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Die Schweizer Berghilfe gibt Zukunft

Die Neue Regionalpolitik (NRP) und die Schweizer Berghilfe verfolgen dasselbe Ziel: strukturschwache Regionen wirtschaftlich zu fördern, Innovation zu ermöglichen und Arbeitsplätze zu sichern. Während die NRP nur überbetriebliche Projekte fördert, richtet sich die Unterstützung der Schweizer Berghilfe an kleine und kleinste Unternehmen, Genossenschaften oder private Vereine. Im Gastbeitrag erläutert Martin Abderhalden von der Schweizer Berghilfe ihre Förderkriterien. 

Die Schweizer Bergbevölkerung ist innovativ und nimmt ihre Zukunft selbst in die Hand. Manchmal fehlen aber die finanziellen Mittel, um wichtige Projekte umzusetzen. Da kommt die Schweizer Berghilfe ins Spiel. Die Schweizer Berghilfe ist eine spendenfinanzierte Stiftung, deren Ziel es ist, Arbeitsplätze in den Schweizer Bergregionen zu erhalten und zu schaffen. Damit leistet sie einen wichtigen Beitrag dazu, dass Berggebiete wirtschaftlich lebendig bleiben und langfristig Perspektiven für die dort lebende Bevölkerung bieten.

Die Unterstützung der Schweizer Berghilfe richtet sich an kleine und kleinste Unternehmen, Genossenschaften und Vereine des privaten Sektors, die im Berggebiet tätig sind. Gefördert werden Investitionen in verschiedenen für die Regionalentwicklung relevanten Bereichen. Dazu gehören die Landwirtschaft und landwirtschaftliche Verarbeitung, Tourismus und Gastronomie, Gewerbe und produzierende Betriebe – einschliesslich der Holzverarbeitung –, aber auch Dorfläden und Kindertagesstätten, welche eine zentrale Rolle für die Attraktivität und Grundversorgung der Berggemeinden spielen.

Die Förderung der Schweizer Berghilfe basiert auf zwei zentralen Grundprinzipien: finanzielle Notwendigkeit und Restkostenfinanzierung. Letzteres bedeutet, dass die Hauptverantwortung für die Finanzierung einer Investition bei der Projektträgerschaft liegt. Nach einer angemessenen Eigenleistung – in Form von Eigenmitteln und Eigenarbeit – sowie nach dem Ausschöpfen zumutbarer Fremdfinanzierungen (zum Beispiel öffentliche Investitionshilfen, Bankdarlehen), prüft die Schweizer Berghilfe, ob eine Finanzierungslücke verbleibt. 

Durch diese gezielte Unterstützung ermöglicht die Schweizer Berghilfe Investitionen, die für die wirtschaftliche Entwicklung einzelner Betriebe und damit ganzer Regionen entscheidend sind. 

Gemeinsamkeiten und Unterschiede: Förderkriterien der Neuen Regionalpolitik und der Schweizer Berghilfe

Sowohl die Schweizer Berghilfe wie auch die Neue Regionalpolitik (NRP) fördern Projekte in den Schweizer Berggebieten. Beide verfolgen das Ziel, die wirtschaftliche Entwicklung in Berggebieten zu fördern. 

Es gibt aber wesentliche Unterschiede: So wirkt die NRP auch in den Agglomerationen und Grenzgebieten und fördert ausschliesslich überbetriebliche Projekte sowie die Erarbeitung von regionalen Entwicklungsstrategien. Die NRP fördert die Zusammenarbeit unter öffentlichen und privaten Institutionen, während die Schweizer Berghilfe wiederum öffentliche Institutionen, zum Beispiel Gemeinden, als Projektträger ausschliesst. Dafür können bei der Schweizer Berghilfe auch Kleinstbetriebe und private Vereine Unterstützung erhalten. Die Schweizer Berghilfe spricht ausschliesslich A-Fonds-perdu-Beiträge, während die NRP auch Darlehen vergibt. Die spendenfinanzierte Schweizer Berghilfe und die staatliche NRP ergänzen sich gut – und beide stärken die Wirtschaftskraft der Berggebiete. 

Die Schweizer Berghilfe als Möglichmacherin

Die Schweizer Berghilfe ist eine «Möglichmacherin». Sie setzt dort an, wo trotz sorgfältiger Finanzierung keine vollständige Deckung der Investitionskosten möglich ist. Sie tritt nachrangig zu allen anderen Finanzierungsquellen auf und übernimmt gezielt die verbleibende Finanzierungslücke.

Die Schweizer Berghilfe vergibt À-fonds-perdu-Beiträge, die nicht zurückbezahlt werden müssen. Dadurch unterstützt sie konkrete Investitionsprojekte von Klein- und Kleinstunternehmen, die aufgrund ihrer Grösse oder ihrer Lage oft erschwerten Zugang zu klassischen Finanzierungsinstrumenten haben. Ergänzend zu den staatlichen Instrumenten der Regionalpolitik leistet die Schweizer Berghilfe so einen direkten und wirkungsvollen Beitrag zur nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung der Berggebiete.

Der Selbstbedienungs-Dorfladen

Zum Beispiel in Prato Sornico. Dort hat die Schweizer Berghilfe die Digitalisierung des Dorfladens ermöglicht. Eigentlich würde die Botega da la Lavizzara nun ja ohne persönlichen Kontakt auskommen: Automatisches Schliesssystem mit QR-Code, Scanner, Selbstbedienungskasse, Videoüberwachung. Aber heute ist wieder mal so ein Tag, an dem der kleine Raum im Erdgeschoss des schmucken, rosafarbenen Hauses eher einer Dorfversammlung gleicht als einem Selbstbedienungsgeschäft. Zwei Handwerker trinken Kaffee und plaudern mit Astrid Lorenzetti, die nebenbei Gestelle auffüllt. Im Eingangsbereich sitzt Laura Poncia an ihrem Laptop und macht die Buchhaltung. Und Tanja Scolla ist mit ihrer kleinen Tochter Mia vorbeigekommen. Immer wieder kommen Leute rein, kaufen etwas, plaudern eine Weile mit, verschwinden wieder. «Wäre doch schade gewesen, wenn dieser Treffpunkt verloren gegangen wäre, oder?», fragt Astrid.

Einige Monate lang hatte das Lavizzara, wie das oberste Maggiatal heisst, tatsächlich keinen Laden mehr. Die Betreiber hörten altershalber auf, nachfolgen wollte niemand. «Das darf nicht sein», sagte sich Astrid und besprach sich mit all ihren Bekannten. Man war sich einig: Jemand sollte etwas tun. Eine Genossenschaft gründen zum Beispiel. «Irgendwann wurde mir klar, dass man nicht nur davon reden kann, und ich überzeugte Laura und Tanja, mitzumachen», so Astrid. Just am internationalen Frauentag gründeten die drei Frauen ihre Dorfladengenossenschaft.

