KI im Dienste der Gastfreundschaft: Schweizer Destinationen gestalten digitale Zukunft
Künstliche Intelligenz (KI) ist im Schweizer Tourismus keine Zukunftsmusik mehr, sondern ein Werkzeug, das bereits heute den Arbeitsalltag entlastet und das Gästeerlebnis bereichert. Zwei von Innotour geförderte Projekte zeigen exemplarisch, wie die Branche durch Kooperation und Technologie neue Wege geht.
«Die beiden Projekte demonstrieren eindrucksvoll das Potenzial, das in der Zusammenarbeit über regionale und organisatorische Grenzen hinweg besteht. Sie verdeutlichen die Bedeutung des gemeinsamen Lernens im Umgang mit KI und zeigen, wie eine strukturierte Zusammenarbeit zwischen den Tourismusakteuren zu skalierbaren, innovativen Lösungen führt. Mit der Unterstützung solcher Projekte leistet das SECO über Innotour einen wichtigen Beitrag dazu, den Schweizer Tourismus digital fit für die Zukunft zu machen.»
Christoph Schlumpf, Leiter Innotour Staatssekretariat für Wirtschaft SECO
KI-Agenten: Digitale Unterstützung für komplexe Aufgaben
Ein zukunftsweisendes Projekt, initiiert von Basel Tourismus und dem Software-Unternehmen Aumera AG, demonstriert eindrucksvoll, wie KI-Agenten den Tourismussektor transformieren können. Das durch das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) via Innotour finanzierte Projekt wird schrittweise ausgerollt. Im Zentrum stehen dabei die spezialisierten KI-Agenten Eve, Joy und Sonny, die Tourismusorganisationen in der Deutschschweiz, im Engadin sowie im Tessin bereits wirkungsvoll im Arbeitsalltag unterstützen.
Nutzen für die Branche: Aktuell sind 15 touristische Organisationen am Projekt beteiligt. Diese entwickeln bedarfsgerechte Anwendungen und teilen sie anschliessend mit allen Projektpartnern. Dieser strukturierte Austausch innerhalb der Branche stellt sicher, dass innovative Lösungen entstehen, die sich realistisch in den Arbeitsalltag verschiedenster Tourismusorganisationen integrieren lassen.
Das Konzept: Die drei digitalen Assistenten übernehmen klar definierte Aufgabenbereiche. Eve automatisiert Anfragen, die Content-Planung sowie die Erstellung von Newslettern und sorgt so für konsistente Inhalte. Sonny ist auf den Sales-Bereich spezialisiert und entwirft in kurzer Zeit massgeschneiderte Offerten und Reiseprogramme. Joy wiederum erleichtert Dialogformate, bereitet komplexe Informationen verständlich auf und hilft dabei, verschiedene Perspektiven kritisch einzuordnen.
Effizienz und Kontrolle: Die Technologie ermöglicht es, Arbeitsschritte, die früher mehrere Tage beanspruchten, in wenigen Minuten zu erledigen. Dabei bleibt die menschliche Expertise zentral: Die inhaltliche Prüfung und die finale Freigabe liegen stets bei den Mitarbeitenden, welche die KI-Agenten durch präzise Vorgaben steuern. Ziel ist es, durch die Delegation strukturierter Abläufe neuen Freiraum für innovative Ideen und die persönliche Betreuung der Gäste zu schaffen.
«Wir verstehen KI-Agenten als Werkzeuge, die Mitarbeitende entlasten und ihnen mehr Raum für Kreativität, strategisches Denken und echte Gastfreundschaft bieten.»
AI Local Guides: Skalierbares Insiderwissen mit Charakter
Dieses Gemeinschaftsprojekt zur Stärkung der Digitalisierung im Tourismus wurde ebenfalls durch Innotour unterstützt. Es ist aus einer engen Zusammenarbeit zwischen Zürich Tourismus, Basel Tourismus, Luzern Tourismus, Graubünden Ferien und dem Schweizer Start-up Holoai GmbH entstanden. Gemeinsam wurde eine innovative Lösung entwickelt, die lokales Wissen jederzeit persönlich für Gäste und Einheimische zugänglich macht – ein starkes Zeichen für die kooperative Gestaltung der digitalen Zukunft.
