Angebote unter dem Dach der «Ruhelandschaft» präsentiert würden. Dabei gehe es auch darum, den regionalen Akteurinnen und Akteuren und der lokalen Bevölkerung das Potenzial sichtbar zu machen, das sich mit der «Ruhelandschaft» eröffnet.

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Um das Zürcher Oberland als Komplementärraum zu den urbanen Gebieten zu entwickeln, gilt es aber auch, die Vereinbarkeit von Arbeit und Wohnen zu bessern – beispielsweise mit neuen Co-Working-Spaces. «Eine Chance stellt auch das Corporate Volunteering dar», betont Daniela Waser. Diese Angebote richten sich an Firmen, die ihren Mitarbeitenden Arbeitseinsätze mit gemeinnützigem Zweck ermöglichen wollen.

Das Regionalmanagement hat das Potenzial der Landschaft erkannt. An den regionalen Akteurinnen und Akteuren liegt es nun, den Ball aufzunehmen und Angebote zu entwickeln.

prozb.ch

regiosuisse.ch/nrp

Der kantonale Entwicklungsrahmen

Mit der «Langfristigen Raumentwicklungsstrategie (LaRES)» soll der Kanton Zürich auch in Zukunft ein attraktiver Lebens- und Wirtschaftsraum bleiben. Die Entwicklungsstrategie unterscheidet fünf Handlungsräume. Das Zürcher Berggebiet gehört überwiegend zum Handlungsraum «Kultur- und Naturlandschaften». Da die Siedlungsentwicklung künftig im Wesentlichen in den Stadt- und urbanen Wohnlandschaften stattfinden soll, ergibt sich für das Berggebiet mit seinen hohen Landschafts- und Natur-werten die langfristige Perspektive, sich als lebendigen Komplementärraum zu den Ballungszentren zu positionieren.

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Dank Resilienz Krisen trotzen

Pirmin Schilliger

Der Schwerpunkt der Neuen Regionalpolitik (NRP) liegt zwar darauf, die wirtschaftliche Entwicklung der Regionen längerfristig zu stärken und sie bei der Bewältigung des Strukturwandels zu unterstützen. Die Krisenintervention steht nicht im Fokus. Die Corona-Krise bietet jedoch Anlass, die bisherige Strategie kritisch zu durchleuchten. Die zentrale Frage dabei: Mit welchen Massnahmen und Projekten können sich die Regionen auf künftige Schockereignisse und generell auf einschneidende Veränderungen besser vorbereiten? Was können wir dabei allenfalls vom Ausland lernen? Klar scheint: Aspekte der Resilienz sollten künftig systematisch in die Regionalpolitik einfliessen. Doch was heisst das genau?

«In den letzten Jahren ist es uns gelungen, unsere Region stark als Destination für nachhaltigen Tourismus zu positionieren. Dies kam uns – zusammen mit dem traditionell hohen Anteil an Schweizer Gästen – in der Krise sicherlich entgegen», erklärt Martina Schlapbach, Regionalentwicklerin der Regiun Engiadina Bassa/Val Müstair. Dazu beigetragen, die Auswirkungen der Krise abzufedern, hätten nicht zuletzt verschiedene NRP-Projekte, die den nachhaltigen Tourismus förderten. Ähnlich tönt es in Bezug auf die aktuelle Krisenbewältigung im Berner Oberland: Stefan Schweizer, Geschäftsführer der Regionalkonferenz Oberland Ost, ist überzeugt, dass die Region dank der NRP «insgesamt breit abgestützt reagieren konnte». Er denkt dabei ebenfalls an zahlreiche NRP-Projekte, die in jüngster Zeit realisiert worden sind und auf einen vielseitigen und abwechslungsreichen Tourismus abzielen. Allerdings wirft Schweizer die Frage auf, wie weit man sich auf eine so aussergewöhnliche Situation wie die Corona-Krise überhaupt vorbereiten kann.

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Die richtigen Schlüsse ziehen

Sollte die Pandemie schnell abklingen, sodass sich die Wirtschaft rasch wieder erholen kann, liesse sie sich als einmaliger Sonderfall abhaken. Ein Ausnahmeereignis, das nicht überinterpretiert werden sollte und aus dem keine falschen Schlüsse zu ziehen sind. Doch mit der zweiten Pandemiewelle deuten die Zeichen in eine andere Richtung: Politik, Wirtschaft und Gesellschaft stehen weiterhin vor der Herausforderung, mit vereinten Kräften die Krise zu meistern und die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Schäden möglichst zu begrenzen. Darüber hinaus gilt es die Auswirkungen dieses Ereignisses zügig und gründlich zu analysieren und die richtigen Konsequenzen daraus zu ziehen. Im Rahmen der NRP stellt sich die Frage, welche grundsätzlichen Schwächen die Pandemie im regionalen Wirtschaftsgefüge offengelegt hat. Dieser Aufarbeitungsprozess drängt sich speziell in jenen Regionen auf, die besonders unter den Auswirkungen der Pandemie gelitten haben. Deren Verwundbarkeit beziehungsweise Krisenexponiertheit sollte unter die Lupe genommen werden. Dabei interessiert die Beteiligten besonders, wie sich eine Region auf künftige Schocks und einschneidende Veränderungen besser vorbereiten kann. Und: Lassen sich die damit verbundenen Risiken und Gefahren bereits heute entschärfen oder vielleicht gar in Chancen umwandeln?

Eine Lösung könnte eine Regionalentwicklung bieten, die sich in Zukunft strikt an Aspekten der Resilienz ausrichtet. Doch was bedeutet dies? Der Begriff kommt von lateinisch «resilire», was so viel heisst wie «zurückspringen» oder «abprallen». «Resilienz» bezeichnet die Fähigkeit eines Systems, nach Störungen wieder in den ursprünglichen Zustand zurückzukehren. In der Psychologie ist ein resilienter Mensch gegenüber einschneidenden, schockartigen Ereignissen widerstandsfähig und bleibt auch in Krisensituationen psychisch stabil.

Seit rund zwei Jahrzehnten ist Resilienz auch Thema in der Ökonomie und der Ökologie. Genauso wie der Mensch kann auch ein komplexes System seine Strukturen und Funktionen dank laufender Anpassung selbst in heftigen Veränderungsphasen stabil und intakt halten. Es ist kein Zufall, dass der Begriff stets in Krisenzeiten Hochkonjunktur hatte und hat – während der Finanzkrise 2008, der Eurokrise 2015 oder nun in der Corona-Krise. Weltweite Vorreiter resilienzorientierter Strategien in der Raumentwicklung sind jene hundert Grossstädte, die sich 2011 dem von der Rockefeller-Stiftung initiierten internationalen Programm «Global Resilient Cities Network» angeschlossen haben. Das eigentliche Ziel seiner Bemühungen besteht darin, die Städte gegenüber klimatischen Extremereignissen und umweltbedingtem Stress resistenter zu machen.

