Dank Resilienz Krisen trotzen

Pirmin Schilliger

Der Schwerpunkt der Neuen Regionalpolitik (NRP) liegt zwar darauf, die wirtschaftliche Entwicklung der Regionen längerfristig zu stärken und sie bei der Bewältigung des Strukturwandels zu unterstützen. Die Krisenintervention steht nicht im Fokus. Die Corona-Krise bietet jedoch Anlass, die bisherige Strategie kritisch zu durchleuchten. Die zentrale Frage dabei: Mit welchen Massnahmen und Projekten können sich die Regionen auf künftige Schockereignisse und generell auf einschneidende Veränderungen besser vorbereiten? Was können wir dabei allenfalls vom Ausland lernen? Klar scheint: Aspekte der Resilienz sollten künftig systematisch in die Regionalpolitik einfliessen. Doch was heisst das genau?

«In den letzten Jahren ist es uns gelungen, unsere Region stark als Destination für nachhaltigen Tourismus zu positionieren. Dies kam uns – zusammen mit dem traditionell hohen Anteil an Schweizer Gästen – in der Krise sicherlich entgegen», erklärt Martina Schlapbach, Regionalentwicklerin der Regiun Engiadina Bassa/Val Müstair. Dazu beigetragen, die Auswirkungen der Krise abzufedern, hätten nicht zuletzt verschiedene NRP-Projekte, die den nachhaltigen Tourismus förderten. Ähnlich tönt es in Bezug auf die aktuelle Krisenbewältigung im Berner Oberland: Stefan Schweizer, Geschäftsführer der Regionalkonferenz Oberland Ost, ist überzeugt, dass die Region dank der NRP «insgesamt breit abgestützt reagieren konnte». Er denkt dabei ebenfalls an zahlreiche NRP-Projekte, die in jüngster Zeit realisiert worden sind und auf einen vielseitigen und abwechslungsreichen Tourismus abzielen. Allerdings wirft Schweizer die Frage auf, wie weit man sich auf eine so aussergewöhnliche Situation wie die Corona-Krise überhaupt vorbereiten kann.

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Die richtigen Schlüsse ziehen

Sollte die Pandemie schnell abklingen, sodass sich die Wirtschaft rasch wieder erholen kann, liesse sie sich als einmaliger Sonderfall abhaken. Ein Ausnahmeereignis, das nicht überinterpretiert werden sollte und aus dem keine falschen Schlüsse zu ziehen sind. Doch mit der zweiten Pandemiewelle deuten die Zeichen in eine andere Richtung: Politik, Wirtschaft und Gesellschaft stehen weiterhin vor der Herausforderung, mit vereinten Kräften die Krise zu meistern und die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Schäden möglichst zu begrenzen. Darüber hinaus gilt es die Auswirkungen dieses Ereignisses zügig und gründlich zu analysieren und die richtigen Konsequenzen daraus zu ziehen. Im Rahmen der NRP stellt sich die Frage, welche grundsätzlichen Schwächen die Pandemie im regionalen Wirtschaftsgefüge offengelegt hat. Dieser Aufarbeitungsprozess drängt sich speziell in jenen Regionen auf, die besonders unter den Auswirkungen der Pandemie gelitten haben. Deren Verwundbarkeit beziehungsweise Krisenexponiertheit sollte unter die Lupe genommen werden. Dabei interessiert die Beteiligten besonders, wie sich eine Region auf künftige Schocks und einschneidende Veränderungen besser vorbereiten kann. Und: Lassen sich die damit verbundenen Risiken und Gefahren bereits heute entschärfen oder vielleicht gar in Chancen umwandeln?

Eine Lösung könnte eine Regionalentwicklung bieten, die sich in Zukunft strikt an Aspekten der Resilienz ausrichtet. Doch was bedeutet dies? Der Begriff kommt von lateinisch «resilire», was so viel heisst wie «zurückspringen» oder «abprallen». «Resilienz» bezeichnet die Fähigkeit eines Systems, nach Störungen wieder in den ursprünglichen Zustand zurückzukehren. In der Psychologie ist ein resilienter Mensch gegenüber einschneidenden, schockartigen Ereignissen widerstandsfähig und bleibt auch in Krisensituationen psychisch stabil.

Seit rund zwei Jahrzehnten ist Resilienz auch Thema in der Ökonomie und der Ökologie. Genauso wie der Mensch kann auch ein komplexes System seine Strukturen und Funktionen dank laufender Anpassung selbst in heftigen Veränderungsphasen stabil und intakt halten. Es ist kein Zufall, dass der Begriff stets in Krisenzeiten Hochkonjunktur hatte und hat – während der Finanzkrise 2008, der Eurokrise 2015 oder nun in der Corona-Krise. Weltweite Vorreiter resilienzorientierter Strategien in der Raumentwicklung sind jene hundert Grossstädte, die sich 2011 dem von der Rockefeller-Stiftung initiierten internationalen Programm «Global Resilient Cities Network» angeschlossen haben. Das eigentliche Ziel seiner Bemühungen besteht darin, die Städte gegenüber klimatischen Extremereignissen und umweltbedingtem Stress resistenter zu machen.

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Ein Modell und weitere Ansätze

Das aus der Stadtplanung bekannte Konzept der Resilienz hat in jüngster Zeit in der ländlichen Regionalentwicklung Einzug gehalten. Spätestens mit der Studie der ÖAR Regionalberatung GmbH «Wie gehen Regionen mit Krisen um?» von 2010 im Auftrag des österreichischen Bundeskanzleramtes ist es in unserem östlichen Nachbarland ein Thema. Die dortigen Regionalforscher kamen zum Schluss, dass resiliente Regionen in Notsituationen einen von drei möglichen Entwicklungspfaden einschlagen: Entweder überstehen sie die Krise ohne negative Veränderungen (Entwicklungspfad 1), oder sie vermögen die negativen Veränderungen nach kurzer Zeit zu kompensieren (2) oder gar zu überkompensieren (3). Im besten Fall gehen sie also gestärkt aus der Krise hervor. Resilienz ist in diesem Sinne das heilsame Gegenmittel zur Vulnerabilität. Eine resiliente Region ist fähig, in Krisensituationen ungeahnte Selbstheilungskräfte zu mobilisieren. Sie findet auf Bedrohungen und Herausforderungen rasch die richtige Antwort. Die drei Entwicklungspfade beruhen auf sozialen, ökologischen und ökonomischen Indikatoren, die sich klar identifizieren und messen lassen: Zu ihnen zählen unter anderem Bevölkerungsentwicklung, Lebenszufriedenheit, Kulturausgaben, Umweltqualität, Risikoexposition, Wertschöpfung, Durchmischung der Betriebe, Neugründungen usw. Die ÖAR Regionalberatung GmbH hat in ihrer Studie ein umfassendes Resilienzmodell entwickelt. Der Weg zur resilienten Region führt über bewusste Steuerungs-, Gestaltungs- und Ausgleichsprozesse. Diese verknüpfen das Grundprinzip der nachhaltigen Entwicklung mit wirtschaftlicher und gesellschaft­licher Diversifizierung, Bildung und Weiterbildung, Zukunftsorientierung sowie Innovation und Fehlerkultur.

Mittlerweile gibt es neben dem Modell der ÖAR weitere Ansätze, die zeigen, wie Resilienz in den ländlichen und peripheren Räumen etabliert werden könnte. Gabi Troeger-Weiss, Leiterin des Lehrstuhls für Regionalentwicklung an der Technischen Universität Kaiserslautern, betreibt vor allem raumbezogene Risikoforschung. Sie untersucht, wie sich demografische, gesellschaftliche, soziale, klimatologische und wirtschaftliche Trends wie die Digitalisierung auf die Resilienz der Region von morgen auswirken könnten. Die «Ländliche Entwicklung Bayern» des Bundeslandes Bayern hat 2019 im Oberallgäu ein Pilotprojekt lanciert, das Anknüpfungspunkte identifizieren soll, wo die Resilienz in der Regionalentwicklung berücksichtigt werden kann. Pragmatisch geht das Thema «The Resilient Regions Association» an, die in Malmö (Schweden) eine politisch neutrale Plattform dafür geschaffen hat. Vertreterinnen und Vertreter von Hochschulen, Wirtschaft, Gemeinden, Regionen und Unternehmen treffen sich regelmässig, um unter dem Blickwinkel der Resilienz regionale Aufgaben zu lösen.

Einen inhaltlich breiteren Ansatz verfolgen Daniel Deimling und Dirk Raith. Die beiden Regionalforscher der Universität Graz propagieren eine alternative Vision regionaler Resilienz als zukunftsfähiges Paradigma regionaler Entwicklung. Diese Art von Resilienz sollte sich nicht in einer blossen Anpassung an externe Krisen und Schocks erschöpfen, sondern vielmehr transformativ angelegt sein und eine Reregionalisierung und Relokalisierung anstreben. Regionen sollten befähigt werden, auch völlig veränderten Bedingungen zu trotzen. Periphere Regionen könnten so den Teufelskreis aus Abwanderung und Verlust der Lebensgrundlagen durchbrechen.

Vulnerabilität und Resilienz
Das Konzept der Vulnerabilität (Verwundbarkeit, englisch «vulnerability») und der Resilienz hat sich seit den 1980er-Jahren zu einer zentralen Kategorie verschiedener akademischer Disziplinen entwickelt. Über das Fach «Geografie» hat es mitsamt den beiden Begriffen auch in der Raumentwicklung Einzug gehalten, vor allem im Zusammenhang mit Naturgefahren und dem Klimawandel. Der konzeptionelle Kern der Vulnerabilitäts- beziehungsweise der Resilienztheorie liegt in einem doppelten strukturellen Ansatz: Die Vulnerabilität ergibt sich aus externen Risiken, denen ein Raum oder eine Region ausgesetzt ist, sowie aus mangelnder Resilienz, also aufgrund eines Mangels an Mitteln, die drohenden Risiken zu bewältigen. Die Analyse der räumlichen und gesellschaftlichen Verwundbarkeit und Resilienz konzentriert sich folglich auf das Wechselspiel zwischen der Exposition gegenüber den Risiken und den Möglichkeiten, deren Auswirkungen im Ereignisfall möglichst ohne grösseren Schaden zu bewältigen.
 
Wisner B., Blakie P., Cannon T.: At Risk. Natural hazards, people’s vulnerability and disasters. London, 2004

Resilienz – die Zukunft nachhaltiger Regional- und Raumentwicklung

In der Schweiz ist Resilienz vor allem in der Forschung schon länger ein Thema, unterschwellig aber auch in der Umsetzung der NRP. «Viele Massnahmen der NRP zielen darauf ab, eine nachhaltige und stabilisierende Wirkung zu entfalten. Die meisten der bisher lancierten Projekte tragen zumindest zur Resilienz bei, auch wenn davon bisher kaum explizit die Rede war», erklärt Johannes Heeb, Leiter des Weiterbildungsbereichs «formation-regiosuisse». «Allerdings», unterstreicht er, «fehlte bei alldem bis jetzt der systematische Ansatz.» Das soll sich nun ändern. Mit dem Online-Weiterbildungsmodul «Resiliente Regionen entwickeln» hat formation-regiosuisse diesen Herbst das Thema konkret angepackt. Das Webinar richtete sich an sämtliche Akteurinnen und Akteure der Regionalentwicklung. Es ermöglichte ihnen, sich mit den Grundlagen der Resilienz vertraut zu machen und konkrete Handlungsansätze für die Praxis zu entwickeln. «Wir brechen die verfügbaren theoretischen Konzepte auf die Praxisebene der Regionen herunter», so Heeb. Agilität, Innovation, Team- und Projektkultur sowie Prävention werden als operative Elemente im Resilienz-Management eingesetzt. «Unser Ziel ist es», betont Heeb, «die Regionen darin zu befähigen, auf Veränderungen und Krisen stabilisierend zu reagieren und als Auslöser von Innovation und weiterer Entwicklung zu nutzen.»

Regionen resilienter zu machen, beruht demnach auf einem vielschichtigen Prozess. Ein «Resilienzbarometer», wie es das Pestel-Institut in Hannover entwickelt hat, könnte den Regionen helfen, im Streben nach Resilienz nicht blind entscheiden zu müssen. Das Instrument analysiert und misst mittels 18 Indikatoren die Verletzbarkeit/Verwundbarkeit einer Region. Es hilft abzuschätzen, wie weit eine Region im Krisenfall handlungsfähig bleibt. Ausserdem zeigt es, wie diese Handlungsfähigkeit mittels Ressourcenausstattung, Sozialkapital und Flexibilität präventiv verbessert werden kann. Das primär für Regionen in der EU entwickelte «Resilienzbarometer» könnte – auf Schweizer Verhältnisse eingestellt – auch für die NRP-Regionen ein durchaus nützliches Instrument werden.