Das Konzept: Anstatt auf allgemeine Internetquellen zu vertrauen, basieren die «AI Local Guides» auf dem Fachwissen lokaler Expertinnen und Experten. Die Tourismusorganisationen pflegen diese exklusiven Inhalte selbst, während die KI die Informationen in Echtzeit massgeschneidert und verständlich für den Gast aufbereitet. Dieser Ansatz garantiert verlässliche Empfehlungen, die sich deutlich von Standardantworten abheben. Zudem behalten die Destinationen so die volle Kontrolle über die Qualität und den Kontext ihrer digitalen Kommunikation.
Individuelle Persönlichkeiten: Um die Technologie nahbarer zu gestalten, erhielten die Guides eigene Identitäten, die den Charakter der jeweiligen Region widerspiegeln. In Basel führt beispielsweise der humorvolle «Dr Waggis»mit lokalem Charme durch die Fasnachtstraditionen. In Graubünden bietet Lucia Casutt als Allrounderin einen umfassenden Überblick über die gesamte Region. Sie verbindet geschickt verschiedene Orte, Themen und lokale Besonderheiten. Diese Emotionalisierung macht die digitale Beratung zu einem persönlichen Erlebnis.
Nutzen für die Branche: Die eigens dafür entwickelte Plattform Joaia Guide Studio von Holoai AG steht ab sofort auch für weitere Destinationen und touristische Akteure als lizenzbasierte Lösung zur Verfügung.
Innotour – Motor für touristische Innovation
Innotour ist das Förderinstrument des Bundes (Staatssekretariat für Wirtschaft SECO) zur Steigerung von Innovation, Zusammenarbeit und Wissensaufbau und -transfer im Tourismus.
Innotour wurde geschaffen, um die Innovationsrate anzuheben und die gemeinsame Leistungserstellung zu erleichtern. Innotour konzentriert die Förderung auf nationaler Ebene. Dies bedeutet, dass die Mehrheit der Mittel für Vorhaben mit nationaler Ausrichtung und für nationale Koordinationsaufgaben eingesetzt wird. Mit dem Instrument der Modellvorhaben werden jedoch auch regionale und lokale Vorhaben gefördert.
Regionalpolitik und Wohnungspolitik sollen zusammen gedacht werden. Das liegt für Martin Tschirren, Direktor des Bundesamtes für Wohnungswesen, auf der Hand. Denn ein passendes und bezahlbares Wohnungsangebot ist ein Standortfaktor. Das gilt in Tourismusregionen und Agglomerationen ebenso wie in Städten. Ein neuer Baukasten zeigt, wie Gemeinden preisgünstigen Wohnraum fördern können.
Katharina Rüegg, Leiterin Kommunikation regiosuisse: Der «Baukasten für preisgünstigen Wohnraum» richtet sich an Gemeinden und stellt zehn Massnahmen zur Förderung von günstigem Wohnraum vor. Sie thematisieren die Lenkung, die Finanzierung und die Kommunikation. Ist es so einfach, dass zehn Bausteine genügen? Martin Tschirren, Direktor des Bundesamtes für Wohnungswesen: Die zehn Massnahmen decken die Handlungsmöglichkeiten der Gemeinden in der Tat gut ab und sind in der Praxis erprobt. Da jede Gemeinde eine andere Ausgangslage und eigene Ziele hat, wird jede Gemeinde die Bausteine wählen, die zu ihrer Situation passen. Die Einfachheit des Baukastens ist seine Stärke.
K.R.: Das erinnert an Lego – damit habt ihr den Baukasten ja auch illustriert. Kann der Baukasten den sehr unterschiedlichen Gegebenheiten in Städten, Agglomerationen und Berggebieten gerecht werden?Martin Tschirren: Ja, denn die Kernfrage stellt sich überall: Entspricht der Wohnraum den Bedürfnissen der Bevölkerung? Es braucht in jeder Gemeinde zunächst eine fundierte Analyse und Strategie. Dann zeigt sich, mit welchen Bausteinen die Gemeinde ihre Strategie umsetzen kann. Schauen wir zum Beispiel die Agglomerationsgemeinde Birsfelden und die Berggemeinde Lantsch / Lenz an: Beide nutzen zum Teil dieselben Bausteine, nämlich «Lenken – Anteile von preisgünstigem Wohnraum in der Nutzungsplanung festlegen» und «Finanzieren – Abgabe von kommunalem Land». Zusätzlich setzt Birsfelden auf «Kommunikation – Verhandlungen» und Lantsch / Lenz auf «Finanzieren – Darlehen/Beiträge an gemeinnützige Wohnbauträger».
