Näher am Ziel dank weniger Tempo

Jana Avanzini

Weniger Ressourcen zu verschwenden dank guter nachbarschaftlicher Beziehungen zwischen Unternehmen: Das ist das Ziel der Kreislaufwirtschaft im Rahmen von Arealentwicklungen. Im Ecoparc de Daval in Sierre VS wird das nun versucht.

Ein über 27 Fussballfelder grosser Industriepark: Das hört sich erst mal nicht besonders attraktiv an. Doch das Ziel in Sierre ist, auf dieser Fläche eine ökologischere und ökonomisch optimierte Gemeinschaft von Unternehmen zu schaffen. Zwanzig Jahre ist es her, seit die Idee des Ecoparc de Daval in Sierre entstanden ist. Die Gemeinde hat das Projekt schliesslich 2016 gestartet, die Umzonung und die Änderungen des Zonennutzungsplans nahmen erwartungsgemäss einige Zeit in Anspruch. Heute sind zehn Unternehmen Teil des Projekts – kleine Familienbetriebe ebenso wie international tätige Unternehmen, etwa Aqua4D, das wassersparende Bewässerungsanlagen für Industrie und Landwirtschaft produziert, ein Chocolatier oder das ehemalige Walliser Start-up Eversys, das mittlerweile mit seinen über 170 Angestellten führend ist im Segment der Premium-Kaffeemaschinen. Weniger Ressourcen zu verschwenden dank guter nachbarschaftlicher Beziehungen zwischen Unternehmen: Das ist das Ziel der Kreislaufwirtschaft im Rahmen von Arealentwicklungen. Im Ecoparc de Daval in Sierre VS wird das nun versucht.

Sebastian Barbey, Aqua4D © regiosuisse

Ohne Vollgas

Die Anfrage von Unternehmen um einen Platz im Ecoparc de Daval ist aber viel grösser. «Land, vor allem Industrieland, ist Mangelware», betont Stéphane Revey, Leiter der Wirtschaftsförderung Sierre. Da ist man begehrt, wenn man 200 000 Quadratmeter zur Verfügung hat. Es habe zu Beginn geradezu eine Flut von Anfragen gegeben. Dass der Ecoparc trotzdem nicht schneller wächst, sei Absicht. «Wir haben unsere Auswahlkriterien, die erfüllt sein müssen, um Teil des Ecoparc zu werden», so Revey. Diese umfassen unter anderem obligatorische Grünflächen für alle Parzellen und faire Arbeitsbedingungen für die Angestellten. Empfohlen wird den Unternehmen auch die Nutzung von Solarenergie. Mit den Jahren soll auch die Energieeffizienz gesteigert werden; so soll etwa der Abfall der einen zur Energiequelle für andere werden.

Das Gelände liesse sich innerhalb von zwei Jahren mit Unternehmen füllen, die einigermassen das erwünschte Profil aufwiesen. Bringe man aber die Geduld auf und gebe sich zehn oder gar zwanzig Jahre, habe man dafür Firmen an Bord, die sich voll und ganz mit den Ideen identifizieren. «Wir wollen eine nachhaltige Entwicklung, sowohl ökonomisch als auch ökologisch», sagt Revey. Das beinhalte den Umgang mit Ressourcen und die Nutzung von Raum, Materie und Energie. «Und wir wollen weise mit dem Land umgehen», ergänzt er. So weiden rund um die Gebäude der Firma Eversys öfter Schafe. Regenwasser, abgeleitet von den Gebäuden, fliesst zurück in den natürlichen Kreislauf.

Unter der Sonne

Gerade aus dem Solarenergiebereich seien derzeit Unternehmen daran interessiert, sich im Ecoparc de Daval niederzulassen – «denn Sierre ist mit 2200 Sonnenstunden pro Jahr eine der sonnenreichsten Städte der Schweiz», betont Stéphane Revey – ein weiterer Pluspunkt für das Gelände. Schon zu Beginn wurde eine effiziente öffentliche Led-Beleuchtung mit Bewegungssensor und Fernverwaltung auf dem Gelände installiert. Alleebäume wurden gepflanzt. Die Firmen profitieren von gemeinsamen Abfallsystemen, dem Postdienst und einer Bauberatung. Weiter könnten Logistik- und Sicherheitssysteme geteilt werden, Kantinen und Kinderbetreuungsangebote.

Alles Dinge, die funktionieren können, weiss Benoît Charrière, Leiter Wissensgemeinschaften bei regiosuisse, der Netzwerkstelle für Regionalentwicklung und stellvertretender Leiter des Beratungsunternehmen dss+ Genf. Das Problem dabei sei jedoch oft die Abhängigkeit voneinander. Was, wenn eine Firma plötzlich aussteigt, die bisher die gemeinsame Kantine, die Solaranlage oder die Krippe auf ihrem Gelände geführt hat? «Miteinander zu arbeiten, birgt immer auch ein gewisses Risiko», so Charrière. Zudem falle es vielen Unternehmen schwer, eine allfällige Zusammenarbeit mit Nachbarn überhaupt anzugehen, betont er.

vlnr.: Mickaël Yonnet, David Pasquiet und Laura Blardone, David Chocolatier © regiosuisse

Fehlende Eigeninitiative

Oft wüssten Unternehmen gar nicht, was die Nachbarfirma tue, geschweige denn, welche Ressourcen sich gemeinsam nutzen liessen. Das sei verständlich, wenn man bereits mit wirtschaftlichen Herausforderungen kämpfe. Da könne man sich nicht auch noch darauf konzentrieren, wie man mit der Firma im Nachbargebäude zusammenarbeiten könnte. «Es ist dann viel einfacher, erst mal nur an sich zu denken.» Trotzdem bestehe in diesem Bereich extrem viel Potenzial. «Natürlich sind die Kosten, finanziell und personell, zu Beginn höher. Es zahlt sich jedoch langfristig aus – für die Region, die Umwelt, aber auch für die Unternehmen selbst. Es braucht aber immer auch Personen und Firmen, die vorausgehen», so Charrière.

Daher ist es wichtig, dass ein initialer Akteur solche Projekte anstösst – ein Verband, eine öffentliche Institution oder ein Privatunternehmen, das die Aufgabe übernimmt, die Zone zu beleben und Dienstleistungen für die Unternehmen zu betreiben. Revey startete vor zwei Jahren als Leiter der Wirtschaftsförderung von Sierre. «Nachdem ich mit jeder einzelnen Firma Gespräche geführt hatte, sah ich den Willen zur Zusammenarbeit bei allen. Aber niemand ergriff die Initiative», sagt er. Also machte die Gemeinde die ersten Schritte und übernahm eine unterstützende und koordinierende Rolle. Im vergangenen Jahr wurde ein Gewerbeverband gegründet, um diese Synergien zu fördern. Im Vordergrund stehen vorerst der Austausch und möglicherweise die Zusammenarbeit bei gemeinsamen Anfragen bei der öffentlichen Hand. Gemeinsame Investitionen wären ein weiterer Schritt.