Metallabfälle in hochwertige Metalle verwandeln – wie RASOL regionale Wertschöpfungsketten stärkt 

Was heute als Abfall gilt, kann morgen eine wertvolle Ressource sein. Genau das zeigt das Projekt RASOL in der Region La Chaux-de-Fonds – unterstützt im Rahmen des Programms Interreg Frankreich–Schweiz. Das Projekt entwickelte eine neue Methode, um Metallabfälle in hochwertige Metalle zu recyceln. Der Recyclingprozess wird dabei ausschliesslich mit Solarenergie betrieben. 

Auf Schweizer Seite steht Raphaël Broye, Gründer von Panatere, hinter dem Projekt. Er verfolgt eine ebenso industrielle wie ökologische Vision:

«Was mich antreibt, ist, Licht einzufangen und daraus Wärme zu machen und gleichzeitig Materialien wieder zum Leben zu erwecken, die wir früher weggeworfen haben.»

Das technologische Herzstück von RASOL ist ein Schmelzreaktor mit kontrollierter Atmosphäre, integriert in einen Solarofen, der ausschliesslich mit Sonnenstrahlung betrieben wird. Mit diesem Verfahren lassen sich Metalle schmelzen und reinigen, um unter anderem Stahl der Qualität 1.4441 herzustellen – ein Werkstoff, der in anspruchsvollen Branchen wie der Uhrenindustrie, der Medizintechnik oder der Luft- und Raumfahrt eingesetzt wird. «In unserer Region fallen grosse Mengen an Metallabfällen an. Unser Ziel ist es, diese Abfälle lokal zu sortieren und wiederzuverwerten», erklärt Raphaël Broye. Diese Abfälle stammen insbesondere aus komplexen Produkten wie elektronischen Geräten, die aus vielen schwer trennbaren Metallen bestehen, sowie aus industriellen Produktionsresten, die aus wirtschaftlichen Gründen oft vermischt werden, was ihr Recycling erschwert.

Die Zielsetzung ist klar: industrielle Abfälle in wiederverwendbare Ressourcen umzuwandeln und gleichzeitig die hohen Qualitätsanforderungen der mikrotechnischen Industrie zu erfüllen. Zudem soll der Prozess so optimiert werden, dass eine gleichbleibend hohe Materialqualität gewährleistet ist. Dank der Nutzung von Solarenergie wird der CO₂-Fussabdruck im Vergleich zu konventionellen Verfahren um das bis zu 165-fache reduziert werden.

Grenzüberschreitende Zusammenarbeit als Schlüssel

RASOL basiert auf einer engen Zusammenarbeit zwischen Forschungsinstitutionen und Unternehmen aus der Schweiz und Frankreich. Diese Kooperation wurde durch das europäische Interreg-Programm ermöglicht, das gezielt grenzüberschreitende Projekte fördert.

Jeder Partner bringt spezifische Kompetenzen ein. Das französische Unternehmen Socrate Industrie, spezialisiert auf Maschinenbau, spielt eine zentrale Rolle bei der technischen Umsetzung. Es entwickelt und baut die Anlagen, die für den Recycling-Prozesses erforderlich sind. Der Schweizer Partner Panatere ist wiederum für den gesamten Recyclingprozess verantwortlich. Für Gründer Christian Petit steht die industrielle Anwendung im Vordergrund:«Recycling mit Sonnenenergie ist ein spannender Ansatz, der sich künftig weiter verbreiten könnte. Unser Ziel ist es, konkrete industrielle Anwendungen zu entwickeln – im Einklang mit ökologischen Anforderungen.»

Das Projekt zeigt exemplarisch, wie sich Kompetenzen ergänzen: von der Konzeption über die Modellierung bis hin zur industriellen Umsetzung und Validierung.

Norman Quadroni, Projektleiter bei der Schweizer Interreg-Koordinationsstelle des Progamms Frankreich-Schweiz, hebt hervor:

«Interreg wirkt als Hebel – sowohl für Frankreich als auch für die Schweiz. Die Zusammenarbeit ermöglicht es, gemeinsame Herausforderungen anzugehen, insbesondere in den Bereichen Umwelt und Sicherung von Arbeitsplätzen. 

Die Kantone Neuenburg und Jura haben das Projekt mitfinanziert und so zusätzlich regional verankert. Konkret hat Interreg dazu beigetragen, ein Partnernetzwerk aufzubauen, Kompetenzen zu bündeln und den entscheidenden Schritt von der Forschung hin zur Umsetzung zu ermöglichen. «Dieses Netzwerk hat uns erlaubt, ein starkes Kollektiv zu bilden und gezielt ergänzende Kompetenzen einzubinden», sagt Raphaël Broye.

Im Einklang mit der Neuen Regionalpolitik (NRP)

Während Interreg die grenzüberschreitende Zusammenarbeit ermöglicht, setzt die Neue Regionalpolitik (NRP), in deren Rahmen die Schweizer Teilnahme an Interreg erfolgt, auf die nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung der ländlichen Regionen in der Schweiz. Sie unterstützt Projekte, die Innovation fördern, Wertschöpfung generieren und die wirtschaftliche Resilienz stärken.

RASOL passt ideal in diese Logik. Ziel ist der Aufbau einer lokalen Recyclingkette für Stahl – ohne den Einsatz neuer Rohstoffe. Langfristig kann das Projekt die Materialbeschaffung regionaler KMU sichern, insbesondere in Branchen wie der Uhrenindustrie, der Dentaltechnik, der Medizintechnik oder der Luft- und Raumfahrt und gleichzeitig ihre Wettbewerbsfähigkeit stärken.

So ergänzen sich die beiden Förderinstrumente: Interreg vernetzt Akteure über Grenzen hinweg und ermöglicht Innovationen – die NRP sorgt für deren langfristige Verankerung in den regionalen Wirtschaftsstrukturen. Gerade in Zeiten steigender Unsicherheiten bei Rohstoffen und Energie leistet ein solches Modell einen wichtigen Beitrag zur Stärkung regionaler Wirtschaftssysteme.

Perspektiven über die Region hinaus

Über die Region hinaus eröffnet RASOL neue Perspektiven. «Unsere Vision ist es, das Modell in verschiedenen europäischen Regionen in Europa zu kopieren und ein Leuchtturmprojekt für solares Schmelzen im Metallrecycling zu werden», sagt Raphaël Broye. Viele Regionen stehen vor ähnlichen Herausforderungen. «Wir können auch anderen Wirtschaftsregionen einen Mehrwert bieten – etwa die Uhrenregion Watch Valley, wo zahlreiche Unternehmen nach gemeinsamen Lösungen suchen.»

Gleichzeitig bringt Broye die grundlegende Veränderung auf den Punkt: «Die Hyperglobalisierung hat keinen Sinn mehr. Früher wurden Abfälle ans andere Ende der Welt transportiert und legten bis zu 42’000 Kilometer zurück. Heute setzen wir auf kurze Wege.» Das Projekt zeigt, wie eine regionale Initiative – getragen von engagierten Akteuren und unterstützt durch Programme wie Interreg und die NRP – konkrete Lösungen hervorbringen kann, deren Wirkung weit über die Ursprungsregion hinausreicht.