K.R. Inwiefern unterscheiden sich die Herausforderungen der Agglomerationen von den Bergregionen? Martin Tschirren: Agglomerationen sind oft von einem starken Bevölkerungswachstum, einer dynamischen Bautätigkeit und steigenden Mieten geprägt. Zum Beispiel Küsnacht am Zürichsee: eine sehr attraktive Gemeinde mit hohen Land- und Wohnungspreisen. Küsnacht möchte eine sozial und altersmässig durchmischte Gemeinde mit einem lebendigen Dorfleben bleiben. Dafür benötigt sie bezahlbaren Wohnraum. Die nicht touristischen Bergregionen stehen oft vor dem Problem der Abwanderung und dass erschwingliche Mietwohnungen für junge Familien fehlen.
K.R.: Und die touristischen Berggemeinden? Martin Tschirren: Hier besteht häufig eine grosse Nachfrage nach Zweitwohnungen und eine starke Präsenz von Plattformen für Kurzzeitvermietung wie zum Beispiel Airbnb. Die Wohnungssituation hat sich in den letzten Jahren deutlich verschärft: Die Leerwohnungsziffer in den Tourismusgemeinden hat sich von 2020 bis 2023 halbiert und liegt aktuell im Schnitt bei lediglich 0.8 Prozent. Aber ein Angebot an preisgünstigem Wohnraum ist für Tourismusorte überlebenswichtig – für Arbeitskräfte und Einheimische.
K.R.: Die Neue Regionalpolitik (NRP) kann regionalwirtschaftliche Projekte fördern, die auch konkrete Fragen der Wohnpolitik und preisgünstigen Wohnraum thematisieren können. Wie beurteilen Sie dieses Instrument? Martin Tschirren: Die Verlinkung von Regionalpolitik und Wohnungspolitik liegt auf der Hand. Denn preisgünstiger Wohnraum ist ein Standortfaktor – und das gilt überall.
K.R.: Welche anderen Förderinstrumente sollten Gemeinden in Agglomerationen und Berggebieten sonst noch kennen? Martin Tschirren: Der Bund gewährt mit dem «Fonds de Roulement» zinsgünstige Darlehen für gemeinnützigen Wohnungsbau und leistet Bürgschaften. Verschiedene Kantone setzen eigene Förderprogramme um, eine Übersicht bietet die Website des BWO. Zudem können Gemeinden selbst tätig werden, zum Beispiel mit einem eigenen Fonds zur Wohnraumförderung, der aus der Grundstückgewinnsteuer oder Mehrwertabschöpfungen gespiesen wird.
K.R.: Martin Tschirren, herzlichen Dank für das Gespräch!
In Kürze: Der Baukasten für preisgünstigen Wohnraum
Der Baukasten des Bundesamtes für Wohnungswesen zeigt anschaulich auf, wie sich preisgünstiger Wohnraum fördern lässt. Zehn Handlungsfelder beschreiben, wie Städte und Gemeinden vorgehen können. Erfolgreiche Beispiele aus verschiedenen Gemeinden zeigen, wie konkrete Massnahmen umgesetzt wurden. Als praxisnahes Instrument unterstützt der Baukasten Städte und Gemeinden bei der Entwicklung einer bedürfnisgerechten Wohnungspolitik. Hier geht es zum Baukasten.
Die Neue Regionalpolitik (NRP) kann Projekte, die sich mit konkreten Fragen der Wohnpolitik und mit preisgünstigem Wohnraum befassen, nur sehr begrenzt fördern. Die detaillierten Förderbestimmungen legen die Kantone fest. Weitere Informationen: Unterstützung für Projektträgerschaften
Neue Regionalpolitik und Herausforderung Wohnen: Drei Beispiele
Grundlagenstudie «360°-Tourismus» im Kanton Graubünden: Der Fokus liegt auf einem integrierenden Lebensraum-Management, das alle relevanten Aspekte (Wohnraum, Arbeit, Verkehrsinfrastruktur, Besucherlenkung, Tourismusakzeptanz) berücksichtigt. Eine besondere Herausforderung ist die Wohnungsknappheit für Arbeitskräfte und für die lokale Bevölkerung.
Nutzungsstrategie Altstadt Sursee, Kanton Luzern: Ziel ist es, eine lebendige Altstadt zu schaffen, die überzeugt – fürs Verweilen, Wohnen, Arbeiten und Einkaufen. Dafür erstellt die Stadt Sursee eine Nutzungsstrategie. Mit dabei sind Anwohnende, Gewerbe- und Gastrobetreibende sowie weitere Akteurinnen und Akteure.