Wie lässt sich eine Region resilienter machen?
Als Vorsorgeinstrument zielt Resilienz darauf ab, die Verwundbarkeit beziehungsweise die Krisenexposition einer Region und Klumpenrisiken zu reduzieren. Folgende Strategien tragen dazu bei:

  • Diversifizierung der Wirtschaft anstatt Monostruktur – also mehrere Branchen, unterschiedlich grosse Unternehmen, vielseitige Markt-, Arbeits- und Wohnbeziehungen.
  • Humanressourcen und Sozialkapital – hohes Bildungsniveau mit breit einsetzbaren Fachkräften, ausgewogene Bevölkerungs- und Altersstruktur.
  • Eine effiziente und aktiv gestaltete regionale Governance mit zukunftsweisenden Strategien, die auf den regionalen Stärken aufbauen.
  • Zukunftsorientierung und frühzeitiges Erkennen langfristiger Entwicklungen (wie dies im Rahmen der NRP über Regionale Entwicklungsstrategien/RES angestrebt wird, vgl. «regioS 17»).
  • Veränderungsbereitschaft, Flexibilität, Agilität, Innovationsfähigkeit, Multidisziplinarität.
  • Lern- und Kooperationsfähigkeit, dichte Kommunikationsnetze, kurze Feedbackwege, Neugierde und Offenheit.

Letztlich ist Resilienz kein Zielzustand, sondern ein Prozess, der mithilfe einer spezifischen Methodik zur nachhaltigen Entwicklung einer Region und zu einem besseren Umgang mit Krisen führt.

Modellvorhaben im Oberwallis

Pionierarbeit in dieser Hinsicht leistet das Beratungsbüro EBP in Zusammenarbeit mit der Regions- und Wirtschaftszentrum Oberwallis AG (RWO). EBP hat ein Analysetool zur räumlichen Resilienz entwickelt, das teils auf den erwähnten internationalen Konzepten (Rockefeller-Stiftung, Pestel-Institut, Deutsche Bundesanstalt für Strassenwesen usw.) beruht. Dieses wird nun im Modellvorhaben «Resiliente Bergregionen: Eigenstärken nutzen in der Region Oberwallis» erstmals in Schweizer Berggebieten getestet, und zwar in der Gemeinde Mörel-Filet und im Lötschental. «Das Analysetool beruht auf einem Fragebogen mit 10 Themenfeldern, 21 Subthemen und 80 Indikatoren, die wir nicht nur anhand von Zahlen und Statistiken, sondern auch von qualitativen Fragen an die lokalen Akteure genauer unter die Lupe nehmen», erläutert Projektleiter Christian Willi. Ziel des Modellvorhabens ist es, die Ergebnisse der Resilienzanalyse in eine Regio­nale Entwicklungsstrategie (RES) für die Oberwalliser Berggemeinden einfliessen zu lassen, die auch einen konkreten Massnahmenkatalog umfasst. Der Lead für die Analyse liegt bei EBP. Die Umsetzung der Massnahmen im Rahmen der Entwicklungsstrategie erfolgt vor allem zusammen mit der RWO und weiteren regionalen Akteurinnen und Akteuren. Das Projekt ist Teil der Modellvorhaben «Nachhaltige Raumentwicklung des Bundes 2020–2023». «Die aus diesem Pilotprojekt gewonnenen Erkenntnisse können genutzt werden, um auch in anderen Regionen eine Resilienzkultur zu etablieren», betont Willi, mit dem Ziel, dass Resilienzbewusstsein künftig systematisch in sämtliche Regionalen Entwicklungsstrategien (RES) und die entsprechenden Massnahmen und Projekte einfliesst.

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Bottom-up – aus den Regionen

Die Corona-Krise hat die Verwundbarkeit der Regionen schonungslos aufgezeigt. Allerdings ist sie lediglich eines von vielen Krisen- und Bedrohungsszenarien. Umso dringender stellt sich für die Zukunft die Frage der Risikominimierung und Prävention. Martina Schlapbach von der Regiun Engiadina Bassa/Val Müstair ist überzeugt, dass grundsätzlich jede strukturschwache Region resilienter gemacht werden kann. Sie plädiert aber bei der Umsetzung für regional angepasste Lösungen. «Man sollte bedenken, dass Strukturschwäche innerhalb einer Region ganz anders wahrgenommen und definiert wird als ausserhalb. Resilienz muss folglich genau auf die Bedürfnisse der Bevölkerung abgestimmt werden.» In der Corona-Krise habe sich die aktuelle Entwicklungsstrategie jedenfalls bewährt, führt sie weiter aus. «Wir wurden darin bestärkt, den eingeschlagenen Weg in Zukunft noch stärker zu forcieren.» Es bedeutet, dass die Regiun Engiadina Bassa/Val Müstair noch gezielter auf nachhaltigen Tourismus setzen will. Zudem soll der Ausbau digitaler Infrastrukturen und virtueller Austauschplattformen die Rahmenbedingungen für flexible Arbeits-, Wohn- und Lebensmodelle weiter verbessern. «Und abgestimmt auf die Bedürfnisse der Unternehmen und der Bevölkerung wollen wir auch Experimente wagen», so Schlapbach.

Stefan Schweizer meint: «Auf die Stärkung der Handlungsmöglichkeiten einer Region in Krisensituationen hinzuarbeiten, ist immer sinnvoll.» Allerdings hat er Bedenken in Bezug auf das Verhältnis von Aufwand und Nutzen. «Ob und in welchem Umfang Resilienz strategisch entwickelt und operationell umgesetzt werden soll, muss jede Region für sich beurteilen.» 

regiosuisse-Themendossier «Resilienz in der Regionalentwicklung»
Wie können Regionen resilienter werden, um auf zukünftige Schocks besser vorbereitet zu sein und gestärkt daraus hervorzutreten? Das regiosuisse-Themendossier bietet einen Einstieg ins Thema und mögliche Ansätze für die Umsetzung in den Regionen: regiosuisse.ch/resilienz

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regiosuisse.ch/nrp – modellvorhaben.ch

Literatur

Resiliente Regionen. Zur Intelligenz regionaler Handlungssysteme. In: «Multidisziplinäre Perspektiven der Resilienzforschung», pag. 295–332. Robert Lukesch. Springer Fachmedien, Wiesbaden, 2016.

Regionale Resilienz. Zukunftsfähig Wohlstand schaffen. Dirk Raith, Daniel Deimling, Bernhard Ungericht, Eleonora Wenzel. Metropolis Verlag, 2017.

Wie gehen Regionen mit Krisen um? Eine explorative Studie über die Resilienz von Regionen. Robert Lukesch, Harald Payer, Waltraud Winkler-Rieder. Wien, 2010.

La résilience, un outil pour les territoires ? Clara Villar (Cerema) e Michel David (MEDDE/CGDD). IT-GO Rosko, 2014.

La résilience en trois actes: résistance, reset et relance.  Xavier Comtesse, Mathias Baitan.

Resilienza tra territorio e comunità, Approcci, strategie, temi e casi, Fondaziona cariplo, 21, 2015.

La resilienza territoriale: un concetto polisemico per lo sviluppo delle scienze regionali». Paolo Rizzi. Scienze Regionali, 1/2020.  

Resilienza e vulnerabilità nelle regioni europee. Paola Graziano und Paolo Rizzi. Scienze Regionali, 1/2020.

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Die Regionen im Corona-Härtetest

Pirmin Schilliger & Urs Steiger
Covid-19 hat in diesem Jahr weltweit und in der Schweiz eine gravierende Krise ausgelöst. Sie ist noch längst nicht ausgestanden, vielmehr befinden wir uns mittendrin. Tangiert sind sämtliche Lebens- und Wirtschaftsbereiche, vor allem die Gesundheitsversorgung. Besonders betroffen sind in der Schweiz vielerorts der Tourismus und die Uhrenindustrie, die in mancher Region des Berggebiets und des ländlichen Raums das wirtschaftliche Rückgrat bilden. Für viele ist es ein harter Bewährungstest. Wie er ausgehen wird, ist ungewiss.
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Der Mitte März verhängte Lockdown versetzte den Tourismus schlagartig in einen Schockzustand. Schweizweit brachen die Logiernachtzahlen praktisch von einem Tag auf den anderen drastisch ein: minus 62 Prozent im März, minus 80 Prozent im April und minus 78 Prozent im Mai im Vergleich zum entsprechenden Vorjahresmonat. Im Juni, als erste Lockerungen erfolgten, erholten sie sich leicht und erreichten wieder das Märzniveau, womit sie aber erneut 62 Prozent unter Vorjahresniveau lagen. Nicht nur die ausländischen, auch die inländischen Gäste blieben den Tourismusorten in grosser Zahl fern. Leicht erholt hat sich die Auslastung im Juli und August. Das Minus bei den Logiernächten pendelte sich in diesen beiden Sommermonaten laut Bundesamt für Statistik (BFS) bei durchschnittlich 26 Prozent beziehungsweise 28 Prozent ein.

(Zwangs-)Ferien – in der Schweiz

Die regionalen Unterschiede waren jedoch beträchtlich. Einige Regionen konnten davon profitieren, dass Schweizerinnen und Schweizer auf Auslandreisen verzichteten und ihre Ferien stattdessen in den Schweizer Berggebieten verbrachten. Im Puschlav beispielsweise meldeten die Hotels früh schon «ausgebucht». Die Surselva steigerte die Logiernächte im Juli im Vergleich zum Vorjahr um 40 Prozent, das Unterengadin um 43 Prozent und das italienischsprachige Bergell gar um 53 Prozent. Dieser Aufschwung setzte sich in diesen Gebieten über die gesamte Sommersaison bis in den Herbst hinein fort. Allerdings gab es innerhalb der «Boomregionen» auch Verlierer. «Dazu zählten vor allem Restaurants, die während des Lockdowns komplett schliessen mussten und in der Folge wegen der Schutzmassnahmen nur eingeschränkt weiterarbeiten konnten», erklärt Martina Schlapbach, Regionalentwicklerin der Regiun Engiadina Bassa/Val Müstair.

Auch im Appenzell, im Tessin sowie in gewissen Regionen des Jura lagen die Logiernachtzahlen im Sommer deutlich über der entsprechenden Vorjahresperiode. Die Destination Saignelégier-Le Noirmont konnte die Übernachtungen annähernd verdoppeln. Einzelne Hotspots wie das Maggia- und das Verzasca-Tal oder das Schwimmbad in Pruntrut wurden bei schönem Wetter geradezu überrannt. Das Appenzellerland vermochte sich der Wandernden aus der ganzen Schweiz kaum mehr zu erwehren. Dieser Ansturm wurde von den Medien genüsslich ausgeschlachtet. Andreas Frey, Geschäftsführer von Appenzellerland Tourismus AR, relativiert allerdings: «Das Ganze war überhaupt kein Problem.» Er möchte jedenfalls nicht von «Overtourism» sprechen. «An Spitzentagen haben wir jeweils versucht, die Wandergruppen auf weniger begangene Routen umzulenken – mit gutem Erfolg», betont er.

Ebenfalls zu den Gewinnern gehörten die Vermieterinnen und Vermieter von Ferienwohnungen. Abgelegene Domizile waren besonders gefragt. Auf der Plattform von Graubünden Tourismus wurden zum Beispiel im Oktober, als das sommerliche Zwischenhoch in vielen anderen Regionen längst abgeflaut war, immer noch über 70 Prozent mehr Ferienwohnungen gebucht, dies bei einem Angebot von 3000 Wohnungen in zehn Destinationen.

Im Städtetourismus läuft (fast) nichts mehr

Zum grossen Verlierer geriet der Städtetourismus. In den urbanen Zentren fehlten die internationalen Gäste, und der Geschäfts- und Kongresstourismus kam fast vollständig zum Erliegen. Zürich (–77%), Genf (–75%), Luzern (–66%), Basel (–63%) und Bern (–59%) büssten in den Sommermonaten am meisten bei den Logiernächtezahlen ein. Da sich im Oktober die Situation nach einer kurzen Besserung im Frühherbst wieder verschärft hat, ist die Lage inzwischen ausgesprochen düster. Laut einer Umfrage von Hotelleriesuisse bereiten zwei Drittel der Stadthotels Entlassungen vor. Hunderte grösserer Stadthotels sind unmittelbar vom Konkurs bedroht.

Neben dem Städtetourismus litten jene Bergregionen besonders unter der Krise, die stark auf ausländische Gäste, insbesondere auf Gruppenreisende aus dem asiatischen Raum, ausgerichtet sind. Dazu zählt die Destination Engelberg/Titlis. Bei den Titlis Bergbahnen sank der Umsatz in den Sommermonaten auf 20 bis 30 Prozent des Vorjahresniveaus. Geschäftsführer Norbert Patt, der sofort mit rigorosen Kostensenkungsmassnahmen reagierte, hat inzwischen einen Stellenabbau angekündigt. Auch den Jungfraubahnen fehlten plötzlich die internationalen Gäste, die bisher zu 70 Prozent aus Asien stammten. Die Marketingverantwortlichen versuchten zwar, mit Massnahmen wie dem «Jungfrau Corona-Pass» für freie Fahrt auf dem Streckennetz der Jungfraubahnen schnell gegenzusteuern – mit dem Resultat, dass das Jungfraujoch plötzlich zu 95 Prozent in Schweizer Hand war. Doch im Gegensatz zu den asiatischen Gästen kamen die Schweizerinnen und Schweizer nur bei schönem Wetter. Und sie gaben im Schnitt weniger Geld aus als die Touristinnen und Touristen aus dem Fernen Osten.