Metalle mit Sonnenenergie recyceln?

Metalle mit Sonnenenergie recyceln?

Das Projekt RASOL entwickelt ein innovatives Verfahren, um Metallabfälle in hochwertige Rohstoffe für die Präzisionsindustrie zu verwandeln. Mithilfe eines Schmelzreaktors im Solarofen kann Stahl mit deutlich reduziertem CO₂-Fussabdruck produziert werden. Getragen von Partnern aus der Schweiz und Frankreich – darunter Panatere und Socrate Industrie – wird das Projekt durch Interreg und die NRP unterstützt.

Videosprache: Französisch mit deutschen Untertitel

Preisgünstiger Wohnraum ist ein Standortfaktor 

Regionalpolitik und Wohnungspolitik sollen zusammen gedacht werden. Das liegt für Martin Tschirren, Direktor des Bundesamtes für Wohnungswesen, auf der Hand. Denn ein passendes und bezahlbares Wohnungsangebot ist ein Standortfaktor. Das gilt in Tourismusregionen und Agglomerationen ebenso wie in Städten. Ein neuer Baukasten zeigt, wie Gemeinden preisgünstigen Wohnraum fördern können. 

Katharina Rüegg, Leiterin Kommunikation regiosuisse: Der «Baukasten für preisgünstigen Wohnraum» richtet sich an Gemeinden und stellt zehn Massnahmen zur Förderung von günstigem Wohnraum vor. Sie thematisieren die Lenkung, die Finanzierung und die Kommunikation. Ist es so einfach, dass zehn Bausteine genügen?
Martin Tschirren, Direktor des Bundesamtes für Wohnungswesen: Die zehn Massnahmen decken die Handlungsmöglichkeiten der Gemeinden in der Tat gut ab und sind in der Praxis erprobt. Da jede Gemeinde eine andere Ausgangslage und eigene Ziele hat, wird jede Gemeinde die Bausteine wählen, die zu ihrer Situation passen. Die Einfachheit des Baukastens ist seine Stärke. 

K.R.: Das erinnert an Lego – damit habt ihr den Baukasten ja auch illustriert. Kann der Baukasten den sehr unterschiedlichen Gegebenheiten in Städten, Agglomerationen und Berggebieten gerecht werden? Martin Tschirren: Ja, denn die Kernfrage stellt sich überall: Entspricht der Wohnraum den Bedürfnissen der Bevölkerung? Es braucht in jeder Gemeinde zunächst eine fundierte Analyse und Strategie. Dann zeigt sich, mit welchen Bausteinen die Gemeinde ihre Strategie umsetzen kann. Schauen wir zum Beispiel die Agglomerationsgemeinde Birsfelden und die Berggemeinde Lantsch / Lenz an: Beide nutzen zum Teil dieselben Bausteine, nämlich «Lenken – Anteile von preisgünstigem Wohnraum in der Nutzungsplanung festlegen» und «Finanzieren – Abgabe von kommunalem Land». Zusätzlich setzt Birsfelden auf «Kommunikation – Verhandlungen» und Lantsch / Lenz auf «Finanzieren – Darlehen/Beiträge an gemeinnützige Wohnbauträger».

K.R. Inwiefern unterscheiden sich die Herausforderungen der Agglomerationen von den Bergregionen?
Martin Tschirren: Agglomerationen sind oft von einem starken Bevölkerungswachstum, einer dynamischen Bautätigkeit und steigenden Mieten geprägt. Zum Beispiel Küsnacht am Zürichsee: eine sehr attraktive Gemeinde mit hohen Land- und Wohnungspreisen. Küsnacht möchte eine sozial und altersmässig durchmischte Gemeinde mit einem lebendigen Dorfleben bleiben. Dafür benötigt sie bezahlbaren Wohnraum. Die nicht touristischen Bergregionen stehen oft vor dem Problem der Abwanderung und dass erschwingliche Mietwohnungen für junge Familien fehlen. 

K.R.: Und die touristischen Berggemeinden? 
Martin Tschirren: Hier besteht häufig eine grosse Nachfrage nach Zweitwohnungen und eine starke Präsenz von Plattformen für Kurzzeitvermietung wie zum Beispiel Airbnb. Die Wohnungssituation hat sich in den letzten Jahren deutlich verschärft: Die Leerwohnungsziffer in den Tourismusgemeinden hat sich von 2020 bis 2023 halbiert und liegt aktuell im Schnitt bei lediglich 0.8 Prozent. Aber ein Angebot an preisgünstigem Wohnraum ist für Tourismusorte überlebenswichtig – für Arbeitskräfte und Einheimische. 

K.R.: Die Neue Regionalpolitik (NRP) kann regionalwirtschaftliche Projekte fördern, die auch konkrete Fragen der Wohnpolitik und preisgünstigen Wohnraum thematisieren können. Wie beurteilen Sie dieses Instrument? 
Martin Tschirren: Die Verlinkung von Regionalpolitik und Wohnungspolitik liegt auf der Hand. Denn preisgünstiger Wohnraum ist ein Standortfaktor – und das gilt überall. 

K.R.: Welche anderen Förderinstrumente sollten Gemeinden in Agglomerationen und Berggebieten sonst noch kennen? 
Martin Tschirren: Der Bund gewährt mit dem «Fonds de Roulement» zinsgünstige Darlehen für gemeinnützigen Wohnungsbau und leistet Bürgschaften. Verschiedene Kantone setzen eigene Förderprogramme um, eine Übersicht bietet die Website des BWO. Zudem können Gemeinden selbst tätig werden, zum Beispiel mit einem eigenen Fonds zur Wohnraumförderung, der aus der Grundstückgewinnsteuer oder Mehrwertabschöpfungen gespiesen wird. 

K.R.: Martin Tschirren, herzlichen Dank für das Gespräch! 

In Kürze: Der Baukasten für preisgünstigen Wohnraum

Der Baukasten des Bundesamtes für Wohnungswesen zeigt anschaulich auf, wie sich preisgünstiger Wohnraum fördern lässt. Zehn Handlungsfelder beschreiben, wie Städte und Gemeinden vorgehen können. Erfolgreiche Beispiele aus verschiedenen Gemeinden zeigen, wie konkrete Massnahmen umgesetzt wurden. Als praxisnahes Instrument unterstützt der Baukasten Städte und Gemeinden bei der Entwicklung einer bedürfnisgerechten Wohnungspolitik. Hier geht es zum Baukasten

Für Gemeinden in Berggebieten ist zudem dieser Leitfaden nützlich: Attraktives Wohnen in Berggebieten.