Technische Innovationen in Sion: Das Quartier Ronquoz21 südlich des SBB-Bahnhofs von Sion steht vor einem tiefgreifenden Wandel. Das heute vorwiegend industriell geprägte Gebiet wird zu einem gemischt genutzten Quartier mit Wohnungen, Büros, Geschäften, Einrichtungen und öffentlichen Räumen. Das Projekt fördert im Rahmen der Arealentwicklung innovative Lösungen in den Bereichen Mobilität, Stromversorgung und Wärmeverteilung.
Der Einstiegskurs – für alle, die mit der Neuen Regionalpolitik in Berührung kommen
Der Einstiegskurs in die Neue Regionalpolitik ist bereits ein Klassiker – und meistens schnell ausgebucht. Wem nützt der Kurs und was sagen die Teilnehmenden dazu? Wir haben uns am eintägigen Kurs in Altdorf im Kanton Uri umgehört.
Die Neue Regionalpolitik (NRP) ist ein ausgezeichnetes Mittel des Bundes, um Innovation, lokale Wertschöpfung und die Schaffung von Arbeitsplätzen zu fördern. Aber sie ist komplex: Die Umsetzung erfolgt in 26 Kantonen mit je eigenen Programmen und Rahmenbedingungen. Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl an lokalen, regionalen und sogar internationalen Akteuren.
Der Einstiegskurs verschafft hier den Durchblick. Das bestätigt auch Teilnehmer Rolf Infanger vom Urner Gemeindeverband: «Ich kam mit der Erwartung, dass mir die Grundprinzipien der Neuen Regionalpolitik aufgezeigt werden und wie ich als Regionalmanager meine Klientinnen und Klienten am besten unterstützen kann. Diese Erwartungen wurden erfüllt!»
Marcel Zumkemi vom Regions- und Wirtschaftszentrum Oberwallis (RWO) empfiehlt den Einstiegskurs sogar allen, die mit der Neuen Regionalpolitik in Berührung kommen: «Es werden wertvolle Hintergründe vermittelt. Auch wenn man bereits einige NRP-Projekte bearbeitet hat, ist der Kurs nützlich.»
Ideen für die Organisation und für die Beratung
Die Komplexität der NRP erlebt Nadia Scherer von der Destination Einsiedeln-Ybrig-Zürichsee beinahe täglich: «In unserem Tourismusgebiet haben wir häufig mit mehr als einem Kanton zu tun, was unsere Arbeit anspruchsvoll macht. Ich war erleichtert, als ich am Einstiegskurs erfahren habe, dass nicht bloss ich diese Situation anspruchsvoll finde, sondern dass es am System liegt. Ich nehme aus dem Einstiegskurs neue Ideen mit, wie wir diesem System besser entsprechen können.»
Die Inhalte des Einstiegskurses sind praxisnah. Das sieht auch Jasmin Schlaepfer von VISIT Glarnerland so: «Ich fand die Mischung aus Praxisbeispielen und Theorie sehr gut. Und ich fühle mich gut begleitet, weil ich jetzt weiss, wo ich zusätzliches Know-how abholen kann. Als Verantwortliche der Destinationsentwicklung begleiten wir Projekte von der Basis. Ich habe dank des Einstiegskurses mehr Sicherheit in der Beratung gewonnen und kann die Initiantinnen und Initianten von Projekten jetzt noch besser unterstützen.»
Horizonterweiterung dank Präsenzveranstaltung
Nachdem der Einstiegskurs mehrmals online durchgeführt wurde, fand er dieses Mal vor Ort im Innovationsbiotop Uri in Altdorf statt und vermittelte eine ganz besondere Tiefe: Die Teilnehmenden erlebten die Präsentation des Praxisbeispiels San Gottardo mit Blick auf die frisch verschneiten Berge des Urnerlandes. Und David Kramer vom SECO (Co-Leiter des Ressorts Regional- und Raumordnungspolitik) stand auch während der Pausen für spontane Gespräche zur Verfügung. Für Marcel Zumkemi hat sich die Anreise aus dem Oberwallis gelohnt: «Neben allen Inhalten und spannenden Links, die wir am Einstiegskurs erhalten haben, fand ich den Austausch mit Kolleginnen und Kollegen der Regionalentwicklung ausserordentlich wertvoll.»