Stéphane Revey und Emilie Saint-Yves, Aqua4D © regiosuisse

Vor zwei Jahren wurde ein Ingenieurbüro mit der Entwicklung eines nachhaltigen Mobilitätskonzepts beauftragt. Über die Auseinandersetzung mit der Mobilität kann ökologischer Fortschritt erzielt, aber auch die Kommunikation gefördert werden. Ein gemeinsamer, aber kleiner Parkplatz bringt die Unternehmen eher dazu, Car-Sharing zu unterstützen, sich gemeinsam für Busverbindungen einzusetzen oder für einen direkten Veloweg vom Stadtzentrum in den Industriepark.

«Schliessen sich Unternehmen zusammen und treten mit Hunderten oder gar Tausenden Angestellten gemeinsam auf, haben sie gegenüber anderen Anbietern oder der Politik grössere Chancen», versichert Benoît Charrière. Auf diesem Weg lassen sich gemeinsame ökologische Ziele auch erreichen.

sierre.ch/fr/ecoparc-daval-2042.html

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«Zirkulär in die Zukunft»

Pirmin Schilliger & Urs Steiger

Wie kann die Kreislaufwirtschaft in die Wirtschaft und die Gesellschaft integriert und als zukunftsweisendes Modell einer nachhaltigen Entwicklung gezielt gefördert werden? Welche besonderen Chancen eröffnen sich damit der regionalen Wirtschaft? Diese Fragen diskutierten im Gespräch mit «regioS» Marie-Amélie Dupraz-Ardiot, Sustainability-Managerin und Verantwortliche des Kantons Freiburg für die Strategie «Nachhaltige Entwicklung», Antonia Stalder, Geschäftsführerin von Prozirkula, sowie Ökonomieprofessor Tobias Stucki, Co-Leiter des Instituts Sustainable Business an der Berner Fachhochschule Wirtschaft.

regioS: Kreislaufwirtschaft ist ein älteres Konzept. In der Schweiz hat sich die Abfallkampagne des Bundes bereits in den 1990er-Jahren mit Aspekten davon auseinandergesetzt. Können wir folglich heute auf Bestehendem aufbauen, oder starten wir neu?

Marie-Amélie Dupraz-Ardiot: Das Konzept der Kreislaufwirtschaft ist heute relevanter als je zuvor. Wir können dabei zwar auf Bestehendem aufbauen, aber wir müssen deutlich mehr machen als bisher. Wir dürfen nicht nur das Recycling ansprechen, sondern müssen eine breitere Perspektive entwickeln, in der Themen wie «Abfall vermeiden», «Reparieren» und «Wiederverwenden» eine grosse Rolle spielen.

Tobias Stucki: Wir haben das Denken in Kreisläufen generell noch zu wenig verinnerlicht. Wir müssen dieses Denken auch bei uns wieder in die Köpfe reinkriegen, so wie das früher normal war und heute in ärmeren Ländern noch ganz normal ist. In einer Vorlesung hat ein Student aus Kuba gesagt: «Kreislaufwirtschaft ist, wie wir bei uns leben.»

Antonia Stalder: Einen – zumindest historischen – Anknüpfungspunkt gibt es auch bei uns. In unseren Schulungen erzählen die Teilnehmenden immer wieder, dass ihre Grosseltern noch auf diese Art und Weise gewirtschaftet hätten. Sie haben zum Beispiel ihre Möbel dreissig Jahre lang zweimal im Monat geölt, um sie möglichst lange nutzen zu können. Wir haben solch sorgfältiges Wirtschaften irgendwie verlernt. Wir sind nicht mehr interessiert daran, Dinge mit langlebiger Qualität zu bauen und sie entsprechend zu unterhalten und zu pflegen. Es geht bei der Kreislaufwirtschaft tatsächlich nicht einfach nur um Recycling, sondern um die richtigen Werte. Diese beruhen darauf, dass die Dinge nicht einfach neu und chic sein müssen, sondern dass sie von guter Qualität sind, sodass sie sich mehrmals aufbereiten und immer wieder reparieren lassen – und dabei noch edler aussehen als Neueinkäufe.

Wo stehen wir heute in der Umsetzung gemessen am Fernziel einer konsequent auf erneuerbare und wiederverwertbare Ressourcen ausgerichteten Kreislaufwirtschaft?

Marie-Amélie Dupraz-Ardiot: Wir sind vom Fernziel noch weit entfernt. Um die Kreislaufwirtschaft überhaupt umsetzen zu können, brauchen wir eine neue Denkweise. Solange in unseren Köpfen nichts passiert, nehmen die Materialflüsse in unserer Wirtschaft unentwegt zu. Wir müssen uns wieder an all das erinnern, was wir von unseren Grosseltern hätten lernen können. 

Antonia Stalder: In der Baubranche beispielsweise verbauen wir mengenmässig so viel, dass wir mit den eingesetzten Materialien jeden Monat New York City frisch aus dem Boden stampfen könnten. Laut Prognosen wird sich bis 2050 daran auch nichts Entscheidendes ändern.

Tobias Stucki: Wir haben erst kürzlich gemeinsam mit der ETH eine repräsentative Befragung bei Unternehmen in der Schweiz durchgeführt. Die Ergebnisse zeigen, dass lediglich bei rund zehn Prozent der Firmen die Kreislaufwirtschaft schon ernsthaft ein Thema ist. Rund vierzig Prozent der Unternehmen haben hingegen in den letzten Jahren keine Massnahmen zur Steigerung der ökologischen Nachhaltigkeit umgesetzt.

Lässt sich Kreislaufwirtschaft in der Schweiz, deren Wirtschaft bekanntlich extrem in globale Wertschöpfungsketten eingebettet ist, überhaupt umsetzen? Wie können sich die Betriebe organisieren, um zirkulär zu werden?

Tobias Stucki © regiosuisse

Tobias Stucki: Die zirkuläre Transformation setzt in den meisten Fällen voraus, dass man die gesamten Lieferketten überdenken und – zum Teil mit neuen Partnern – neu organisieren muss. Dabei ist nicht die Logistik das grösste Problem. Die eigentliche Herausforderung bilden die Produkte selbst. Zentral ist die Frage, welche Materialien und Stoffe in welchen Produkten überhaupt eingesetzt werden sollen.

Antonia Stalder: Ich glaube nicht, dass wir uns die globalen Wertschöpfungsketten mitsamt allem logistischen Aufwand in diesem Ausmass auch in Zukunft leisten können. Heute produzieren wir – das Wort sagt es – entlang von Ketten, sogenannten Wertschöpfungsketten, die per se linear und nicht zirkulär sind. Wir werden nicht darum herumkommen, in Zukunft viel mehr Produkte und Geräte aufzubereiten, zu reparieren und zu teilen, und zwar im regionalen und lokalen Rahmen. Wenn wir stattdessen unseren globalen Warenverkehr noch stärker ausweiten, sehe ich grosse Probleme auf uns zukommen.