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Ein Modell und weitere Ansätze

Das aus der Stadtplanung bekannte Konzept der Resilienz hat in jüngster Zeit in der ländlichen Regionalentwicklung Einzug gehalten. Spätestens mit der Studie der ÖAR Regionalberatung GmbH «Wie gehen Regionen mit Krisen um?» von 2010 im Auftrag des österreichischen Bundeskanzleramtes ist es in unserem östlichen Nachbarland ein Thema. Die dortigen Regionalforscher kamen zum Schluss, dass resiliente Regionen in Notsituationen einen von drei möglichen Entwicklungspfaden einschlagen: Entweder überstehen sie die Krise ohne negative Veränderungen (Entwicklungspfad 1), oder sie vermögen die negativen Veränderungen nach kurzer Zeit zu kompensieren (2) oder gar zu überkompensieren (3). Im besten Fall gehen sie also gestärkt aus der Krise hervor. Resilienz ist in diesem Sinne das heilsame Gegenmittel zur Vulnerabilität. Eine resiliente Region ist fähig, in Krisensituationen ungeahnte Selbstheilungskräfte zu mobilisieren. Sie findet auf Bedrohungen und Herausforderungen rasch die richtige Antwort. Die drei Entwicklungspfade beruhen auf sozialen, ökologischen und ökonomischen Indikatoren, die sich klar identifizieren und messen lassen: Zu ihnen zählen unter anderem Bevölkerungsentwicklung, Lebenszufriedenheit, Kulturausgaben, Umweltqualität, Risikoexposition, Wertschöpfung, Durchmischung der Betriebe, Neugründungen usw. Die ÖAR Regionalberatung GmbH hat in ihrer Studie ein umfassendes Resilienzmodell entwickelt. Der Weg zur resilienten Region führt über bewusste Steuerungs-, Gestaltungs- und Ausgleichsprozesse. Diese verknüpfen das Grundprinzip der nachhaltigen Entwicklung mit wirtschaftlicher und gesellschaft­licher Diversifizierung, Bildung und Weiterbildung, Zukunftsorientierung sowie Innovation und Fehlerkultur.

Mittlerweile gibt es neben dem Modell der ÖAR weitere Ansätze, die zeigen, wie Resilienz in den ländlichen und peripheren Räumen etabliert werden könnte. Gabi Troeger-Weiss, Leiterin des Lehrstuhls für Regionalentwicklung an der Technischen Universität Kaiserslautern, betreibt vor allem raumbezogene Risikoforschung. Sie untersucht, wie sich demografische, gesellschaftliche, soziale, klimatologische und wirtschaftliche Trends wie die Digitalisierung auf die Resilienz der Region von morgen auswirken könnten. Die «Ländliche Entwicklung Bayern» des Bundeslandes Bayern hat 2019 im Oberallgäu ein Pilotprojekt lanciert, das Anknüpfungspunkte identifizieren soll, wo die Resilienz in der Regionalentwicklung berücksichtigt werden kann. Pragmatisch geht das Thema «The Resilient Regions Association» an, die in Malmö (Schweden) eine politisch neutrale Plattform dafür geschaffen hat. Vertreterinnen und Vertreter von Hochschulen, Wirtschaft, Gemeinden, Regionen und Unternehmen treffen sich regelmässig, um unter dem Blickwinkel der Resilienz regionale Aufgaben zu lösen.

Einen inhaltlich breiteren Ansatz verfolgen Daniel Deimling und Dirk Raith. Die beiden Regionalforscher der Universität Graz propagieren eine alternative Vision regionaler Resilienz als zukunftsfähiges Paradigma regionaler Entwicklung. Diese Art von Resilienz sollte sich nicht in einer blossen Anpassung an externe Krisen und Schocks erschöpfen, sondern vielmehr transformativ angelegt sein und eine Reregionalisierung und Relokalisierung anstreben. Regionen sollten befähigt werden, auch völlig veränderten Bedingungen zu trotzen. Periphere Regionen könnten so den Teufelskreis aus Abwanderung und Verlust der Lebensgrundlagen durchbrechen.

Vulnerabilität und Resilienz
Das Konzept der Vulnerabilität (Verwundbarkeit, englisch «vulnerability») und der Resilienz hat sich seit den 1980er-Jahren zu einer zentralen Kategorie verschiedener akademischer Disziplinen entwickelt. Über das Fach «Geografie» hat es mitsamt den beiden Begriffen auch in der Raumentwicklung Einzug gehalten, vor allem im Zusammenhang mit Naturgefahren und dem Klimawandel. Der konzeptionelle Kern der Vulnerabilitäts- beziehungsweise der Resilienztheorie liegt in einem doppelten strukturellen Ansatz: Die Vulnerabilität ergibt sich aus externen Risiken, denen ein Raum oder eine Region ausgesetzt ist, sowie aus mangelnder Resilienz, also aufgrund eines Mangels an Mitteln, die drohenden Risiken zu bewältigen. Die Analyse der räumlichen und gesellschaftlichen Verwundbarkeit und Resilienz konzentriert sich folglich auf das Wechselspiel zwischen der Exposition gegenüber den Risiken und den Möglichkeiten, deren Auswirkungen im Ereignisfall möglichst ohne grösseren Schaden zu bewältigen.
 
Wisner B., Blakie P., Cannon T.: At Risk. Natural hazards, people’s vulnerability and disasters. London, 2004

Resilienz – die Zukunft nachhaltiger Regional- und Raumentwicklung

In der Schweiz ist Resilienz vor allem in der Forschung schon länger ein Thema, unterschwellig aber auch in der Umsetzung der NRP. «Viele Massnahmen der NRP zielen darauf ab, eine nachhaltige und stabilisierende Wirkung zu entfalten. Die meisten der bisher lancierten Projekte tragen zumindest zur Resilienz bei, auch wenn davon bisher kaum explizit die Rede war», erklärt Johannes Heeb, Leiter des Weiterbildungsbereichs «formation-regiosuisse». «Allerdings», unterstreicht er, «fehlte bei alldem bis jetzt der systematische Ansatz.» Das soll sich nun ändern. Mit dem Online-Weiterbildungsmodul «Resiliente Regionen entwickeln» hat formation-regiosuisse diesen Herbst das Thema konkret angepackt. Das Webinar richtete sich an sämtliche Akteurinnen und Akteure der Regionalentwicklung. Es ermöglichte ihnen, sich mit den Grundlagen der Resilienz vertraut zu machen und konkrete Handlungsansätze für die Praxis zu entwickeln. «Wir brechen die verfügbaren theoretischen Konzepte auf die Praxisebene der Regionen herunter», so Heeb. Agilität, Innovation, Team- und Projektkultur sowie Prävention werden als operative Elemente im Resilienz-Management eingesetzt. «Unser Ziel ist es», betont Heeb, «die Regionen darin zu befähigen, auf Veränderungen und Krisen stabilisierend zu reagieren und als Auslöser von Innovation und weiterer Entwicklung zu nutzen.»

Regionen resilienter zu machen, beruht demnach auf einem vielschichtigen Prozess. Ein «Resilienzbarometer», wie es das Pestel-Institut in Hannover entwickelt hat, könnte den Regionen helfen, im Streben nach Resilienz nicht blind entscheiden zu müssen. Das Instrument analysiert und misst mittels 18 Indikatoren die Verletzbarkeit/Verwundbarkeit einer Region. Es hilft abzuschätzen, wie weit eine Region im Krisenfall handlungsfähig bleibt. Ausserdem zeigt es, wie diese Handlungsfähigkeit mittels Ressourcenausstattung, Sozialkapital und Flexibilität präventiv verbessert werden kann. Das primär für Regionen in der EU entwickelte «Resilienzbarometer» könnte – auf Schweizer Verhältnisse eingestellt – auch für die NRP-Regionen ein durchaus nützliches Instrument werden.