Zu den Gewinnern, die es im Berner Oberland auch gab, zählten wie in den meisten Regionen der Schweiz jene Ausflugsziele und Hotels, die primär auf den schweizerischen und den europäischen Markt setzen. «Auch die Campingbetriebe profitierten, ebenso die traditionell weniger international ausgerichtete Teilregion Haslital-Brienz», sagt Stefan Schweizer, Geschäftsführer der Regionalkonferenz Oberland Ost. Trotz der sommerlichen Lichtblicke fällt die touristische Bilanz insgesamt aber auch im Berner Oberland negativ aus. Die Region Interlaken zum Beispiel verzeichnete im Juli in der Hotellerie bei den Schweizer Gästen zwar ein Plus von 192 Prozent. Trotzdem halbierte sich die Logiernächtezahl insgesamt, weil die Destination in einer normalen Saison hauptsächlich vom globalen Geschäft lebt. In ähnlicher Situation befinden sich auch andere bekannte Orte wie Wengen, Davos in Graubünden oder verschiedene Destinationen im Wallis, allen voran Zermatt.

Appenzell © regiosuisse

Im Jura werden böse Erinnerungen wach

Ein ähnliches wirtschaftliches Rückgrat wie der Tourismus für grosse Teile der Berggebiete ist die Uhrenindustrie für den Jura. Zusammen mit dem Tourismus gehört sie in der Schweiz zu jenen Wirtschaftszweigen, die unter der Corona-Krise am stärksten leiden müssen. Der Umsatz in der Uhrenindustrie brach im zweiten Quartal um 35 Prozent ein. Von diesem Schock vermochte sich die Branche im dritten Quartal zwar leicht zu erholen, doch der Verband der Schweizerischen Uhrenindustrie rechnet für das ganze Jahr mit einem Minus von 25 bis 30 Prozent. Bis im Oktober wurden über ein Drittel weniger Uhren exportiert als im letzten Jahr.

Die Situation weckt in den sogenannten «Villes Horlogères» – den Uhrenstädten des Jurabogens – schlechte Erinnerungen an vergangene Zeiten. Städte wie Le Locle haben aus der «Uhrenkrise» in den 1970er-Jahren zwar gelernt und ihre Wirtschaft seither breiter ausgerichtet; die Abhängigkeit von der Uhrenindustrie ist vielerorts jedoch weiterhin gross. Paradebeispiel ist das Vallée de Joux: Im Hochtal an der Grenze zu Frankreich leben 7000 Leute, und es gibt dort 8000 Arbeitsplätze, grösstenteils in der Uhrenindustrie. «Die Corona-Pandemie hat uns hart getroffen», sagt Eric Duruz, Direktor der ADAEV (Association pour le Développement des Activités Economiques de la Vallée de Joux). Die Uhrenfabriken ergriffen zwar frühzeitig Schutzmassnahmen für das Personal, noch bevor der Bund solche verordnete. Doch nach dem Lockdown standen die meisten Betriebe eineinhalb Monate still. Die Pandemie war im Vallée de Joux auch nicht einfach ein fernes Donnergrollen, sondern forderte überdurchschnittlich viele Todesopfer. Die Behörden der verschiedenen Ebenen arbeiteten koordiniert zusammen mit dem Ziel, die Gesundheitsversorgung im Tal auch während der schlimmsten Phase einigermassen aufrechtzuerhalten. «Elementar für unsere Wirtschaft und für die Gesundheitsversorgung sind die Grenzgängerinnen und Grenzgänger», so Duruz. Entscheidend war folglich, dass die Grenze zu Frankreich für diese Pendler weiterhin offenblieb.

Auch wenn jetzt noch längst nicht alles ausgestanden ist, so keimt im Vallée de Joux mittlerweile die Hoffnung auf, dass es diesmal doch nicht so schlimm kommen wird wie in den 1970er-Jahren, als mehr als ein Viertel der Einwohnerinnen und Einwohner das Tal verliessen. «Wir sind inzwischen krisenerprobt und viel widerstandsfähiger», sagt Duruz. Er ist überzeugt, dass das Tal sogar gestärkt aus dieser Krise hervorgehen wird, «dank dem Innovationsgeist unserer Bevölkerung, der Solidarität, einer gewissen Hartnäckigkeit und einem unerbittlichen Kampfgeist».

Der Zwischenstand

Wie wird das Corona-Jahr 2020 letztlich enden? Und wie rasch wird sich die Wirtschaft erholen? Noch am 12. Oktober machten die Ökonomen des Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO) eine zuversichtliche Prognose. Sie rechneten zu jenem Zeitpunkt für das laufende Jahr beim Bruttoinlandprodukt mit einem Minus von 3,8 Prozent. Das tönte deutlich optimistischer als im Frühjahr, als sie im schlimmsten Negativszenario einen Rückschlag bis zu 10 Prozent nicht ausschliessen wollten. Trotzdem, auch mit dem milderen Oktober-Szenario wären die Auswirkungen der Pandemie immer noch sehr gravierend: Ein BIP-Rückgang von 3,8 Prozent würde die stärkste Rezession seit der Erdölkrise Mitte der 1970er-Jahre bedeuten.

Regionalökonomische Auswirkungen von Covid-19
Im Rahmen des «Regionenmonitorings» beobachtet regiosuisse die regionalwirtschaftliche Entwicklung in den Regionen, spezifisch auch in Bezug auf die Auswirkungen der Corona-Krise. Die Berichterstattung zu den aktuellen Auswertungen erfolgt jeweils auf regiosuisse.ch/coronakrise

Die Situation hat sich inzwischen mit der zweiten Welle drastisch verändert. Eine Bilanz lässt sich folglich schwerlich ziehen, und Prognosen sind jeweils schnell wieder veraltet. Ende Oktober, bei Redaktionsschluss, rechneten vier Fünftel der im Tourismus tätigen Unternehmen mit einer weiteren Verschlechterung der Situation in der Wintersaison. Diese ist bekanntlich vor allem für die Skidestinationen weitaus wichtiger als die Sommersaison. Martin Nydegger, Chef von Schweiz Tourismus, bereitet den Sektor auf eine lange Durststrecke vor. Er meint: «Eine vollständige Erholung wird es erst 2023 oder 2024 geben». Vor allem für die Städte werde es «brutal», betont er. Ein etwas optimistischeres Bild zeichnet Nydegger für die klassischen Wintersportgebiete. Monika Bandi Tanner, Co-Leiterin der Forschungsstelle Tourismus im Zentrum für Regionalentwicklung der Universität Bern, verweist darauf, dass nun vieles davon abhänge, wie sich die Situation an der Pandemie-Front weiterentwickeln werde und welche Massnahmen und Schutzkonzepte in den Skigebieten damit verbunden sein würden. Wie das Jahr 2020 für den Tourismus enden wird, lässt sich aufgrund der zahlreichen Unsicherheitsfaktoren derzeit also schwer abschätzen.

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«Remote Work» und der Rückzug in die Berge

Nicht nur die einseitige, stark auf besonders betroffene Wirtschaftsbereiche wie der Tourismus oder die Uhrenindustrie ausgerichtete Branchenstruktur erhöhte in der aktuellen Krise die Verwundbarkeit vieler Regionen. Eine Rolle spielt auch die Grösse der Unternehmen, ganz unabhängig von der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Branche. Gemäss einer Umfrage der UBS musste während des Lockdowns jedes fünfte Unternehmen mit weniger als zehn Beschäftigten den Betrieb einstellen. Bei den Unternehmen mit 10 bis 49 Beschäftigten war es jeder zehnte Betrieb. Hingegen mussten «nur» drei Prozent der Grossunternehmen schliessen. Das wirkte sich besonders negativ in Kantonen wie Appenzell Innerrhoden, Graubünden und Wallis aus, die einen hohen Anteil an Klein- und Mikrobetrieben aufweisen. Aufgrund verschiedener weiterer Indikatoren kommt die UBS zum Schluss, dass die Bergkantone von der Krise generell viel stärker betroffen sind und nun auch eine längere Erholungsphase benötigen.

Bestätigt hat sich während der Pandemie, dass eine Krise bestehende Trends beschleunigt und verstärkt. Mit Blick auf die vielerorts erfolgte Umstellung auf Homeoffice kommt eine Studie der Universität Basel zum Schluss, dass diese Transformation für die ländliche Wirtschaft offenbar eine grössere Herausforderung darstellte als für die städtische Wirtschaft. Was die Studie allerdings ausser Acht lässt: Manche Beschäftigte haben sich während des Lockdowns aus der Stadt in ihr Refugium in den Bergen zurückgezogen. Dort haben sie ihr Feriendomizil kurzerhand in ein Homeoffice verwandelt. Wie viele der rund 500 000 Zweitwohnungen während Corona tatsächlich so genutzt wurden, ist jedoch nicht bekannt. «Unsere Region war diesen Sommer sehr belebt, nicht zuletzt wegen der vielen ‹Remote Worker› [Mitarbeitende im Homeoffice, Anm. der Red.]», meint Rudolf Büchi, Regionalentwickler bei der Regiun Surselva. Ein Indiz für deren Präsenz sei die starke Zunahme der Netznutzung und der telefonischen Gesprächsminuten in der Region. «Die Surselva profitiert bei diesem Trend eindeutig von einer sehr guten Breitbandinfrastruktur und von aktiv bewirtschafteten Ferienwohnungen, die in Kombination mit Co-Working-Spaces, so zum Beispiel im Rocks Resort Laax, hervorragende Bedingungen für ‹Remote Work› bieten», so Büchi.

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Die meisten «Remote Worker» sind nach dem Lockdown zwar wieder in ihre städtischen Erstwohnsitze zurückgekehrt. Doch manche werden auf den Geschmack gekommen sein und sich überlegen, ob sie das Krisen- und Ferienrefugium künftig nicht auch in ganz normalen Zeiten als Arbeitsstätte nutzen möchten. Dies wäre ganz im Sinne jener Entwicklungsstrategen, die die Zukunft der Berggebiete in der residenziellen Ökonomie sehen, begünstigt durch Homeoffice sowie die hybriden und flexiblen neuen Arbeitsformen, die ein Wohnen und Arbeiten fernab der städtischen Zentren ermöglichen und begünstigen (vgl. «regioS 18»).

Die NRP hat als Organisation auch in den schwierigsten Momenten gut weiterfunktioniert.

Die NRP im Krisenmodus

Wie haben die NRP-Verantwortlichen in den Regionen auf die Corona-Krise reagiert? Hatten sie überhaupt Handlungsspielraum? Stefan Schweizer stellt klar, dass es nicht Aufgabe der NRP sei, in einer solchen Ausnahmesituation hektischen Aktivismus zu entfalten und Krisenintervention oder gar Notfallhilfe zu betreiben. Die Regionalpolitik sei vielmehr langfristig darauf ausgerichtet, die Regionen darin zu unterstützen, die Herausforderungen des Strukturwandels zu bewältigen. Ähnlich äussert sich Rudolf Büchi: «Unsere Möglichkeiten, direkt etwas zur Linderung der Corona-Krise zu leisten, sind beschränkt.» Auf die kurzfristige Lancierung von NRP-Projekten zur Bekämpfung der Krise wurde folglich in den meisten NRP-Regionen der Schweiz verzichtet.

Das heisst aber nicht, dass die Akteurinnen und Akteure untätig geblieben wären, im Gegenteil: Die Regiun Engiadina Bassa/Val Müstair, die Regiun Surselva sowie die Regionen Imboden und Viamala beispielsweise beteiligten sich an einer überregionalen Initiative im Kanton Graubünden. In deren Rahmen wurde eine Online-Plattform als digitaler Marktplatz für die während der Krise noch lieferbaren regionalen Produkte und Dienstleistungen aufgeschaltet. «Diese Plattform wurde sehr geschätzt und ist weiterhin sehr beliebt. Wir klären nun ab, ob sie über die Corona-Krise hinaus dauerhaft betrieben werden sollte», erklärt Martina Schlapbach, Regionalentwicklerin der Regiun Engiadina Bassa/Val Müstair. Ähnliche Plattformen wurden in vielen weiteren Regionen lanciert, so «mehr-uri.ch» im Kanton Uri, die über die NRP finanziert wurde, oder «favj.ch/c19/» im Valleé de Joux, um nur zwei weitere Beispiele zu nennen.