Fördermöglichkeiten der Neuen Regionalpolitik

Die Neue Regionalpolitik (NRP) kann Projekte, die sich mit konkreten Fragen der Wohnpolitik und mit preisgünstigem Wohnraum befassen, nur sehr begrenzt fördern. Die detaillierten Förderbestimmungen legen die Kantone fest. Weitere Informationen: Unterstützung für Projektträgerschaften

Neue Regionalpolitik und Herausforderung Wohnen: Drei Beispiele 

Grundlagenstudie «360°-Tourismus» im Kanton Graubünden: Der Fokus liegt auf einem integrierenden Lebensraum-Management, das alle relevanten Aspekte (Wohnraum, Arbeit, Verkehrsinfrastruktur, Besucherlenkung, Tourismusakzeptanz) berücksichtigt. Eine besondere Herausforderung ist die Wohnungsknappheit für Arbeitskräfte und für die lokale Bevölkerung. 

Nutzungsstrategie Altstadt Sursee, Kanton Luzern: Ziel ist es, eine lebendige Altstadt zu schaffen, die überzeugt – fürs Verweilen, Wohnen, Arbeiten und Einkaufen. Dafür erstellt die Stadt Sursee eine Nutzungsstrategie. Mit dabei sind Anwohnende, Gewerbe- und Gastrobetreibende sowie weitere Akteurinnen und Akteure. 

Technische Innovationen in Sion: Das Quartier Ronquoz21 südlich des SBB-Bahnhofs von Sion steht vor einem tiefgreifenden Wandel. Das heute vorwiegend industriell geprägte Gebiet wird zu einem gemischt genutzten Quartier mit Wohnungen, Büros, Geschäften, Einrichtungen und öffentlichen Räumen. Das Projekt fördert im Rahmen der Arealentwicklung innovative Lösungen in den Bereichen Mobilität, Stromversorgung und Wärmeverteilung. 

Bilder von © BWO

Der Einstiegskurs – für alle, die mit der Neuen Regionalpolitik in Berührung kommen

Der Einstiegskurs in die Neue Regionalpolitik ist bereits ein Klassiker – und meistens schnell ausgebucht. Wem nützt der Kurs und was sagen die Teilnehmenden dazu? Wir haben uns am eintägigen Kurs in Altdorf im Kanton Uri umgehört. 

Die Neue Regionalpolitik (NRP) ist ein ausgezeichnetes Mittel des Bundes, um Innovation, lokale Wertschöpfung und die Schaffung von Arbeitsplätzen zu fördern. Aber sie ist komplex: Die Umsetzung erfolgt in 26 Kantonen mit je eigenen Programmen und Rahmenbedingungen. Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl an lokalen, regionalen und sogar internationalen Akteuren. 

Der Einstiegskurs verschafft hier den Durchblick. Das bestätigt auch Teilnehmer Rolf Infanger vom Urner Gemeindeverband: «Ich kam mit der Erwartung, dass mir die Grundprinzipien der Neuen Regionalpolitik aufgezeigt werden und wie ich als Regionalmanager meine Klientinnen und Klienten am besten unterstützen kann. Diese Erwartungen wurden erfüllt!»

Marcel Zumkemi vom Regions- und Wirtschaftszentrum Oberwallis (RWO) empfiehlt den Einstiegskurs sogar allen, die mit der Neuen Regionalpolitik in Berührung kommen: «Es werden wertvolle Hintergründe vermittelt. Auch wenn man bereits einige NRP-Projekte bearbeitet hat, ist der Kurs nützlich.»

Ideen für die Organisation und für die Beratung

Die Komplexität der NRP erlebt Nadia Scherer von der Destination Einsiedeln-Ybrig-Zürichsee beinahe täglich: «In unserem Tourismusgebiet haben wir häufig mit mehr als einem Kanton zu tun, was unsere Arbeit anspruchsvoll macht. Ich war erleichtert, als ich am Einstiegskurs erfahren habe, dass nicht bloss ich diese Situation anspruchsvoll finde, sondern dass es am System liegt. Ich nehme aus dem Einstiegskurs neue Ideen mit, wie wir diesem System besser entsprechen können.»

Die Inhalte des Einstiegskurses sind praxisnah. Das sieht auch Jasmin Schlaepfer von VISIT Glarnerland so: «Ich fand die Mischung aus Praxisbeispielen und Theorie sehr gut. Und ich fühle mich gut begleitet, weil ich jetzt weiss, wo ich zusätzliches Know-how abholen kann. Als Verantwortliche der Destinationsentwicklung begleiten wir Projekte von der Basis. Ich habe dank des Einstiegskurses mehr Sicherheit in der Beratung gewonnen und kann die Initiantinnen und Initianten von Projekten jetzt noch besser unterstützen.» 

Horizonterweiterung dank Präsenzveranstaltung

Nachdem der Einstiegskurs mehrmals online durchgeführt wurde, fand er dieses Mal vor Ort im Innovationsbiotop Uri in Altdorf statt und vermittelte eine ganz besondere Tiefe: Die Teilnehmenden erlebten die Präsentation des Praxisbeispiels San Gottardo mit Blick auf die frisch verschneiten Berge des Urnerlandes. Und David Kramer vom SECO (Co-Leiter des Ressorts Regional- und Raumordnungspolitik) stand auch während der Pausen für spontane Gespräche zur Verfügung. Für Marcel Zumkemi hat sich die Anreise aus dem Oberwallis gelohnt: «Neben allen Inhalten und spannenden Links, die wir am Einstiegskurs erhalten haben, fand ich den Austausch mit Kolleginnen und Kollegen der Regionalentwicklung ausserordentlich wertvoll.»

Weitere Informationen zum Einstiegskurs

Die Einstiegskurse werden in der Agenda von regiosuisse ausgeschrieben.

Nächste Durchführungen: 

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Nützliche Links aus dem Einstiegskurs

Zukunft braucht Herkunft – Wie Alpahirt mithilfe regionaler Innovationsförderung eine Tradition weiterentwickelt

Manchmal beginnt Zukunft mit einem Blick zurück. Als Adrian Hirt 2014 das Label Alpahirt gründete, kehrte er bewusst in seine Heimat Graubünden zurück. Er wollte Fleischprodukte so produzieren, dass Herkunft und Handwerk nachvollziehbar bleiben und das Tierwohl im Zentrum steht. Ein Anspruch, der eng mit seiner Familiengeschichte verbunden ist: Sein Urgrossvater, der «Urneni» war Bauer. Er verstand sein Handwerk als Verantwortung gegenüber Tier, Produkt und Region. Diese Philosophie wollte Adrian Hirt ins heute und morgen übersetzen.

Alpahirt arbeitet mit rund 80 Bergbäuerinnen und Bergbauern aus der Region zusammen und verarbeitet jährlich etwa 140 Kühe aus artgerechter Haltung zu Naturfleisch. Die Tiere wurden ausschliesslich mit hofeigenem Futter ernährt, zumeist Gras und Heu. Dabei setzt das Unternehmen auf kurze Wege, direkte Zusammenarbeit mit regionalen Partnern und den konsequenten Verzicht auf Pökelsalze, Zucker oder weitere künstliche Zusatzstoffe. Stattdessen wird das Fleisch mit Rotwein, Natursalz und Gewürzen verarbeitet: es soll als Lebensmittel nachvollziehbar bleiben, sowohl in seiner Herkunft als auch in seiner Verarbeitung.Die regionale Wertschöpfung ist Grundlage von Alpahirts Geschäftsmodells.