Wie lässt sich eine Region resilienter machen?
Als Vorsorgeinstrument zielt Resilienz darauf ab, die Verwundbarkeit beziehungsweise die Krisenexposition einer Region und Klumpenrisiken zu reduzieren. Folgende Strategien tragen dazu bei:

  • Diversifizierung der Wirtschaft anstatt Monostruktur – also mehrere Branchen, unterschiedlich grosse Unternehmen, vielseitige Markt-, Arbeits- und Wohnbeziehungen.
  • Humanressourcen und Sozialkapital – hohes Bildungsniveau mit breit einsetzbaren Fachkräften, ausgewogene Bevölkerungs- und Altersstruktur.
  • Eine effiziente und aktiv gestaltete regionale Governance mit zukunftsweisenden Strategien, die auf den regionalen Stärken aufbauen.
  • Zukunftsorientierung und frühzeitiges Erkennen langfristiger Entwicklungen (wie dies im Rahmen der NRP über Regionale Entwicklungsstrategien/RES angestrebt wird, vgl. «regioS 17»).
  • Veränderungsbereitschaft, Flexibilität, Agilität, Innovationsfähigkeit, Multidisziplinarität.
  • Lern- und Kooperationsfähigkeit, dichte Kommunikationsnetze, kurze Feedbackwege, Neugierde und Offenheit.

Letztlich ist Resilienz kein Zielzustand, sondern ein Prozess, der mithilfe einer spezifischen Methodik zur nachhaltigen Entwicklung einer Region und zu einem besseren Umgang mit Krisen führt.

Modellvorhaben im Oberwallis

Pionierarbeit in dieser Hinsicht leistet das Beratungsbüro EBP in Zusammenarbeit mit der Regions- und Wirtschaftszentrum Oberwallis AG (RWO). EBP hat ein Analysetool zur räumlichen Resilienz entwickelt, das teils auf den erwähnten internationalen Konzepten (Rockefeller-Stiftung, Pestel-Institut, Deutsche Bundesanstalt für Strassenwesen usw.) beruht. Dieses wird nun im Modellvorhaben «Resiliente Bergregionen: Eigenstärken nutzen in der Region Oberwallis» erstmals in Schweizer Berggebieten getestet, und zwar in der Gemeinde Mörel-Filet und im Lötschental. «Das Analysetool beruht auf einem Fragebogen mit 10 Themenfeldern, 21 Subthemen und 80 Indikatoren, die wir nicht nur anhand von Zahlen und Statistiken, sondern auch von qualitativen Fragen an die lokalen Akteure genauer unter die Lupe nehmen», erläutert Projektleiter Christian Willi. Ziel des Modellvorhabens ist es, die Ergebnisse der Resilienzanalyse in eine Regio­nale Entwicklungsstrategie (RES) für die Oberwalliser Berggemeinden einfliessen zu lassen, die auch einen konkreten Massnahmenkatalog umfasst. Der Lead für die Analyse liegt bei EBP. Die Umsetzung der Massnahmen im Rahmen der Entwicklungsstrategie erfolgt vor allem zusammen mit der RWO und weiteren regionalen Akteurinnen und Akteuren. Das Projekt ist Teil der Modellvorhaben «Nachhaltige Raumentwicklung des Bundes 2020–2023». «Die aus diesem Pilotprojekt gewonnenen Erkenntnisse können genutzt werden, um auch in anderen Regionen eine Resilienzkultur zu etablieren», betont Willi, mit dem Ziel, dass Resilienzbewusstsein künftig systematisch in sämtliche Regionalen Entwicklungsstrategien (RES) und die entsprechenden Massnahmen und Projekte einfliesst.

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Bottom-up – aus den Regionen

Die Corona-Krise hat die Verwundbarkeit der Regionen schonungslos aufgezeigt. Allerdings ist sie lediglich eines von vielen Krisen- und Bedrohungsszenarien. Umso dringender stellt sich für die Zukunft die Frage der Risikominimierung und Prävention. Martina Schlapbach von der Regiun Engiadina Bassa/Val Müstair ist überzeugt, dass grundsätzlich jede strukturschwache Region resilienter gemacht werden kann. Sie plädiert aber bei der Umsetzung für regional angepasste Lösungen. «Man sollte bedenken, dass Strukturschwäche innerhalb einer Region ganz anders wahrgenommen und definiert wird als ausserhalb. Resilienz muss folglich genau auf die Bedürfnisse der Bevölkerung abgestimmt werden.» In der Corona-Krise habe sich die aktuelle Entwicklungsstrategie jedenfalls bewährt, führt sie weiter aus. «Wir wurden darin bestärkt, den eingeschlagenen Weg in Zukunft noch stärker zu forcieren.» Es bedeutet, dass die Regiun Engiadina Bassa/Val Müstair noch gezielter auf nachhaltigen Tourismus setzen will. Zudem soll der Ausbau digitaler Infrastrukturen und virtueller Austauschplattformen die Rahmenbedingungen für flexible Arbeits-, Wohn- und Lebensmodelle weiter verbessern. «Und abgestimmt auf die Bedürfnisse der Unternehmen und der Bevölkerung wollen wir auch Experimente wagen», so Schlapbach.

Stefan Schweizer meint: «Auf die Stärkung der Handlungsmöglichkeiten einer Region in Krisensituationen hinzuarbeiten, ist immer sinnvoll.» Allerdings hat er Bedenken in Bezug auf das Verhältnis von Aufwand und Nutzen. «Ob und in welchem Umfang Resilienz strategisch entwickelt und operationell umgesetzt werden soll, muss jede Region für sich beurteilen.» 

regiosuisse-Themendossier «Resilienz in der Regionalentwicklung»
Wie können Regionen resilienter werden, um auf zukünftige Schocks besser vorbereitet zu sein und gestärkt daraus hervorzutreten? Das regiosuisse-Themendossier bietet einen Einstieg ins Thema und mögliche Ansätze für die Umsetzung in den Regionen: regiosuisse.ch/resilienz

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regiosuisse.ch/nrp – modellvorhaben.ch

Literatur

Resiliente Regionen. Zur Intelligenz regionaler Handlungssysteme. In: «Multidisziplinäre Perspektiven der Resilienzforschung», pag. 295–332. Robert Lukesch. Springer Fachmedien, Wiesbaden, 2016.

Regionale Resilienz. Zukunftsfähig Wohlstand schaffen. Dirk Raith, Daniel Deimling, Bernhard Ungericht, Eleonora Wenzel. Metropolis Verlag, 2017.

Wie gehen Regionen mit Krisen um? Eine explorative Studie über die Resilienz von Regionen. Robert Lukesch, Harald Payer, Waltraud Winkler-Rieder. Wien, 2010.

La résilience, un outil pour les territoires ? Clara Villar (Cerema) e Michel David (MEDDE/CGDD). IT-GO Rosko, 2014.

La résilience en trois actes: résistance, reset et relance.  Xavier Comtesse, Mathias Baitan.

Resilienza tra territorio e comunità, Approcci, strategie, temi e casi, Fondaziona cariplo, 21, 2015.

La resilienza territoriale: un concetto polisemico per lo sviluppo delle scienze regionali». Paolo Rizzi. Scienze Regionali, 1/2020.  

Resilienza e vulnerabilità nelle regioni europee. Paola Graziano und Paolo Rizzi. Scienze Regionali, 1/2020.