Tobias Stucki: Letztendlich stehen wir bei der Umsetzung einer effizienten Kreislaufwirtschaft einem Trade-off gegenüber: Einerseits macht es natürlich Sinn, Kreisläufe möglichst lokal zu schliessen, andererseits wird dies technisch nicht immer möglich sein. Wir brauchen in Zukunft einen gewissen Mix aus lokalen, regionalen und globalen Wertschöpfungskreisläufen.

Wie beurteilen Sie, Frau Dupraz-Ardiot, die Notwendigkeiten und Möglichkeiten, die Kreislaufwirtschaft in unserem System einzuführen?

Marie-Amélie Dupraz-Ardiot: Die Kreislaufwirtschaft wird über kurz oder lang ein wesentlicher Teil der Ökonomie, denn sie ist ein entscheidender Kostenreduktionsfaktor und auch ein Faktor der Wettbewerbsfähigkeit. Ausserdem trägt sie zur Resilienz bei in einer Zeit, in der die Rohstoffpreise rasant steigen und es Engpässe in den Lieferketten gibt. So betrachtet wird die Kreislaufwirtschaft immer mehr auch zum Faktor der wirtschaftlichen Widerstandsfähigkeit einer Region.

Marie-Amélie Dupraz-Ardiot © regiosuisse

Gibt es dafür ein erfolgreiches Beispiel?

Marie-Amélie Dupraz-Ardiot: Im Kanton Freiburg haben wir eine Agrar- und Lebensmittelstrategie entwickelt, die sich stark auf die Umsetzung einer regionalen Kreislaufwirtschaft mitsamt der Vernetzung der Akteurinnen und Akteure konzentriert. Eine der Leitideen ist dabei, die sekundäre Biomasse wiederzuverwerten.

Wo liegen die eigentlichen Knackpunkte bei der Umsetzung?

Antonia Stalder: Der Knackpunkt in der öffentlichen Beschaffung zum Beispiel liegt in der Komplexität. In unserer Beratung versuchen wir, diese auf eine verständliche Ebene herunterzubrechen. Der Bedarf nach dieser Art von Beratung ist vor allem in kleineren Strukturen gross. Ein Kanton hat vielleicht noch die notwendigen Ressourcen, aber eine Gemeinde ist mit dem Thema schnell überfordert. Es fehlen allerdings praktische Instrumente zur Umsetzung. Ich denke an Checklisten, verbindliche Ausschreibungskriterien, Blueprints für klare Entscheidungsgrundlagen und Ähnliches. Dazu wollen wir von Prozirkula in der Beratung und mit unserem Kompetenzzentrum einen Beitrag leisten.

Tobias Stucki: Die Herausforderungen in der Privatwirtschaft sind ähnlich wie bei der öffentlichen Beschaffung: Das Konzept der Kreislaufwirtschaft ist den Verantwortlichen zwar einigermassen bekannt, aber die Umsetzung im eigenen Betrieb erweist sich als schwierig. Es gibt kaum Standardlösungen dafür. Gefragt ist ein individueller Ansatz, und diesen zu entwickeln, ist meistens nicht ganz einfach. Hinzu kommt, dass der Wandel zur Kreislaufwirtschaft mit Finanzierungskosten verbunden ist.

Marie-Amélie Dupraz-Ardiot: Auf Kantonsebene haben wir zwar die Ressourcen, um den strategischen Rahmen zu entwickeln, in der Umsetzung fehlen uns aber die Kenntnisse. Kreislaufwirtschaft ist eine interdisziplinäre Disziplin, bei der alle Beteiligten zusammenarbeiten müssen. Es funktioniert nur, wenn alle miteinander reden, die Akteure der Wirtschaftspolitik mit jenen der Agrarpolitik, die Akteurinnen der Agrarpolitik mit jenen der Abfallwirtschaft. Ein weiterer Knackpunkt ist rein technischer Art: Die meisten Materialien lassen sich nicht beliebig oft recyceln und wiederverwenden. Sie verlieren nach jedem Durchlauf an Qualität. Zirkularität ist eine Möglichkeit, den Ressourcenverbrauch zu verlangsamen und zu reduzieren, aber sie kann ihn nicht gänzlich aufhalten.

Wer ist in der Umsetzung besonders gefordert? Welche Akteure spielen die entscheidende Rolle?

Tobias Stucki: Entscheidend sind nicht nur die Produzenten, sondern auch die Konsumentinnen und Konsumenten. Auch sie müssen sensibilisiert werden, damit die Kreislaufwirtschaft wirklich funktionieren kann. Sie müssen bereit sein, Produkte länger und zirkulär zu nutzen. Eine Schlüsselrolle spielt das öffentliche Beschaffungswesen, etwa wenn es darum geht, Pilotprojekte zu finanzieren. Mitspielen muss auch der Finanzsektor. Und selbstverständlich ist die Politik gefordert, wenn es gilt, die entsprechenden Rahmenbedingungen festzulegen. Wie generell bei der Nachhaltigkeit bringt es nichts, sich bei der Kreislaufwirtschaft nur auf einzelne Punkte zu fokussieren. Als Bildungsanbieter stehen wir zudem in der Pflicht, die Leute zu schulen und das notwendige Wissen zu vermitteln.

Verfügt die Schweiz bereits über die notwendigen gesetzlichen Rahmenbedingungen?

Tobias Stucki: An unseren Zielen gemessen: Nein! Sieht man, was die EU im Moment macht, sind wir völlig im Rückstand – obwohl wir aufgrund unserer Ressourcenknappheit und unseres Innovationswissens prädestiniert wären, eine Vorreiterrolle einzunehmen. Beginnen wir nicht sofort und energisch, an unseren Rahmenbedingungen zu arbeiten, laufen wir Gefahr, gegenüber anderen Ländern in einen Wissensrückstand zu geraten, den wir nicht mehr so schnell werden aufholen können.

Antonia Stalder: Speziell in der öffentlichen Beschaffung hätten wir mit dem revidierten öffentlichen Beschaffungsgesetz seit Januar 2021 eigentlich genug Spielraum. Es wäre klug und nützlich, diesen Spielraum auszuschöpfen und die entsprechenden Projekte aus dem Boden zu stampfen. Natürlich müssen die Rahmenbedingungen noch weiter angepasst werden, aber man könnte bereits jetzt sehr viel mehr tun, als tatsächlich geschieht.

Marie-Amélie Dupraz-Ardiot: Wir hätten, wie es Herr Stucki erwähnt hat, in der Schweiz vor einigen Jahren eine Vorreiterrolle übernehmen können. Mittlerweile ist die EU schon viel weiter, und auch einzelne Länder wie Frankreich haben mehr gesetzliche Grundlagen als die Schweiz.

Wo könnte und sollte man in der Gesetzgebung Nägel mit Köpfen einschlagen?  

Marie-Amélie Dupraz-Ardiot: In der laufenden Revision des Umweltschutzgesetzes könnte man viel machen. Der Bund hat die Revision in die Vernehmlassung geschickt. Der Kanton Freiburg hat vorgeschlagen, in verschiedenen Punkten weiter zu gehen als vorgeschlagen. Wichtig sind gesetzliche Rahmenbedingungen, die wir dann auch tatsächlich umsetzen können. Ich habe Bedenken, ob wir bereits über genügend fähige Leute mit dem notwendigen Wissen und den erforderlichen Kompetenzen verfügen. Es gibt zweifellos noch grösseren Ausbildungs- und Schulungsbedarf.