Die Schweizer Pärke: Katalysatoren einer nachhaltigen Regionalentwicklung
Die Schweizer Pärke sind Laboratorien der Raumentwicklung: Orte, an denen Natur, Wirtschaft und Gesellschaft gemeinsam wachsen. Sie nutzen die natürlichen und landschaftlichen Schätze ihrer Regionen und verwandeln sie in ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Mehrwert. Das gelingt dank lokalem Know-how und einem ausserordentlichen Engagement der Regionen.
Geografische, wirtschaftliche und soziale Disparitäten haben den Bund zur Neuen Regionalpolitik (NRP) veranlasst. Diese stärkt die Wettbewerbsfähigkeit von Berggebieten sowie ländlichen und peripheren Räumen und setzt auf eine endogene Entwicklung – also auf das, was die Regionen selbst mitbringen. Das Ziel: Arbeitsplätze schaffen, dezentrale Besiedlung sichern und die Lebensqualität langfristig erhalten.
Die Neue Regionalpolitik ist Teil einer übergeordneten kohärenten Raumentwicklung, die Politikfelder wie Raumplanung, Mobilität, Landwirtschaft, Energie und Tourismus zusammenführt. In diesem Gefüge sind die Regionalen Naturpärke wichtige Akteurinnen und Akteure, denn sie liegen in Gebieten mit hohem Natur- und Landschaftspotenzial und arbeiten nach einem ganzheitlichen Verständnis von Nachhaltigkeit. Pärke bauen auf ihren regionalen Stärken auf – Naturwerte, Landschaftsqualität und lokales Wissen. Sie fördern regionale Kreisläufe, stärken die regionale Wertschöpfung und unterstützen die Bevölkerung dabei, ihre Tätigkeiten nachhaltig weiterzuentwickeln.
Ein spürbares Engagement für eine nachhaltige regionale Wirtschaft
Dass die Pärke weit mehr sind als touristische Marken, ist jedoch weniger bekannt. Sie engagieren sich ebenso in Landwirtschaft, nachhaltiger Mobilität, Energie sowie beim lebendigen Kulturerbe. Viele Pärke helfen, regionale Wirtschaftszweige (Brot-, Fleisch-, Holz- oder Wollverarbeitung) aufzubauen – und setzen damit auf Kreislaufwirtschaft und lokale Wertschöpfung. Ein wichtiges Instrument ist dabei das Programm «Partnerunternehmen». Es unterstützt Betriebe, die dieselben Werte wie die Pärke leben: Nachhaltigkeit, regionale Verankerung, Qualität und Innovation. So entsteht Schritt für Schritt eine solidarische, vernetzte Wirtschaftsgemeinschaft.
Ausserdem können regionale Spezialitäten das Produktelabel der Schweizer Pärke erhalten. Dafür müssen sie im Parkgebiet hergestellt werden, Nachhaltigkeits- und Qualitätsanforderungen erfüllen und zu den Parkzielen beitragen. Im Gegenzug hilft der Park bei der Vermarktung. Mehr als 2500 zertifizierte Produkte aus 14 Pärken tragen heute zu einer vielfältigen regionalen Wirtschaft bei. Kurze Transportwege halten die Wertschöpfung in der Region und sichern Arbeitsplätze sowie gepflegte Kulturlandschaften.
Laboratorien der Regionalentwicklung
Regionale Entwicklung entsteht nicht von allein. Sie braucht eine regionale Organisation, dieFäden zusammenführt: Produzierende, Verarbeitende, Handel, Institutionen und Konsumierende. Diese Rolle übernehmen die Geschäftsstellen der Pärke: Sie vernetzen regionale Akteurinnen und Akteure, sorgen für abgestimmte Massnahmen und begleiten Projekte strategisch und finanziell. Oft erhalten in den Pärken angestossenen Projekte – eigene Vorhaben, Partnerschaften oder Marktstudien –Fördermittel der Neuen Regionalpolitik. Damit wirken die Pärke als Impulsgeber, die regionale Kräfte bündeln und Innovation ermöglichen.
Die Schweizer Pärke sind mehr als Schutzzonen oder Ausflugsziele: Sie sind Labore einer Raumentwicklung, in der Natur, Wirtschaft und Gesellschaft gemeinsam vorankommen. Mit ihrem lokal verwurzelten Ansatz zeigen sie, wie nachhaltige Regionalentwicklung gelingen kann: kohärent, resilient und solidarisch. Als ergänzendes Instrument der Regionalpolitik stärken die Pärke bestehende Dynamiken und liefern Regionen zusätzliche Hebel, um Projekte aufzubauen, die ökologisch wie auch wirtschaftlich tragen.