Weitere Artikel

«Das Zauberwort heisst Diversifizierung»

Wie präsentiert sich die wirtschaftliche Situation in den Zielgebieten der Neuen Regionalpolitik (NRP) nach mehr als einem halben Jahr Corona-Krise? Haben sich die Massnahmen der NRP auch in der Krise bewährt? Welche Konsequenzen ergeben sich für eine in Zukunft möglichst krisenresistente und resiliente Regionalpolitik? Im schriftlich geführten Interview mit «regioS» äussert sich Staatssekretärin Marie-Gabrielle Ineichen-Fleisch, SECO-Direktorin, zur aktuellen Situation und zu den Perspektiven für die Weiterentwicklung der NRP.

Frau Staatssekretärin, wie beurteilen Sie die wirtschaftliche Entwicklung in den Zielgebieten der NRP in diesem Jahr?

Die Corona-Krise hat in diesem Jahr in den NRP-Regionen, insbesondere in vielen Bergregionen, negative Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung gehabt. Das liegt daran, dass die Branchenstruktur in den Berggebieten oftmals nicht sehr diversifiziert ist. Die Abhängigkeit vom weltweit arg gebeutelten Tourismus war hier besonders problematisch.

Gilt das generell für die Tourismusregionen im Berggebiet oder gibt es da auch Unterschiede?

Es gibt auf jeden Fall Unterschiede. Ferienregionen, die traditionell stärker auf den Schweizer Markt ausgerichtet sind, wie Graubünden oder der Jura und das Drei-Seen-Land, konnten mit einem «Sommerhoch» die Einbussen aus dem ersten Halbjahr teilweise kompensieren. Gerade Destinationen, die in den letzten Jahren auf internationale Gäste gebaut hatten und davon zweifellos auch profitierten, erlebten hingegen zum Teil massive Einbussen.

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Wie sieht es in anderen Regionen aus, die weniger vom Tourismus abhängig sind?

Vergleichsweise hart von der Krise getroffen wurden auch Regionen mit einem überdurchschnittlich hohen Anteil von Grenzgängern an der Gesamtbeschäftigung wie der Jura und das Tessin oder NRP-Regionen, die stark von der Industrie abhängig sind. Im Kanton Jura leiden vor allem die Uhrenindustrie und die Metallindustrie unter dem Einbruch der Exportnachfrage.

Wie gut haben sich die Regionen in den Zielgebieten der NRP geschlagen in Anbetracht dessen, dass wir eine ausgesprochene Ausnahmesituation erlebten?

Bestmöglich. Erfreulich sind die Beispiele, in denen die Bevölkerung und die Unternehmen in der Krise mit neuen Ideen aufgewartet haben. Ich denke da an die Tourismusdestinationen, die ihre Angebote nach Möglichkeit ausgebaut und auf eine andere Klientel ausgerichtet haben. Für diejenigen Bevölkerungsgruppen, die ihre Arbeit vor allem im Homeoffice erledigten und dies vermehrt auch vom Feriendomizil im Berggebiet aus taten, waren neue Angebote wie zum Beispiel Co-Working-Spaces oder digitale Plattformen sehr willkommen. Als Beispiel für Letzteres kommt mir die Plattform «mehr-uri.ch» in den Sinn, die auch über die NRP finanziert wurde. Sie bietet Urner Geschäften die Möglichkeit, allfällige Kunden auf ihre Angebote aufmerksam zu machen.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung für die unmittelbare Zukunft?

Die wirtschaftliche Lage ist für alle herausfordernd und der Ausblick äusserst ungewiss. Die im Herbst angebrochene zweite Infektionswelle lässt die vom Tourismus geprägten Bergregionen, die einen Grossteil ihrer Einkünfte in den Wintermonaten generieren, erneut zittern. Wirtschaftlich steht uns ein schwieriger Winter bevor, nicht nur in den NRP-Regionen.

Waren Sie selbst dieses Jahr öfter in den Berggebieten, und was ist Ihnen dabei spontan aufgefallen? Was war anders als in früheren Jahren?

Ich war diesen Sommer viel in den Bergen unterwegs und habe viele Gäste aus anderen Landesteilen getroffen; ich denke, dass viele Schweizer ihre eigene Bergwelt entdeckt haben. Das könnte auch in Zukunft Ansporn sein, vermehrt Ferien in den hiesigen Bergen zu verbringen. Ich war auch beeindruckt von der Art und Weise, wie Berghütten ihre Schutzkonzepte umsetzten; hoffentlich bleibt weniger Gedränge in den Hütten auch in Zukunft ein Erfolgsrezept.

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Wie weit haben nach Ihrer Einschätzung die Bemühungen der NRP in den letzten Jahren dazu beigetragen, dass es in diesem schwierigen Jahr den Regionen nicht noch schlechter ergangen ist?

Die NRP setzt alles daran, die Regionen darin zu unterstützen, den Strukturwandel zu meistern. Sie stärkt gezielt die Innovation in ihren Zielgebieten und verbessert die Rahmenbedingungen für die Unternehmen. Die Neue Regionalpolitik hat durch die Unterstützung von Projekten massgeblich dazu beigetragen, dass zum Beispiel die Digitalisierung auch in den Berggebieten und im ländlichen Raum vorangetrieben wird.

Können Sie hier ein konkretes Beispiel nennen?

Zum Beispiel wurde über die NRP das Projekt «miaEngiadina» teilweise mitfinanziert, mit dem Ziel, im Unterengadin einen bevorzugten Rückzugs-, Inspirations- und Vernetzungsort aufzubauen, der Wissensarbeitende in die Region lockt. Dessen Grundpfeiler sind heute eine ausgezeichnete digitale Infrastruktur, verschiedene Co-Working-Spaces, Weiterbildungsangebote und eine Umgebung, die mit einem attraktiven Erholungs- und Freizeitangebot punktet.

Wurden im Rahmen der NRP aufgrund der Krise auch kurzfristige Massnahmen umgesetzt?

Die NRP ist nicht als Kriseninstrument konzipiert; gleichwohl konnte sie auch mit kurzfristigen Massnahmen zur Stärkung der regionalen Wirtschaft in der Krise beitragen. So haben zum Beispiel unsere Partner, die über die NRP unterstützten Regionalen Innovationssysteme (RIS), kurzfristig ihre etablierten Innovationscoachings in Krisencoachings umfunktioniert.

Wo hat die Corona-Krise Defizite in der Neuen Regionalpolitik offengelegt?

Die Neue Regionalpolitik ist, wie gesagt, nicht als Kriseninstrument konzipiert. Die Fördermittel wurden daher auch nur in Einzelfällen zur Bewältigung der Krise eingesetzt. So hat das Angebot, die Amortisation der NRP-Darlehen während der Krise zu stunden, den Projektträgern dringend benötigte Liquidität verschafft. In Krisenzeiten sind auch Instrumente, die auf eine mittel- bis langfristige Wirkung ausgelegt sind, sehr wichtig, weil sie Perspektiven skizzieren. Dabei werden die längerfristigen Herausforderungen aufgenommen und die aktuelle Projektförderung wird konsequent darauf ausgerichtet. Ich bin überzeugt, dass die NRP hinsichtlich der aktuellen Herausforderungen und wichtiger Themen wie Digitalisierung und Nachhaltigkeit gut positioniert ist.

SECO-Direktorin Marie-Gabrielle Ineichen-Fleisch © regiosuisse

Muss das Kriterium der Krisenresistenz, das heute nicht explizit in der Regionalpolitik verankert ist, in Zukunft stärker gewichtet werden? Und wenn ja, wie?