Viele Tourismusdestinationen starteten – vor allem über das aufgestockte Budget von Schweiz Tourismus – kurzfristig Werbeaktionen. Destinationen und Hotels, die bislang von Seminar- und Gruppengästen lebten, stellten auf Individualtouristen aus der Schweiz um. Restaurants vergrösserten ihre Aussenterrassen, «wobei die Behörden plötzlich viel pragmatischer Bewilligungen erteilten», wie Andreas Frey von Appenzellerland Tourismus AR erfreut feststellt. Verschiedene Dienstleistungen wurden, damit sie unter Einhaltung der Distanzregeln angeboten und erbracht werden konnten, notfallmässig digitalisiert. Der Kanton Wallis und The Ark, eine Stiftung zur Wirtschaftsförderung, lancierten zu diesem Zweck Anfang Mai die Initiative «Digitourism», an der sich rund dreissig Jungunternehmen mit Vorschlägen beteiligten. Eine Jury wählte schliesslich acht Projekte aus, die mit Unterstützung von CimArk, dem verlängerten Arm der RIS (Regionale Innovationssysteme) Westschweiz im Wallis, umgesetzt wurden. Der gemeinsame Nenner: Sämtliche Vorhaben zielen darauf ab, den Tourismus im Kanton mithilfe digitaler Lösungen neu anzukurbeln. Ein Beispiel: Das Start-up Guidos.bike hat den digitalen und personalisierten Tourguide «Guidos» innerhalb von wenigen Wochen zur Marktreife entwickelt. Es handelt sich um ein intelligentes GPS, das auf dem Bike montiert wird und den User auf einer individuell gestalteten Tour begleitet. Mehr als fünfzig Outdoor-Anbieter wenden den Tourguide inzwischen an, mit Verbier auch eine grosse Tourismusdestination.

Die Krise als Chance

Die RIS stellten mit dem Lockdown im März ihre Coaching-Programme sofort um. RIS Mittelland schaltete unverzüglich eine Website auf, die alle wichtigen Informationen zu den Unterstützungsangeboten des Bundes, des Kantons Bern und weiterer Institutionen im Zusammenhang mit der Pandemie auflistete. Diesem Beispiel folgten wenig später die RIS in allen übrigen Landesregionen. Ausserdem verlagerten die Beraterinnen und Berater ihren Fokus vom Innovationscoaching auf das Krisenmanagement. Zudem unterstützten sie einige Unternehmen im Bemühen, die Krise als Chance für Prozessoptimierungen und Transformations- und Innovationsprojekte zu nutzen. Beispiel Sensopro AG in Münsingen BE: Die Firma produziert seit ein paar Jahren Fitnessgeräte für ein gelenkschonendes Koordinationstraining. Die krisenbedingt ruhigeren Zeiten hat sie genutzt, um ein neues Produkt zu entwickeln, das noch in diesem Jahr marktreif sein könnte. Das Projekt wurde mit Unterstützung des RIS-Coachs Nicolas Perrenoud vorangetrieben.

Die Leistungen der NRP in der Krise halfen vielen Unternehmen, besser über die Runden zu kommen. Die entscheidende Hilfe aber, die unzählige Firmen vor dem Untergang bewahrte, kam letztlich vom Bundesrat, der ein Sonderpaket aus erleichterter Kurzarbeit, Erwerbsausfallentschädigungen und notfallmässig gesprochenen, verbürgten Krediten schnürte. Ohne diese Unterstützung sähe es in vielen Regionen um einiges düsterer aus. Die NRP-Massnahmen konnten naturgemäss nur ergänzend wirken. Die schnell geschaffene Möglichkeit, die Rückzahlung von Darlehen der NRP uns der Investitionshilfe für Berggebiete (IHG) aufzuschieben, hat jedoch die Liquidität mancher Projektträger erhöht und so den wirtschaftlichen Druck reduziert.

Angesichts der von vielen NRP-Verantwortlichen in dieser schwierigen Zeit geleisteten Sonderschichten sollte nicht vergessen werden, welche enorme Herausforderung es war, die NRP während des Lockdowns operationell überhaupt am Laufen zu halten. Viele Sitzungen, Workshops und Tagungen mussten notfallmässig in den Remote-Modus umgestellt oder abgesagt werden. Einiges hat sich verzögert, weil sich die digitale Kommunikation nicht für alles eignet, oder musste auf später verschoben werden. Insgesamt haben die Beteiligten der NRP aber eine steile Lernkurve durchlaufen. Die NRP hat als Organisation auch in den schwierigsten Momenten gut weiterfunktioniert.

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Das Virus als Innovationsbeschleuniger

Auswirkungen der Corona-Krise auf Schweizer KMU. Sebastian Gurtner, Nadine Hietschold. BFH Gestion, 2020.

Braingain – dank «New Highlandern»

Pirmin Schilliger

Trotz der dominierenden Abwanderung ist in den peripheren Berggebieten der Schweiz auch ein BrainGain zu beobachten. Die Zuwanderinnen und Zuwanderer aus dem Unterland und den städtischen Gebieten – auch «New Highlander» genannt – sind in der Regel gut ausgebildet. Nebst beruflichem Fachwissen bringen sie oft eine hohe Bereitschaft mit, sich in der neuen Heimat gesellschaftlich zu engagieren. Viele lösen überdies unternehmerische Impulse aus, die den demografischen Abwärtstrend bestenfalls zu stoppen vermögen.

Mit «New Highlander» bezeichnen Geografen und Regionalentwicklerinnen und -entwickler eine bestimmte Kategorie neuer Bewohnerinnen und -bewohner des Berggebiets. Diese ziehen in die alpinen Räume, weil sie gerade dort die besten Perspektiven sehen, ihre beruflichen und privaten Lebensvorstellungen zu verwirklichen. Seit einigen Jahren profitieren auch die Schweizer Berggebiete von dieser Entwicklung. Begünstigt wird sie hier von der guten Erreichbarkeit vieler Bergregionen, durch Zweitwohnungen und neuerdings durch die Digitalisierung und die Etablierung neuer Arbeitsformen. Auch grössere Unternehmen tragen dazu bei, indem sie ihre Standorte in den alpinen Haupttälern massiv ausbauen. Firmen wie der Pharmazulieferer Lonza, die Bosch-Tochter Scintilla – beide im Oberwallis – oder die Ems-Chemie und der Medizintechnik-Hersteller Hamilton in Graubünden sind eigentliche Job- und Zuwanderungsmotoren. Die folgenden vier Porträts geben einen Eindruck von den jeweils sehr unterschiedlichen Motiven der einzelnen «Highlander».

Cyril Peter, Zeneggen VS

Nach dem Studium an der Technischen Universität in Aachen wollte der promovierte Bioverfahrenstechniker Cyril Peter weg vom akademischen Betrieb. Er suchte beim Pharmazulieferer Lonza in Visp eine neue Herausforderung in der Industrie. Dort ist er nun seit 14 Jahren tätig. Als «Commercial Solutions Integrator» bekleidet er eine wichtige Schnittstellenfunktion zwischen der Kundschaft, Verkaufsmanagerinnen und -managern und dem technischen Team.

«Das Unternehmen Lonza war mir zwar beim Umzug in die Schweiz bekannt, von Visp und vom Wallis wusste ich damals aber so gut wie gar nichts», erzählt Peter. «Zuerst wohnte ich mit meiner Familie am Arbeitsort in einer nicht gerade idyllischen Umgebung im Talboden. Als wir wenig später auf einem Wochenendausflug Zeneggen entdeckten, war dies Liebe auf den ersten Blick: ein romantisches Bergdorf mit der Natur direkt vor der Haustüre; der totale Gegensatz zu unserem früheren Leben in der Viertelmillionenstadt Aachen. Zeneggen wurde rasch zu unserer neuen Heimat. Mit seinen knapp dreihundert Einwohnerinnen und Einwohnern und rund zwei Dutzend Vereinen bietet der Ort ein überraschend vielfältiges gesellschaftliches Leben, an dem ich mich gerne beteilige. So bin ich seit einigen Jahren Präsident des Sportvereins und Mitglied der Freiwilligen-Feuerwehr, seit kurzem ausserdem Pfarreirat. Als Outdoor-Enthusiast schätze ich überdies die Freizeitmöglichkeiten ganz in der Nähe.

Ich bin längst nicht der Einzige, der aus dem Dorf zur Lonza nach Visp pendelt. Bedingt durch das Corona-Virus, habe ich in letzter Zeit auch öfter im Homeoffice gearbeitet – ein perfektes Gefühl, auf 1400 Meter über Meer mitten in der Bergwelt zu sitzen, mit Blick auf die umliegenden Drei- und Viertausender, und doch global vernetzt und verbunden zu sein mit Kunden und Kollegen auf der ganzen Welt. Vermissen tue ich als ehemaliger Städter überhaupt nichts, im Gegenteil: Ich bin immer wieder erstaunt, welch reichhaltiges Kulturleben das Oberwallis bietet, bis hin zur klassischen Musik. Und wenn wir einmal doch Lust nach mehr haben, sind wir schnell in Bern, Zürich oder Mailand.»

Martin Bienerth und Maria Meyer, Dorfsennerei Andeer GR

©  regiosuisse

Martin Bienerth ist Allgäuer, seine Frau Maria Meyer stammt von der Mosel. Beide haben sie nach dem Abitur ökologische Landwirtschaft studiert und in den Semesterferien jeweils Kühe auf Bündner Alpen betreut. Da lernten sie sich auch kennen, und aus einem Alpsommer wurden schliesslich viele. Dazwischen arbeitete Bienerth als EU-Landwirtschaftsinspektor, derweil sich seine Frau in der Schweiz zur Käsemeisterin ausbilden liess. «Als sich uns vor knapp zwanzig Jahren die Chance bot, die von der Schliessung bedrohte Sennerei in Andeer GR zu übernehmen, griffen wir zu», verrät Bienerth. «Das war damals – noch ohne bilaterale Verträge – ziemlich kompliziert. Wir hatten kaum Geld, konnten nur auf wenig öffentliche Unterstützung zählen, und man begegnete uns, weil wir vieles anders als die Vorgänger machen wollten, vorerst mit Skepsis. Doch mit Herzblut, Leidenschaft, Engagement und Durchhaltewillen machten wir uns ans Werk. Wir verarbeiten heute jährlich 420 000 Liter Milch, die uns die fünf Biobauern anliefern. Wir produzieren Käse, Rahm, Sauerrahm und Butter, die wir zusammen mit einem zugekauften Öko-Sortiment im eigenen Laden verkaufen. Darüber hinaus vertreiben wir den Käse via Grosshändler in der ganzen Schweiz und ins Ausland. Die Selbstvermarktung haben wir von anfänglich 10 auf 100 Prozent gesteigert und entsprechend auch die Wertschöpfung. So können wir den Bauern bessere Milchpreise zahlen und der Abwanderung entgegenwirken. Dazu tragen auch die zehn Arbeitsplätze unserer Molkerei bei.

Die Übernahme der Sennerei war einer der besten Entscheide in unserem Leben, auch wenn das Wochenpensum von 60 bis 70 Stunden einem alles abverlangt. Eine Weile war ich zudem im Vorstand des Bündner ÄlplerInnenvereins (BÄV) und Mitglied in der Kommission für Alp- und Milchwirtschaft des Bündner Bauernverbandes. Denke ich zurück an unseren schwierigen Start vor bald zwanzig Jahren, so glaube ich, dass heute dank der politischen Veränderungen wohl einiges leichter wäre.»

Christina Fenk und Damian Gschwend, Sekundarlehrerin und -lehrer, Blitzingen VS

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Für Christina Fenk und Damian Gschwend war schon länger klar, dass sie möglichst ruhig und im Grünen wohnen möchten. Im Rahmen ihres letzten Urlaubs schaute das Luzerner Sekundarlehrerpaar im Oberwallis, das Christina Fenk seit ihrer Kindheit als Feriendestination kennt, einige Immobilien etwas genauer an. Dabei stach ihnen ein Haus ins Auge, das wie auf sie zugeschnitten schien. «Es liegt am Dorfrand von Blitzingen VS, und es wurde vor vier Jahren gebaut», erzählt Christina Fenk. «Da wir beide sehr sportlich sind, lockte uns auch das Freizeitangebot. Die sportlichen Aktivitäten sind uns jedenfalls wichtiger als Kino, Theater und das ganze städtische Kultur- und Konsumangebot. Nach erstem Kontakt mit dem Hauseigentümer und dessen Immobilienmakler wurden wir rasch handelseinig.

Dass es uns mit unseren ‹Auswanderungsplänen› ernst sein würde, wollte uns zuerst niemand glauben. Nun, wo wir am Aufbrechen sind, heisst es in unserer bisherigen Heimat im Luzerner Hinterland: ‹Ihr habt nichts zu verlieren, ihr könnt ja jederzeit wieder zurückkommen.› Das ist für uns jedoch keine Option, im Gegenteil: Nach den Sommerferien werden wir beide mit dem Unterricht an der Orientierungsschule in Fiesch VS starten.