Vom Wunsch nach Weiterentwicklung zur begleiteten Innovation

Nach mehreren Jahren Aufbauarbeit stellte sich für Adrian Hirt die Frage, wie sich ein funktionierendes, wertebasiertes Unternehmen weiterentwickeln lässt. Konkret ging es dabei um neue Produkte: Grill- und Brühwürste aus 100 Prozent Rindfleisch, ohne Pökelsalz und Zusatzstoffe. Handwerklich war vieles bereits vorhanden. Was fehlte, war ein strukturierter Innovationsprozess – von der Rezeptur über die Sensorik, also die systematische Beurteilung von Geschmack, Geruch, Textur und Aussehen eines Produkts, bis zur Einordnung im Sortiment.

An diesem Punkt kam das Innovationscoaching des Innovationsnetzwerks Ostschweiz (INOS) ins Spiel. Dieses wird im Rahmen der Neuen Regionalpolitik (NRP) über ihr Instrument der Regionalen Innovationssysteme (RIS) finanziert. Die RIS sind funktionale, meist interkantonale Wirtschaftsräume, die Unternehmen darin unterstützen, mit Innovationen ihre Geschäftstätigkeit weiterzuentwickeln. Über INOS wurde Adrian Hirt mit Patrick Zbinden, einem Lebensmittelsensoriker und Food Designer, vernetzt. Als Coach begleitet er Unternehmen dabei, Innovationsvorhaben systematisch anzugehen – geschmacklich, technologisch und kulturell. Der gemeinsame Prozess begann mit einem Innovationsworkshop. Dabei wurden mithilfe künstlicher Intelligenz und menschlicher Erfahrung erste Rezepturen entwickelt. Konkret halfen Large Language Models wie ChatGPT, Perplexity oder Mistral bei der Rezepterstellung, der sensorischen Analyse sowie später auch bei Verpackung und Namensgebung.

Die Ergebnisse des Workshops bildeten die Grundlage für die sensorische Feinjustierung der Rezepturen. Die ersten Prototypen wurden dann bewusst von vielen Personen beurteilt, um ein breites sensorisches Bild zu erhalten. Dieser iterative Prozess wurde zu einem zentralen Element der erfolgreichen Produktentwicklung. Was INOS-Coach Patrick Zbinden bei der Begleitung von Coachees in Innovationsprozessen besonders motiviert: «Wenn Unternehmen den Mut finden, ihre kulinarischen Ideen zu schärfen, statt lediglich Trends zu kopieren.»

Umsetzung entlang der Wertschöpfungskette

Im nächsten Schritt ging es um die Umsetzung. Für diese arbeitete Alpahirt eng mit Samuel Helbling, Metzgermeister und Geschäftsführer des Fleischzentrums Davos in Klosters, zusammen. «Für uns Metzger ist es eine ständige Herausforderung uns immer wieder neu zu erfinden und weiterzuentwickeln: sprich mit immer gleichbleibenden Rohstoffen von den Tieren auf wechselnde Kundenbedürfnisse und Trends einzugehen», so Helbling.
Durch die von der NRP mitfinanzierten Coachings von INOS konnten schliesslich die beiden Würste «Alpenblüte» und «Felsenkraft» auf den Markt gebracht werden. Sie unterscheiden sich deutlich im Geschmacksprofil – die erste eher sanft und floral, die zweite kräftig im Geschmack – folgen aber derselben Grundhaltung: regionale Herkunft des Fleisches, handwerkliche Verarbeitung, keine Zusatzstoffe. Am 1. August 2025 wurden diese beiden Produkte lanciert und werden mittlerweile schweizweit vertrieben.

Regionale Innovationssysteme (RIS) als Enabler

Aus Sicht von Marc Plancherel, Verantwortlicher für Regionale Innovationssysteme (RIS) und Leiter Innovation beim SECO / NPR, zeigt das Projekt exemplarisch, wie Innovationsförderung im ländlichen Raum wirken kann: «Regionale Innovationssysteme wie INOS stärken die Innovationsdynamik in den Regionen, fördern das Unternehmertum und erhöhen die regionale Wertschöpfung. Deshalb sind sie ein wichtiges Instrument der Neuen Regionalpolitik», erklärt er. Diese beziehen sich auf funktionale, meist interkantonale Wirtschaftsräume, in denen die für den Innovationsprozess notwendigen Akteure wie Unternehmen, Universitäten und der öffentliche Sektor miteinander vernetzt sind.
Bis 2029 will sich Alpahirt als führende Schweizer Referenz für Naturfleisch ohne Zusatzstoffe etablieren. Im Fokus stehen dabei regionale Wertschöpfung und qualitative Weiterentwicklung. Die Geschichte von Alpahirt zeigt, wie Herkunft zum Ausgangspunkt für Zukunft werden kann – wenn Betriebe bereit sind, sich weiterzuentwickeln. Und oft braucht es auch die passenden Förderinstrumente, die diesen Weg begleiten.

Mehr über die NRP und wie sie regionale Projekte unterstützt:

Die Schweizer Pärke: Katalysatoren einer nachhaltigen Regionalentwicklung

Die Schweizer Pärke sind Laboratorien der Raumentwicklung: Orte, an denen Natur, Wirtschaft und Gesellschaft gemeinsam wachsen. Sie nutzen die natürlichen und landschaftlichen Schätze ihrer Regionen und verwandeln sie in ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Mehrwert. Das gelingt dank lokalem Know-how und einem ausserordentlichen Engagement der Regionen.

Geografische, wirtschaftliche und soziale Disparitäten haben den Bund zur Neuen Regionalpolitik (NRP) veranlasst. Diese stärkt die Wettbewerbsfähigkeit von Berggebieten sowie ländlichen und peripheren Räumen und setzt auf eine endogene Entwicklung – also auf das, was die Regionen selbst mitbringen. Das Ziel: Arbeitsplätze schaffen, dezentrale Besiedlung sichern und die Lebensqualität langfristig erhalten.

Die Neue Regionalpolitik ist Teil einer übergeordneten kohärenten Raumentwicklung, die Politikfelder wie Raumplanung, Mobilität, Landwirtschaft, Energie und Tourismus zusammenführt. In diesem Gefüge sind die Regionalen Naturpärke wichtige Akteurinnen und Akteure, denn sie liegen in Gebieten mit hohem Natur- und Landschaftspotenzial und arbeiten nach einem ganzheitlichen Verständnis von Nachhaltigkeit. Pärke bauen auf ihren regionalen Stärken auf – Naturwerte, Landschaftsqualität und lokales Wissen. Sie fördern regionale Kreisläufe, stärken die regionale Wertschöpfung und unterstützen die Bevölkerung dabei, ihre Tätigkeiten nachhaltig weiterzuentwickeln.