Sie sagen richtig, «nicht explizit in der Regionalpolitik verankert ist», denn implizit spielt die Krisenresistenz bei den langfristig ausgerichteten NRP-Zielen natürlich mit. Durch Anstrengungen zur Stärkung und Diversifizierung der Wirtschaft und zur Qualifizierung der regionalen Akteure wird auch in den Zielgebieten der NRP die Voraussetzung zur erhöhten Krisenresistenz geschaffen. Bund und Kantone verfügen neben der NRP ausserdem über ein breit gefächertes Instrumentarium, das sich wesentlich besser eignet, um die Wirtschaft in Krisenzeiten gezielt zu unterstützen.

Die NRP baut ihre Förderhilfe auf dem Exportbasisansatz auf. Hat sich dieser Grundsatz in der Corona-Krise nicht als ein allzu einschränkender Faktor erwiesen?

Diese Einschätzung teile ich nicht. Der Exportbasisansatz, der einen Grundsatz der NRP bildet, geht davon aus, dass der Wohlstand und das Entwicklungspotenzial einer Region von denjenigen wirtschaftlichen Aktivitäten bestimmt werden, die Wertschöpfung durch die Exporte von Gütern und Dienstleistungen aus diesen Regionen in andere Regionen, Kantone oder auch ins Ausland generieren. So betrachtet, ist beispielsweise der Tourismus per se exportorientiert, ob es sich nun um inländische oder ausländische Gäste handelt. Er bildet deshalb auch einen der Förderschwerpunkte in der NRP. Es gibt aber durchaus auch Förderbereiche in der NRP, in denen der Exportbasisansatz als limitierender Faktor bei der Projektunterstützung wirkt.

Heisst das, der Exportbasisansatz als Grundsatz der NRP wird auf Seiten Bund hinterfragt?

Im Hinblick auf das nächste Mehrjahresprogramm 2024–2031 soll der Exportbasisansatz überprüft werden. Wir gehen diese Analyse ergebnisoffen an.

Auch die monostrukturelle Ausrichtung vieler Regionen auf den Tourismus erweist sich nun in vielen Destinationen als Klumpenrisiko: Was wäre in diesem Bereich das Rezept für die Zukunft?

Das Zauberwort heisst Diversifizierung, nur ist das leichter gesagt als getan. Der Tourismus wird in vielen Regionen in den Zielgebieten der NRP auch künftig der wichtigste Wirtschaftsfaktor bleiben. Aufgrund der Erfahrungen in diesem Jahr wird sich aber die eine oder andere Destination zum Beispiel Gedanken zur Gästestruktur machen und versuchen, diese zu diversifizieren.

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Sie haben vorhin auch die Digitalisierung angesprochen. Ist sie für Regionen in den Zielgebieten der NRP eine Chance?

Eine in allen Lebens- und Wirtschaftsbereichen geförderte Digitalisierung könnte das Arbeiten und Wohnen im ländlichen Raum und in den Berggebieten wieder attraktiver machen. Das würde deren Wirtschaftskraft sicherlich stärken. Die «Flucht» aus den Städten während der ersten Covid-Welle hat aufgezeigt, dass die Peripherie durchaus ihren Reiz haben kann. Wie nachhaltig dieser Corona-Effekt ist, ist jedoch schwer abzuschätzen.

Wo sehen Sie weitere Alternativen und Möglichkeiten, die NRP und die damit erfassten Regionen krisenresistenter zu machen?

Wie bereits erwähnt, kann eine Region mit möglichst diversifizierter Wirtschaft die Herausforderungen einer Krise tendenziell besser bewältigen als eine Region mit einseitig strukturierter Wirtschaft. Wobei natürlich auch eine Diversifizierung innerhalb einer Branche eine grosse Wirkung haben kann, Stichwort «vom Wintertourismus zum Ganzjahrestourismus». Die NRP unterstützt dies unter anderem durch die Beratung und das Coaching von Unternehmerinnen und Unternehmern, die Innovationen in ihren Betrieben umsetzen und neue Produkte und Dienstleistungen entwickeln wollen.

Weitere Artikel

Editorial

Die Covid-19-Pandemie setzt der Schweizer Wirtschaft zu, insbeson­dere dem Tourismus und der Exportindustrie, die in manchen Zielgebieten der Neuen Regionalpolitik (NRP) eine zentrale Rolle spielen. Wie haben diese Regionen die Krise bisher bewältigt? Haben ihnen Projekte und Massnahmen der NRP geholfen, in der Krise zu bestehen? Ergeben sich daraus Konsequenzen für die künftige Ausrichtung der NRP? Diesen Fragen geht die aktuelle Ausgabe von «regioS» in ihrem Schwerpunkt nach.

In einem zweiten Hintergrundartikel beleuchtet «regioS 19» das Thema der Resilienz, das mit der Corona-Krise ebenfalls in den Fokus rückt. Denn es stellt sich ja nicht nur die Frage, wie sich die Krise meistern lässt, sondern auch, was es braucht, damit Regionen widerstandsfähiger werden, Krisen trotzen oder sich zumindest schnell wieder davon erholen können. Einen Beitrag dazu leiste die Diversifizierung der Wirtschaft, meint Staatssekretärin und SECO-Direktorin Marie-Gabrielle Ineichen-Fleisch im Interview zu den Herausforderungen der Corona-Krise. Erfolgversprechend sind auch der Einbezug der jungen Generation in die Regionalentwicklung und Bemühungen, die Unternehmen einer Region digital fit zu machen.

Zur Stärkung der Resilienz gilt es laut SECO-Direktorin Ineichen-Fleisch nebst der Diversifizierung in den Regionen insbesondere die Qualifizierung der regionalen Akteurinnen und Akteure weiter voranzutreiben. Die Unterstützung durch die NRP, unter anderem über das Wissensmanagement von regiosuisse, bleibt damit gefragt – auch im kommenden Jahr.

Gute Lektüre und schöne Festtage wünscht

Urs Steiger, Redaktor «regioS»

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Die Regionen im Corona-Härtetest

Pirmin Schilliger & Urs Steiger
Covid-19 hat in diesem Jahr weltweit und in der Schweiz eine gravierende Krise ausgelöst. Sie ist noch längst nicht ausgestanden, vielmehr befinden wir uns mittendrin. Tangiert sind sämtliche Lebens- und Wirtschaftsbereiche, vor allem die Gesundheitsversorgung. Besonders betroffen sind in der Schweiz vielerorts der Tourismus und die Uhrenindustrie, die in mancher Region des Berggebiets und des ländlichen Raums das wirtschaftliche Rückgrat bilden. Für viele ist es ein harter Bewährungstest. Wie er ausgehen wird, ist ungewiss.
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Der Mitte März verhängte Lockdown versetzte den Tourismus schlagartig in einen Schockzustand. Schweizweit brachen die Logiernachtzahlen praktisch von einem Tag auf den anderen drastisch ein: minus 62 Prozent im März, minus 80 Prozent im April und minus 78 Prozent im Mai im Vergleich zum entsprechenden Vorjahresmonat. Im Juni, als erste Lockerungen erfolgten, erholten sie sich leicht und erreichten wieder das Märzniveau, womit sie aber erneut 62 Prozent unter Vorjahresniveau lagen. Nicht nur die ausländischen, auch die inländischen Gäste blieben den Tourismusorten in grosser Zahl fern. Leicht erholt hat sich die Auslastung im Juli und August. Das Minus bei den Logiernächten pendelte sich in diesen beiden Sommermonaten laut Bundesamt für Statistik (BFS) bei durchschnittlich 26 Prozent beziehungsweise 28 Prozent ein.