Das Goms fühlt sich bereits wie unsere neue Heimat an. Durch unseren Job, die Kontakte mit dem Schulteam, den Schülern sowie den Eltern werden wir bald schon mittendrin sein. Ich kann mir ausserdem vorstellen, dass wir uns auch bald gesellschaftlich – etwa in einem Sportverein – engagieren werden. Ein wenig sind wir auch stolz auf uns selbst, dass wir mutig sind und etwas Neues wagen.»

Thomas Lampert, Kunst- und Bauschmied, Guarda GR

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Der Gründer der Schmiede «Fuschina da Guarda» stammt aus Basel. Der gelernte Metallbauschlosser bildete sich zum Eidg. dipl. Schmiedemeister und zum Kunstschmied weiter. Nach einem akademischen Abstecher mit Matur und abgebrochenem Physikstudium sowie einem Militäreinsatz in Kosovo zog es Lampert mit 29 Jahren zurück zu seinen beruflichen Wurzeln. «Ich wollte mich aber selbständig machen», erinnert sich Lampert. «Auf der Suche nach einer Lokalität stiess ich 2001 in Guarda auf eine renovierte Schmiede sowie ein ziemlich unberührtes Marktumfeld. Schrittweise baute ich zusammen mit meinen Mitarbeitern und den Lernenden die Kunst- und Bauschmiede auf, in der wir allgemeine Schmiede- und Metallgestaltung anbieten, aber auch Reparaturen und Restaurationen. Ausserdem haben wir einen Kulinarik-Bereich, wo wir Messer, Tafelbesteck und Pfannen für Private und die Gastronomie produzieren. Im Moment errichten wir eine neue Werkstatt, die wir am 5. September eröffnen werden. Sie verbessert nicht nur unsere Produktionsmöglichkeiten, sondern ist auch geplant als Schauschmiede mit Besucherzentrum, Ausstellung, Bistro und Workshop-Räumlichkeiten.

Der Entscheid, nach Guarda zu ziehen, hat sich bewährt. Die Peripherie hat, wenn sie auch Besucherinnen und Besucher anlockt, ihre Vorteile. Das Unterengadin lässt einem Zeit und Freiraum für neue Ideen und Innovationen wie eben den Neubau, mit dem wir den Leuten das Schmiedehandwerk wieder näherbringen möchten. Die Finanzierung bedeutete allerdings eine ziemliche Herausforderung. Mit Eigenkapital, einem Baukredit, einem Crowdfunding und einem Beitrag der Schweizer Berghilfe haben wir es schliesslich geschafft. Als Zuwanderer habe ich immer eine gewisse Narrenfreiheit genossen. Doch wer im Unterengadin arbeitsam, fleissig und einigermassen erfolgreich ist, hat schon halb gewonnen. Nebst allen menschlichen Qualitäten erwartet man auch ein gewisses öffentliches Engagement. Ich sass fünf Jahre im Gemeinderat und bin derzeit Präsident des Tourismusvereins. Meine Baselbieter Direktheit haben mir die eher zurückhaltenden Engadiner stets verziehen.»

Der regionalwirtschaftliche Gewinn

Welchen Beitrag die «New Highlander» für die Regionalentwicklung insgesamt leisten, ist nicht bekannt. Der Begriff taucht noch in keiner Statistik auf. Das Geografische Institut der Universität Bern hat in einer explorativen Fallstudie im Kanton Graubünden das Phänomen der «New Highlander» vor drei Jahren eingehender untersucht. Rahel Meili, die ihre Dissertation dazu geschrieben hat, sagt: «Der Zuzug der New Highlander bewirkt eine Verjüngung der Bevölkerung und stärkt das Humankapital.» Zudem würden die Zuwanderinnen und Zuwanderer aus dem Unterland über grosses Fachwissen, genügend Startkapital und überregionale Netzwerke verfügen. Sie bringen neue Ideen und Kontakte in die peripheren Räume und erschliessen neue Möglichkeiten einer exportorientierten Wertschöpfung, indem sie beispielsweise ihre städtischen Herkunftsgebiete als Absatzmarkt nutzen.

Nur spekulieren lässt sich darüber, wie sich das wirtschaftliche Potenzial der «New Highlander» in grösserem Massstab nutzen liesse. Ein Ansatz könnte der Aufbau eines «New-Highlander»-Netzwerks sein, damit die alpinen Zuwanderinnen und Zuwanderer ihre Ideen und Erfahrungen austauschen und, falls notwendig, spezifische Beratungsdienstleistungen abholen könnten. Einbeziehen könnte man in dieses Netzwerk auch die Generation 65+, die nach der Pensionierung ihre Zweitwohnung in den Bergen zum festen Wohnsitz wählt und interessiert daran ist, sich in der neuen Umgebung öffentlich zu engagieren.

Dissertation von Rahel Meili: regiosuisse.ch/PhDMeili

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«Es braucht einen Kulturwandel – in den Betrieben und bei der Bevölkerung»

Pirmin Schilliger & Urs Steiger

Welche Chancen eröffnen sich den ländlichen Räumen und den Berggebieten mit den neuen, flexiblen Arbeitsformen? Diese Frage diskutierten im Rahmen einer Videokonferenz drei Expertinnen und Experten der Raumplanung und Regionalentwicklung: Rahel Meili, Projektleiterin bei der Regions- und Wirtschaftszentrum Oberwallis AG, Peder Plaz, Geschäftsführer des Wirtschaftsforums Graubünden, und Daniel Studer, Initiator und Präsident der Träger-Genossenschaft der «Plattform Haslital». Fazit: Die flexiblen Arbeitsformen bieten nicht nur wirtschaftliche, sondern auch gesellschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten unter der Voraussetzung, dass die einzelnen Regionen jeweils eigenständige Lösungen entwickeln.

regioS: Über die Bedeutung des Strukturwandels aufgrund flexibler Arbeitsformen für den ländlichen Raum und die Berggebiete lässt sich mangels Daten vorderhand nur spekulieren. Was beobachten Sie, Rahel Meili, zum Beispiel in Ihrer Region, im Oberwallis? Welches Gewicht haben dort die flexiblen neuen Arbeitsformen bereits?

Rahel Meili: Das Thema kommt im Oberwallis erst langsam auf. In Saas-Fee gibt es zum Beispiel eine Initiative, die ein Co-Working-Space aufbauen will. Auch in Visp und Brig ist Co-Working ein Thema, aber das sind auch eher die städtischeren Zentren. Fokussieren wir uns auf die Berggebiete, fällt mir Fiesch ein. Dort soll eine Art Businesscenter, unter anderem mit einem Co-Working-Space, aufgebaut werden. Die Digitalisierung insgesamt ist überall ein Thema, etwa mit dem Interreg-Projekt «Smart Villages» der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete (SAB), an dem auch einige Oberwalliser Gemeinden beteiligt sind.   

Sind die flexiblen Arbeitsformen im Kanton Graubünden bereits ein wirtschaftlicher Faktor?

Peder Plaz: Nein, als wirtschaftlicher Faktor sind die Co-Working-Spaces noch irrelevant. Wir sollten unterscheiden zwischen dem, was medial Aufmerksamkeit erzeugt, und dem, was tatsächlich passiert. Wir gehen davon aus, dass es eine Chance gibt, für das Berggebiet Menschen zu gewinnen, die dort wohnen und ein Arbeitsleben zwischen dem Wohnort und den städtischen Zentren führen möchten. Die Co-Working-Spaces sind lediglich ein kleiner Mosaikstein in diesem System. Sie geniessen viel Aufmerksamkeit, weil das Phänomen bei diesen Räumen am ehesten fassbar und erlebbar ist. Wichtiger und bedeutsamer ist, dass mit den flexiblen Arbeitsformen jede Hotellobby und jede Zweitwohnung schnell und problemlos zum Working-Space werden kann.

Peder Plaz © regiosuisse

Was schätzen Sie denn: Wie viele Personen pflegen bereits diese Arbeitsform?

Peder Plaz: Für die Schweiz gibt es noch keine Statistiken. Wir sehen aber anhand einiger Zahlen, dass es seit zehn bis fünfzehn Jahren eine Altersmigration gibt. Leute ziehen zunehmend nach der Pensionierung in die Berge. Entweder handelt es sich um Rückkehrer, die in ihren späteren Jahren wieder in ihre ursprüngliche Heimat zurück möchten, oder es sind Leute, die eine Ferienwohnung als festen Alterssitz wählen.

Welches Gewicht hat die in Meiringen schon etablierte «Plattform Haslital»?

Daniel Studer: Es wäre übertrieben, bereits von einem Wirtschaftsfaktor zu sprechen. Immerhin stelle ich fest, dass wir mit unseren Nachfrageberechnungen, die wir im Vorfeld des Projekts «Plattform Haslital» gemacht haben, gar nicht so schlecht liegen. Wir zählen heute auf mehr als ein Dutzend Abonnenten – wir nennen sie auch «Plattformerinnen» und «Plattformer» –, die hier regelmässig ein- und ausgehen. Dazu gehört auch das Startup-Unternehmen InnovEnergy, das in der «Plattform Haslital» seinen Hauptsitz hat und mittlerweile mehrere Personen beschäftigt. Wir beobachten, dass eine spannende Vernetzung stattfindet zwischen Leuten unterschiedlicher Herkunft, aus unterschiedlichen Branchen und in unterschiedlichen Arbeitsverhältnissen. Das freut uns sehr, denn diese Vernetzung ist Teil unseres Konzeptes, und wir sehen darin grosses Entwicklungspotenzial.

Was hilft es den Berggebieten, wenn sie dank flexibler Arbeitsformen neue Bewohnerinnen und Bewohner gewinnen?

Rahel Meili: Grundsätzlich ist es für eine Region ein Gewinn, wenn mehr Leute vor Ort wohnen, konsumieren und Steuern zahlen. Zudem ist es ein Vorteil, wenn die Dörfer auch tagsüber belebt sind und nicht nur kurz während der Pendlerzeiten.

Peder Plaz: In den Kernalpen, die für Städtependler zu abgelegen sind, bildet der Tourismus das ökonomische Rückgrat. Dieser ist aber in den letzten dreissig Jahren ins Stottern geraten. In dieser Situation kommt das neue Phänomen, dass sich der Arbeitsplatz ein bisschen flexibler gestalten und zum Beispiel auch in einer Zweitwohnung in diesem Kernalpenraum einrichten lässt, gerade richtig. Das weckt Hoffnungen, dass sich das wirtschaftliche Gewicht vom kommerziellen Tourismus in Richtung residenzielle Ökonomie verlagern könnte. Ein wichtiges Thema sind dabei die Zweitwohnungen. Wenn Zweitwohnungsbesitzer nicht nur zum Skifahren in die Berge fahren, sondern auch zum Arbeiten, verschieben sich die Kräfte. Zu den am Ferienort nebenbei arbeitenden Skifahrerinnen und Skifahrern gesellen sich die erwähnten Altersmigranten, die ihren Wohnsitz in die Zweitwohnung verlegen. Noch entscheidender wird allerdings sein, ob es gelingt, mit den flexiblen Arbeitsformen auch Familien für die Berggebiete zu rekrutieren. Die digitalen Voraussetzungen wären gegeben, wie wir während der Corona-Pandemie gesehen haben. Mängel und Lücken gibt es jedoch bei den gesellschaftlichen Strukturen, zum Beispiel in der Kinderbetreuung. Ausserdem möchten beide Elternteile in vernünftiger Distanz zum Wohnort einen qualifizierten Job finden.

Rahel Meili: Die Auswertung einer Studie der Universität Basel zeigt, dass es eher gut ausgebildete Leute aus bestimmten Branchen wie Finanzen und Versicherungen sind, die flexibel arbeiten können. Wollen wir diese Leute gezielt ansprechen, müssen wir ihre Bedürfnisse genau analysieren. Wir müssen wissen, ob sie nebst Kinderkrippen noch andere Infrastrukturen benötigen, damit sie sich in den Berggebieten wirklich wohlfühlen und dort auch arbeiten möchten. Und was wünschen sie im Detail: Wollen sie überhaupt einen spezifischen Co-Working-Space? Oder bevorzugen sie ein Co-Working-Café, wo sie spontan einen Kaffee trinken, zwei Stunden arbeiten und dann zurück in die Ferienwohnung können? Diese Bedürfnisabklärung muss noch viel gründlicher stattfinden.

Welches sind die Erfolgsfaktoren der offensichtlich gut gestarteten «Plattform Haslital»?

