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Kreislaufwirtschaft – die besonderen Chancen der Regionen

Pirmin Schilliger & Urs Steiger
Die Kreislaufwirtschaft (KLW) steht schon seit Jahrzehnten auf der ökologischen Agenda. Mittlerweile ist daraus ein ausgereiftes und umfassendes Konzept für nachhaltiges Wirtschaften entstanden. Es soll nun in der gesamten Wirtschaft umgesetzt werden und damit auch im Rahmen der Neuen Regionalpolitik (NRP) die regionale Entwicklung inspirieren.
Die Firma Basis 57 nachhaltige Wassernutzung AG nutzt in Erstfeld UR das warme und saubere Bergwasser aus dem NEAT- Gotthardtunnel für die Zander-Zucht. © regiosuisse

© regiosuisse

In der globalen Wirtschaft stammen 90 Prozent der Materialien aus neu gewonnenen Rohstoffen, 40 Prozent davon sind fossile Energieträger. Angesichts dessen ist eine ressourcenschonende Wirtschaftsform vonnöten. Das Konzept der Kreislaufwirtschaft bietet einen Lösungsansatz, der auf einem System aus erneuerbaren Energien und geschlossenen Materialkreisläufen basiert. Alle bedenklichen Stoffe, die die Umwelt belasten und die Gesundheit gefährden, sollten durch unbedenkliche ersetzt werden.

Das Prinzip der Kreislaufwirtschaft

Als Begründer der Kreislaufwirtschaft (KLW) gilt der britische Wirtschaftswissenschafter David W. Pearce. Zu Beginn der 1990er-Jahre leitete er das Konzept der Kreislaufwirtschaft aus der industriellen Ökologie ab. Der Deutsche Michael Braungart, Professor für chemische Verfahrenstechnik, und der amerikanische Architekt William McDonough entwickelten diesen Ansatz um die Jahrtausendwende konsequent weiter. In ihrem Buch «Cradle to Cradle»1 («Von der Wiege zur Wiege») propagierten sie ein fundamental neues Produktionssystem: Keine Stoffe landen mehr auf der Deponie oder in der Verbrennungsanlage. Alle nicht natürlich abbaubaren Stoffe werden stattdessen zur Produktion neuer Güter wiederverwendet.

In der Kreislaufwirtschaft nach dem «Cradle-to-Cradle»-Prinzip unterscheiden sie drei
Kategorien von Stoffen:


➊ Verbrauchsgüter wie Reinigungsmittel, Shampoos oder Verpackungsmaterialien sind in der Kreislaufwirtschaft konsequent aus biologischen Nährstoffen zu fertigen, sodass sie schliesslich kompostiert und getrost wieder der Umwelt überlassen werden können.


➋ Gebrauchsgüter wie Autos, Waschmaschinen oder Fernsehgeräte, die aus «technischen Nährstoffen» bestehen, sind so zu gestalten, dass sie am Ende ihres Lebenszyklus restlos in wiederverwertbare Bestandteile zerlegt werden können. Die Stoffe dieser Gebrauchsgüter zirkulieren also im industriellen Produktionssystem in einem ewigen Kreislauf.


➌ Ausgedient hat in der Kreislaufwirtschaft die dritte Kategorie, alle jene Stoffe, die wir heute als Abfall verbrennen oder deponieren.

«Es geht in der Kreislaufwirtschaft nicht einfach darum, Abfälle zu reduzieren oder zu minimieren, sondern die Entstehung von Abfall zu vermeiden», betont Michael Braungart, einer der geistigen Väter des Konzepts. Lassen sich Stoffe in Gebrauchsgütern (noch) nicht durch kreislauffähige Alternativen ersetzen, gilt es, den Ressourcenverbrauch zumindest zu reduzieren und die Produkte länger zu gebrauchen.

Kreislaufwirtschaft ist ein ganzheitlicher Ansatz, der den gesamten Kreislauf von der Rohstoffgewinnung über die Design-, Produktions-, Distributions- und eine möglichst lange Nutzungsphase bis hin zum Recycling betrachtet. Gelingt es, Material- und Produktkreisläufe zu schliessen, können Rohstoffe immer wieder von neuem verwendet werden. © BAFU/regiosuisse

Ein globales interdisziplinäres Projekt

Der Ausstieg aus den fossilen Energieträgern bildet eine unabdingbare Voraussetzung für eine künftige Kreislaufwirtschaft. Mit der Energiewende ist die Schweiz diesbezüglich politisch auf Kurs, die Rück- beziehungsweise die Überführung sämtlicher Materialflüsse in einen Kreislauf bildet hingegen eine enorme Herausforderung. Damit die Transformation gelingt, bedarf es weiterer Weichenstellungen – auch auf politischer Ebene. «Es gibt für die Hersteller keine Notwendigkeit, freiwillig dem ‹Wiege-zur-Wiege›-Prinzip zu folgen, solange die Steuerzahlenden für die Entsorgung in den teuren Kehrichtverbrennungsanlagen aufkommen», bemängelt Braungart. Die Transformation der linearen in eine zirkuläre Wirtschaft ist ein globales interdisziplinäres Projekt, in das alle Akteurinnen und Akteure eingebunden werden müssen, von der Rohstoffgewinnung über die Entwicklung und das Design der Produkte, die Herstellung und Distribution/Logistik, den Konsum bis hin zum Abfallmanagement. Letzteres sorgt dafür, dass die Stoffe nicht länger «entsorgt» werden, sondern zwingend als Sekundärrohstoffe in den Kreislauf zurückfliessen. Doch betrifft die Kreislaufwirtschaft auch die Formen der Nutzung und damit der Geschäftsmodelle. Die Devise lautet: mieten (statt kaufen), teilen/sharing (statt besitzen), reparieren/wiederaufbereiten/erneuern (statt wegwerfen)! Die Konsumentinnen und Konsumenten können mit ihren Konsumgewohnheiten und Verhaltensmustern wesentlich zum Wandel beitragen.

Mit Kreislaufwirtschaft ökonomisch erfolgreich

Im Bereich der Produktion sind vor allem die Unternehmen gefordert. Verschiedene Pioniere
haben mit Produkten wie Stühlen, Turnschuhen oder Teppichböden bereits gezeigt, dass kreislaufähige Geschäftsmodelle wirtschaftlich erfolgreich sein können. Die Firma Forster Rohner in St.Gallen hat vor Jahren kompostierbare Polsterbezüge für Büro- und Flugzeugstühle entwickelt. Die strengen Vorgaben des Labels «Cradle to Cradle» erfüllen allerdings erst wenige Unternehmen. Vögeli Druck in Langnau im Emmental zum Beispiel hat 2016 als weltweit erste Druckerei die «Cradle-to-Cradle»-Goldzertifizierung (Cradle to Cradle Products Innovation Institute, c2ccertified.org) erhalten.

In der Metall- und Maschinenindustrie führt der Weg zur Kreislaufwirtschaft meist über einen mehrstufigen Optimierungsprozess. Der Schweizer Küchenhersteller Franke verbraucht für seine Edelstahlspülen dank Prozessverbesserungen heute drei Viertel weniger Energie als noch vor wenigen Jahren und bloss noch halb so viel Edelstahl. In der Industrie ist es heute Standard, dass viele Metalle, vor allem Platin, Gold und Palladium, rezykliert werden; einfach weil diese Stoffe zu wertvoll sind, um im Abfall zu landen, und sich viele Metalle ohne Qualitätseinbusse problemlos für einen nächsten Produktionszyklus aufbereiten lassen. Rund 1,6 Millionen Tonnen Eisen- und Stahlschrott werden so in der Schweiz jährlich zu Bau- und Edelstahl aufbereitet. Ausserdem gelangen 3,2 Millionen Tonnen separat gesammelte Siedlungsabfälle wieder in den Kreislauf. Im Hoch- und Tiefbau werden knapp 12 Millionen Tonnen oder zwei Drittel der Rückbaumaterialien wie Beton, Kies, Sand, Asphalt und Mauerwerk wiederverwertet. «Weitere 5 Millionen Tonnen Rückbaumaterialien sowie 2,8 Millionen Tonnen Siedlungsabfälle sind hingegen (noch) nicht im Kreislauf», sagt David Hiltbrunner von der Sektion Rohstoffkreisläufe des Bundesamtes für Umwelt (BAFU). Eine besondere Herausforderung bleiben vorderhand Textilfasern, Kunst- und Verbundstoffe, Elektroschrott, Chemikalien sowie gewisse biogene Abfälle. Es sind Stoffe, die sich – wenn überhaupt – nur mit enormem Aufwand zerlegen und wiederaufbereiten lassen. Allerdings wächst auch in diesen heiklen Bereichen die Zahl der Firmen, die nach Prinzipien der Kreislaufwirtschaft innovative Geschäftsmodelle entwickeln. So bietet etwa die Möbelhandelsfirma Pfister seit 2018 entsprechend zertifizierte Vorhänge an. Das Start-up trs (Tyre Recycling Solutions) in Yvonand VD macht alte Pneus wieder verkehrstüchtig, und die Firma Bauwerk in St. Margrethen SG bereitet alte Parkettböden auf.