Tobias Stucki: In der Schweiz setzen wir extrem stark auf das Prinzip der Freiwilligkeit. Die EU geht da entschieden einen Schritt weiter und versucht, die Kreislaufwirtschaft gesetzlich klar zu regeln. Es gibt Vorschriften, die für Druck sorgen, sodass die Unternehmen sich wirklich bewegen müssen. Und wer nichts unternimmt, muss mit Sanktionen rechnen.

Antonia Stalder: Mehr Vorgaben und ein bisschen mehr Verbindlichkeit täten uns sicher gut. Wenn wir es nur bei der Freiwilligkeit belassen, bleiben wir Schweizerinnen und Schweizer in der Regel ziemlich träge.

Kreislaufwirtschaft ist als wesentliches Element einer nachhaltigen Entwicklung auf der Agenda der Neuen Regionalpolitik (NRP) weit nach oben gerückt. In welchen Bereichen sehen Sie besondere Chancen und Vorteile, in den Regionen die Kreislaufwirtschaft erfolgreich umzusetzen?

Antonia Stalder © regiosuisse

Antonia Stalder: Haben sich kreislauffähige Lösungen einmal etabliert, haben sie das Potenzial, ökonomisch und ökologisch grundsätzlich besser zu sein als lineare Lösungen. In der linearen Wirtschaft vernichtet man ja Werte, indem man Dinge wegwirft, die noch wertvoll wären. Rückt man von dieser Praxis ab und stellt stattdessen den Werterhalt in den Vordergrund, gewinnt man auf der ganzen Linie, egal, ob in der Stadt oder in einer ländlich geprägten Region. Hinzu kommen weitere Vorteile wie Liefersicherheit und Resilienz. Kürzlich hatten wir den Fall eines Kaffeeautomatenherstellers, der uns in grosser Verzweiflung gesagt hat: «Nennt mir die grösste Deponie in Deutschland, ich schicke zehn meiner Mitarbeiter dorthin, damit sie unsere Geräte raussuchen und die Chips ausbauen. So können wir weitere drei Monate produzieren und überleben.» Die Region kann also in der Kreislaufwirtschaft zur entscheidenden Drehscheibe werden.

Frau Dupraz-Ardiot, wie bringen Sie die Kreislaufwirtschaft gezielt in die Regionen des Kantons Freiburg?

Marie-Amélie Dupraz-Ardiot: Meine Hauptaufgabe ist es, das Bewusstsein über die Herausforderungen der Nachhaltigkeit in die verschiedenen Sektoralpolitiken des Kantons einzubringen. Notwendig ist dafür eine Kultur der Interdisziplinarität. Wer in der Wirtschaftspolitik tätig ist, muss also auch an die ökologischen und sozialen Aspekte denken und umgekehrt. Wir versuchen, mit Beteiligten aus allen Bereichen der Verwaltung verschiedene Projekte zu lancieren, die diese Kultur der Interdisziplinarität leben.

Herr Stucki, wird die Kreislaufwirtschaft bei den Unternehmen als Chance begriffen oder als mühsame Last?

Tobias Stucki: Es gibt Unternehmen, die sich bereits um Kreislaufwirtschaft bemühen und entsprechend handeln, gerade weil sie da Chancen sehen. Die vielen anderen wittern in der Kreislaufwirtschaft vor allem Risiken und Gefahren. Mittlerweile gibt es aber in allen Branchen «Leuchttürme», die zeigen, dass es funktioniert. Um die Berührungsängste abzubauen, müsste man diese noch stärker ins Schaufenster stellen. Dabei geht es nicht um den sorgfältigen und effizienten Umgang mit Ressourcen, die immer knapper werden. Eine Wirtschaft, die das nicht begreift und nicht bereit ist, die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen, wird eines Tages nicht mehr wettbewerbsfähig sein.

Benötigen wir zusätzliche Signale von der Politik, um die Kreislaufwirtschaft bei uns zu etablieren?

Marie-Amélie Dupraz-Ardiot: Die aktuelle Situation mit Engpässen in den Lieferketten trägt dazu bei, dass sich viele Unternehmen der Bedeutung einer effizienten Ressourcenbewirtschaftung erstmals so richtig bewusst werden. Die Mangellage löst wohl mehr aus als manches politische Druckmittel. Gleichzeitig hoffe ich, dass die Änderung des Umweltschutzgesetzes etwas bringen wird, auch den Regionen. Im Kanton Freiburg versuchen wir mit dieser neuen Perspektive einen Plan für die Abfallbewirtschaftung zu erarbeiten, der ganzheitlich ist und weit über das Recycling hinaus die gesamte Kreislaufwirtschaft ansprechen wird.

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Ein interkommunaler Richtplan für die touristische Entwicklung

Nathalie Jollien

Die Walliser Gemeinden Crans-Montana, Icogne und Lens verfügen seit Jahren über einen interkommunalen Richtplan. Dieses Planungs- und Koordinationsinstrument erweist sich heute als probates raumplanerisches Mittel, um die Auswirkungen des Zweitwohnungsgesetzes (ZWG) zu steuern. Der gemeinsame Richtplan ermöglichte es den drei Gemeinden, die Anwendung des ZWG zu konkretisieren und gleichzeitig die Planung der Bauzonen so zu koordinieren, dass sie den Bedürfnissen der Hotellerie gerecht wird.

Der renommierte Wintersportort Crans-Montana liegt in den Walliser Alpen auf einem sonnigen Plateau über dem Rhonetal. Zusammen mit den benachbarten Gemeinden Icogne und Lens umfasst Crans-Montana eine fast 100 Quadratkilometer grosse Fläche, die vom Rhonetal bis auf über 2900 Meter hohe Bergspitzen reicht. Von den insgesamt 16 400 Wohnungen sind 10 200 Zweitwohnungen, der Zweitwohnungsanteil beträgt somit 62 Prozent. Seit das Zweitwohnungsgesetz (ZWG) im Januar 2016 in Kraft getreten ist, konnte hier praktisch keine Zweitwohnung mehr gebaut werden.

© regiosuisse

Thomas Ammann von Arcalpin, einem auf Bergregionen spezialisierten Planungsbüro, der die drei Gemeinden als Ortsplaner begleitet, beschreibt die Situation wie folgt: «Nach einer schwierigen Anpassungsphase kommen die Gemeinden mit den meisten Aspekten des ZWG inzwischen recht gut zurecht. Dies gilt insbesondere für den Bau von Erstwohnungen, bei denen die Erwerber ihren Wohnsitz nachweisen müssen. Im Bereich der strukturierten Beherbergung – Hotels oder kurzzeitige Vermietungen – stellt das ZWG die Bergtourismusgemeinden aber weiterhin vor grosse Probleme. Vor allem, weil die Möglichkeit besteht, ehemalige Hotels in Zweitwohnungen umzuwandeln.» Thomas Ammann stellt fest: «Meiner Einschätzung nach ist dies ein echter Anreiz, Hotels aufzugeben, sogar in den bekanntesten Tourismusdestinationen. Ich bin mir nicht sicher, ob das Parlament die negativen Folgen für die Tourismuswirtschaft bei der Verabschiedung dieser Möglichkeit richtig eingeschätzt hat. Das ZWG wird von Investoren und Gemeinden oft nicht gleich ausgelegt. Diese unterschiedlichen Ansichten erfordern erhebliche Anstrengungen seitens der Gemeinden, um ihre Beherbergungsprojekte im Einvernehmen mit den Investoren anzupassen.»