Daniel Studer: Das Haslital ist im Unterschied zum Engadin nicht nur auf den Tourismus angewiesen. Es gibt in Meiringen und den umliegenden Gemeinden auch andere Branchen. Diese durchmischte Wirtschaftsstruktur haben wir bei der Bedarfsabklärung berücksichtigt. Beim Blick auf die Pendlerstatistik haben wir festgestellt, dass es in Meiringen rund 190 Langzeitwegpendler gibt, die für einen Arbeitsweg länger als eine Stunde unterwegs sind. In unserem Fall pendeln sie weiter als nach Thun. Sie arbeiten ein oder zwei Tage pro Woche zum Beispiel in Bern, Luzern oder Zürich und drei oder vier Tage in Meiringen. Diese Langzeitpendler haben wir gezielt angesprochen, und mittlerweile sind mehrere von ihnen Abonnenten der Plattform. Beherzigt haben wir in der Konzeptphase weiter, dass ein Co-Working-Space nicht nur praktisch sein soll. Das A und O ist eine gute Atmosphäre, und dafür kann die räumliche Ausstattung einiges leisten. Zudem war uns wichtig, ein bisschen Urbanität in das ländliche Zentrum zu bringen. Damit meine ich vor allem eine gewisse soziale Dichte, Vielfalt und neue Geschichten. Diesen Anspruch versuchen wir mit Treffpunktangeboten, kulturellen und gesellschaftlichen Anlässen, Referaten, Seminaren, Ausstellungen usw. umzusetzen. Nicht zuletzt reduzieren wir mit unserem Angebot den Pendlerverkehr. Damit leisten wir einen Beitrag zum Klimaschutz und verbessern die Lebensqualität der Pendlerinnen und Pendler.

Daniel Studer © regiosuisse

regioS: Wie eruieren Sie im Oberwallis potenzielle Zielgruppen, und womit versuchen Sie diese zu erreichen?

Rahel Meili: Wir müssen unterscheiden, ob die Leute wirklich im Berggebiet leben und dort ihren Hauptwohnsitz haben oder ob sie nur einen Teil ihrer Arbeit im Berggebiet erledigen möchten. Für jene Leute, die wirklich im Berggebiet wohnen möchten, versuchen wir die Lebensqualität vor Ort zu verbessern. Notwendig sind vor allem gute soziale Infrastrukturen. Für die eher temporär im Berggebiet weilenden Co-Working- oder Homeoffice-Leute bleibt das touristische Angebot mitsamt den Erholungsmöglichkeiten weiterhin wichtig. Tagestouristen etwa wünschen sich am Bahnhof Schliessfächer, damit sie den Laptop deponieren können, während sie am Langlaufen oder Wandern sind, um am Abend bei der Rückfahrt in die Stadt wieder zwei Stunden im Zug arbeiten zu können.

Wie sprechen Sie, Herr Plaz, potenzielle Zuzüger aus dem Unterland an?

Peder Plaz: Ich würde drei Gruppen unterscheiden. Da gibt es jene, die während ihrer Ferien den Co-Working-Space, beispielsweise in Laax, nutzen und einfach nur diese Infrastruktur erwarten. Bei den Pensionierten geht es primär darum, eine Willkommenskultur zu schaffen. Die Berggebiete müssen den Senioren signalisieren, dass sie erwünscht sind. Ausserdem müssen sie ihnen einen guten Zugang zur Gesundheitsversorgung, inklusive Spitex, anbieten. Nicht zuletzt ist auch der Steuersatz ein entscheidendes Kriterium, ob jemand gewillt ist, den Wohnsitz zu verschieben. Am schwierigsten ist es, die dritte Gruppe, die Familien, zu erreichen. Denn das Einzige, was die Berggebiete ihnen mit Sicherheit bieten können, ist die digitale Infrastruktur. Gute Jobs hingegen für beide Elternteile sind oft der eigentliche Knackpunkt. Sobald Kinder im Spiel sind, stellt sich auch die Frage, ob die Eltern sie im Kanton Graubünden einschulen möchten oder doch lieber vielleicht im Kanton Zürich. Das hat dann wieder mit Durchlässigkeiten im Bildungssystem zu tun. Bei der Rekrutierung von Familien stehen wir erst am Anfang. Dazu benötigen wir auch eine Bewusstseins- und eine Kulturänderung. Wir müssen eine echte Willkommenssituation schaffen, und zwar über eine gemeinsame Identität von Einheimischen und Zuzügern. Da reden wir über Dinge wie Mitbestimmungsrechte, Mitfinanzierungsrechte, Mitbeteiligung am Vereinsleben usw.

Rahel Meili: Im Oberwallis ist die Situation etwas speziell, denn im Haupttal verzeichnen wir derzeit ein sehr starkes Wirtschaftswachstum. Die Unternehmen Lonza, Matterhorn Gotthard Bahn, Scintilla und das Spitalzentrum Oberwallis schaffen viele neue Arbeitsplätze. Es stellt sich die Frage, wie nicht nur die Talgemeinden, sondern auch die Bergdörfer davon profitieren können. Um deren Standortattraktivität zu erhöhen und sie bei der Integration neuer ausserkantonaler und ausländischer Mitbewohner zu unterstützen, haben wir am Regions- und Wirtschaftszentrum Oberwallisdas Regionalentwicklungsprogramm WIWA lanciert, zusammen mit diesen Unternehmen, den Gemeinden, der Standortförderung Valais/Wallis Promotion, der Walliser Tourismuskammer und mit Business Valais.

Rahel Meili © regiosuisse

Welche Akteurinnen und Akteure sind besonders gefordert, wenn es gilt, die flexiblen Arbeitsformen für die Berggebiete und umgekehrt die Berggebiete für die flexiblen Arbeitsformen zu erschliessen?

Rahel Meili: Als Regionalentwicklerinnen und -entwickler können wir zusammen mit den Gemeinden die notwendigen Infrastrukturen aufbauen, und wir können dazu passende Businesspläne erstellen. Am wichtigsten ist aber, dass in der Wirtschaft ein Kulturwandel stattfindet. Das Bewusstsein, dass die Angestellten mehrere Tage pro Woche ausserhalb des Arbeitsbetriebs, zu Hause oder irgendwo sonst, arbeiten können, muss in den einzelnen Firmen wachgerüttelt, akzeptiert und verankert werden. Wir können für diesen Prozess sensibilisieren und die entsprechenden Angebote kommunizieren. Der Kulturwandel muss aber in den Betrieben stattfinden.

Peder Plaz: Mittel- und langfristig können die Gemeinden viel bewirken, indem sie gute Rahmenbedingungen schaffen bezüglich Steuerstrategie, Familien-Infrastruktur und Willkommensmentalität. Aus aktueller Sicht ist die Corona-Krise ein beschleunigender Faktor in Richtung Homeoffice. Die meisten Firmen dürften gemerkt haben, dass man auch ganz gut von zuhause aus arbeiten kann. Ausserdem haben viele Beschäftigte den Umgang mit Videokonferenzen gelernt. Zudem stellen wir fest, wie schön es ist, mit weniger Pendlerverkehr zu leben.

Könnte es mit den flexiblen Arbeitsformen in den Berggebieten letztlich genauso enden wie vor Jahrzehnten mit der Telearbeit: grosse Hoffnungen, und schliesslich umso grössere Enttäuschungen?

Peder Plaz: Die flexiblen Arbeitsformen sind nicht mit der Telearbeit der 1980er-Jahre vergleichbar. Damals dachte man vor allem an Heimarbeit für Callcenter-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter. Heute geht es hingegen um spezialisierte Dienstleistungen und Beratungen. Es geht um Juristinnen und um Ingenieure, um Startup-Unternehmerinnen und Selbständige im Homeoffice. Wobei ich nicht glaube, dass jemand fünf Tage die Woche in den Bergen im Homeoffice verbringen wird. Gefragt ist vielmehr ein Mix aus Präsenz-, Homeoffice- und Familienbetreuungsarbeit. Denn der Trend hin zu den flexiblen Arbeitsformen ist verknüpft mit dem gesellschaftlichen Trend, dass Familie, Freizeit und moderne Rollenteilung einen stets höheren Stellenwert erhalten.

Daniel Studer: Ich sehe das ähnlich, zumal ich die neuen Arbeitsformen selbst praktiziere. Zwei bis drei Tage pro Woche arbeite ich in Bern, weil ich meine Arbeitskolleginnen und -kollegen sehen und ihnen physisch begegnen möchte. Den Rest der Arbeitszeit verbringe ich in Meiringen mit ganz anderen Leuten in der «Plattform Haslital». Dabei erfahre ich, wie wichtig motivierte Leute vor Ort sind, die die Vorteile der flexiblen Arbeitsformen und der sich daraus ergebenden Möglichkeiten kennen und umsetzen. Wir tun das hier als Genossenschaft ehrenamtlich. Wir tun es sehr gerne, weil wir den allgemeinen Nutzen sehen, Spass haben und von verschiedenen Seiten Zustimmung und Support spüren. 

Rahel Meili: Die Berggebiete werden von den flexiblen neuen Arbeitsformen nachhaltig profitieren, wobei der Wandel allmählich erfolgen wird. Bis wir in der Peripherie in dieser digitalen Arbeitswelt wirklich angekommen sind, werden wohl noch einige Jahre vergehen. Das Tempo des Prozesses hängt entscheidend von den Ideen lokaler Akteurinnen und Akteure ab. Der Weg zum Erfolg führt nicht über beliebige, sondern über unverwechselbare ortsspezifische Projekte.

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Flexible Arbeitsformen – Chance für die ländlichen Räume?

Pirmin Schilliger & Urs Steiger
In der Arbeitswelt findet ein fundamentaler Strukturwandel statt, bei dem flexible Arbeitsformen zusehends im Trend liegen. Sie sind weniger hierarchisch und können zeitlich unabhängig, eigenverantwortlich, ortsungebunden und folglich dezentral praktiziert werden. Diese Neuorganisation der Arbeitswelt, die seit Mitte März durch den Corona-Lockdown zusätzlich beschleunigt wurde, eröffnet neue Entwicklungschancen auch für die ländlichen und peripheren Räume. Um davon profitieren zu können, benötigen diese allerdings eine leistungsfähige Infrastruktur mit Co-Working-Spaces und schnellen Kommunikationsnetzen. Zudem müssen die ländlichen Räume und die Berggebiete ihre Attraktivität als Wohn- und Lebensort steigern, indem sie ihr Dienstleistungs- und Versorgungsangebot verbessern.
© regiosuisse

Viele ländliche und periphere Räume in der Schweiz wachsen deutlich langsamer als die urbanen Regionen. Einige verlieren gar seit Jahrzehnten Arbeitsplätze und Einwohnerinnen und Einwohner. Dieser Verlust ist ein mehr oder weniger schleichender Prozess, der sich zuweilen punktuell stoppen lässt. Das gelingt vor allem in grösseren alpinen Tourismusdestinationen, in den regionalen Zentren der alpinen Haupttäler oder im lokalen Umfeld grösserer Unternehmen. Auch eine bessere Verkehrsanbindung hilft manchmal, den Abwärtstrend zu drehen. Bislang periphere Gemeinden werden dadurch auf einen Schlag als Wohnort für Pendlerinnen und Pendler attraktiv. Allerdings sind lange Pendlerwege keine nachhaltige Lösung.

In Dörfern und Gemeinden aber, in denen sich der Schrumpfungsprozess nicht stoppen lässt, dünnt mit dem Bevölkerungsverlust auch das Versorgungsnetz aus: Öffentliche und private Dienste – von der Post über die Schule bis zum Dorfladen – lassen sich mangels Grösse und Nachfrage kaum mehr wirtschaftlich betreiben. Die betroffenen Dörfer driften in eine Abwärtsspirale. Mit dem wegfallenden Versorgungsnetz verlieren sie auch ihre Attraktivität als Wohnort. Sind zu viele Bewohnerinnen und Bewohner weggezogen, kommt schliesslich auch das gesellschaftliche Leben zum Erliegen.

Dieser Teufelskreis ist seit Jahrzehnten bekannt und ein zentrales Thema der Regionalentwicklung. Jedoch gibt es – auch unterstützt von der Neuen Regionalpolitik (NRP) – immer wieder gelungene Versuche, ihn mit Projekten und Entwicklungskonzepten und -strategien zu durchbrechen.

Flexibles Arbeiten und Wohnen im Berggebiet

Die Akteurinnen und Akteure der Regionalentwicklung ebenso wie die betroffenen Gemeinden schöpfen in jüngster Zeit neue Hoffnungen mit Blick auf flexible Arbeitsformen. Diese haben sich im Soge der Digitalisierung herausgebildet; praktiziert werden sie bislang vor allem in grossen IT- und Dienstleistungszentren im städtischen Umfeld. Nun könnten sie sich über weitere Branchen und Sektoren möglichst flächendeckend ausbreiten und sogar der vom wirtschaftlichen Niedergang am stärksten gebeutelten Peripherie zu neuem Aufschwung verhelfen. Solche und ähnliche Erwartungen hegen viele an der Regionalentwicklung Beteiligte auf sämtlichen Stufen. Dass das damit verbundene Entwicklungsrezept aber wirklich taugt, ist noch nicht schlüssig bewiesen, auch wenn die wegen der Corona-Pandemie in vielen Betrieben verordnete Homeoffice-Kultur in den letzten Wochen und Monaten einiges ins Rollen gebracht hat.