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Abschied von der Wegwerfgesellschaft

Damit auch komplexe Konsumgüter wie Waschmaschinen, Computer oder Autos kreislauffähig werden, sind griffige politische Rahmenbedingungen erforderlich. Die EU-Ökodesign- und Abfallrahmenrichtlinien verlangen ausdrücklich die Förderung nachhaltiger Produktions- und Konsummodelle, insbesondere eine Gestaltung, die auf Langlebigkeit ausgerichtet ist, sowie die Reparierbarkeit von Elektrogeräten, Massnahmen gegen Lebensmittelverschwendung und Informationskampagnen in der Bevölkerung. Einzelne Länder sind in der Umsetzung schon weit. Die Niederlande etwa setzen in der öffentlichen Beschaffung seit zehn Jahren gezielt auf Güter, die nach dem «Wiege-zur-Wiege»-Prinzip gefertigt sind, und geben für die öffentliche Beschaffung nach Kreislaufwirtschaft-Kriterien zweistellige Milliardenbeträge aus. Mit dem Aktionsplan für die Kreislaufwirtschaft («Circular Economy Action Plan») hat die EU ihre Bemühungen 2020 nochmals verstärkt. Derzeit wird darüber diskutiert, die Ökodesign-Richtlinien auf sämtliche Konsumgüter auszuweiten, denn die EU möchte sich dereinst definitiv vom System der Wegwerfgesellschaft verabschieden. Die EU-Richtlinien gelten auch für alle Schweizer Hersteller, die Produkte in die EU-Länder exportieren möchten.

Es ist kein Zufall, dass das Ökodesign im EU-Aktionsplan an erster Stelle steht: Bis zu 80 Prozent der späteren Umweltbelastung eines Produktes werden in der Design-Phase vorbestimmt, ebenso dessen Lebensdauer und Reparaturanfälligkeit. Zudem gilt die ökologische Faustregel: Suffizienz vor Kreislauf! Ein schonender Umgang mit Ressourcen, der sich auf das Notwendigste beschränkt, vermeidet Leerläufe und erspart viel späteren Aufwand. «Zur Kreislaufwirtschaft tragen alle Strategien bei, die helfen, die Stoffe und Materialien sparsamer, effizienter und länger zu verwenden», meint Hiltbrunner.

Die Agenda der Schweiz

Auch in der Schweiz steht die Kreislaufwirtschaft auf der politischen Agenda weit oben. Aus gutem Grund: In kaum einem anderen Land fällt – trotz hoher Recyclingquoten – pro Kopf der Bevölkerung so viel Siedlungsabfall an wie in der Schweiz.

Im Parlament sind mindestens acht Vorstösse hängig, die sich auf die Kreislaufwirtschaft beziehen, als wichtigste die parlamentarische Initiative 20.433 «Schweizer Kreislaufwirtschaft stärken» und der Bericht der Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie des Nationalrates vom 11. Oktober 2021. Eine aktuelle Standortbestimmung zur Kreislaufwirtschaft hat der Bundesrat in diesem Frühjahr vorgenommen. Relevante Potenziale für die Kreislaufwirtschaft gibt es demnach vor allem in den Bereichen «Bauen und Wohnen», «Land- und Ernährungswirtschaft», «Mobilität», «Maschinenbau» sowie «chemische Industrie».Die Bundesverwaltung hat eine ganze Reihe von Vorschriften und Normen identifiziert, die eine Kreislaufwirtschaft noch behindern. Wie sich diese Hürden beseitigen lassen, wird abgeklärt. Klar scheint, dass die Aspekte einer ressourcenschonenden Kreislaufwirtschaft künftig in die Sektoralpolitiken des Bundes einfliessen müssen. Laut Bundesrat geschieht dies am besten in Übereinstimmung mit der «Strategie Nachhaltige Entwicklung 2030» (SNE 2030) des Bundes und mit den nationalen Langfriststrategien zur Klima-, Wirtschafts- und Landwirtschaftspolitik.

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Weiterentwicklung der NRP

Die explizite Förderung der Kreislaufwirtschaft – bisher kein Programmpunkt der NRP – dürfte als ein Element in die nächste Programmperiode einfliessen. Dies deckt sich auch mit dem Anliegen von Romed Aschwanden, dem Geschäftsführer des Urner Instituts «Kulturen der Alpen» an der Universität Luzern, wonach die NRP radikal am Prinzip der Nachhaltigkeit auszurichten sei. «Denn die Lohnungleichheit ist nicht länger das eigentliche Problem in den Randregionen und Berggebieten, sondern der Klimawandel», argumentiert er.

Bei den zuständigen Ämtern, allen voran dem SECO und den kantonalen NRP-Fachstellen, laufen bereits die notwendigen Vorarbeiten. Den Rahmen für die Weichenstellung setzen die siebzehn Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals, SDS) der Vereinten Nationen (UNO). Diese sogenannte «Agenda 2030» bildet für die Schweiz bereits heute den Orientierungsrahmen für die «Strategie Nachhaltige Entwicklung 2030». Entsprechend kann sich die Direktion für Standortförderung des SECO darauf stützen, wenn es gilt, die Ideen und Ziele der nachhaltigen Entwicklung in der NRP zu verankern. «Im Schwerpunktthema ‹nachhaltiger Konsum und nachhaltige Produktion› wird die Kreislaufwirtschaft eine wichtige Rolle spielen», sagt Ueli Ramseier, der die Arbeiten für die Nachhaltigkeit in der NRP beim SECO koordiniert. Zudem fördert die NRP mit dem Schwerpunkt «Klima, Energie und Biodiversität» seit Jahren erneuerbare Energien und die Gestaltung nachhaltiger und resilienter Siedlungsräume.

Die Abstimmung der NRP auf die nachhaltige Entwicklung ist als Weiterentwicklung und Ergänzung der NRP zu verstehen, nicht als Systemwechsel. Die Beiträge zu den gesellschaftlichen und ökologischen Aspekten der nachhaltigen Entwicklung sollen in der Programmperiode 2024–2027 weiter ausgestaltet und stärker gewichtet werden. Die NRP wird jedoch auch in Zukunft ihren regionalwirtschaftlichen Fokus beibehalten, die kantonalen NRP-Fachstellen und das SECO sollen aber vermehrt NRP-Projekte mitfinanzieren, die die Kreislaufwirtschaft ins Zentrum stellen. «An den übergeordneten Zielen – die Wettbewerbsfähigkeit der Regionen zu stärken, Arbeitsplätze zu schaffen, eine dezentrale Besiedlung zu erhalten und regionale Disparitäten abzubauen – hält die NRP fest», betont Ramseier.

Stärken der Regionalpolitik nutzen

Bei der Förderung der Kreislaufwirtschaft spielen die Regionen eine wichtige Rolle, auch wenn sie sich nicht auf den ersten Blick erschliesst. Dieser Herausforderung hat sich im letzten Jahr regiosuisse – die Netzwerkstelle für Regionalentwicklung – angenommen. «Wir möchten Know-how aufbauen, das notwendige Wissen vermitteln und konkrete Hilfestellungen für Regionen entwickeln», erläutert Lorenz Kurtz, Projektleiter regiosuisse. Im Rahmen der regiosuisse-Wissensgemeinschaft «Kreislaufwirtschaft und Regionalentwicklung» wurde in den vergangenen Monaten relevantes Wissen in Form einer Praxistoolbox mitsamt inspirierenden Beispielen aufbereitet. Um das komplexe Thema für die Regionen umsetzungsreif weiterzuentwickeln, startete regiosuisse im März dieses Jahres mit dem «Kreislaufwirtschafts-RegioLab». Dessen Ziel ist es, aufzuzeigen, wie die Regionen die Kreislaufwirtschaft in ihre regionalen Strategien integrieren können.

Chancen eröffnen sich den Regionen mit der Kreislaufwirtschaft, wenn sie auf Themen und Bereiche fokussieren, die ohnehin bereits regional und weniger global strukturiert sind: Land- und Forstwirtschaft, Lebensmittelproduktion, Holzverarbeitung, erneuerbare Energien, Infrastrukturen, regionale Dienstleistungen und damit auch der Tourismus. Eine systematische Analyse der Materialflüsse und Produktionsketten in diesen Bereichen zeigt, dass das regionale Potenzial für die Kreislaufwirtschaft riesig ist. Um die Kreislaufwirtschaft zu fördern, sind nebst der Bildungs- und Wissensvermittlung zusätzliche finanzielle Anreize notwendig. Geld braucht es für die Projekte an sich, aber auch für die professionelle Projektbegleitung und die Ausarbeitung regionaler Kreislaufwirtschaft-Entwicklungsstrategien. «Denkbar ist, für besonders anspruchsvolle Projekte der Kategorie ‹5-Sterne-Nachhaltigkeit› den Förderrahmen zu erweitern und dafür künftig mehr Bundesmittel zu sprechen», meint Ramseier.