Redaktionelle Kürzung des Kapitels: Schweizer Pärke: Katalysatoren einer nachhaltigen Regionalentwicklung im Weissbuch Schweizer Pärke (Autor: Marc Münster)
Das Coaching-Programm von HotellerieSuisse und SECO konnte viel bewegen
Im Frühjahr 2020 war die Beherbergungsbranche von der Covid-19-Pandemie und den vom Bundesrat ergriffenen Schutzmassnahmen stark betroffen. Zur Unterstützung der Betriebe wurde das Coaching-Programm von HotellerieSuisse und SECO mit Fördermitteln der Neuen Regionalpolitik (NRP) lanciert. Durch bedürfnisorientierte mehrtägige Coachings konnten hunderte kleinere und mittelgrosse Individualbetriebe zukunftsfähiger gemacht werden. Bei einer Abschlussveranstaltung in Thun haben sich Beteiligte getroffen und über ihre Erfahrungen ausgetauscht.
«Ich wollte im Rahmen dieses Coachings eigentlich meine Pensionierung vorbereiten. Gemeinsam mit dem Coach haben wir dann aber vor allem an unseren Abläufen und Prozessen gearbeitet.»
Ruth Thierstein vom Boutique Hotel Matterhorn Lodge in Zermatt
Sie ist die Stimme von einem der knapp 300 Betriebe, die in den vergangenen Jahren am Coaching-Programm von HotellerieSuisse teilgenommen haben. Sie führt in ihrer spontanen Wortmeldung weiter aus: «Das Resultat ist, dass ich nun ganz viel an meinen jungen Direktor abgeben kann. Das hat am Anfang zwar viel Mut und auch Überzeugungskraft gekostet, aber letzten Endes war dieses Coaching ein riesengrosses Geschenk für mich und für unser Hotel.»
Im Rahmen einer kurzen Podiumsdiskussion schilderte Martina Anderberg – eine der beteiligten Coaches – aus, wie sie ihre Arbeit erlebt hat: «Viele Betriebe haben im Alltag selten Kapazitäten, sich den wirklich kritischen Fragen zu stellen. Den Mut zu fassen, etwas über Bord zu werfen, braucht Unterstützung von aussen.»
Zu Beginn der Covid-19-Pandemie, im Frühjahr 2020, ergriff der Bundesrat Massnahmen, die die Beherbergungsbranche stark belasteten. Zu deren Unterstützung lancierte das SECO gemeinsam mit HotellerieSuisse im Februar 2021 das Coaching-Programm für die Beherbergungsbranche. Das Projekt wurde mit Fördermitteln der Neuen Regionalpolitik mitfinanziert und hatte zum Ziel, vor allem kleinere und mittelgrosse Individualbetriebe, wie das Boutiquehotel Matterhorn Lodge, zu stärken. Die Coachings konnten von April 2021 bis Juni 2024 in Anspruch genommen werden. Die Rückmeldungen der beteiligten Betriebe und der Coaches fällt durchs Band sehr positiv aus. Dies bestätigt sowohl eine Kurzevaluation von regiosuisse, die das SECO in Auftrag gegeben hat, als auch der von HotellerieSuisse erstellte Schlussbericht.
Hohe Nachfrage und breite Wirkung
Es nahmen Betriebe aus allen Landesteilen am Programm teil, mit einem Fokus auf kleinere und mittelgrosse Beherbergungsbetriebe (10 bis 60 Zimmer). Besonders stark vertreten waren Betriebe aus Bergregionen und ländlichen Gebieten. Damit konnte eine wichtige Zielsetzung des Programms, die Wirkung im NRP-Perimeter zu entfalten, erfüllt werden. Im Rahmen von bis zu fünf Coaching-Tagen pro Betrieb konnten Themen wie Kosteneffizienz dank optimierten Prozessstrukturen, erfolgreicher Vertrieb durch klare Positionierung, verbesserte Onlinepräsenz mit Digitalisierungsstrategie, konsequente Umsetzung von Nachhaltigkeitsmassnahmen im Rahmen einer Gesamtstrategie oder Schärfung des Arbeitgeberprofils durch Employer Branding individuell bearbeitet werden.