Fallen dank der Digitalisierung Raum und Zeit als Hürden weg, rücken peripherste Räume tatsächlich in Zentrumsnähe. Der dezentral organisierte Arbeitsmarkt kann mit seinen flexiblen Arbeitsformen seine Fühler in die entferntesten Winkel ausstrecken. Alles scheint plötzlich sehr einfach, zumindest in jenen Branchen, in denen die Beschäftigten den grössten Teil ihrer Tätigkeit am PC verrichten. Im Berggebiet wohnen und arbeiten? Warum eigentlich nicht? Mit Hilfe von digitaler Vernetzung, virtuellen Kontakten, Homeoffice, Co-Working-Spaces und 3-D-Produktion!

1000 Co-Working-Spaces als Ziel

Die zahlreichen Co-Working-Spaces, die in den letzten Jahren auch abseits der urbanen Zentren entstanden sind, beweisen, dass dieses Szenario mehr ist als eine Wunschvorstellung. Laut einer Umfrage der Hochschule Luzern (HSLU) gibt es im ländlichen Raum der Schweiz mittlerweile fünfzig derartige Arbeitsräume, die von rund 2500 Erwerbstätigen flexibel genutzt werden. Die Zahl scheint zwar bescheiden, doch das Phänomen ist ja noch jung.

Eine Treiberin der Entwicklung in der Schweiz ist die Genossenschaft VillageOffice. Sie hat den Aufbau von drei Dutzend Co-Working-Spaces im ländlichen, peripheren und alpinen Raum beratend begleitet, in acht Fällen im Rahmen von NRP-Projekten. Fabienne Stoll, Kommunikationsverantwortliche von VillageOffice, spricht von einem Trend, der noch am Anfang stehe. «Über drei Millionen Erwerbstätige könnten heute schon mobil arbeiten», stellt sie fest, «allerdings macht erst eine Million davon bereits Gebrauch und arbeitet gelegentlich von zu Hause aus. Ich glaube aber, dass es jetzt einen gewaltigen Schub geben wird, denn mit der Corona-Krise sind sehr viele Firmen mitsamt ihren Beschäftigten gerade auf den Geschmack gekommen.» Stoll schätzt, dass mittelfristig rund ein Drittel der traditionell organisierten Büroarbeitsplätze verschwinden wird. Ein bedeutender Teil der Arbeit dürfte in temporär genutzte Arbeitsplätze in ländliche Gemeinden und Berggebiete ausgelagert werden. VillageOffice hat sich zum Ziel gesetzt, im Laufe der nächsten Jahre die ganze ländliche Schweiz mit rund tausend Co-Working-Spaces abzudecken, nicht zuletzt auch aus ökologischen Gründen. Mit einem solchen Angebot liessen sich, so die Berechnungen, jährlich 4,4 Milliarden Pendlerkilometer und damit Zehntausende Tonnen Kohlendioxid-Emissionen einsparen.

Etwas vorsichtiger sind die Prognosen von HSLU-Professor Timo Ohnmacht. Er hat das noch junge Phänomen im Rahmen einer Nationalfonds-Studie erforscht. «Bis jetzt gibt es zwar Erfolgsgeschichten, doch die lokalen Co-Working-Standorte haben noch keinen messbaren regionalökonomischen Nutzen», bilanziert er. «Aus der Co-Working-Bewegung könnte aber bald schon mehr werden, mittels öffentlich unterstützter Co-Working-Spaces, die als Instrumente der Regionalentwicklung nachhaltige Impulse im ländlichen Raum auslösen», so Ohnmacht.

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Die Co-Working Spaces von Voisins in und um Genf verfügen alle über ein Café. © regiosuisse

Zudem müssen die ländlichen Räume und die Berggebeite ihre Attraktiviät als Wohn- und Lebensort steigern, indem sie ihr Dienstleistungs- und Versorgungsangebot verbessern.

Wo es erschwinglicher ist, wird es auch attraktiver

Die Co-Working-Spaces sind so etwas wie die Speerspitze der flexiblen Arbeitsformen im ländlichen Raum. Wirtschaftlich bedeutsamer ist aber die wachsende Zahl von Teilzeitpendlerinnen und -pendlern, die ihre Arbeit immer häufiger und länger im Homeoffice erledigen. Die aktuelle Situation auf dem Wohnungsmarkt befeuert diese arbeitsorganisatorische Entwicklung. Forschende der Credit Suisse haben in der jüngsten Studie zum Immobilienmarkt Schweiz1 den Zusammenhang zwischen Pendlerströmen und Wohnortwahl untersucht und einen Trend hin zum sesshaften ländlichen Wohnen festgestellt. Fredy Hasenmaile, Leiter Immobilien-Research bei der CS, erklärt: «Den Wohnort suchen immer weniger Menschen direkt dort, wo sie den Beruf ausüben, sondern dort, wo es erschwingliche Wohnungen gibt. Und sie halten dem einmal gewählten Wohnort in der Regel die Treue. Er wird zur Konstante in einem Leben mit immer häufigeren Jobwechseln und einem sich stetig verändernden Arbeitsumfeld.» Die durchschnittliche 110-m²-Vierzimmerwohnung kostet in der Stadt Zürich über 1,5 Millionen Franken. In einer Pendlerdistanz von 60 Bahnminuten ist sie laut CS-Studie für weniger als die Hälfte davon zu haben.

Kein Wunder, haben immer mehr Menschen genug von der teuren Wohnung in der Stadt. Sowieso möchten sie lieber naturnah wohnen, wenn sich dies mit ihrer Arbeit verknüpfen liesse. Die Berufspendlerinnen und -pendler – dazu zählen neun von zehn Beschäftigten in der Schweiz – zieht es angesichts der Preissituation immer weiter in die Peripherie hinaus. «Das wird die Etablierung der neuen Arbeitsformen im ländlichen Raum zusätzlich begünstigen», folgern die Autoren der CS-Studie. Zu einem ähnlichen Schluss kommt auch eine Umfrage der gfs-zürich im Auftrag des SECO.2 Das grösste Interesse an den neuen Arbeitsformen bekunden die Fernpendlerinnen und -pendler, die Fahrzeiten von einer Stunde und mehr pro Arbeitsweg auf sich nehmen. Es ist eine in letzter Zeit stark wachsende Gruppe, die mittlerweile 20 Prozent der Pendlerinnen und Pendler ausmacht. Fast alle wären froh, wenn sie tageweise oder auch länger am Wohnort arbeiten könnten.

Notwendige Infrastruktur

Zusammen mit den veränderten Wohnbedürfnissen ist das Entwicklungspotenzial der flexiblen Arbeitsformen für den ländlichen und peripheren Raum also unbestritten gross. Damit es sich ausschöpfen lässt, braucht es zunächst einmal eine gewisse Infrastruktur.

  • Immobilien: Die geringste Herausforderung ist wohl die Bereitstellung der notwendigen Immobilien. Angebot und Nachfrage, etwa für Co-Working-Spaces, halten sich laut VillageOffice derzeit im Gleichgewicht. Ausserdem gibt es gerade in ländlichen Regionen leerstehende Gebäude, die sich bei Bedarf rasch und mit einem vergleichsweise geringen Aufwand umnutzen und entsprechend aufrüsten lassen. Ausserdem haben sich viele Beschäftigte längst ihr Homeoffice eingerichtet.
  •  Telekommunikationsnetze: Die Schweiz ist zwar im Vergleich zu ihren Nachbarländern schon relativ gut mit leistungsfähigen Internetanschlüssen versorgt. Doch im Infrastrukturbereich weitet sich vielerorts der Stadt-Land-Graben.3 Im Hinblick auf eine stärkere Verbreitung der flexiblen Arbeitsformen ist der Ruf nach möglichst guter Erschliessung aller Gebiete der Schweiz nachvollziehbar. Um periphere Regionen und alpine Tourismuszentren so leistungsfähig zu vernetzen wie die städtischen Zentren, sind verschiedene Möglichkeiten denkbar. Mit seinem «Förderkonzept Ultrahochbreitband Graubünden» treibt zum Beispiel der Kanton Graubünden den Ausbau der Datenautobahn voran. Die NRP finanziert die konzeptionellen Arbeiten im Rahmen regionaler Erschliessungsprojekte mit. Auch die 5G-Mobilfunktechnologie stellt eine Chance dar für die ländlichen Räume und Berggebiete. Deren Ausbau ist aber aufgrund von Einsprachen und aus politischen Gründen vielerorts blockiert.
  • Mobilität: Die neuen flexiblen Arbeitskräfte bleiben mehrheitlich Teilzeitpendlerinnen und -pendler. Sie möchten ihr Pensum zwischen dem Home- oder dem Co-Working-Office am Wohnort und dem Arbeitsplatz im städtischen Zentrum frei aufteilen können. Gute Verkehrsverbindungen sind dafür die entscheidende Voraussetzung. Verschiedene Projekte, deren planerische und konzeptionelle Vorarbeiten auch die NRP unterstützt hat, haben in den letzten Jahren dazu beigetragen, die Lücken in diesem Bereich zu schliessen. Sie dienten – im Rahmen von Interreg – vor allem der Verbesserung des grenzüberschreitenden ÖV in den Regionen Basel, Genf, Jura und Tessin. Hinzu kamen Pilotversuche zur klugen Nutzung unterschiedlicher Verkehrsträger, inklusive neuer Formen der «Sharing Mobility». Doch dies reicht aus Sicht der Promotoren der Regionalentwicklung längst nicht aus. «Jede Person in der Schweiz sollte das nächstgelegene Co-Working-Büro innert 15 Minuten per Velo oder ÖV erreichen können», lautet ein Ziel von VillageOffice. Da die flexiblen Arbeitskräfte meist Teilzeitpendlerinnen und -pendler bleiben, meint Peder Plaz, Geschäftsführer des Wirtschaftsforums Graubünden: «Die Schaffung von zumutbaren Pendlerdistanzen im gesamten Gebiet der Schweiz wäre wohl die wirksamste Massnahme, die neuen Arbeitsformen auch im ländlichen Raum zu etablieren und die dezentrale Besiedlung zu sichern.»

Bewirtschaftung und Vernetzung von Co-Working-Spaces

Die neue digitale Multilokalität im Zusammenhang mit Co-Working-Spaces in den Schweizer Alpenregionen untersucht der Wirtschaftsgeograf Reto Bürgin von der Universität Bern unter anderem mittels Geotracking. Sein Eindruck: «Co-Working-Spaces allein helfen bestenfalls, den Pendlerverkehr zu reduzieren. Damit sie als Entwicklungsmotoren eine Gemeinde sozial und wirtschaftlich wiederbeleben, braucht es allerdings mehr: Das noch junge Phänomen muss sich in den Köpfen verankern, und die Co-Working-Spaces müssen intensiv bewirtschaftet werden.» Ein gutes Angebot an Arbeitsräumen mit perfekter Infrastruktur ist also bloss ein guter Anfang. Damit das verheissungsvolle Zukunftsszenario für die ländlichen und peripheren Räume voll aufblüht, müssen sich die flexiblen Arbeitskräfte zur «Community» vernetzen. In den gemeinsamen Arbeitsräumen können sie Ideen entwickeln, sich über ihre Probleme austauschen, weitere Konzepte kreieren und allenfalls in neuen Kooperationen zusammenarbeiten. «Aus dem gegenseitigen Austausch entstehen oft innovative Projekte, neue Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle bis hin zu Forschungs- und Entwicklungsprozessen ausserhalb der traditionellen Institutionen», skizziert HSLU-Professor Timo Ohnmacht die mögliche Entwicklung.

Die Bewirtschafterinnen und Bewirtschafter der Co-Working-Spaces können entscheidende Impulse vermitteln, um eine «Community» zu schaffen. «Informelle ‹Community›-Meetings sind gefragt, Inputreferate, Netzwerkanlässe mit externen Unternehmerinnen und Unternehmern, Seminare, öffentliche Events», regt Ohnmacht an. Co-Working-Spaces, die auf diese Weise bewirtschaftet werden, können zu einem attraktiven Mikrocluster der lokalen Standortförderung heranwachsen. Diesen Ansatz verfolgt auch die NRP. Das zeigen inzwischen mehr als ein Dutzend Beispiele im Rahmen von NRP-Projekten. Hier eine Auswahl: das Macherzentrum Lichtensteig SG, der Co-Working-Space Steckborn TG, das Mountain Co-Working Mia Engiadina in Scuol GR (vgl. «regioS» 14), die «Plattform Haslital» BE, die Working Station Saint-Imier BE und das Interreg-Projekt «GE-NetWork». Im Umfeld dieser Mikrocluster ergeben sich verschiedene vor- und nachgelagerte Effekte. Denn die Homeoffice- und Co-Worker tragen zur Belebung der Dörfer bei und nutzen die lokalen Dienstleistungsangebote, von der Gastronomie über den Detailhandel, die Post und den Coiffeursalon bis hin zu den Freizeiteinrichtungen und dem Gewerbe, woraus wiederum mehr lokale Wertschöpfung und weitere Arbeitsplätze entstehen.