© regiosuisse

Mit gemeinsamem Richtplan zur kohärenten Entwicklung

Der interkommunale Richtplan (iRP) schafft vor diesem Hintergrund Klarheit bei der Umsetzung des ZWG. Er definiert präzise Rahmenbedingungen – nicht nur für neue Hotelbauten, sondern auch für den Betrieb bestehender Hotels. Die benachbarten Gemeinden Crans-Montana, Icogne und Lens stützen sich bereits seit 2005 auf einen iRP, um eine kohärente und ausgewogene Entwicklung der Region zu gewährleisten. Als Planungs- und Koordinationsinstrument wurde der iRP im Laufe der Jahre weiterentwickelt, um neuen räumlichen Herausforderungen gerecht zu werden. Heute dient der iRP nicht nur als roter Faden für die Entwicklung der Region in Bezug auf die Raumnutzung, sondern verkörpert auch eine Strategie und einen langfristigen politischen Willen.

Um optimale Rahmenbedingungen für den Tourismus zu schaffen, wurde zunächst der voraussichtliche Bedarf an Hotelkapazitäten ermittelt. Ausgehend davon wurden die idealen Standorte für die potenziellen Bauten bestimmt und im iRP eingetragen – vor allem in der Nähe touristischer Einrichtungen und mit guter Anbindung an den öffentlichen Verkehr. «Der iRP ist für die Behörden verbindlich. Für die ermittelten Standorte werden die Gemeinden in ihren Nutzungsplänen, die gegenwärtig revidiert werden, deshalb geeignete Zonen ausscheiden», erläutert Thomas Ammann und fährt fort: «Das heisst, dass in diesen Gebieten künftig nur noch Hotelbauten Platz finden können und nicht mehr einzelne Gebäude oder Chalets, wie dies heute der Fall ist.»

© regiosuisse



Bestehende Hotels erhalten

Bereits bestehende Hotels, die eine gewisse Bedeutung für die Tourismusdestination haben, werden mittels raumplanerischer Massnahmen aufgewertet und gesichert, ihre Renovation wird durch verschiedene Hilfsmassnahmen gefördert. «In den künftigen Nutzungsplänen werden die als wichtig eingestuften Hotels geeigneten Zonen zugewiesen. Damit können sie in einem Umfang renoviert und erweitert werden, der über die baulichen Möglichkeiten einer gewöhnlichen Bauzone hinausgeht», so der Fachmann weiter. Geplant ist zudem, jährlich zu evaluieren, wie sich die Erhaltung und Förderung von Beherbergungsbetrieben auf den touristischen Umsatz der Gemeinden auswirkt. Ebenso sollen diese Betriebe finanziell unterstützt werden.

© regiosuisse

Ein effizientes Mittel für Tourismusgemeinden

Der iRP legt die Standorte für künftige touristische Beherbergungen fest und trägt dazu bei, dass wichtige bestehende Hotels weiterbetrieben werden. Auf diese Weise unterstützt er eine wirksame Raumplanung und gewährleistet, dass sich der Tourismus langfristig gut entwickeln kann. «Der iRP bietet meines Erachtens die Chance, das zu wenig präzis formulierte ZWG zu konkretisieren. Gleichzeitig hilft er bei der Anwendung des neuen Raumplanungsgesetzes (RPG), das in Bezug auf die Dimensionierung der Wohnzonen sehr hohe Ansprüche stellt», erklärt Ammann. «Dank der Zonen für touristische Beherbergung können ausreichend grosse Bauzonen für die ganzjährig ansässige Bevölkerung bewahrt werden.»

Der interkommunale Richtplan von Crans-Montana, Icogne und Lens zeigt somit, dass eine intelligente Umsetzung einer Bundesgesetzgebung, die sowohl im Bereich der Raumplanung als auch der Zweitwohnungen verbindlich ist, zu einer florierenden Wirtschaft in den touristischen Berggemeinden beitragen kann.

cransmontana.ch

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Junge Ideen für die Regionalentwicklung

Lukas Denzler

Im «Next Generation Lab» von regiosuisse entwickeln junge Erwachsene Ideen für ihre Region. Dabei werden auch neue Ansätze wie das «Design Thinking» getestet. Die ersten Erfahrungen mit diesem Format sind vielversprechend. Entscheidend ist eine gute Begleitung durch mit der Region vertraute Innovations-Coaches und Mentoren. Das Vorgehen könnte Regionen als Ideengenerator dienen. Für eine konkrete Umsetzung der Projektideen sind jedoch weitere Anstrengungen notwendig.

Die Weichenstellungen von heute formen die Zukunft, in der die nächste Generation leben wird. Doch wie lassen sich junge Erwachsene in die Zukunftsgestaltung einbeziehen – Menschen der Generation Z, die um die Jahrtausendwende geboren wurden und zu den Digital Natives gehören? regiosuisse hat sich zum Ziel gesetzt, Menschen dieser Generation aktiv in die ursprünglich für April 2020 geplante Konferenz «Schweiz 2040: Regional- und Raumentwicklung von morgen – Trends, Visionen, Entwicklungsfelder» einzubeziehen. Ein eigener Workshop sollte den jungen Erwachsenen und ihren Ideen an der Konferenz eine Plattform bieten.

Junge für die Zukunft der Region gewinnen
Die Idee klingt gut. Doch wie lassen sich junge Menschen für eine Fachkonferenz zur Zukunft der Regionalentwicklung begeistern? Was manche der Organisierenden geahnt hatten, bestätigte sich. «Es war äusserst schwierig, mit diesem Thema junge Erwachsene zu erreichen», sagt Thomas Probst von regiosuisse. «Wir mussten erkennen, dass wir eigentlich über keinen Draht zu den jungen Leuten verfügen.» Dank grosser Anstrengungen und der Unterstützung durch regionale Entwicklungsträger sowie Hochschulen ist es schliesslich doch gelungen, sieben Teams für die Teilnahme an der Konferenz zu gewinnen. Das Corona-Virus machte dem Vorhaben jedoch schliesslich einen Strich durch die Rechnung.