Norman Quadroni, Leiter Regionalpolitik Arcjurassien, sieht in der Kreislaufwirtschaft eine grosse Chance, den natürlichen Reichtum der ländlichen Regionen, Grenz- und Berggebiete besser zu nutzen. Er ist überzeugt, dass sich damit Ressourcen in Wert setzen lassen, die unter einer rein exportorientierten Entwicklungsperspektive auf der Strecke bleiben würden. «Bestimmte wirtschaftliche Aktivitäten, die heute international organisiert sind, könnten wieder in die Region zurückgeholt und in kurze Kreisläufe eingebunden werden», so Quadroni. Die Regionen sind dank ihrer Eigenschaften und Qualitäten wie Kleinräumigkeit, Überschaubarkeit und Nähe für die Initiierung von Kreislaufprozessen grundsätzlich prädestiniert. Denn die interdisziplinäre und überbetriebliche Zusammenarbeit in Netzwerken, wie sie die NRP seit Anbeginn praktiziert, ist in der Kreislaufwirtschaft besonders gefragt.

regiosuisse.ch/kreislaufwirtschaft

bafu.ch

Förderer der Kreislaufwirtschaft

Neben regiosuisse engagieren sich verschiedene Organisationen dafür, interessierten Akteurinnen und Akteuren Know-how, Empowerment und Coaching zur Kreislaufwirtschaft anzubieten:

Go for impact Der vom Bundesamt für Umwelt (BAFU) mitinitiierte Verein «Go for impact» versteht sich als Impulsgeber für die Kreislaufwirtschaft in der Schweiz. Er setzt sich politisch und wirtschaftlich dafür ein, die Kreislaufzukunft der Schweizer Wirtschaft mitzugestalten.

Circular Economy Switzerland Das wirtschaftlich, politisch und gesellschaftlich breit abgestützte Netzwerk richtet sich mit seiner Plattform an alle an der Kreislaufwirtschaft interessierten Organisationen, Firmen und Personen. Es hat eine Charta zur KLW ausgearbeitet und unterstützt sämtliche Initiativen mit Wissen, Veranstaltungen und politischem Lobbying.

CircularHub Die Wissens- und Netzwerkplattform zur Kreislaufwirtschaft in der Schweiz adressiert innovative Unternehmen und Startups mit Ausbildungs-, Beratungs- und Projektbegleitungsangeboten.

Netzwerk Ressourceneffizienz Schweiz (Reffnet) Expertinnen und Experten des Reffnet beraten und begleiten Firmen bei der Erarbeitung eines Massnahmenplans für eine höhere Ressourceneffizienz.

Ressourcendruck-Designmethode Eine Forschungsgruppe an der Empa hat im Rahmen des NFP 73 «Nachhaltige Wirtschaft» die Ressourcendruck-Designmethode entwickelt. Der neue Ansatz soll beim Design von Produkten und Dienstleistungen zu nachhaltigeren Entscheidungen beitragen.

PRISMA Die Interessengemeinschaft von Unternehmen aus der Lebensmittelindustrie und der Konsumgüterbranche sowie der Verpackungsindustrie strebt die Realisation der Kreislaufwirtschaft im Bereich der Verpackungen an.

Prozirkula Das Kompetenzzentrum engagiert sich für die Integration der KLW-Prinzipien in die öffentlichen und privaten Beschaffungsprozesse. Es bietet Beratung, Wissenstransfer und Networking (siehe auch Artikel Öffentliche Beschaffung – Hebelwirkung für die Kreislaufwirtschaft).

WÖB Wissensplattform des Bundes für nachhaltige öffentliche Beschaffung.

Kompass Nachhaltigkeit Vom SECO finanzierte und von der Stiftung Pusch zusammen mit dem Verband für nachhaltiges Wirtschaften (öbu) betriebene Wissensplattform.

Die Ideenbörse – Initiativen und Projekte zur Kreislaufwirtschaft

Landwirtschaft/Lebensmittel

Star’Terre Regionale Produktion/regionale Vermarktung/kurze Kreisläufe, interkantonale Lebensmittel-Plattform in der Region Genfersee (vgl. Artikel Vernetzung von Landwirtschaft und Start-ups).

Gemüsebau Gebr. Meier Primanatura AG in Hinwil ZH CO2-freie Gewächshäuser mithilfe von Abwärme der Kehrichtverbrennungsanlage und aus der Luft gefiltertem CO2 – geschlossene Kreisläufe.

Bösiger Gemüsekulturen AG in Niederbipp BE zirkulärer Gemüsebau.

Aquaponik Verbindung von Fischzucht und bodenunabhängiger Landwirtschaft in einem Kreislauf. Die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaft (ZHAW) forscht und lehrt auf diesem Gebiet und bietet Kurse für Einsteiger und Interessenten an.

Energie-Farming Tropenhaus Frutigen Aquakultur mit Fischzucht in Kreislaufanlage.

Food-Waste-Projekte: Start-up/App «Too good to go», Plattform «United against Waste».

«Kreislaufwirtschaft im Seeland» (NRP-Projekt 2021–2023): Restaurants, Bäckereien und Betriebe der Gemeinschaftsgastronomie versuchen zusammen mit weiteren Akteuren (Gemüseproduzenten, Konsumenten), die Kreisläufe der Wertschöpfungskette zu schliessen.

Centravo AG in Lyss BE Das Unternehmen verwertet seit 25 Jahren tierische Bestandteile, die von den Metzgereien nicht genutzt werden.

Fine Funghi AG Das Zürcher Unternehmen produziert Bio-Pilze aus dem Abfall (Weizenkleie) einer Getreidemühle.

RethinkResource Das Start-up hat den B2B-Marktplatz «Circado» aufgebaut, um industrielle Nebenprodukte der Lebensmittelproduktion zu verwerten.

Ricoter Erdaufbereitung AG Das 1981 gegründete Unternehmen produziert in Aarberg BE und Frauenfeld TG Gartenerde aus den organischen Abfällen der Zuckerraffinerien.

Brauerei Locher Appenzell AI agroindustrielles Projekt.

ortoloco – Hofkooperative in Dietikon ZH 500 Personen wirtschaften und entscheiden gemeinsam als Produzentinnen un Produzenten, Konsumentinnen und Konsumenten.

Einkaufsgemeinschaften, bei denen die Konsumenten direkt mit den Produzenten kooperieren: u.a. Tante Emmen, Koop Teiggi Kriens, Plattform Crowd Container, IG Foodcoops.

Qwstion Das Zürcher Taschenlabel hat ein neues textiles Material lanciert, das aus den Fasern der Bananenstaude «gewoben» wird.

Bauwirtschaft/Immobilien

Zirkuläres Bauen (Beat Bösiger, bluefactory), Rückbau, Recyclingbeton, Verwendung von lokalen, nachhaltigen, erneuerbaren Materialien usw., Ausbau Asphalt.

Eberhard Bau AG Das Unternehmen ist seit vier Jahrzehnten Pionier des Baurecyclings. Es verwandelt Bauschutt ohne Qualitätseinbusse in Sekundärrohstoffe.

Weitere Spezialisten des Baurecyclings Ronchi SA in Gland VD, Sotrag SA in Etoy VD, Kästli Bau AG in Rubigen BE,BOWA Recycling in Susten.

Neustark in Bern Die Berner Firma ist spezialisiert auf die Versteinerung von atmosphärischem CO2 in verwertetem Beton.

Integrierte Planung und gemeinsame Bewirtschaftung von Industrie- und Gewerbegebieten Projekte in Le Locle NE, St-Imier NE , im Val-de-Ruz NE, im Sensebezirk BE (Arbeitszonen), in Sierre VS (Ecoparc de Daval), Schattdorf UR usw.

enoki in Fribourg Das Freiburger Start-up entwirft und plant kreislauffähigere Quartiere und Städte.

Terrabloc in Genf Die Genfer Firma Terrabloc produziert Bau- und Dämmstoffe aus Lehm.

VADEME Das Interreg-Projekt zielt auf eine koordinierte Lösung für mineralische Bauabfälle in den Regionen Genf und Annecy ab (vgl. Artikel VADEME: mineralische Abfälle aufwerten).

ORRAP Interreg-Projekt (2016–2019) für das Recycling von Ausbauasphalt in der Region Basel.

Organisatorische und strategische Ansätze

AlpLinkBioEco Das im April 2021 abgeschlossene Interreg-Projekt hat einen Wertschöpfungskettengenerator und einen Masterplan entworfen für eine auf natürlichen lokalen Rohstoffen basierende Kreislaufwirtschaft im Alpenraum.