© regiosuisse

Co-Working-Spaces – Keimzellen der Dorfentwicklung

Noch einen Schritt weiter geht die Ökonomin Jana Z’Rotz vom Institut für Betriebs- und Regionalökonomie (IBR) der HSLU. «In unseren Studien hat sich gezeigt, dass im ländlichen Raum die rein arbeitsorientierten Co-Working-Spaces schwieriger zu betreiben sind», erklärt sie. Z’Rotz fordert deshalb multifunktionale Co-Working-Spaces, die auch kulturelle, gesellschaftliche und soziale Dienstleistungen erbringen. Sie wünscht sich Orte, die jüngere und ältere Menschen gemeinsam nutzen. Co-Working-Spaces sollen unter anderem auch Quartier- oder Dorftreff sein, öffentliche Werkstatt, Atelier, soziale Anlauf- und Beratungsstellen mit Cafés und Kindertagesstätten – kurzum Keimzellen belebter Dörfer.

Auch dafür kann die NRP schon gute Beispiele liefern: Das Swiss-Escape-Projekt «Co-Living/Co-Working» in Grimentz VS, das partizipative Dorfentwicklungsprojekt Saint-Martin VS und das «Generationehuus in Schwarzenburg (BE)». Letzteres befindet sich in der Startphase und hat wegen seiner inhaltlichen Breite Modellcharakter für die ganze Schweiz. Es verfügt über einen Co-Working-Space mitsamt Werkstatt und Atelier, zwei Wohnungen für Mehrgenerationen-Wohngemeinschaften, Kindertagesstätte, Bistro, verschiedene soziale Einrichtungen, Räumlichkeiten für Gesundheitsberatung und Veranstaltungen usw. Die Konzeptphase haben der Bund und der Kanton Bern im Rahmen eines NRP-Projektes mit 140 000 Franken unterstützt. Mittlerweile hat die Trägerorganisation – eine gemeinnützige Aktiengesellschaft – über grösstenteils private Spenden 3,5 Millionen Franken gesammelt, um das Konzept zu verwirklichen. Derzeit nimmt das «Generationehuus» in einer von der Aktiengesellschaft erworbenen alten Villa mitten im Dorf schrittweise seinen Betrieb auf. Das Raumangebot ist im sanft renovierten Gebäude vorläufig beschränkt. «In Vollbetrieb gehen wir, sobald wir auch noch unseren geplanten Neubau errichten und beziehen können», erläutert Geschäftsführerin Linda Zwahlen Riesen.

Ein unterschätzter Wirtschaftsfaktor

Fest steht: Die «Arbeitswelt 4.0» erhöht das Potenzial der ländlichen und peripheren Räume als Wirtschafts- und Lebensraum. Mit ihr steigen die Chancen, die Versorgung der Dörfer und Gemeinden zu verbessern und so die durch lokale Dienstleistungen erzielte Wertschöpfung im Ort zu behalten. Diese Chancen werden bislang aber erst in wenigen Gemeinden gezielt wahrgenommen und systematisch ausgeschöpft. «Umso notwendiger ist eine breite Diskussion, wie die Regionalpolitik in peripheren Regionen vermehrt Projekte auch zur Stärkung der Wohnattraktivität im Sinne des Zusammenspiels zwischen Wohnen und Arbeiten mitberücksichtigen kann», erklärt Peder Plaz. Damit fordert er einen Paradigmenwechsel in der Standortförderung und der NRP, die heute – wie er bemängelt – «zu einseitig auf die Ansiedlung von Arbeitsplätzen setzt und die Bedeutung der Wohnortattraktivität als Rekrutierungs- und Wirtschaftsfaktor unterschätzt».

Wichtige Denkanstösse, in welche Richtung die Entwicklung zielen könnte, vermittelte etwa Olivier Crevoisier, Professor für Soziologie an der Universität Neuenburg, im Rahmen seiner Studien zur «residenziellen und präsenziellen» Ökonomie.4 Seine Forschungsergebnisse legen nahe, dass die Projektförderung der NRP die Wohnortattraktivität als Rekrutierungs- und Wirtschaftsfaktor sowie die lokalen Wirtschaftskreisläufe stärker berücksichtigen sollte. Dieses Anliegen widerspiegelt sich auch in den NRP-Pilotmassnahmen für die Berggebiete 2020–2023, mit denen neue Wege für die Unterstützung der wirtschaftlichen Entwicklung in den Berggebieten getestet werden.5 Die Erfahrungen aus diesen Pilotmassnahmen werden in die Weiterentwicklung der NRP ab 2024 einfliessen.

regiosuisse.ch/nrpvillageoffice.chgenerationehuus.chswissescape.co

1 Zyklus ohne Ende – Schweizer Immobilienmarkt 2020, Credit Suisse

2 Umfrage der gfs-zürich im Auftrag des SECO; regiosuisse.ch/news/umfrage-berggebiete

3 Breitband-Atlas, Bundesamt für Kommunikation (BAKOM)

4 Crevoisier O., Segessemann A. (2015): L’économie résidentielle en Suisse : identification et mise en perspective

5 Wirtschaftliche Entwicklung der Berggebiete: Instrumente und Massnahmen des Bundes, Bericht des Bundesrates in Erfüllung des Postulates 15.3228 Brand vom 19. März 2015

«Plattform Haslital» – mehr als ein Co-Working-Space

Pirmin Schilliger

Die «Plattform Haslital» wurde von einem kleinen privaten Team aus acht Personen, die zu diesem Zweck einen Verein gründeten, lanciert. Nach einer rund anderthalbjährigen Vorbereitungs- und Testphase, die von der Neuen Regionalpolitik (NRP) unterstützt wurde, ging der Co-Working-Space am 30. März 2019 in Betrieb. Mit seinem Angebot für ortsunabhängiges Arbeiten und mit verschiedenen öffentlichen Anlässen hat er sich rasch etabliert. In den nächsten Jahren soll er sich weiter zur Drehscheibe für regionale Innovation und zum kulturellen und gesellschaftlichen Treffpunkt im Haslital entwickeln.

David Risi ist seit Jahren Ferienhausbesitzer in Meiringen BE. Ab diesem Sommer wird der Ort im Berner Oberland nun auch zu seinem Wohnsitz. Dass der Stadtzürcher mit seiner Familie umzieht, hängt nicht zuletzt mit dem neuen Co-Working-Space «Plattform Haslital» zusammen. Diesen wollte Risi eigentlich erst nach dem Umzug wirklich nutzen. Mit dem Ausbruch der Corona-Krise änderte sich die Situation aber schlagartig. Mit dem Lockdown Mitte März zog er sich – vorerst provisorisch – mitsamt seiner ganzen Familie ins Haslital zurück. Im Co-Working-Space erledigte er in den folgenden Wochen mehr als vier Fünftel seines Arbeitspensums. An seinen Arbeitsort, die Stadtgärtnerei Luzern, pendelte der Umweltingenieur während dieser Zeit nur noch sporadisch. Auch in Zukunft möchte er möglichst oft in der «Plattform Haslital» arbeiten, denn mittlerweile ist sie für ihn mehr als nur ein Arbeitsort. «Es ergeben sich laufend inspirierende Kontakte zu interessanten Menschen, und die Ideen spriessen», lässt er schon fast geheimnisvoll verlauten.

Docking-Station

Barbara Willener, in Guttannen zu Hause, schätzt die «Plattform Haslital» als eine von mehreren Stationen im Rahmen ihrer Tätigkeit als Co-Geschäftsleiterin von Qualifutura (vgl. «regioS» Nr. 10, S. 27). Die Institution unterstützt Jugendliche im ganzen Kanton Bern bei der sozialen und beruflichen Integration. Willener ist viel unterwegs zwischen Biel, Bern, Interlaken und Meiringen. In der «Plattform», bei der sie sich als Mitglied der Betriebsgruppe engagiert, hält sie unter anderem Coachings und Sitzungen ab. «Ich erspare mir damit einige Wege», resümiert Willener.

In den Räumlichkeiten, die sich in einem ehemaligen Architekturbüro befinden, bildet der Co-Working-Space das Grundangebot. Zur Verfügung stehen zehn Arbeitsplätze, die tageweise gemietet werden können. An der modernen Büroinfrastruktur kann sich jeder umstandslos mit seinem Laptop andocken zum Preis von 25 Franken pro Tag oder 300 Franken pro Monat. Zur weiteren Ausstattung gehören eine Kaffee-Ecke, ein Sitzungs- und Seminarraum, ein Schaufenster für Wechselausstellungen sowie eine Tauschboutique. «Man kann bei uns Arbeitsplätze, Besprechungszimmer oder Anlässe buchen, man kann aber auch einfach für einen Kaffee vorbeikommen und auf dem Sofa gemütlich die Zeitung lesen», erklärt Daniel Studer. Der Geograf, der als Projektleiter bei IC Infraconsult in Bern arbeitet und für seinen Arbeitsweg mit dem Zug zwei Stunden benötigt, arbeitet regelmässig zwei bis drei Tage pro Woche in der «Plattform».

Daniel Studer (links) und Urs Zuberbühler installieren im Schaufenster der «Plattform Haslital» Werbung für eine energieautarke Wohneinheit. © regiosuisse

Arbeitsort und Treffpunkt des öffentlichen Lebens

 «Für die rund 190 Langstreckenpendler, die wir in Meiringen zählen, könnte der Co-Working-Arbeitsplatz vor Ort eine interessante Alternative sein», glaubt Studer, der auch öfter in seiner Funktion als Präsident der Trägergenossenschaft «Plattform Haslital» im Co-Working-Space anzutreffen ist. Seine Präsenz ist unter anderem gefragt bei den zahlreichen Anlässen, die hier über die Bühne gehen. Die «Plattform» dient zwar primär Selbständigen sowie Angestellten von Jungunternehmen, etablierten Firmen und der öffentlichen Verwaltung als Arbeitsort. Sie soll sich darüber hinaus aber zu einer innovativen Keimzelle und zu einem kulturellen und gesellschaftlichen Treffpunkt in der Region entwickeln. Im ersten Jahr fanden etwa ein Konzert, eine Buchvernissage und verschiedene Workshops statt. Die «Plattform» machte mit am Strassenfest und an der 5. «Work Smart Week», einer nationalen Arbeitswoche zur Zukunft der Arbeit. Eine Berner IT-Firma führte in der «Plattform Haslital» ausserdem ein Weiterbildungscamp durch. Ein grosser Publikumserfolg war das erste Repair-Café Haslital im Oktober 2019. Studer, der auch Gemeinderat ist, meint: «Wir setzen uns als Trägergenossenschaft der ‹Plattform› für ein bisschen mehr Urbanität im Alpenraum ein, ohne jedoch die Stadt kopieren zu wollen. Vielmehr fragen wir uns, was bei uns im Haslital zum Erhalt einer hohen Arbeits-, Wohn- und Lebensqualität alles notwendig ist.»

Breite Abstützung und enge Vernetzung

Im Umfeld der «Plattform Haslital» ist ein erstaunlich vielseitiges, innovatives «Biotop» entstanden. Das Startup-Unternehmen Innovenergy hat mit drei Mitarbeitenden den Firmensitz im selben Haus eingerichtet. Es entwickelt und produziert Salzbatterie-Speichersysteme. Auf die Unterstützung der «Plattform» zählte auch Guggers Garden Greens, ein Startup-Unternehmen, das Hochbeete mit seltenen Blumen- und Gemüsearten produziert. Ausserdem wirkt die «Plattform» mit bei einem Projekt für eine energetisch nachhaltige Käseproduktion. Weiter gibt es hier den «Plattformdschungel», einen saisonalen Ausstellungs- und Experimentierraum für Büropflanzen. Aus der Partnerschaft mit dem UNESCO-Weltkulturerbe Swiss Alps Jungfrau Aletsch (SAJA) könnte sich überdies bald eine Drehscheibe für das SAJA-Welterbe entwickeln.

Max Ursin, Geschäftsführer des Start-ups Innovenergy, nutzt die «Plattform Haslital» in Meiringen. © regiosuisse

«Wir sind eine klassische Bottom-up-Bewegung», stellt Studer fest. Unterstützer, Partner oder Sponsoren der Trägergenossenschaft sind die Regionalkonferenz Oberland Ost, das UNESCO-Weltkulturerbe SAJA, regionale Unternehmen und Gewerbebetriebe, die Universität Bern, das Amt für Wirtschaft des Kantons Bern, die Stelle für Standortmarketing und Regionalentwicklung Haslital Brienz sowie die fünf Haslitaler Gemeinden. Die NRP hat das Projekt «Plattform Haslital» mit einer Anschubfinanzierung von 93 000 Franken unterstützt. Ziel sei es nun, möglichst bald schwarze Zahlen zu schreiben, betont Studer. Er gibt sich zuversichtlich: «Inzwischen arbeiten bei uns regelmässig rund ein Dutzend Abonnenten, sogenannte ‹Plattformer*innen›, plus etliche Tagesgäste – deutlich mehr, als wir bei der Eröffnung erwartet haben. Und die Resonanz wird stetig grösser.»

regiosuisse.ch/nrpplattformhaslital.ch«Plattform Haslital» in der Projektdatenbank auf regiosuisse.ch

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