© regiosuisse

Corona zum Trotz entschieden sich die Initiatoren, das Pilotvorhaben «Next Generation Lab» noch 2020 durchzuführen. Teams von drei bis vier jungen Erwachsenen sollten im Rahmen eines innovativen und kreativen Formats Projektideen für ihre Region entwickeln. Der Ansatz des «Design Thinking» umfasst Methoden aus dem Innovationsmanagement und der Start-up-Szene. Der Ansatz stellt die Bedürfnisse und Motivationen der Nutzenden ins Zentrum. Stichworte sind zudem: kreativ, offen, multidisziplinär. Am ersten Tag, dem sogenannten «Design Sprint», nahmen vier Teams aus der Region Prättigau/Davos, dem Thurgau, dem Ober- und dem Unterwallis teil. Jedes Team wurde von einem Innovations-Coach und einem Mentor aus der entsprechenden Region betreut. Die Teams fanden sich vor Ort in ihrer Region zusammen, während der Austausch mit den Coaches und Mentoren und die Bewertung der Projektideen durch eine Jury, bestehend aus einem Vertreter des Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO), einer Vertreterin des Bundesamts für Raumentwicklung (ARE) und einem Vertreter von regiosuisse, virtuell erfolgte.


Tourismusangebot und Direktvermarktung
Die Ergebnisse des ersten Tags überzeugten. Alle vier Teams hätten ihre Ideen an einem Folgetag im Rahmen eines «Deep Dive» vertiefen können. Persönliche Gründe wie neu gestartete Ausbildungen und Ortswechsel führten aber dazu, dass nur zwei Teams die Arbeit fortsetzten. Dabei entwickelten sie Geschäftsmodelle und Umsetzungspläne. Das Team aus dem Unterwallis verknüpfte seine Idee mit einem touristischen Angebot im Val d’Hérens. So sollen den Gästen mit einer Bustour die Naturschönheiten und kulturellen Besonderheiten des Tals nähergebracht werden. Die Gruppe aus Frauenfeld möchte regionale Produzenten mit Konsumenten zusammenbringen und strebt damit eine Direktvermarktung der Produkte im städtischen Umfeld sowie kurze Transportwege an.

Vlnr.: Sarah Michel, Raphael Zingg, Simon Vogel, Ina Schelling © regiosuisse

«Es war anstrengend, aber wir hatten am Schluss ein Ergebnis», sagt Simon Vogel von der Frauenfelder Gruppe. Der Ablauf sei sehr professionell gewesen, und er habe viel gelernt. Sie hätten sich überlegt, was im Kanton produziert werde. So sei die Idee entstanden, in der Stadt – über den Wochenmarkt hinaus – ein Angebot an landwirtschaftlichen Produkten aus der Region zu schaffen. «Wir wollen die Region mitgestalten», umreisst Simon Vogel die Motivation der Mitglieder seiner Gruppe. Beruflich arbeitet er als wissenschaftlicher Assistent im Bereich Elektrotechnik an der ZHAW in Winterthur und sitzt seit wenigen Monaten auch im Thurgauer Kantonsrat.
Brigitte Fürer, bis im Sommer Geschäftsführerin der Regio Frauenfeld, betreute als regionale Mentorin die Gruppe am ersten Tag. «Die Regio Frauenfeld war stets offen für Projekte mit jungen Menschen», sagt sie. Regionalentwicklung und nachhaltige Entwicklung gehörten zusammen, und das habe immer auch mit der jungen Generation zu tun. Eine Initiative wie das «Next Generation Lab» gebe neue Impulse und sei inspirierend. «Es liegt nun an der Region, die Idee aufzunehmen und weiterzuentwickeln», findet Fürer.

Sherine Seppey hat mit zwei Kolleginnen am «Next Generation Lab» teilgenommen. Sie hätten das Val d’Hérens gewählt, weil sie das Tal schon kannten. Der erste Tag sei sehr produktiv gewesen. «Die Betreuung hat geholfen, dass wir uns auf den Kern unserer Idee konzentrieren konnten», sagt die Studentin der HES-SO Valais-Wallis. Am zweiten Tag habe man die Idee konkretisiert und die Etappen für eine Realisierung skizziert. Im Anschluss daran hätten sie auch einen potenziellen Partner gefunden, der sich vorstellen könnte, ihren Vorschlag in sein touristisches Angebot zu integrieren.

Von der Idee zur Umsetzung
Die Projektidee sei realistisch, meint François Parvex, Experte für Kommunal- und Regionalentwicklung, der das Team Unterwallis in Sion betreute. «Die jungen Leute haben Ideen, sind aber nicht gewohnt, diese in einem Projekt auch umzusetzen», sagt er. Das «Next Generation Lab» hätten sie wie ein Spiel erlebt. Laut Parvex könnten Regionalentwicklerinnen und -entwickler dieses Format für Ideenwettbewerbe anwenden. Ihm schwebt eine Art «Ideengenerator» für die Regionen vor. Um die Ideen weiter zu konkretisieren und umzusetzen, bräuchte es dann ein gewisses Startkapital.

Jury-Mitglied Maria-Pia Gennaio Franscini, im Bundesamt für Raumentwicklung (ARE) Mitverantwortliche für die «Modellvorhaben Nachhaltige Raumentwicklung», hat es in der Regel mit Fachleuten zu tun. Sie war denn auch neugierig, wie sich die Zusammenarbeit mit jungen Menschen gestalten würde, und meint: «Es war eindrücklich, wie engagiert die Teilnehmenden dabei gewesen sind.» Eine aktive Einbindung der Jungen und Experimente mit verschiedenen Methoden und Ansätzen könnte sie sich künftig auch bei den «Modellvorhaben Nachhaltige Raumentwicklung» vorstellen.

Sherine Seppey und François Parvex © regiosuisse

«Das ‹Next Generation Lab› ist ein sehr guter Hebel, um junge Menschen für die Entwicklung ihrer Region zu sensibilisieren», findet Sherine Seppey. Wie es mit der von ihrer Gruppe entwickelten Idee weitergeht, ist noch offen. Es hängt davon ab, was man von der jungen Generation erwarte, bilanziert Simon Vogel von der Gruppe in Frauenfeld. «Ideen zu generieren, das geht gut.» Diese mit jungen Leuten auch umzusetzen, sei hingegen wenig realistisch, denn diese seien noch in der Ausbildung oder in anderen Bereichen stark engagiert. Vielleicht lasse sich eine Idee aber im Rahmen einer bestehenden Initiative realisieren. «Unsere Idee würde sehr gut zu einem Konzept passen, wie die Stadtkaserne in Frauenfeld künftig genutzt werden könnte», ist Simon Vogel überzeugt. Judith Janker, seit September Geschäftsführerin der Regio Frauenfeld, möchte die Idee denn auch weiterentwickeln. Das aufgegriffene Thema treffe einen Nerv der Zeit. Die Idee hätte am 25-Jahre-Jubiläum der Regio Frauenfeld Ende Oktober präsentiert werden sollen. Dieses musste aufgrund der Corona-Situation jedoch auf nächsten Frühling verschoben werden.