Sharely Das Start-up betreibt eine Miet- und Vermietungsplattform für Alltagsgegenstände.

Make furniture circular Eine Initiative der Stiftung Pusch und des Migros-Pionierfonds zur Förderung von «Kreislauf-Möbeln».

Reparatur- und Recyclingnetzwerke Verschiedene regionale Initiativen zur Förderung von Reparatur- und Recyclingstellen. Dazu zählen auch Secondhand-Days, Secondhand-Shops, Repair-Werkstätten, Up-Cycling-Stellen usw.

Kreislaufwirtschaft im Parc Naturel Régional Chasseral: Relokalisierung von Wertschöpfungsketten, Erhalt und Inwertsetzung von natürlichen lokalen Ressourcen.

Roadmap Kreislaufwirtschaft des Kantons Freiburg kantonale Strategie.

Plattform 1PEC Ideenbörse zur Förderung der Kreislaufwirtschaft im Wallis.

Kreislaufwirtschaft Oberwallis Kreislaufwirtschaft in einem ländlich abgeschlossenen Gebiet (gefördert durch das Programm «Nachhaltige Entwicklung», ARE, 2022).

Share Gallen Networking-Workshop und öffentlicher Markt in St. Gallen (Projekt aus Förderprogramm «Nachhaltige Entwicklung», ARE, 2018).

Erneuerbare Energien

Biogasanlagen: z.B. Kägiswil OW und Kompogasanlage Wauwil LU, beide durch die NRP gefördert, sowie BiogasTicino SA in der Magadino-Ebene.

Satom SA in Monthey VS Methanisierung von Bio-Abfällen.

Kantonales Programm «Wertschöpfungskette Holz» in der Waadt (NRP-Projekt): Holz wird als nachwachsender Energieträger vom Kanton direkt gefördert.

«Zirkulär in die Zukunft»

Pirmin Schilliger & Urs Steiger

Wie kann die Kreislaufwirtschaft in die Wirtschaft und die Gesellschaft integriert und als zukunftsweisendes Modell einer nachhaltigen Entwicklung gezielt gefördert werden? Welche besonderen Chancen eröffnen sich damit der regionalen Wirtschaft? Diese Fragen diskutierten im Gespräch mit «regioS» Marie-Amélie Dupraz-Ardiot, Sustainability-Managerin und Verantwortliche des Kantons Freiburg für die Strategie «Nachhaltige Entwicklung», Antonia Stalder, Geschäftsführerin von Prozirkula, sowie Ökonomieprofessor Tobias Stucki, Co-Leiter des Instituts Sustainable Business an der Berner Fachhochschule Wirtschaft.

regioS: Kreislaufwirtschaft ist ein älteres Konzept. In der Schweiz hat sich die Abfallkampagne des Bundes bereits in den 1990er-Jahren mit Aspekten davon auseinandergesetzt. Können wir folglich heute auf Bestehendem aufbauen, oder starten wir neu?

Marie-Amélie Dupraz-Ardiot: Das Konzept der Kreislaufwirtschaft ist heute relevanter als je zuvor. Wir können dabei zwar auf Bestehendem aufbauen, aber wir müssen deutlich mehr machen als bisher. Wir dürfen nicht nur das Recycling ansprechen, sondern müssen eine breitere Perspektive entwickeln, in der Themen wie «Abfall vermeiden», «Reparieren» und «Wiederverwenden» eine grosse Rolle spielen.

Tobias Stucki: Wir haben das Denken in Kreisläufen generell noch zu wenig verinnerlicht. Wir müssen dieses Denken auch bei uns wieder in die Köpfe reinkriegen, so wie das früher normal war und heute in ärmeren Ländern noch ganz normal ist. In einer Vorlesung hat ein Student aus Kuba gesagt: «Kreislaufwirtschaft ist, wie wir bei uns leben.»

Antonia Stalder: Einen – zumindest historischen – Anknüpfungspunkt gibt es auch bei uns. In unseren Schulungen erzählen die Teilnehmenden immer wieder, dass ihre Grosseltern noch auf diese Art und Weise gewirtschaftet hätten. Sie haben zum Beispiel ihre Möbel dreissig Jahre lang zweimal im Monat geölt, um sie möglichst lange nutzen zu können. Wir haben solch sorgfältiges Wirtschaften irgendwie verlernt. Wir sind nicht mehr interessiert daran, Dinge mit langlebiger Qualität zu bauen und sie entsprechend zu unterhalten und zu pflegen. Es geht bei der Kreislaufwirtschaft tatsächlich nicht einfach nur um Recycling, sondern um die richtigen Werte. Diese beruhen darauf, dass die Dinge nicht einfach neu und chic sein müssen, sondern dass sie von guter Qualität sind, sodass sie sich mehrmals aufbereiten und immer wieder reparieren lassen – und dabei noch edler aussehen als Neueinkäufe.

Wo stehen wir heute in der Umsetzung gemessen am Fernziel einer konsequent auf erneuerbare und wiederverwertbare Ressourcen ausgerichteten Kreislaufwirtschaft?

Marie-Amélie Dupraz-Ardiot: Wir sind vom Fernziel noch weit entfernt. Um die Kreislaufwirtschaft überhaupt umsetzen zu können, brauchen wir eine neue Denkweise. Solange in unseren Köpfen nichts passiert, nehmen die Materialflüsse in unserer Wirtschaft unentwegt zu. Wir müssen uns wieder an all das erinnern, was wir von unseren Grosseltern hätten lernen können. 

Antonia Stalder: In der Baubranche beispielsweise verbauen wir mengenmässig so viel, dass wir mit den eingesetzten Materialien jeden Monat New York City frisch aus dem Boden stampfen könnten. Laut Prognosen wird sich bis 2050 daran auch nichts Entscheidendes ändern.

Tobias Stucki: Wir haben erst kürzlich gemeinsam mit der ETH eine repräsentative Befragung bei Unternehmen in der Schweiz durchgeführt. Die Ergebnisse zeigen, dass lediglich bei rund zehn Prozent der Firmen die Kreislaufwirtschaft schon ernsthaft ein Thema ist. Rund vierzig Prozent der Unternehmen haben hingegen in den letzten Jahren keine Massnahmen zur Steigerung der ökologischen Nachhaltigkeit umgesetzt.

Lässt sich Kreislaufwirtschaft in der Schweiz, deren Wirtschaft bekanntlich extrem in globale Wertschöpfungsketten eingebettet ist, überhaupt umsetzen? Wie können sich die Betriebe organisieren, um zirkulär zu werden?

Tobias Stucki © regiosuisse

Tobias Stucki: Die zirkuläre Transformation setzt in den meisten Fällen voraus, dass man die gesamten Lieferketten überdenken und – zum Teil mit neuen Partnern – neu organisieren muss. Dabei ist nicht die Logistik das grösste Problem. Die eigentliche Herausforderung bilden die Produkte selbst. Zentral ist die Frage, welche Materialien und Stoffe in welchen Produkten überhaupt eingesetzt werden sollen.

Antonia Stalder: Ich glaube nicht, dass wir uns die globalen Wertschöpfungsketten mitsamt allem logistischen Aufwand in diesem Ausmass auch in Zukunft leisten können. Heute produzieren wir – das Wort sagt es – entlang von Ketten, sogenannten Wertschöpfungsketten, die per se linear und nicht zirkulär sind. Wir werden nicht darum herumkommen, in Zukunft viel mehr Produkte und Geräte aufzubereiten, zu reparieren und zu teilen, und zwar im regionalen und lokalen Rahmen. Wenn wir stattdessen unseren globalen Warenverkehr noch stärker ausweiten, sehe ich grosse Probleme auf uns zukommen.

Tobias Stucki: Letztendlich stehen wir bei der Umsetzung einer effizienten Kreislaufwirtschaft einem Trade-off gegenüber: Einerseits macht es natürlich Sinn, Kreisläufe möglichst lokal zu schliessen, andererseits wird dies technisch nicht immer möglich sein. Wir brauchen in Zukunft einen gewissen Mix aus lokalen, regionalen und globalen Wertschöpfungskreisläufen.

Wie beurteilen Sie, Frau Dupraz-Ardiot, die Notwendigkeiten und Möglichkeiten, die Kreislaufwirtschaft in unserem System einzuführen?

Marie-Amélie Dupraz-Ardiot: Die Kreislaufwirtschaft wird über kurz oder lang ein wesentlicher Teil der Ökonomie, denn sie ist ein entscheidender Kostenreduktionsfaktor und auch ein Faktor der Wettbewerbsfähigkeit. Ausserdem trägt sie zur Resilienz bei in einer Zeit, in der die Rohstoffpreise rasant steigen und es Engpässe in den Lieferketten gibt. So betrachtet wird die Kreislaufwirtschaft immer mehr auch zum Faktor der wirtschaftlichen Widerstandsfähigkeit einer Region.