Ein spürbares Engagement für eine nachhaltige regionale Wirtschaft

Dass die Pärke weit mehr sind als touristische Marken, ist jedoch weniger bekannt. Sie engagieren sich ebenso in Landwirtschaft, nachhaltiger Mobilität, Energie sowie beim lebendigen Kulturerbe. Viele Pärke helfen, regionale Wirtschaftszweige (Brot-, Fleisch-, Holz- oder Wollverarbeitung) aufzubauen – und setzen damit auf Kreislaufwirtschaft und lokale Wertschöpfung. Ein wichtiges Instrument ist dabei das Programm «Partnerunternehmen». Es unterstützt Betriebe, die dieselben Werte wie die Pärke leben: Nachhaltigkeit, regionale Verankerung, Qualität und Innovation. So entsteht Schritt für Schritt eine solidarische, vernetzte Wirtschaftsgemeinschaft.

Ausserdem können regionale Spezialitäten das Produktelabel der Schweizer Pärke erhalten. Dafür müssen sie im Parkgebiet hergestellt werden, Nachhaltigkeits- und Qualitätsanforderungen erfüllen und zu den Parkzielen beitragen. Im Gegenzug hilft der Park bei der Vermarktung. Mehr als 2500 zertifizierte Produkte aus 14 Pärken tragen heute zu einer vielfältigen regionalen Wirtschaft bei. Kurze Transportwege halten die Wertschöpfung in der Region und sichern Arbeitsplätze sowie gepflegte Kulturlandschaften.

Laboratorien der Regionalentwicklung

Regionale Entwicklung entsteht nicht von allein. Sie braucht eine regionale Organisation, dieFäden zusammenführt: Produzierende, Verarbeitende, Handel, Institutionen und Konsumierende. Diese Rolle übernehmen die Geschäftsstellen der Pärke: Sie vernetzen regionale Akteurinnen und Akteure, sorgen für abgestimmte Massnahmen und begleiten Projekte strategisch und finanziell. Oft erhalten in den Pärken angestossenen Projekte – eigene Vorhaben, Partnerschaften oder Marktstudien –Fördermittel der Neuen Regionalpolitik. Damit wirken die Pärke als Impulsgeber, die regionale Kräfte bündeln und Innovation ermöglichen.

Die Schweizer Pärke sind mehr als Schutzzonen oder Ausflugsziele: Sie sind Labore einer Raumentwicklung, in der Natur, Wirtschaft und Gesellschaft gemeinsam vorankommen. Mit ihrem lokal verwurzelten Ansatz zeigen sie, wie nachhaltige Regionalentwicklung gelingen kann: kohärent, resilient und solidarisch. Als ergänzendes Instrument der Regionalpolitik stärken die Pärke bestehende Dynamiken und liefern Regionen zusätzliche Hebel, um Projekte aufzubauen, die ökologisch wie auch wirtschaftlich tragen.

Redaktionelle Kürzung des Kapitels: Schweizer Pärke: Katalysatoren einer nachhaltigen Regionalentwicklung im Weissbuch Schweizer Pärke (Autor: Marc Münster) 

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Auf kulinarischen Pfaden durch das Gotthardgebiet

Eine Wanderung, die alle Sinne anspricht und Bewegung in den Bergen mit regionaler Küche verbindet. Das Projekt Genusspfade San Gottardo vernetzt lokale Anbieter und Anbieterinnen entlang thematischer Wanderwege: Gäste probieren Spezialitäten direkt bei den Produzenten, hören ihre Geschichten und erleben so die Kultur des Gotthardraumes aus erster Hand. Möglich macht das ein Projekt, das Gastronomie, Tourismus und Landwirtschaft vor Ort zusammenbringt – unterstützt von der Neuen Regionalpolitik (NRP).

Von der Idee zur Wanderung

Die Idee entstand während der Corona-Pandemie. Als grosse Events, die er zuvor veranstaltete, wegfielen, suchte Projektträger Niklaus Niederhauser nach einer Alternative: Erlebnisse in kleinerem Rahmen, flexibel buchbar und dennoch nah an den Menschen. Über ein Inserat stiess er dabei auf das Programm San Gottardo, welches gemeinsam mit Bund und den Kantonen Uri, Graubünden und Tessin die Entwicklung rund um den Gotthard fördert. Es setzt dabei auf nachhaltige Wertschöpfung durch Tourismus, die Nutzung lokaler Ressourcen und innovative Kooperationen. Die Vision dahinter: den Gotthardraum zu einem attraktiven Lebens-, Arbeits- und Tourismusstandort machen, mit gesicherten und neuen Arbeitsplätzen sowie verbesserter Wettbewerbsfähigkeit. 

Wie Anja Beivi, Projektleiterin vom Programm San Gottardo, erklärt, wurde das Projekt der Genusspfade in ihrem Tourismusinkubator entwickelt. Dieser zeigt, wie innovative touristische Ideen aus dem Gotthardraum initiiert, getestet und umgesetzt werden können, um die Innovationskraft der Region gezielt zu fördern. Die Genusspfade San Gottardo wurden als eines der besten Projekte prämiert. Beivi unterstreicht auch, wie zentral die Förderung der lokalen Anbieter und Anbieterinnen für die Weiterentwicklung der Region ist.

So entstand das Konzept einer kulinarischen Wanderung mit mehreren Stationen: die Genusspfade San Gottardo. Mittlerweile existieren drei solcher Pfade in der Region: der Bündner Bierpfad, der Monsteiner Bierpfad sowie der Surselva Sagengenusspfad. Die meisten hiervon sind aktuell vor allem in den Sommermonaten sowie im Frühherbst aktiv und buchbar. Ein Pfad umfasst vier bis fünf Stationen mit einer Laufzeit von etwa zwei Stunden, die Zeit fürs Eintauchen in die Natur lässt. Die Gäste wandern von Hof zu Hof, von Restaurant zu Restaurant, degustieren etwa Bündner Bier oder Capuns und erfahren dabei, wer hinter den Produkten steht. Das Besondere an den Pfaden: Sie verbinden Bestehendes zu einem neuen Erlebnis. Die Tour lässt sich kurzfristig und digital buchen. Erlebbar sind die Pfadangebote auch klassisch auf Papier, um das Panorama vollends zu geniessen.

Für die Gastgeber, wie zum Beispiel die Geschäftsführerin des Hotel Surselva, Beatrice Hug, bedeutet dieses Konzept: kein Risiko, dafür direkter Nutzen. Zu Beginn war es oft ein Hindernis, so berichtet Niederhauser, dass Gastronomen befürchteten, vorab zahlen zu müssen – eine Sorge, die ihnen jedoch schnell genommen werden konnte. Wenn Gäste buchen, wird ein Umsatz generiert, wenn sie wiederum ausbleiben, machen sie keinen Verlust. Rund 80 bis 90 Prozent der Wertschöpfung verbleiben in der Region. «Die Gäste erleben echte Begegnungen – und die Betriebe gewinnen Umsatz und Sichtbarkeit», so Niederhauser. Das Projektteam testet die Routen selbst und sucht gezielt Betriebe, die mitmachen. Oft kommen Anbieter auch von sich aus auf das Team zu. Er koordiniert den Ablauf und begleitet die Umsetzung vor Ort. «Entscheidend ist das Vertrauen der Menschen in der Region. Nur so entsteht ein Netzwerk, das trägt», so Niederhauser.