(Zwangs-)Ferien – in der Schweiz

Die regionalen Unterschiede waren jedoch beträchtlich. Einige Regionen konnten davon profitieren, dass Schweizerinnen und Schweizer auf Auslandreisen verzichteten und ihre Ferien stattdessen in den Schweizer Berggebieten verbrachten. Im Puschlav beispielsweise meldeten die Hotels früh schon «ausgebucht». Die Surselva steigerte die Logiernächte im Juli im Vergleich zum Vorjahr um 40 Prozent, das Unterengadin um 43 Prozent und das italienischsprachige Bergell gar um 53 Prozent. Dieser Aufschwung setzte sich in diesen Gebieten über die gesamte Sommersaison bis in den Herbst hinein fort. Allerdings gab es innerhalb der «Boomregionen» auch Verlierer. «Dazu zählten vor allem Restaurants, die während des Lockdowns komplett schliessen mussten und in der Folge wegen der Schutzmassnahmen nur eingeschränkt weiterarbeiten konnten», erklärt Martina Schlapbach, Regionalentwicklerin der Regiun Engiadina Bassa/Val Müstair.

Auch im Appenzell, im Tessin sowie in gewissen Regionen des Jura lagen die Logiernachtzahlen im Sommer deutlich über der entsprechenden Vorjahresperiode. Die Destination Saignelégier-Le Noirmont konnte die Übernachtungen annähernd verdoppeln. Einzelne Hotspots wie das Maggia- und das Verzasca-Tal oder das Schwimmbad in Pruntrut wurden bei schönem Wetter geradezu überrannt. Das Appenzellerland vermochte sich der Wandernden aus der ganzen Schweiz kaum mehr zu erwehren. Dieser Ansturm wurde von den Medien genüsslich ausgeschlachtet. Andreas Frey, Geschäftsführer von Appenzellerland Tourismus AR, relativiert allerdings: «Das Ganze war überhaupt kein Problem.» Er möchte jedenfalls nicht von «Overtourism» sprechen. «An Spitzentagen haben wir jeweils versucht, die Wandergruppen auf weniger begangene Routen umzulenken – mit gutem Erfolg», betont er.

Ebenfalls zu den Gewinnern gehörten die Vermieterinnen und Vermieter von Ferienwohnungen. Abgelegene Domizile waren besonders gefragt. Auf der Plattform von Graubünden Tourismus wurden zum Beispiel im Oktober, als das sommerliche Zwischenhoch in vielen anderen Regionen längst abgeflaut war, immer noch über 70 Prozent mehr Ferienwohnungen gebucht, dies bei einem Angebot von 3000 Wohnungen in zehn Destinationen.

Im Städtetourismus läuft (fast) nichts mehr

Zum grossen Verlierer geriet der Städtetourismus. In den urbanen Zentren fehlten die internationalen Gäste, und der Geschäfts- und Kongresstourismus kam fast vollständig zum Erliegen. Zürich (–77%), Genf (–75%), Luzern (–66%), Basel (–63%) und Bern (–59%) büssten in den Sommermonaten am meisten bei den Logiernächtezahlen ein. Da sich im Oktober die Situation nach einer kurzen Besserung im Frühherbst wieder verschärft hat, ist die Lage inzwischen ausgesprochen düster. Laut einer Umfrage von Hotelleriesuisse bereiten zwei Drittel der Stadthotels Entlassungen vor. Hunderte grösserer Stadthotels sind unmittelbar vom Konkurs bedroht.

Neben dem Städtetourismus litten jene Bergregionen besonders unter der Krise, die stark auf ausländische Gäste, insbesondere auf Gruppenreisende aus dem asiatischen Raum, ausgerichtet sind. Dazu zählt die Destination Engelberg/Titlis. Bei den Titlis Bergbahnen sank der Umsatz in den Sommermonaten auf 20 bis 30 Prozent des Vorjahresniveaus. Geschäftsführer Norbert Patt, der sofort mit rigorosen Kostensenkungsmassnahmen reagierte, hat inzwischen einen Stellenabbau angekündigt. Auch den Jungfraubahnen fehlten plötzlich die internationalen Gäste, die bisher zu 70 Prozent aus Asien stammten. Die Marketingverantwortlichen versuchten zwar, mit Massnahmen wie dem «Jungfrau Corona-Pass» für freie Fahrt auf dem Streckennetz der Jungfraubahnen schnell gegenzusteuern – mit dem Resultat, dass das Jungfraujoch plötzlich zu 95 Prozent in Schweizer Hand war. Doch im Gegensatz zu den asiatischen Gästen kamen die Schweizerinnen und Schweizer nur bei schönem Wetter. Und sie gaben im Schnitt weniger Geld aus als die Touristinnen und Touristen aus dem Fernen Osten.

Zu den Gewinnern, die es im Berner Oberland auch gab, zählten wie in den meisten Regionen der Schweiz jene Ausflugsziele und Hotels, die primär auf den schweizerischen und den europäischen Markt setzen. «Auch die Campingbetriebe profitierten, ebenso die traditionell weniger international ausgerichtete Teilregion Haslital-Brienz», sagt Stefan Schweizer, Geschäftsführer der Regionalkonferenz Oberland Ost. Trotz der sommerlichen Lichtblicke fällt die touristische Bilanz insgesamt aber auch im Berner Oberland negativ aus. Die Region Interlaken zum Beispiel verzeichnete im Juli in der Hotellerie bei den Schweizer Gästen zwar ein Plus von 192 Prozent. Trotzdem halbierte sich die Logiernächtezahl insgesamt, weil die Destination in einer normalen Saison hauptsächlich vom globalen Geschäft lebt. In ähnlicher Situation befinden sich auch andere bekannte Orte wie Wengen, Davos in Graubünden oder verschiedene Destinationen im Wallis, allen voran Zermatt.

Appenzell © regiosuisse

Im Jura werden böse Erinnerungen wach

Ein ähnliches wirtschaftliches Rückgrat wie der Tourismus für grosse Teile der Berggebiete ist die Uhrenindustrie für den Jura. Zusammen mit dem Tourismus gehört sie in der Schweiz zu jenen Wirtschaftszweigen, die unter der Corona-Krise am stärksten leiden müssen. Der Umsatz in der Uhrenindustrie brach im zweiten Quartal um 35 Prozent ein. Von diesem Schock vermochte sich die Branche im dritten Quartal zwar leicht zu erholen, doch der Verband der Schweizerischen Uhrenindustrie rechnet für das ganze Jahr mit einem Minus von 25 bis 30 Prozent. Bis im Oktober wurden über ein Drittel weniger Uhren exportiert als im letzten Jahr.