Gibt es dafür ein erfolgreiches Beispiel?

Marie-Amélie Dupraz-Ardiot: Im Kanton Freiburg haben wir eine Agrar- und Lebensmittelstrategie entwickelt, die sich stark auf die Umsetzung einer regionalen Kreislaufwirtschaft mitsamt der Vernetzung der Akteurinnen und Akteure konzentriert. Eine der Leitideen ist dabei, die sekundäre Biomasse wiederzuverwerten.

Wo liegen die eigentlichen Knackpunkte bei der Umsetzung?

Antonia Stalder: Der Knackpunkt in der öffentlichen Beschaffung zum Beispiel liegt in der Komplexität. In unserer Beratung versuchen wir, diese auf eine verständliche Ebene herunterzubrechen. Der Bedarf nach dieser Art von Beratung ist vor allem in kleineren Strukturen gross. Ein Kanton hat vielleicht noch die notwendigen Ressourcen, aber eine Gemeinde ist mit dem Thema schnell überfordert. Es fehlen allerdings praktische Instrumente zur Umsetzung. Ich denke an Checklisten, verbindliche Ausschreibungskriterien, Blueprints für klare Entscheidungsgrundlagen und Ähnliches. Dazu wollen wir von Prozirkula in der Beratung und mit unserem Kompetenzzentrum einen Beitrag leisten.

Tobias Stucki: Die Herausforderungen in der Privatwirtschaft sind ähnlich wie bei der öffentlichen Beschaffung: Das Konzept der Kreislaufwirtschaft ist den Verantwortlichen zwar einigermassen bekannt, aber die Umsetzung im eigenen Betrieb erweist sich als schwierig. Es gibt kaum Standardlösungen dafür. Gefragt ist ein individueller Ansatz, und diesen zu entwickeln, ist meistens nicht ganz einfach. Hinzu kommt, dass der Wandel zur Kreislaufwirtschaft mit Finanzierungskosten verbunden ist.

Marie-Amélie Dupraz-Ardiot: Auf Kantonsebene haben wir zwar die Ressourcen, um den strategischen Rahmen zu entwickeln, in der Umsetzung fehlen uns aber die Kenntnisse. Kreislaufwirtschaft ist eine interdisziplinäre Disziplin, bei der alle Beteiligten zusammenarbeiten müssen. Es funktioniert nur, wenn alle miteinander reden, die Akteure der Wirtschaftspolitik mit jenen der Agrarpolitik, die Akteurinnen der Agrarpolitik mit jenen der Abfallwirtschaft. Ein weiterer Knackpunkt ist rein technischer Art: Die meisten Materialien lassen sich nicht beliebig oft recyceln und wiederverwenden. Sie verlieren nach jedem Durchlauf an Qualität. Zirkularität ist eine Möglichkeit, den Ressourcenverbrauch zu verlangsamen und zu reduzieren, aber sie kann ihn nicht gänzlich aufhalten.

Wer ist in der Umsetzung besonders gefordert? Welche Akteure spielen die entscheidende Rolle?

Tobias Stucki: Entscheidend sind nicht nur die Produzenten, sondern auch die Konsumentinnen und Konsumenten. Auch sie müssen sensibilisiert werden, damit die Kreislaufwirtschaft wirklich funktionieren kann. Sie müssen bereit sein, Produkte länger und zirkulär zu nutzen. Eine Schlüsselrolle spielt das öffentliche Beschaffungswesen, etwa wenn es darum geht, Pilotprojekte zu finanzieren. Mitspielen muss auch der Finanzsektor. Und selbstverständlich ist die Politik gefordert, wenn es gilt, die entsprechenden Rahmenbedingungen festzulegen. Wie generell bei der Nachhaltigkeit bringt es nichts, sich bei der Kreislaufwirtschaft nur auf einzelne Punkte zu fokussieren. Als Bildungsanbieter stehen wir zudem in der Pflicht, die Leute zu schulen und das notwendige Wissen zu vermitteln.

Verfügt die Schweiz bereits über die notwendigen gesetzlichen Rahmenbedingungen?

Tobias Stucki: An unseren Zielen gemessen: Nein! Sieht man, was die EU im Moment macht, sind wir völlig im Rückstand – obwohl wir aufgrund unserer Ressourcenknappheit und unseres Innovationswissens prädestiniert wären, eine Vorreiterrolle einzunehmen. Beginnen wir nicht sofort und energisch, an unseren Rahmenbedingungen zu arbeiten, laufen wir Gefahr, gegenüber anderen Ländern in einen Wissensrückstand zu geraten, den wir nicht mehr so schnell werden aufholen können.

Antonia Stalder: Speziell in der öffentlichen Beschaffung hätten wir mit dem revidierten öffentlichen Beschaffungsgesetz seit Januar 2021 eigentlich genug Spielraum. Es wäre klug und nützlich, diesen Spielraum auszuschöpfen und die entsprechenden Projekte aus dem Boden zu stampfen. Natürlich müssen die Rahmenbedingungen noch weiter angepasst werden, aber man könnte bereits jetzt sehr viel mehr tun, als tatsächlich geschieht.

Marie-Amélie Dupraz-Ardiot: Wir hätten, wie es Herr Stucki erwähnt hat, in der Schweiz vor einigen Jahren eine Vorreiterrolle übernehmen können. Mittlerweile ist die EU schon viel weiter, und auch einzelne Länder wie Frankreich haben mehr gesetzliche Grundlagen als die Schweiz.

Wo könnte und sollte man in der Gesetzgebung Nägel mit Köpfen einschlagen?  

Marie-Amélie Dupraz-Ardiot: In der laufenden Revision des Umweltschutzgesetzes könnte man viel machen. Der Bund hat die Revision in die Vernehmlassung geschickt. Der Kanton Freiburg hat vorgeschlagen, in verschiedenen Punkten weiter zu gehen als vorgeschlagen. Wichtig sind gesetzliche Rahmenbedingungen, die wir dann auch tatsächlich umsetzen können. Ich habe Bedenken, ob wir bereits über genügend fähige Leute mit dem notwendigen Wissen und den erforderlichen Kompetenzen verfügen. Es gibt zweifellos noch grösseren Ausbildungs- und Schulungsbedarf.

Tobias Stucki: In der Schweiz setzen wir extrem stark auf das Prinzip der Freiwilligkeit. Die EU geht da entschieden einen Schritt weiter und versucht, die Kreislaufwirtschaft gesetzlich klar zu regeln. Es gibt Vorschriften, die für Druck sorgen, sodass die Unternehmen sich wirklich bewegen müssen. Und wer nichts unternimmt, muss mit Sanktionen rechnen.

Antonia Stalder: Mehr Vorgaben und ein bisschen mehr Verbindlichkeit täten uns sicher gut. Wenn wir es nur bei der Freiwilligkeit belassen, bleiben wir Schweizerinnen und Schweizer in der Regel ziemlich träge.

Kreislaufwirtschaft ist als wesentliches Element einer nachhaltigen Entwicklung auf der Agenda der Neuen Regionalpolitik (NRP) weit nach oben gerückt. In welchen Bereichen sehen Sie besondere Chancen und Vorteile, in den Regionen die Kreislaufwirtschaft erfolgreich umzusetzen?

Antonia Stalder © regiosuisse

Antonia Stalder: Haben sich kreislauffähige Lösungen einmal etabliert, haben sie das Potenzial, ökonomisch und ökologisch grundsätzlich besser zu sein als lineare Lösungen. In der linearen Wirtschaft vernichtet man ja Werte, indem man Dinge wegwirft, die noch wertvoll wären. Rückt man von dieser Praxis ab und stellt stattdessen den Werterhalt in den Vordergrund, gewinnt man auf der ganzen Linie, egal, ob in der Stadt oder in einer ländlich geprägten Region. Hinzu kommen weitere Vorteile wie Liefersicherheit und Resilienz. Kürzlich hatten wir den Fall eines Kaffeeautomatenherstellers, der uns in grosser Verzweiflung gesagt hat: «Nennt mir die grösste Deponie in Deutschland, ich schicke zehn meiner Mitarbeiter dorthin, damit sie unsere Geräte raussuchen und die Chips ausbauen. So können wir weitere drei Monate produzieren und überleben.» Die Region kann also in der Kreislaufwirtschaft zur entscheidenden Drehscheibe werden.

Frau Dupraz-Ardiot, wie bringen Sie die Kreislaufwirtschaft gezielt in die Regionen des Kantons Freiburg?