Das Angebot wurde von den Betrieben sehr geschätzt und als äusserst wertvoll beurteilt. 75 % der teilnehmenden Betriebe gaben an, dass das Coaching die Geschäftsentwicklung positiv beeinflusst habe. Positive Nebeneffekte des Programms sind, dass in der Branche die Offenheit gegenüber Coaching erhöht und Impulse für weitere Investitionen und Kooperationen gesetzt werden konnten.
Zudem wirkte das Coaching den Betrieben auch für die Strategiefindung. Verfügten zu Beginn des Coaching-Programmes nur 32 Prozent der Betriebe über eine schriftlich festgehaltene Strategie, waren es sechs Monate nach Abschluss bereits 54 Prozent.
«Ganz ehrlich, ich war anfangs skeptisch. Es ist jeweils eine Herausforderung jemanden zu finden, der uns zuhört und unsere Anliegen und Herausforderungen versteht. Bei diesem Coaching haben wir jedoch Resultate erhalten, mit denen wir heute weiterarbeiten»
Ron Pêtre vom Hotel Sonnenberg in Kriens
Der externe Blick des Coaches habe sehr geholfen, sich neu und zukunftsgerichtet aufzustellen. Dies bestätigte auch Peter Vollmer, der sich als Betreiber des Hotels Regina in Mürren im Coaching vertieft mit den Themen Employer Branding und Digitalisierung auseinandersetzte.
Effizienz und gutes Kosten-Nutzen-Verhältnis
Die Gesamtkosten beliefen sich auf rund 2,34 Mio. CHF, wovon 1,84 Mio durch Mittel der Neuen Regionalpolitik NRP vom Bund getragen wurden. HotellerieSuisse war für die operative Umsetzung des Programms verantwortlich. Das Kosten-Nutzen-Verhältnis wird als sehr positiv beurteilt: Mit den eingesetzten Mitteln konnte eine grosse Zahl von Betrieben bedarfsgerecht unterstützt werden. Das Coaching-Programm hat somit einen nachhaltigen Beitrag zur Stärkung und Professionalisierung der Schweizer Beherbergungsbranche geleistet und kann als Vorbild für zukünftige Förderinitiativen dienen. Die breite Akzeptanz und die nachweislichen Verbesserungen in den Betrieben unterstreichen den Erfolg des Coachings.
Auf die Frage, ob dieses erfolgreiche Projekt weitergeführt werden könne, erklärte Barbara Friedrich, Leiterin der Abteilung Mitglieder & Entwicklung bei HotellerieSuisse, dass ihr Verband ein solches Programm ohne Drittmittel nicht finanzieren könne. Auch Martin Saladin, Leiter der Direktion für Standortförderung im SECO erklärte, dass eine Weiterführung nicht möglich sei, da sich die NRP als Anschubfinanzierung versteht. Er verwies aber gleichzeitig darauf, dass das SECO, schon seit längerer Zeit verschiedene Förderinstrumente – auch in Zusammenarbeit mit den Kantonen – zur Verfügung stellt, um Projekte zu ermöglichen. Es sei ihm wichtig, dass in Zukunft noch stärker darauf hingearbeitet werde, dass die richtigen Akteure vernetzt und in einen Austausch gebracht würden, um dadurch Instrumente zu entwickeln, die nahe an den Bedürfnissen der Beteiligten seien. «Ich höre gerne hin, um mehr zu lernen und genauer zu verstehen, was es braucht», sagte Saladin zum Abschluss.
Das neue regioS bringt Kreislaufwirtschaft auf den Punkt
Wussten Sie, dass in der Schweiz 19 Tonnen Rohstoffe pro Person und Jahr verbraucht werden? Und global, wie auch in der Schweiz nur 6,9 Prozent der verarbeiteten Materialien recycelt sind? Das könnte sich ändern, wenn die Prinzipien der Kreislaufwirtschaft konsequenter umgesetzt würden. Dazu mehr in unserer ersten Ausgabe «regioS – Regionalentwicklung kompakt».
Kreislaufwirtschaft steht für einen schonenden Umgang mit Ressourcen und die Wiederverwertung von Materialien. Sie ist mehr als nur Recycling. Es geht darum, sogenannte Abfälle als Ressourcen oder upgecycelte Rohstoffe zu sehen und diese wieder in den Produktionsprozess zu integrieren. Wie das aussehen kann, zeigen drei Projekte, die von der Neuen Regionalpolitik (NRP) unterstützt werden:
aus upgecycelten Rohstoffen der Bierproduktion entsteht ein wertvolles High-Protein-Brot.
aus Forstabfällen werden mittels Destillation ätherische Öle produziert.
statt Plastik oder Textilien ins Ausland zu exportieren, werden diese direkt in der Region verarbeitet.