Die Situation weckt in den sogenannten «Villes Horlogères» – den Uhrenstädten des Jurabogens – schlechte Erinnerungen an vergangene Zeiten. Städte wie Le Locle haben aus der «Uhrenkrise» in den 1970er-Jahren zwar gelernt und ihre Wirtschaft seither breiter ausgerichtet; die Abhängigkeit von der Uhrenindustrie ist vielerorts jedoch weiterhin gross. Paradebeispiel ist das Vallée de Joux: Im Hochtal an der Grenze zu Frankreich leben 7000 Leute, und es gibt dort 8000 Arbeitsplätze, grösstenteils in der Uhrenindustrie. «Die Corona-Pandemie hat uns hart getroffen», sagt Eric Duruz, Direktor der ADAEV (Association pour le Développement des Activités Economiques de la Vallée de Joux). Die Uhrenfabriken ergriffen zwar frühzeitig Schutzmassnahmen für das Personal, noch bevor der Bund solche verordnete. Doch nach dem Lockdown standen die meisten Betriebe eineinhalb Monate still. Die Pandemie war im Vallée de Joux auch nicht einfach ein fernes Donnergrollen, sondern forderte überdurchschnittlich viele Todesopfer. Die Behörden der verschiedenen Ebenen arbeiteten koordiniert zusammen mit dem Ziel, die Gesundheitsversorgung im Tal auch während der schlimmsten Phase einigermassen aufrechtzuerhalten. «Elementar für unsere Wirtschaft und für die Gesundheitsversorgung sind die Grenzgängerinnen und Grenzgänger», so Duruz. Entscheidend war folglich, dass die Grenze zu Frankreich für diese Pendler weiterhin offenblieb.

Auch wenn jetzt noch längst nicht alles ausgestanden ist, so keimt im Vallée de Joux mittlerweile die Hoffnung auf, dass es diesmal doch nicht so schlimm kommen wird wie in den 1970er-Jahren, als mehr als ein Viertel der Einwohnerinnen und Einwohner das Tal verliessen. «Wir sind inzwischen krisenerprobt und viel widerstandsfähiger», sagt Duruz. Er ist überzeugt, dass das Tal sogar gestärkt aus dieser Krise hervorgehen wird, «dank dem Innovationsgeist unserer Bevölkerung, der Solidarität, einer gewissen Hartnäckigkeit und einem unerbittlichen Kampfgeist».

Der Zwischenstand

Wie wird das Corona-Jahr 2020 letztlich enden? Und wie rasch wird sich die Wirtschaft erholen? Noch am 12. Oktober machten die Ökonomen des Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO) eine zuversichtliche Prognose. Sie rechneten zu jenem Zeitpunkt für das laufende Jahr beim Bruttoinlandprodukt mit einem Minus von 3,8 Prozent. Das tönte deutlich optimistischer als im Frühjahr, als sie im schlimmsten Negativszenario einen Rückschlag bis zu 10 Prozent nicht ausschliessen wollten. Trotzdem, auch mit dem milderen Oktober-Szenario wären die Auswirkungen der Pandemie immer noch sehr gravierend: Ein BIP-Rückgang von 3,8 Prozent würde die stärkste Rezession seit der Erdölkrise Mitte der 1970er-Jahre bedeuten.

Regionalökonomische Auswirkungen von Covid-19
Im Rahmen des «Regionenmonitorings» beobachtet regiosuisse die regionalwirtschaftliche Entwicklung in den Regionen, spezifisch auch in Bezug auf die Auswirkungen der Corona-Krise. Die Berichterstattung zu den aktuellen Auswertungen erfolgt jeweils auf regiosuisse.ch/coronakrise

Die Situation hat sich inzwischen mit der zweiten Welle drastisch verändert. Eine Bilanz lässt sich folglich schwerlich ziehen, und Prognosen sind jeweils schnell wieder veraltet. Ende Oktober, bei Redaktionsschluss, rechneten vier Fünftel der im Tourismus tätigen Unternehmen mit einer weiteren Verschlechterung der Situation in der Wintersaison. Diese ist bekanntlich vor allem für die Skidestinationen weitaus wichtiger als die Sommersaison. Martin Nydegger, Chef von Schweiz Tourismus, bereitet den Sektor auf eine lange Durststrecke vor. Er meint: «Eine vollständige Erholung wird es erst 2023 oder 2024 geben». Vor allem für die Städte werde es «brutal», betont er. Ein etwas optimistischeres Bild zeichnet Nydegger für die klassischen Wintersportgebiete. Monika Bandi Tanner, Co-Leiterin der Forschungsstelle Tourismus im Zentrum für Regionalentwicklung der Universität Bern, verweist darauf, dass nun vieles davon abhänge, wie sich die Situation an der Pandemie-Front weiterentwickeln werde und welche Massnahmen und Schutzkonzepte in den Skigebieten damit verbunden sein würden. Wie das Jahr 2020 für den Tourismus enden wird, lässt sich aufgrund der zahlreichen Unsicherheitsfaktoren derzeit also schwer abschätzen.

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«Remote Work» und der Rückzug in die Berge

Nicht nur die einseitige, stark auf besonders betroffene Wirtschaftsbereiche wie der Tourismus oder die Uhrenindustrie ausgerichtete Branchenstruktur erhöhte in der aktuellen Krise die Verwundbarkeit vieler Regionen. Eine Rolle spielt auch die Grösse der Unternehmen, ganz unabhängig von der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Branche. Gemäss einer Umfrage der UBS musste während des Lockdowns jedes fünfte Unternehmen mit weniger als zehn Beschäftigten den Betrieb einstellen. Bei den Unternehmen mit 10 bis 49 Beschäftigten war es jeder zehnte Betrieb. Hingegen mussten «nur» drei Prozent der Grossunternehmen schliessen. Das wirkte sich besonders negativ in Kantonen wie Appenzell Innerrhoden, Graubünden und Wallis aus, die einen hohen Anteil an Klein- und Mikrobetrieben aufweisen. Aufgrund verschiedener weiterer Indikatoren kommt die UBS zum Schluss, dass die Bergkantone von der Krise generell viel stärker betroffen sind und nun auch eine längere Erholungsphase benötigen.

Bestätigt hat sich während der Pandemie, dass eine Krise bestehende Trends beschleunigt und verstärkt. Mit Blick auf die vielerorts erfolgte Umstellung auf Homeoffice kommt eine Studie der Universität Basel zum Schluss, dass diese Transformation für die ländliche Wirtschaft offenbar eine grössere Herausforderung darstellte als für die städtische Wirtschaft. Was die Studie allerdings ausser Acht lässt: Manche Beschäftigte haben sich während des Lockdowns aus der Stadt in ihr Refugium in den Bergen zurückgezogen. Dort haben sie ihr Feriendomizil kurzerhand in ein Homeoffice verwandelt. Wie viele der rund 500 000 Zweitwohnungen während Corona tatsächlich so genutzt wurden, ist jedoch nicht bekannt. «Unsere Region war diesen Sommer sehr belebt, nicht zuletzt wegen der vielen ‹Remote Worker› [Mitarbeitende im Homeoffice, Anm. der Red.]», meint Rudolf Büchi, Regionalentwickler bei der Regiun Surselva. Ein Indiz für deren Präsenz sei die starke Zunahme der Netznutzung und der telefonischen Gesprächsminuten in der Region. «Die Surselva profitiert bei diesem Trend eindeutig von einer sehr guten Breitbandinfrastruktur und von aktiv bewirtschafteten Ferienwohnungen, die in Kombination mit Co-Working-Spaces, so zum Beispiel im Rocks Resort Laax, hervorragende Bedingungen für ‹Remote Work› bieten», so Büchi.