«Sowohl in Frauenfeld als auch im Unterwallis haben die Teams in zwei Tagen aus vagen Ideen konkrete Geschäftsmodelle entwickelt. Sie haben damit weit mehr erreicht, als wir bei der Konzeption ‹Next Generation Labs› erwartet haben» sagt Thomas Probst von den Initiatoren. Nun gelte es zu prüfen, wie die Pläne in die Umsetzung gebracht werden können. Dazu brauche es neben den jungen Erwachsenen auch die erfahrenen Akteurinnen und Akteure der Regionen.

Next Generation Lab: Design your future!
In einem Labor wird getüftelt, getestet. Es werden neue Verfahren geprobt, Ideen entwickelt, Ansätze verworfen und mit Kreativität und Teamwork noch bessere Lösungen entwickelt. Genau so funktioniert auch das Next Generation Lab – ein Innovationslabor zur Ideenentwicklung. Dabei testet regiosuisse einen co-kreativen Ansatz im virtuellen Raum: regiosuisse.ch/next-generation-lab

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Braingain – dank «New Highlandern»

Pirmin Schilliger

Trotz der dominierenden Abwanderung ist in den peripheren Berggebieten der Schweiz auch ein BrainGain zu beobachten. Die Zuwanderinnen und Zuwanderer aus dem Unterland und den städtischen Gebieten – auch «New Highlander» genannt – sind in der Regel gut ausgebildet. Nebst beruflichem Fachwissen bringen sie oft eine hohe Bereitschaft mit, sich in der neuen Heimat gesellschaftlich zu engagieren. Viele lösen überdies unternehmerische Impulse aus, die den demografischen Abwärtstrend bestenfalls zu stoppen vermögen.

Mit «New Highlander» bezeichnen Geografen und Regionalentwicklerinnen und -entwickler eine bestimmte Kategorie neuer Bewohnerinnen und -bewohner des Berggebiets. Diese ziehen in die alpinen Räume, weil sie gerade dort die besten Perspektiven sehen, ihre beruflichen und privaten Lebensvorstellungen zu verwirklichen. Seit einigen Jahren profitieren auch die Schweizer Berggebiete von dieser Entwicklung. Begünstigt wird sie hier von der guten Erreichbarkeit vieler Bergregionen, durch Zweitwohnungen und neuerdings durch die Digitalisierung und die Etablierung neuer Arbeitsformen. Auch grössere Unternehmen tragen dazu bei, indem sie ihre Standorte in den alpinen Haupttälern massiv ausbauen. Firmen wie der Pharmazulieferer Lonza, die Bosch-Tochter Scintilla – beide im Oberwallis – oder die Ems-Chemie und der Medizintechnik-Hersteller Hamilton in Graubünden sind eigentliche Job- und Zuwanderungsmotoren. Die folgenden vier Porträts geben einen Eindruck von den jeweils sehr unterschiedlichen Motiven der einzelnen «Highlander».

Cyril Peter, Zeneggen VS

Nach dem Studium an der Technischen Universität in Aachen wollte der promovierte Bioverfahrenstechniker Cyril Peter weg vom akademischen Betrieb. Er suchte beim Pharmazulieferer Lonza in Visp eine neue Herausforderung in der Industrie. Dort ist er nun seit 14 Jahren tätig. Als «Commercial Solutions Integrator» bekleidet er eine wichtige Schnittstellenfunktion zwischen der Kundschaft, Verkaufsmanagerinnen und -managern und dem technischen Team.

«Das Unternehmen Lonza war mir zwar beim Umzug in die Schweiz bekannt, von Visp und vom Wallis wusste ich damals aber so gut wie gar nichts», erzählt Peter. «Zuerst wohnte ich mit meiner Familie am Arbeitsort in einer nicht gerade idyllischen Umgebung im Talboden. Als wir wenig später auf einem Wochenendausflug Zeneggen entdeckten, war dies Liebe auf den ersten Blick: ein romantisches Bergdorf mit der Natur direkt vor der Haustüre; der totale Gegensatz zu unserem früheren Leben in der Viertelmillionenstadt Aachen. Zeneggen wurde rasch zu unserer neuen Heimat. Mit seinen knapp dreihundert Einwohnerinnen und Einwohnern und rund zwei Dutzend Vereinen bietet der Ort ein überraschend vielfältiges gesellschaftliches Leben, an dem ich mich gerne beteilige. So bin ich seit einigen Jahren Präsident des Sportvereins und Mitglied der Freiwilligen-Feuerwehr, seit kurzem ausserdem Pfarreirat. Als Outdoor-Enthusiast schätze ich überdies die Freizeitmöglichkeiten ganz in der Nähe.

Ich bin längst nicht der Einzige, der aus dem Dorf zur Lonza nach Visp pendelt. Bedingt durch das Corona-Virus, habe ich in letzter Zeit auch öfter im Homeoffice gearbeitet – ein perfektes Gefühl, auf 1400 Meter über Meer mitten in der Bergwelt zu sitzen, mit Blick auf die umliegenden Drei- und Viertausender, und doch global vernetzt und verbunden zu sein mit Kunden und Kollegen auf der ganzen Welt. Vermissen tue ich als ehemaliger Städter überhaupt nichts, im Gegenteil: Ich bin immer wieder erstaunt, welch reichhaltiges Kulturleben das Oberwallis bietet, bis hin zur klassischen Musik. Und wenn wir einmal doch Lust nach mehr haben, sind wir schnell in Bern, Zürich oder Mailand.»

Martin Bienerth und Maria Meyer, Dorfsennerei Andeer GR

©  regiosuisse

Martin Bienerth ist Allgäuer, seine Frau Maria Meyer stammt von der Mosel. Beide haben sie nach dem Abitur ökologische Landwirtschaft studiert und in den Semesterferien jeweils Kühe auf Bündner Alpen betreut. Da lernten sie sich auch kennen, und aus einem Alpsommer wurden schliesslich viele. Dazwischen arbeitete Bienerth als EU-Landwirtschaftsinspektor, derweil sich seine Frau in der Schweiz zur Käsemeisterin ausbilden liess. «Als sich uns vor knapp zwanzig Jahren die Chance bot, die von der Schliessung bedrohte Sennerei in Andeer GR zu übernehmen, griffen wir zu», verrät Bienerth. «Das war damals – noch ohne bilaterale Verträge – ziemlich kompliziert. Wir hatten kaum Geld, konnten nur auf wenig öffentliche Unterstützung zählen, und man begegnete uns, weil wir vieles anders als die Vorgänger machen wollten, vorerst mit Skepsis. Doch mit Herzblut, Leidenschaft, Engagement und Durchhaltewillen machten wir uns ans Werk. Wir verarbeiten heute jährlich 420 000 Liter Milch, die uns die fünf Biobauern anliefern. Wir produzieren Käse, Rahm, Sauerrahm und Butter, die wir zusammen mit einem zugekauften Öko-Sortiment im eigenen Laden verkaufen. Darüber hinaus vertreiben wir den Käse via Grosshändler in der ganzen Schweiz und ins Ausland. Die Selbstvermarktung haben wir von anfänglich 10 auf 100 Prozent gesteigert und entsprechend auch die Wertschöpfung. So können wir den Bauern bessere Milchpreise zahlen und der Abwanderung entgegenwirken. Dazu tragen auch die zehn Arbeitsplätze unserer Molkerei bei.