Marie-Amélie Dupraz-Ardiot: Meine Hauptaufgabe ist es, das Bewusstsein über die Herausforderungen der Nachhaltigkeit in die verschiedenen Sektoralpolitiken des Kantons einzubringen. Notwendig ist dafür eine Kultur der Interdisziplinarität. Wer in der Wirtschaftspolitik tätig ist, muss also auch an die ökologischen und sozialen Aspekte denken und umgekehrt. Wir versuchen, mit Beteiligten aus allen Bereichen der Verwaltung verschiedene Projekte zu lancieren, die diese Kultur der Interdisziplinarität leben.

Herr Stucki, wird die Kreislaufwirtschaft bei den Unternehmen als Chance begriffen oder als mühsame Last?

Tobias Stucki: Es gibt Unternehmen, die sich bereits um Kreislaufwirtschaft bemühen und entsprechend handeln, gerade weil sie da Chancen sehen. Die vielen anderen wittern in der Kreislaufwirtschaft vor allem Risiken und Gefahren. Mittlerweile gibt es aber in allen Branchen «Leuchttürme», die zeigen, dass es funktioniert. Um die Berührungsängste abzubauen, müsste man diese noch stärker ins Schaufenster stellen. Dabei geht es nicht um den sorgfältigen und effizienten Umgang mit Ressourcen, die immer knapper werden. Eine Wirtschaft, die das nicht begreift und nicht bereit ist, die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen, wird eines Tages nicht mehr wettbewerbsfähig sein.

Benötigen wir zusätzliche Signale von der Politik, um die Kreislaufwirtschaft bei uns zu etablieren?

Marie-Amélie Dupraz-Ardiot: Die aktuelle Situation mit Engpässen in den Lieferketten trägt dazu bei, dass sich viele Unternehmen der Bedeutung einer effizienten Ressourcenbewirtschaftung erstmals so richtig bewusst werden. Die Mangellage löst wohl mehr aus als manches politische Druckmittel. Gleichzeitig hoffe ich, dass die Änderung des Umweltschutzgesetzes etwas bringen wird, auch den Regionen. Im Kanton Freiburg versuchen wir mit dieser neuen Perspektive einen Plan für die Abfallbewirtschaftung zu erarbeiten, der ganzheitlich ist und weit über das Recycling hinaus die gesamte Kreislaufwirtschaft ansprechen wird.

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Branchenszenarien 2060

Wie wird sich die Wirtschaftsstruktur in der Schweiz langfristig entwickeln? Das Bundesamt für Raumentwicklung (ARE), das Bundesamt für Energie (BFE) und das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) haben Szenarien für die Branchenentwicklung in der Schweiz bis 2060 erarbeiten lassen. Die Ergebnisse bilden die Grundlage für Analysen und Perspektiven, beispielsweise für die Raum- und Verkehrsentwicklung oder im Energiebereich. Nebst dem nationalen wirtschaftlichen Strukturwandel weisen die Szenarien die Entwicklung der Beschäftigung, der Wertschöpfung und den Output (Bruttoproduktionswert) nach Sektoren auch für die Kantone und die Arbeitsmarktregionen aus. Resultate der nationalen und regionalen Szenarien sowie ein Bericht mit den wichtigsten Ergebnissen finden sich auf der Website des Bundes.

bk.admin.ch

Die Regionen im Corona-Härtetest

Pirmin Schilliger & Urs Steiger
Covid-19 hat in diesem Jahr weltweit und in der Schweiz eine gravierende Krise ausgelöst. Sie ist noch längst nicht ausgestanden, vielmehr befinden wir uns mittendrin. Tangiert sind sämtliche Lebens- und Wirtschaftsbereiche, vor allem die Gesundheitsversorgung. Besonders betroffen sind in der Schweiz vielerorts der Tourismus und die Uhrenindustrie, die in mancher Region des Berggebiets und des ländlichen Raums das wirtschaftliche Rückgrat bilden. Für viele ist es ein harter Bewährungstest. Wie er ausgehen wird, ist ungewiss.
© regiosuisse

Der Mitte März verhängte Lockdown versetzte den Tourismus schlagartig in einen Schockzustand. Schweizweit brachen die Logiernachtzahlen praktisch von einem Tag auf den anderen drastisch ein: minus 62 Prozent im März, minus 80 Prozent im April und minus 78 Prozent im Mai im Vergleich zum entsprechenden Vorjahresmonat. Im Juni, als erste Lockerungen erfolgten, erholten sie sich leicht und erreichten wieder das Märzniveau, womit sie aber erneut 62 Prozent unter Vorjahresniveau lagen. Nicht nur die ausländischen, auch die inländischen Gäste blieben den Tourismusorten in grosser Zahl fern. Leicht erholt hat sich die Auslastung im Juli und August. Das Minus bei den Logiernächten pendelte sich in diesen beiden Sommermonaten laut Bundesamt für Statistik (BFS) bei durchschnittlich 26 Prozent beziehungsweise 28 Prozent ein.

(Zwangs-)Ferien – in der Schweiz

Die regionalen Unterschiede waren jedoch beträchtlich. Einige Regionen konnten davon profitieren, dass Schweizerinnen und Schweizer auf Auslandreisen verzichteten und ihre Ferien stattdessen in den Schweizer Berggebieten verbrachten. Im Puschlav beispielsweise meldeten die Hotels früh schon «ausgebucht». Die Surselva steigerte die Logiernächte im Juli im Vergleich zum Vorjahr um 40 Prozent, das Unterengadin um 43 Prozent und das italienischsprachige Bergell gar um 53 Prozent. Dieser Aufschwung setzte sich in diesen Gebieten über die gesamte Sommersaison bis in den Herbst hinein fort. Allerdings gab es innerhalb der «Boomregionen» auch Verlierer. «Dazu zählten vor allem Restaurants, die während des Lockdowns komplett schliessen mussten und in der Folge wegen der Schutzmassnahmen nur eingeschränkt weiterarbeiten konnten», erklärt Martina Schlapbach, Regionalentwicklerin der Regiun Engiadina Bassa/Val Müstair.

Auch im Appenzell, im Tessin sowie in gewissen Regionen des Jura lagen die Logiernachtzahlen im Sommer deutlich über der entsprechenden Vorjahresperiode. Die Destination Saignelégier-Le Noirmont konnte die Übernachtungen annähernd verdoppeln. Einzelne Hotspots wie das Maggia- und das Verzasca-Tal oder das Schwimmbad in Pruntrut wurden bei schönem Wetter geradezu überrannt. Das Appenzellerland vermochte sich der Wandernden aus der ganzen Schweiz kaum mehr zu erwehren. Dieser Ansturm wurde von den Medien genüsslich ausgeschlachtet. Andreas Frey, Geschäftsführer von Appenzellerland Tourismus AR, relativiert allerdings: «Das Ganze war überhaupt kein Problem.» Er möchte jedenfalls nicht von «Overtourism» sprechen. «An Spitzentagen haben wir jeweils versucht, die Wandergruppen auf weniger begangene Routen umzulenken – mit gutem Erfolg», betont er.

Ebenfalls zu den Gewinnern gehörten die Vermieterinnen und Vermieter von Ferienwohnungen. Abgelegene Domizile waren besonders gefragt. Auf der Plattform von Graubünden Tourismus wurden zum Beispiel im Oktober, als das sommerliche Zwischenhoch in vielen anderen Regionen längst abgeflaut war, immer noch über 70 Prozent mehr Ferienwohnungen gebucht, dies bei einem Angebot von 3000 Wohnungen in zehn Destinationen.

Im Städtetourismus läuft (fast) nichts mehr

Zum grossen Verlierer geriet der Städtetourismus. In den urbanen Zentren fehlten die internationalen Gäste, und der Geschäfts- und Kongresstourismus kam fast vollständig zum Erliegen. Zürich (–77%), Genf (–75%), Luzern (–66%), Basel (–63%) und Bern (–59%) büssten in den Sommermonaten am meisten bei den Logiernächtezahlen ein. Da sich im Oktober die Situation nach einer kurzen Besserung im Frühherbst wieder verschärft hat, ist die Lage inzwischen ausgesprochen düster. Laut einer Umfrage von Hotelleriesuisse bereiten zwei Drittel der Stadthotels Entlassungen vor. Hunderte grösserer Stadthotels sind unmittelbar vom Konkurs bedroht.

Neben dem Städtetourismus litten jene Bergregionen besonders unter der Krise, die stark auf ausländische Gäste, insbesondere auf Gruppenreisende aus dem asiatischen Raum, ausgerichtet sind. Dazu zählt die Destination Engelberg/Titlis. Bei den Titlis Bergbahnen sank der Umsatz in den Sommermonaten auf 20 bis 30 Prozent des Vorjahresniveaus. Geschäftsführer Norbert Patt, der sofort mit rigorosen Kostensenkungsmassnahmen reagierte, hat inzwischen einen Stellenabbau angekündigt. Auch den Jungfraubahnen fehlten plötzlich die internationalen Gäste, die bisher zu 70 Prozent aus Asien stammten. Die Marketingverantwortlichen versuchten zwar, mit Massnahmen wie dem «Jungfrau Corona-Pass» für freie Fahrt auf dem Streckennetz der Jungfraubahnen schnell gegenzusteuern – mit dem Resultat, dass das Jungfraujoch plötzlich zu 95 Prozent in Schweizer Hand war. Doch im Gegensatz zu den asiatischen Gästen kamen die Schweizerinnen und Schweizer nur bei schönem Wetter. Und sie gaben im Schnitt weniger Geld aus als die Touristinnen und Touristen aus dem Fernen Osten.