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Die meisten «Remote Worker» sind nach dem Lockdown zwar wieder in ihre städtischen Erstwohnsitze zurückgekehrt. Doch manche werden auf den Geschmack gekommen sein und sich überlegen, ob sie das Krisen- und Ferienrefugium künftig nicht auch in ganz normalen Zeiten als Arbeitsstätte nutzen möchten. Dies wäre ganz im Sinne jener Entwicklungsstrategen, die die Zukunft der Berggebiete in der residenziellen Ökonomie sehen, begünstigt durch Homeoffice sowie die hybriden und flexiblen neuen Arbeitsformen, die ein Wohnen und Arbeiten fernab der städtischen Zentren ermöglichen und begünstigen (vgl. «regioS 18»).

Die NRP hat als Organisation auch in den schwierigsten Momenten gut weiterfunktioniert.

Die NRP im Krisenmodus

Wie haben die NRP-Verantwortlichen in den Regionen auf die Corona-Krise reagiert? Hatten sie überhaupt Handlungsspielraum? Stefan Schweizer stellt klar, dass es nicht Aufgabe der NRP sei, in einer solchen Ausnahmesituation hektischen Aktivismus zu entfalten und Krisenintervention oder gar Notfallhilfe zu betreiben. Die Regionalpolitik sei vielmehr langfristig darauf ausgerichtet, die Regionen darin zu unterstützen, die Herausforderungen des Strukturwandels zu bewältigen. Ähnlich äussert sich Rudolf Büchi: «Unsere Möglichkeiten, direkt etwas zur Linderung der Corona-Krise zu leisten, sind beschränkt.» Auf die kurzfristige Lancierung von NRP-Projekten zur Bekämpfung der Krise wurde folglich in den meisten NRP-Regionen der Schweiz verzichtet.

Das heisst aber nicht, dass die Akteurinnen und Akteure untätig geblieben wären, im Gegenteil: Die Regiun Engiadina Bassa/Val Müstair, die Regiun Surselva sowie die Regionen Imboden und Viamala beispielsweise beteiligten sich an einer überregionalen Initiative im Kanton Graubünden. In deren Rahmen wurde eine Online-Plattform als digitaler Marktplatz für die während der Krise noch lieferbaren regionalen Produkte und Dienstleistungen aufgeschaltet. «Diese Plattform wurde sehr geschätzt und ist weiterhin sehr beliebt. Wir klären nun ab, ob sie über die Corona-Krise hinaus dauerhaft betrieben werden sollte», erklärt Martina Schlapbach, Regionalentwicklerin der Regiun Engiadina Bassa/Val Müstair. Ähnliche Plattformen wurden in vielen weiteren Regionen lanciert, so «mehr-uri.ch» im Kanton Uri, die über die NRP finanziert wurde, oder «favj.ch/c19/» im Valleé de Joux, um nur zwei weitere Beispiele zu nennen.

Viele Tourismusdestinationen starteten – vor allem über das aufgestockte Budget von Schweiz Tourismus – kurzfristig Werbeaktionen. Destinationen und Hotels, die bislang von Seminar- und Gruppengästen lebten, stellten auf Individualtouristen aus der Schweiz um. Restaurants vergrösserten ihre Aussenterrassen, «wobei die Behörden plötzlich viel pragmatischer Bewilligungen erteilten», wie Andreas Frey von Appenzellerland Tourismus AR erfreut feststellt. Verschiedene Dienstleistungen wurden, damit sie unter Einhaltung der Distanzregeln angeboten und erbracht werden konnten, notfallmässig digitalisiert. Der Kanton Wallis und The Ark, eine Stiftung zur Wirtschaftsförderung, lancierten zu diesem Zweck Anfang Mai die Initiative «Digitourism», an der sich rund dreissig Jungunternehmen mit Vorschlägen beteiligten. Eine Jury wählte schliesslich acht Projekte aus, die mit Unterstützung von CimArk, dem verlängerten Arm der RIS (Regionale Innovationssysteme) Westschweiz im Wallis, umgesetzt wurden. Der gemeinsame Nenner: Sämtliche Vorhaben zielen darauf ab, den Tourismus im Kanton mithilfe digitaler Lösungen neu anzukurbeln. Ein Beispiel: Das Start-up Guidos.bike hat den digitalen und personalisierten Tourguide «Guidos» innerhalb von wenigen Wochen zur Marktreife entwickelt. Es handelt sich um ein intelligentes GPS, das auf dem Bike montiert wird und den User auf einer individuell gestalteten Tour begleitet. Mehr als fünfzig Outdoor-Anbieter wenden den Tourguide inzwischen an, mit Verbier auch eine grosse Tourismusdestination.

Die Krise als Chance

Die RIS stellten mit dem Lockdown im März ihre Coaching-Programme sofort um. RIS Mittelland schaltete unverzüglich eine Website auf, die alle wichtigen Informationen zu den Unterstützungsangeboten des Bundes, des Kantons Bern und weiterer Institutionen im Zusammenhang mit der Pandemie auflistete. Diesem Beispiel folgten wenig später die RIS in allen übrigen Landesregionen. Ausserdem verlagerten die Beraterinnen und Berater ihren Fokus vom Innovationscoaching auf das Krisenmanagement. Zudem unterstützten sie einige Unternehmen im Bemühen, die Krise als Chance für Prozessoptimierungen und Transformations- und Innovationsprojekte zu nutzen. Beispiel Sensopro AG in Münsingen BE: Die Firma produziert seit ein paar Jahren Fitnessgeräte für ein gelenkschonendes Koordinationstraining. Die krisenbedingt ruhigeren Zeiten hat sie genutzt, um ein neues Produkt zu entwickeln, das noch in diesem Jahr marktreif sein könnte. Das Projekt wurde mit Unterstützung des RIS-Coachs Nicolas Perrenoud vorangetrieben.

Die Leistungen der NRP in der Krise halfen vielen Unternehmen, besser über die Runden zu kommen. Die entscheidende Hilfe aber, die unzählige Firmen vor dem Untergang bewahrte, kam letztlich vom Bundesrat, der ein Sonderpaket aus erleichterter Kurzarbeit, Erwerbsausfallentschädigungen und notfallmässig gesprochenen, verbürgten Krediten schnürte. Ohne diese Unterstützung sähe es in vielen Regionen um einiges düsterer aus. Die NRP-Massnahmen konnten naturgemäss nur ergänzend wirken. Die schnell geschaffene Möglichkeit, die Rückzahlung von Darlehen der NRP uns der Investitionshilfe für Berggebiete (IHG) aufzuschieben, hat jedoch die Liquidität mancher Projektträger erhöht und so den wirtschaftlichen Druck reduziert.

Angesichts der von vielen NRP-Verantwortlichen in dieser schwierigen Zeit geleisteten Sonderschichten sollte nicht vergessen werden, welche enorme Herausforderung es war, die NRP während des Lockdowns operationell überhaupt am Laufen zu halten. Viele Sitzungen, Workshops und Tagungen mussten notfallmässig in den Remote-Modus umgestellt oder abgesagt werden. Einiges hat sich verzögert, weil sich die digitale Kommunikation nicht für alles eignet, oder musste auf später verschoben werden. Insgesamt haben die Beteiligten der NRP aber eine steile Lernkurve durchlaufen. Die NRP hat als Organisation auch in den schwierigsten Momenten gut weiterfunktioniert.

regiosuisse.ch/coronakrise-nrpmehr-uri.chfavj.ch/c19/

Das Virus als Innovationsbeschleuniger

Auswirkungen der Corona-Krise auf Schweizer KMU. Sebastian Gurtner, Nadine Hietschold. BFH Gestion, 2020.