Die Übernahme der Sennerei war einer der besten Entscheide in unserem Leben, auch wenn das Wochenpensum von 60 bis 70 Stunden einem alles abverlangt. Eine Weile war ich zudem im Vorstand des Bündner ÄlplerInnenvereins (BÄV) und Mitglied in der Kommission für Alp- und Milchwirtschaft des Bündner Bauernverbandes. Denke ich zurück an unseren schwierigen Start vor bald zwanzig Jahren, so glaube ich, dass heute dank der politischen Veränderungen wohl einiges leichter wäre.»

Christina Fenk und Damian Gschwend, Sekundarlehrerin und -lehrer, Blitzingen VS

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Für Christina Fenk und Damian Gschwend war schon länger klar, dass sie möglichst ruhig und im Grünen wohnen möchten. Im Rahmen ihres letzten Urlaubs schaute das Luzerner Sekundarlehrerpaar im Oberwallis, das Christina Fenk seit ihrer Kindheit als Feriendestination kennt, einige Immobilien etwas genauer an. Dabei stach ihnen ein Haus ins Auge, das wie auf sie zugeschnitten schien. «Es liegt am Dorfrand von Blitzingen VS, und es wurde vor vier Jahren gebaut», erzählt Christina Fenk. «Da wir beide sehr sportlich sind, lockte uns auch das Freizeitangebot. Die sportlichen Aktivitäten sind uns jedenfalls wichtiger als Kino, Theater und das ganze städtische Kultur- und Konsumangebot. Nach erstem Kontakt mit dem Hauseigentümer und dessen Immobilienmakler wurden wir rasch handelseinig.

Dass es uns mit unseren ‹Auswanderungsplänen› ernst sein würde, wollte uns zuerst niemand glauben. Nun, wo wir am Aufbrechen sind, heisst es in unserer bisherigen Heimat im Luzerner Hinterland: ‹Ihr habt nichts zu verlieren, ihr könnt ja jederzeit wieder zurückkommen.› Das ist für uns jedoch keine Option, im Gegenteil: Nach den Sommerferien werden wir beide mit dem Unterricht an der Orientierungsschule in Fiesch VS starten.

Das Goms fühlt sich bereits wie unsere neue Heimat an. Durch unseren Job, die Kontakte mit dem Schulteam, den Schülern sowie den Eltern werden wir bald schon mittendrin sein. Ich kann mir ausserdem vorstellen, dass wir uns auch bald gesellschaftlich – etwa in einem Sportverein – engagieren werden. Ein wenig sind wir auch stolz auf uns selbst, dass wir mutig sind und etwas Neues wagen.»

Thomas Lampert, Kunst- und Bauschmied, Guarda GR

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Der Gründer der Schmiede «Fuschina da Guarda» stammt aus Basel. Der gelernte Metallbauschlosser bildete sich zum Eidg. dipl. Schmiedemeister und zum Kunstschmied weiter. Nach einem akademischen Abstecher mit Matur und abgebrochenem Physikstudium sowie einem Militäreinsatz in Kosovo zog es Lampert mit 29 Jahren zurück zu seinen beruflichen Wurzeln. «Ich wollte mich aber selbständig machen», erinnert sich Lampert. «Auf der Suche nach einer Lokalität stiess ich 2001 in Guarda auf eine renovierte Schmiede sowie ein ziemlich unberührtes Marktumfeld. Schrittweise baute ich zusammen mit meinen Mitarbeitern und den Lernenden die Kunst- und Bauschmiede auf, in der wir allgemeine Schmiede- und Metallgestaltung anbieten, aber auch Reparaturen und Restaurationen. Ausserdem haben wir einen Kulinarik-Bereich, wo wir Messer, Tafelbesteck und Pfannen für Private und die Gastronomie produzieren. Im Moment errichten wir eine neue Werkstatt, die wir am 5. September eröffnen werden. Sie verbessert nicht nur unsere Produktionsmöglichkeiten, sondern ist auch geplant als Schauschmiede mit Besucherzentrum, Ausstellung, Bistro und Workshop-Räumlichkeiten.

Der Entscheid, nach Guarda zu ziehen, hat sich bewährt. Die Peripherie hat, wenn sie auch Besucherinnen und Besucher anlockt, ihre Vorteile. Das Unterengadin lässt einem Zeit und Freiraum für neue Ideen und Innovationen wie eben den Neubau, mit dem wir den Leuten das Schmiedehandwerk wieder näherbringen möchten. Die Finanzierung bedeutete allerdings eine ziemliche Herausforderung. Mit Eigenkapital, einem Baukredit, einem Crowdfunding und einem Beitrag der Schweizer Berghilfe haben wir es schliesslich geschafft. Als Zuwanderer habe ich immer eine gewisse Narrenfreiheit genossen. Doch wer im Unterengadin arbeitsam, fleissig und einigermassen erfolgreich ist, hat schon halb gewonnen. Nebst allen menschlichen Qualitäten erwartet man auch ein gewisses öffentliches Engagement. Ich sass fünf Jahre im Gemeinderat und bin derzeit Präsident des Tourismusvereins. Meine Baselbieter Direktheit haben mir die eher zurückhaltenden Engadiner stets verziehen.»

Der regionalwirtschaftliche Gewinn

Welchen Beitrag die «New Highlander» für die Regionalentwicklung insgesamt leisten, ist nicht bekannt. Der Begriff taucht noch in keiner Statistik auf. Das Geografische Institut der Universität Bern hat in einer explorativen Fallstudie im Kanton Graubünden das Phänomen der «New Highlander» vor drei Jahren eingehender untersucht. Rahel Meili, die ihre Dissertation dazu geschrieben hat, sagt: «Der Zuzug der New Highlander bewirkt eine Verjüngung der Bevölkerung und stärkt das Humankapital.» Zudem würden die Zuwanderinnen und Zuwanderer aus dem Unterland über grosses Fachwissen, genügend Startkapital und überregionale Netzwerke verfügen. Sie bringen neue Ideen und Kontakte in die peripheren Räume und erschliessen neue Möglichkeiten einer exportorientierten Wertschöpfung, indem sie beispielsweise ihre städtischen Herkunftsgebiete als Absatzmarkt nutzen.

Nur spekulieren lässt sich darüber, wie sich das wirtschaftliche Potenzial der «New Highlander» in grösserem Massstab nutzen liesse. Ein Ansatz könnte der Aufbau eines «New-Highlander»-Netzwerks sein, damit die alpinen Zuwanderinnen und Zuwanderer ihre Ideen und Erfahrungen austauschen und, falls notwendig, spezifische Beratungsdienstleistungen abholen könnten. Einbeziehen könnte man in dieses Netzwerk auch die Generation 65+, die nach der Pensionierung ihre Zweitwohnung in den Bergen zum festen Wohnsitz wählt und interessiert daran ist, sich in der neuen Umgebung öffentlich zu engagieren.

Dissertation von Rahel Meili: regiosuisse.ch/PhDMeili

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