Zu den Gewinnern, die es im Berner Oberland auch gab, zählten wie in den meisten Regionen der Schweiz jene Ausflugsziele und Hotels, die primär auf den schweizerischen und den europäischen Markt setzen. «Auch die Campingbetriebe profitierten, ebenso die traditionell weniger international ausgerichtete Teilregion Haslital-Brienz», sagt Stefan Schweizer, Geschäftsführer der Regionalkonferenz Oberland Ost. Trotz der sommerlichen Lichtblicke fällt die touristische Bilanz insgesamt aber auch im Berner Oberland negativ aus. Die Region Interlaken zum Beispiel verzeichnete im Juli in der Hotellerie bei den Schweizer Gästen zwar ein Plus von 192 Prozent. Trotzdem halbierte sich die Logiernächtezahl insgesamt, weil die Destination in einer normalen Saison hauptsächlich vom globalen Geschäft lebt. In ähnlicher Situation befinden sich auch andere bekannte Orte wie Wengen, Davos in Graubünden oder verschiedene Destinationen im Wallis, allen voran Zermatt.

Appenzell © regiosuisse

Im Jura werden böse Erinnerungen wach

Ein ähnliches wirtschaftliches Rückgrat wie der Tourismus für grosse Teile der Berggebiete ist die Uhrenindustrie für den Jura. Zusammen mit dem Tourismus gehört sie in der Schweiz zu jenen Wirtschaftszweigen, die unter der Corona-Krise am stärksten leiden müssen. Der Umsatz in der Uhrenindustrie brach im zweiten Quartal um 35 Prozent ein. Von diesem Schock vermochte sich die Branche im dritten Quartal zwar leicht zu erholen, doch der Verband der Schweizerischen Uhrenindustrie rechnet für das ganze Jahr mit einem Minus von 25 bis 30 Prozent. Bis im Oktober wurden über ein Drittel weniger Uhren exportiert als im letzten Jahr.

Die Situation weckt in den sogenannten «Villes Horlogères» – den Uhrenstädten des Jurabogens – schlechte Erinnerungen an vergangene Zeiten. Städte wie Le Locle haben aus der «Uhrenkrise» in den 1970er-Jahren zwar gelernt und ihre Wirtschaft seither breiter ausgerichtet; die Abhängigkeit von der Uhrenindustrie ist vielerorts jedoch weiterhin gross. Paradebeispiel ist das Vallée de Joux: Im Hochtal an der Grenze zu Frankreich leben 7000 Leute, und es gibt dort 8000 Arbeitsplätze, grösstenteils in der Uhrenindustrie. «Die Corona-Pandemie hat uns hart getroffen», sagt Eric Duruz, Direktor der ADAEV (Association pour le Développement des Activités Economiques de la Vallée de Joux). Die Uhrenfabriken ergriffen zwar frühzeitig Schutzmassnahmen für das Personal, noch bevor der Bund solche verordnete. Doch nach dem Lockdown standen die meisten Betriebe eineinhalb Monate still. Die Pandemie war im Vallée de Joux auch nicht einfach ein fernes Donnergrollen, sondern forderte überdurchschnittlich viele Todesopfer. Die Behörden der verschiedenen Ebenen arbeiteten koordiniert zusammen mit dem Ziel, die Gesundheitsversorgung im Tal auch während der schlimmsten Phase einigermassen aufrechtzuerhalten. «Elementar für unsere Wirtschaft und für die Gesundheitsversorgung sind die Grenzgängerinnen und Grenzgänger», so Duruz. Entscheidend war folglich, dass die Grenze zu Frankreich für diese Pendler weiterhin offenblieb.

Auch wenn jetzt noch längst nicht alles ausgestanden ist, so keimt im Vallée de Joux mittlerweile die Hoffnung auf, dass es diesmal doch nicht so schlimm kommen wird wie in den 1970er-Jahren, als mehr als ein Viertel der Einwohnerinnen und Einwohner das Tal verliessen. «Wir sind inzwischen krisenerprobt und viel widerstandsfähiger», sagt Duruz. Er ist überzeugt, dass das Tal sogar gestärkt aus dieser Krise hervorgehen wird, «dank dem Innovationsgeist unserer Bevölkerung, der Solidarität, einer gewissen Hartnäckigkeit und einem unerbittlichen Kampfgeist».

Der Zwischenstand

Wie wird das Corona-Jahr 2020 letztlich enden? Und wie rasch wird sich die Wirtschaft erholen? Noch am 12. Oktober machten die Ökonomen des Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO) eine zuversichtliche Prognose. Sie rechneten zu jenem Zeitpunkt für das laufende Jahr beim Bruttoinlandprodukt mit einem Minus von 3,8 Prozent. Das tönte deutlich optimistischer als im Frühjahr, als sie im schlimmsten Negativszenario einen Rückschlag bis zu 10 Prozent nicht ausschliessen wollten. Trotzdem, auch mit dem milderen Oktober-Szenario wären die Auswirkungen der Pandemie immer noch sehr gravierend: Ein BIP-Rückgang von 3,8 Prozent würde die stärkste Rezession seit der Erdölkrise Mitte der 1970er-Jahre bedeuten.

Regionalökonomische Auswirkungen von Covid-19
Im Rahmen des «Regionenmonitorings» beobachtet regiosuisse die regionalwirtschaftliche Entwicklung in den Regionen, spezifisch auch in Bezug auf die Auswirkungen der Corona-Krise. Die Berichterstattung zu den aktuellen Auswertungen erfolgt jeweils auf regiosuisse.ch/coronakrise

Die Situation hat sich inzwischen mit der zweiten Welle drastisch verändert. Eine Bilanz lässt sich folglich schwerlich ziehen, und Prognosen sind jeweils schnell wieder veraltet. Ende Oktober, bei Redaktionsschluss, rechneten vier Fünftel der im Tourismus tätigen Unternehmen mit einer weiteren Verschlechterung der Situation in der Wintersaison. Diese ist bekanntlich vor allem für die Skidestinationen weitaus wichtiger als die Sommersaison. Martin Nydegger, Chef von Schweiz Tourismus, bereitet den Sektor auf eine lange Durststrecke vor. Er meint: «Eine vollständige Erholung wird es erst 2023 oder 2024 geben». Vor allem für die Städte werde es «brutal», betont er. Ein etwas optimistischeres Bild zeichnet Nydegger für die klassischen Wintersportgebiete. Monika Bandi Tanner, Co-Leiterin der Forschungsstelle Tourismus im Zentrum für Regionalentwicklung der Universität Bern, verweist darauf, dass nun vieles davon abhänge, wie sich die Situation an der Pandemie-Front weiterentwickeln werde und welche Massnahmen und Schutzkonzepte in den Skigebieten damit verbunden sein würden. Wie das Jahr 2020 für den Tourismus enden wird, lässt sich aufgrund der zahlreichen Unsicherheitsfaktoren derzeit also schwer abschätzen.

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«Remote Work» und der Rückzug in die Berge

Nicht nur die einseitige, stark auf besonders betroffene Wirtschaftsbereiche wie der Tourismus oder die Uhrenindustrie ausgerichtete Branchenstruktur erhöhte in der aktuellen Krise die Verwundbarkeit vieler Regionen. Eine Rolle spielt auch die Grösse der Unternehmen, ganz unabhängig von der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Branche. Gemäss einer Umfrage der UBS musste während des Lockdowns jedes fünfte Unternehmen mit weniger als zehn Beschäftigten den Betrieb einstellen. Bei den Unternehmen mit 10 bis 49 Beschäftigten war es jeder zehnte Betrieb. Hingegen mussten «nur» drei Prozent der Grossunternehmen schliessen. Das wirkte sich besonders negativ in Kantonen wie Appenzell Innerrhoden, Graubünden und Wallis aus, die einen hohen Anteil an Klein- und Mikrobetrieben aufweisen. Aufgrund verschiedener weiterer Indikatoren kommt die UBS zum Schluss, dass die Bergkantone von der Krise generell viel stärker betroffen sind und nun auch eine längere Erholungsphase benötigen.