NRP als Motor des Projekts

Die NRP war von Beginn an Türöffner und Motor des Projekts. Dessen Förderung ermöglichte unter anderem die Eröffnung der Pfade, die Weiterentwicklung der Website sowie die Erweiterung der Angebote in mehrere Sprachen. Aktuell sind die Angebote auf Deutsch und Italienisch buchbar – zu einem späteren Zeitpunkt soll auch Englisch und Rätoromanisch hinzukommen, das im Bündnerland einen besonderen symbolischen Charakter hat. «Die Mehrsprachigkeit im Gotthardraum ist Teil des Kulturerbes. Mit ihr öffnen wir die Pfade für ein breiteres Publikum», erklärt Niederhauser. Dabei schafft die NRP-Förderung Strukturen, sorgt für Planungssicherheit und verleiht dem Projekt Reichweite.

Die Genusspfade sind mehr als ein Ausflugsangebot. Sie stärken Gastronomie, Hotellerie und Landwirtschaft, bringen Gäste und Einheimische zusammen und machen regionale Kultur sichtbar. Mittlerweile ziehen sie auch immer mehr Besuchende aus dem Ausland an.

Der Blick in die Zukunft

Geplant ist, weitere Pfade zu eröffnen, etwa im Tessin und an Ortschaften, die sich abseits von Tourismus-Hotspots befinden und diese ganzjährig anzubieten – auch im Winter. Die Beteiligten sind sich einig: Die Genusspfade San Gottardo zeigen, wie Kulinarik und Tourismus gemeinsam eine Region lebendig machen und bereichern.

Mehr über die NRP und wie sie regionale Projekte unterstützt: 

Bildquelle: Surselva Tourismus/ Ida Sgier

Regio Retica: Der Alpenring, der die Schweiz und Italien verbindet

Von der Engadiner Bergwelt bis ins italienische Veltlin: Wer hier lebt, überquert die Staatsgrenze fast täglich, sei es auf dem Weg zur Arbeit, beim Einkaufen oder beim Austausch von Dienstleistungen. Regio Retica kann man sich wie einen grossen Ring in den Alpen vorstellen, in dem alles zusammenhängt: Was auf der einen Seite geschieht, wirkt sich direkt auf die andere aus. Die Region umfasst mehr als 4000 km² und knapp 200 000 Einwohnerinnen und Einwohner – verteilt auf die schweizer und die italienische Seite. Mit Regio Retica entsteht ein Zukunftsmodell: eine Region, die über die Grenze hinweg gemeinsam denkt und handelt.

Viele pendeln, andere sind auf Gesundheits- und Pflegedienste jenseits der Grenze angewiesen, und auch im Tourismus gibt es unzählige Berührungspunkte zwischen der schweizer und der italienischen Seite. Maurizio Michael, seit über 20 Jahren in grenzübergreifenden Projekten aktiv, bringt es auf den Punkt: «Ohne die italienischen Arbeitskräfte, gerade im Pflegebereich, könnten gewisse Dienstleistungen in der Schweiz nicht aufrechterhalten werden.» Die Grenze ist zwar sichtbar – der permanente Austausch und die enge Zusammenarbeit aber längst Teil des Alltags. Regio Retica will diese Realität nun institutionalisieren.

Von Projekten zu Strukturen 

Bisher lebte die grenzüberschreitende Zusammenarbeit stark von einzelnen Projekten – und von engagierten Personen. Mit Regio Retica soll daraus nun eine dauerhafte Struktur werden. Die Basis dafür sind das Programm Interreg Italia-Svizzera und die Neue Regionalpolitik (NRP). Interreg ist ein europäisches Förderinstrument für grenzüberschreitende Zusammenarbeit. Wie Maurizio Michael betont, hat die Schweiz hier eine besondere Rolle: Sie ist zwar nicht EU-Mitglied, beteiligt sich aber mit eigenen Mitteln am Programm.

Während Interreg den Rahmen für die grenzübergreifende Zusammenarbeit schafft, gibt die NRP den entscheidenden Schub, damit deren Ergebnisse in den Regionen selber verankert werden. Maurizio Michael erklärt: «Interreg öffnet uns Türen für die Zusammenarbeit mit Italien. Die NRP zwingt uns zugleich, den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Mehrwert für die Schweizer Seite klar herauszuarbeiten.» Interreg sorgt für den Blick über die Grenze, die NRP dafür, dass daraus bleibende Strukturen entstehen – mit Wirkung für Bevölkerung und Wirtschaft.

Val Morteratsch: Sicht auf Piz Palü & Piz Bernina ©Andrea Furger

Zwischen Nähe und Unterschieden – die Rolle von Übersetzern

Auf den ersten Blick wirken Südbünden und das Veltlin vertraut: gemeinsame Sprache, ähnliche Traditionen. Und doch gibt es markante Unterschiede bei den politischen Systemen, bei den Bildungswegen, aber auch ganz einfach bei unterschiedlichen Bedeutungen von Wörtern. Maurizio Michael beschreibt es so: «Manchmal genügt schon ein einziges Wort, das in Italien etwas anderes bedeutet als in der Schweiz. Das Wort Strategie wird zum Beispiel in Italien oft mit einem Zeitraum von fünf Jahren gleichgesetzt – so lang wie eine Legislaturperiode dauert. Für die Schweiz ist eine Strategie die Grundlage eines Projektes. Da braucht es Vermittlung – nicht nur in der Sprache, sondern auch im kulturellen Verständnis.»

Auch unterschiedliche Steuersysteme und Abkommen sind zusätzliche Hürden für Projekte über die Grenze hinweg – oft ebenso anspruchsvoll wie kulturelle Unterschiede. Hier setzt das Projekt Regio Retica ein: Es bringt Nachbarn an einen Tisch, macht Unterschiede sichtbar, vermittelt und schafft dadurch neues Vertrauen.

Corvatsch: Aussicht Fuorcla Surlej ©Engadin Tourismus AG

Der Blick nach vorn

Bis Sommer 2025 läuft eine grosse sozioökonomische Analyse. Sie untersucht Mobilität, Arbeitsmarkt und Dienstleistungen auf beiden Seiten der Grenze. Darauf aufbauend sollen bis 2026 erste Pilotprojekte starten – etwa ein gemeinsames Busticket, das die grenzüberschreitende Mobilität erleichtern soll, oder eine Tourismuskarte, die Angebote im Engadin und im Veltlin verbindet. Bis 2027 soll Regio Retica nicht nur Projekte umgesetzt haben, sondern auch als juristisch anerkannte grenzüberschreitende Region bestehen. Konkret bedeutet das, dass sie als institutionelle Region mit rechtlich verbindlicher Struktur etabliert wird.

Ein Blick in andere Regionen zeigt, was möglich ist. Das erfolgreiche Interreg-Projekt Via Spluga, ein Klassiker unter den Kultur- und Weitwanderwegen zwischen Thusis und Chiavenna, generiert beispielsweise inzwischen jährlich etwa eine Million Schweizer Franken Umsatz. Das Projekt wurde von Anfang an im Sinne einer aktiven Regionalentwicklung gestaltet, bei der Gemeinden, Tourismusorganisationen und Kulturinstitutionen ein nachhaltiges Angebot erarbeitet haben. Die Route ist somit nicht nur ein kulturelles und touristisches Highlight, sondern auch ein Instrument zur Sicherung von Arbeitsplätzen, Förderung regionaler Identität und Stärkung der regionalen Wertschöpfung.

Dieser Beitrag basiert auf einem Gespräch mit Maurizio Michael, seit über 20 Jahren Experte für grenzüberschreitende Zusammenarbeit und einer der Köpfe hinter dem Projekt Regio Retica

Mehr erfahren über Interreg & NRP – und wie diese Programme Regionen helfen, ihre Zukunft gemeinsam zu gestalten:

Wurste_regiosuisse-Konferenz 2025

Der Thurgau zeigt die Vielfalt der regionalen Wertschöpfung 

An der diesjährigen regiosuisse-Konferenz war der Gastgeberkanton Thurgau mit exzellenten Beispielen regionaler Wertschöpfung präsent. Lassen Sie sich inspirieren! 

Bereits mit der Ankunft in der Kartause Ittingen tauchten die Teilnehmenden ins Thema der diesjährigen regiosuisse Konferenz ein: «Das Potential regionaler Wertschöpfung nachhaltig gestalten». Die Kartause ist ein Baudenkmal von nationaler Bedeutung, liegt idyllisch über dem Thurtal und war als ehemaliges Kloster schon seit Jahrhunderten an der regionalen Wertschöpfung beteiligt. Es wurde dank des Weinbaus reich. Heute ist es für die Stiftung Kartause Ittingen deutlich anspruchsvoller, die notwendigen Mittel für die Betriebe und den Unterhalt der historischen Klosteranlage zu erwirtschaften. Die Kartause besteht nicht nur aus einem Seminarzentrum mit Restaurant, sondern auch aus einem Gutshof, zwei Museen, einer Institution für betreutes Wohnen und Arbeiten sowie einem Zentrum für Spiritualität. Die Stiftung setzt bewusst auf Selbstversorgung und lokale Nachhaltigkeit. So liegt der Selbstversorgungsgrad des Restaurants bei sage und schreibe 57 Prozent. 

Kartause Ittigen
Kartause Ittigen

Von der internen Wertschöpfung zur regionalen Wertschöpfungskette

Mark Ziegler, Procurator der Stiftung hielt in seiner Begrüssungsrede fest: «Nachhaltigkeit und Selbstversorgung sind nicht günstig. Deshalb setzen wir neu auf Zusammenarbeit in der ganzen Region, zum Beispiel beim Keltern oder bei der Schweinezucht. Zusammen mit regionalen Partnern können wir die Wertschöpfung steigern.» Das Credo der Kartause verändert sich gerade: Von der internen Wertschöpfung hin zur Stärkung von regionalen Wertschöpfungsketten. Dank Kooperationen mit den passenden regionalen Partnern können Kosten reduziert werden, ohne dass Kompromisse bei der Qualität oder der Nachhaltigkeit eingegangen werden müssen. 

Standortattraktivität und Tourismus in Frauenfeld

Die Hauptstadt des Thurgaus war mit zwei Beispielen an der regiosuisse-Konferenz vertreten, bei denen es um die Standortqualität ging: Einerseits wurde das Street-Art-Festival Frauenfeld als Motor regionaler Wertschöpfung vorgestellt. Anderseits rückte die Stadtkaserne Frauenfeld in den Fokus. Die ehemals vom Militär genutzten Gebäude öffnen sich für die Bevölkerung, auf dem Areal wird gemeinsam Neues geschaffen. Dafür wurde eine partizipative Entwicklung angestossen. Die Neue Regionalpolitik von Bund und Kanton unterstützte das Projekt mit einer Machbarkeitsstudie für einen künftigen «Markt Thurgau», der in der Stadtkaserne ein innovatives Schaufenster für Thurgauer Produkte, Dienstleistungen und Ideen werden soll. Mit der Umsetzung des Markt Thurgau soll die Stadtkaserne über den Kanton und die Stadt hinaus Publikum anziehen. Damit wird sie zu einem Treffpunkt mit überregionaler Ausstrahlung. 

Bei beiden Projekten zeigte sich: Innovative Projekte, die mit und für die Bevölkerung entwickelt werden, tragen zur Attraktivität eines Standorts und zur regionalen Wertschöpfung bei. 

Natürlich wirksam am Bodensee

An Konferenz wurde ein weiteres innovatives Projekt präsentiert: die Schaffung eines Schweizer Branchenclusters für Phytomedizin am Bodensee. Das «PhytoValley» bringt die wirtschaftliche Relevanz der hiesigen Naturmedizin-Branche zum Ausdruck. Beteiligt sind Firmen wie A. Vogel, Zeller, Rausch oder hepart. Der Cluster fördert die Zusammenarbeit und den Austausch zwischen den Unternehmen und Organisationen entlang der gesamten Wertschöpfungskette der Phytomedizin sowie mit der Politik, der Verwaltung und der Bevölkerung.

Sein Fokus liegt primär auf zwei Bereichen: Erstens auf der Gewinnung und Ausbildung von Fachkräften und zweitens auf der Stärkung der Attraktivität der Region durch eine nachhaltige Entwicklung der Naturmittelproduktion mittels innovativer Technologien. 

Schonholzer
Walter Schönholzer, Regierungsrat des Kantons Thurgau

Für Walter Schönholzer, Regierungsrat des Kantons Thurgau, ist der Aufbau des «PhytoValley» ein ausgezeichnetes Beispiel für die positive Wirkung der Neuen Regionalpolitik (NRP). 

«Gerade wenn die Mittel von Kanton und Bund knapper werden, ist die Fokussierung auf gewisse Kernthemen in unserem eher strukturschwachen Kanton sehr wichtig. Dank der NRP-Gelder können wir zum Beispiel den Schweizer Branchencluster «PhytoValley» umsetzen und die unternehmensübergreifende Zusammenarbeit fördern.»  

Die regiosuisse-Konferenz ist nationaler Treffpunkt für alle, die in der Regionalentwicklung tätig sind. Die im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO) organisierte Konferenz widmet sich jeweils einem aktuellen Thema der Regionalentwicklung. 2025 fand die Konferenz in der Kartause Ittingen statt, im Mittelpunkt stand das Potenzial regionaler Wertschöpfung. 

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Quelle Fotos: © Timo Kellenberger