Bestätigt hat sich während der Pandemie, dass eine Krise bestehende Trends beschleunigt und verstärkt. Mit Blick auf die vielerorts erfolgte Umstellung auf Homeoffice kommt eine Studie der Universität Basel zum Schluss, dass diese Transformation für die ländliche Wirtschaft offenbar eine grössere Herausforderung darstellte als für die städtische Wirtschaft. Was die Studie allerdings ausser Acht lässt: Manche Beschäftigte haben sich während des Lockdowns aus der Stadt in ihr Refugium in den Bergen zurückgezogen. Dort haben sie ihr Feriendomizil kurzerhand in ein Homeoffice verwandelt. Wie viele der rund 500 000 Zweitwohnungen während Corona tatsächlich so genutzt wurden, ist jedoch nicht bekannt. «Unsere Region war diesen Sommer sehr belebt, nicht zuletzt wegen der vielen ‹Remote Worker› [Mitarbeitende im Homeoffice, Anm. der Red.]», meint Rudolf Büchi, Regionalentwickler bei der Regiun Surselva. Ein Indiz für deren Präsenz sei die starke Zunahme der Netznutzung und der telefonischen Gesprächsminuten in der Region. «Die Surselva profitiert bei diesem Trend eindeutig von einer sehr guten Breitbandinfrastruktur und von aktiv bewirtschafteten Ferienwohnungen, die in Kombination mit Co-Working-Spaces, so zum Beispiel im Rocks Resort Laax, hervorragende Bedingungen für ‹Remote Work› bieten», so Büchi.

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Die meisten «Remote Worker» sind nach dem Lockdown zwar wieder in ihre städtischen Erstwohnsitze zurückgekehrt. Doch manche werden auf den Geschmack gekommen sein und sich überlegen, ob sie das Krisen- und Ferienrefugium künftig nicht auch in ganz normalen Zeiten als Arbeitsstätte nutzen möchten. Dies wäre ganz im Sinne jener Entwicklungsstrategen, die die Zukunft der Berggebiete in der residenziellen Ökonomie sehen, begünstigt durch Homeoffice sowie die hybriden und flexiblen neuen Arbeitsformen, die ein Wohnen und Arbeiten fernab der städtischen Zentren ermöglichen und begünstigen (vgl. «regioS 18»).

Die NRP hat als Organisation auch in den schwierigsten Momenten gut weiterfunktioniert.

Die NRP im Krisenmodus

Wie haben die NRP-Verantwortlichen in den Regionen auf die Corona-Krise reagiert? Hatten sie überhaupt Handlungsspielraum? Stefan Schweizer stellt klar, dass es nicht Aufgabe der NRP sei, in einer solchen Ausnahmesituation hektischen Aktivismus zu entfalten und Krisenintervention oder gar Notfallhilfe zu betreiben. Die Regionalpolitik sei vielmehr langfristig darauf ausgerichtet, die Regionen darin zu unterstützen, die Herausforderungen des Strukturwandels zu bewältigen. Ähnlich äussert sich Rudolf Büchi: «Unsere Möglichkeiten, direkt etwas zur Linderung der Corona-Krise zu leisten, sind beschränkt.» Auf die kurzfristige Lancierung von NRP-Projekten zur Bekämpfung der Krise wurde folglich in den meisten NRP-Regionen der Schweiz verzichtet.

Das heisst aber nicht, dass die Akteurinnen und Akteure untätig geblieben wären, im Gegenteil: Die Regiun Engiadina Bassa/Val Müstair, die Regiun Surselva sowie die Regionen Imboden und Viamala beispielsweise beteiligten sich an einer überregionalen Initiative im Kanton Graubünden. In deren Rahmen wurde eine Online-Plattform als digitaler Marktplatz für die während der Krise noch lieferbaren regionalen Produkte und Dienstleistungen aufgeschaltet. «Diese Plattform wurde sehr geschätzt und ist weiterhin sehr beliebt. Wir klären nun ab, ob sie über die Corona-Krise hinaus dauerhaft betrieben werden sollte», erklärt Martina Schlapbach, Regionalentwicklerin der Regiun Engiadina Bassa/Val Müstair. Ähnliche Plattformen wurden in vielen weiteren Regionen lanciert, so «mehr-uri.ch» im Kanton Uri, die über die NRP finanziert wurde, oder «favj.ch/c19/» im Valleé de Joux, um nur zwei weitere Beispiele zu nennen.

Viele Tourismusdestinationen starteten – vor allem über das aufgestockte Budget von Schweiz Tourismus – kurzfristig Werbeaktionen. Destinationen und Hotels, die bislang von Seminar- und Gruppengästen lebten, stellten auf Individualtouristen aus der Schweiz um. Restaurants vergrösserten ihre Aussenterrassen, «wobei die Behörden plötzlich viel pragmatischer Bewilligungen erteilten», wie Andreas Frey von Appenzellerland Tourismus AR erfreut feststellt. Verschiedene Dienstleistungen wurden, damit sie unter Einhaltung der Distanzregeln angeboten und erbracht werden konnten, notfallmässig digitalisiert. Der Kanton Wallis und The Ark, eine Stiftung zur Wirtschaftsförderung, lancierten zu diesem Zweck Anfang Mai die Initiative «Digitourism», an der sich rund dreissig Jungunternehmen mit Vorschlägen beteiligten. Eine Jury wählte schliesslich acht Projekte aus, die mit Unterstützung von CimArk, dem verlängerten Arm der RIS (Regionale Innovationssysteme) Westschweiz im Wallis, umgesetzt wurden. Der gemeinsame Nenner: Sämtliche Vorhaben zielen darauf ab, den Tourismus im Kanton mithilfe digitaler Lösungen neu anzukurbeln. Ein Beispiel: Das Start-up Guidos.bike hat den digitalen und personalisierten Tourguide «Guidos» innerhalb von wenigen Wochen zur Marktreife entwickelt. Es handelt sich um ein intelligentes GPS, das auf dem Bike montiert wird und den User auf einer individuell gestalteten Tour begleitet. Mehr als fünfzig Outdoor-Anbieter wenden den Tourguide inzwischen an, mit Verbier auch eine grosse Tourismusdestination.

Die Krise als Chance

Die RIS stellten mit dem Lockdown im März ihre Coaching-Programme sofort um. RIS Mittelland schaltete unverzüglich eine Website auf, die alle wichtigen Informationen zu den Unterstützungsangeboten des Bundes, des Kantons Bern und weiterer Institutionen im Zusammenhang mit der Pandemie auflistete. Diesem Beispiel folgten wenig später die RIS in allen übrigen Landesregionen. Ausserdem verlagerten die Beraterinnen und Berater ihren Fokus vom Innovationscoaching auf das Krisenmanagement. Zudem unterstützten sie einige Unternehmen im Bemühen, die Krise als Chance für Prozessoptimierungen und Transformations- und Innovationsprojekte zu nutzen. Beispiel Sensopro AG in Münsingen BE: Die Firma produziert seit ein paar Jahren Fitnessgeräte für ein gelenkschonendes Koordinationstraining. Die krisenbedingt ruhigeren Zeiten hat sie genutzt, um ein neues Produkt zu entwickeln, das noch in diesem Jahr marktreif sein könnte. Das Projekt wurde mit Unterstützung des RIS-Coachs Nicolas Perrenoud vorangetrieben.

Die Leistungen der NRP in der Krise halfen vielen Unternehmen, besser über die Runden zu kommen. Die entscheidende Hilfe aber, die unzählige Firmen vor dem Untergang bewahrte, kam letztlich vom Bundesrat, der ein Sonderpaket aus erleichterter Kurzarbeit, Erwerbsausfallentschädigungen und notfallmässig gesprochenen, verbürgten Krediten schnürte. Ohne diese Unterstützung sähe es in vielen Regionen um einiges düsterer aus. Die NRP-Massnahmen konnten naturgemäss nur ergänzend wirken. Die schnell geschaffene Möglichkeit, die Rückzahlung von Darlehen der NRP uns der Investitionshilfe für Berggebiete (IHG) aufzuschieben, hat jedoch die Liquidität mancher Projektträger erhöht und so den wirtschaftlichen Druck reduziert.

Angesichts der von vielen NRP-Verantwortlichen in dieser schwierigen Zeit geleisteten Sonderschichten sollte nicht vergessen werden, welche enorme Herausforderung es war, die NRP während des Lockdowns operationell überhaupt am Laufen zu halten. Viele Sitzungen, Workshops und Tagungen mussten notfallmässig in den Remote-Modus umgestellt oder abgesagt werden. Einiges hat sich verzögert, weil sich die digitale Kommunikation nicht für alles eignet, oder musste auf später verschoben werden. Insgesamt haben die Beteiligten der NRP aber eine steile Lernkurve durchlaufen. Die NRP hat als Organisation auch in den schwierigsten Momenten gut weiterfunktioniert.

regiosuisse.ch/coronakrise-nrpmehr-uri.chfavj.ch/c19/

Das Virus als Innovationsbeschleuniger

Auswirkungen der Corona-Krise auf Schweizer KMU. Sebastian Gurtner, Nadine Hietschold. BFH Gestion, 2020.