Herausforderung: Genügend Rohstoffe aus dem Recycling finden
Kreislaufwirtschaft kann in kleinen regionalen Projekten umgesetzt werden – sie muss aber auch im Grossen Anwendung finden. Denn die Industrie braucht grosse Mengen an Rohstoffen. Deshalb sollte sie möglichst viele Rohstoffe aus dem Recycling verwenden können. Die Herausforderung ist deren Verfügbarkeit – sei es wegen mangelnder Infrastruktur, fehlender Daten oder logistischer Hürden. Deshalb hat die Hochschule für Architektur und Technik Freiburg i.Ü. dafür eine Datenbank entwickelt, die Anbietende und Suchende zusammenbringt. Der sogenannte Value Chain Generator (VCG) wird heute vom Start-up VCG.AI in Stuttgart betrieben. Ein Folgeprojekt der Hochschule nutzt diese nun, um im Kanton Freiburg Kreislaufwirtschaft in Unternehmen zu fördern. Dabei arbeiten Hochschule, Kanton und Industrie zusammen. Details zu diesem Vorreiter-Projekt erfahren Sie in unserer Podcastserie «Region am Mikrofon», in der Folge 7: «Cradle-Alp» – Schritte hin zu einer erfolgreichen Kreislaufwirtschaft».
Praxistipps, um Kreislaufwirtschaft zu fördern
Viele setzen sich bereits für Nachhaltigkeit ein – aber es braucht noch mehr. Im regioS – Regionalentwicklung kompakt zum Thema Kreislaufwirtschaft ist deshalb auch ein Hinweis auf die Toolbox Kreislaufwirtschaft zu finden. Sie enthält Informationen und Praxistipps für alle, die nachhaltige Projekte umsetzen oder unterstützen möchten.
Kaum eine Gemeinde kommt heute ums Thema Digitalisierung herum. Während manche schon weit fortgeschritten sind, stehen andere noch ganz am Anfang. Was beschäftigt Ihre Gemeinde? Welche Begriffe sind noch unklar? Beim Digital-Ratgeber werden eingereichte Fragen von Expertinnen und Experten beantwortet.
Es ist es gar nicht so einfach, die Orientierung im Digitalisierungs-Dschungel zu behalten. Zahlreiche Themenfelder sollten bearbeitet werden, immer neue Lösungen werden auf dem Markt angeboten. Das überfordert häufig gerade Gemeinden, die wenig Ressourcen haben. Der Digital-Ratgeber schafft Abhilfe. Er wurde in enger Zusammenarbeit zwischen dem Schweizerischen Gemeindeverband, dem Verein Myni Gmeind und der Digitalen Verwaltung Schweiz (DVS) entworfen. Welche Fragen zur Digitalisierung, digitalen Transformation oder E-Government haben Sie?
Auf diese Weise können alle Nutzerinnen und Nutzer der Website von den Erkenntnissen profitieren. Besonders relevante Fragen und Antworten veröffentlicht der SGV im Magazin «Schweizer Gemeinde».
«Impuls-Landschaftsberatung» unterstützt Gemeinden
Bis 2024 bietet das BAFU Gemeinden im Rahmen der Umsetzung des Landschaftskonzepts Schweiz (LKS) kostenlose «Impuls-Landschaftsberatungen» an. Ziel ist es, den Gemeinden Orientierung in Landschaftsfragen zu geben, ihr Landschaftsbewusstsein und ihre Handlungskompetenz zu stärken und sie in raumplanerischen Entscheidungen zu unterstützen. Während der Pilotphase stehen Expertinnen und Experten aus verschiedenen Sprachregionen mit breitem Landschaftswissen für Beratungen zu Themen wie Zonenplanrevisionen, Freiraumplanung und vieles mehr zur Verfügung. Mithilfe der Beratung befähigen sich die Gemeinden, das Thema «Landschaft» in Planungs- und Projektarbeiten besser zu berücksichtigen. Die «Impuls-Landschaftsberatung» reiht sich ein in bereits etablierte Gefässe und unterstützt erste Schritte zu einer nachhaltigen Landschaftsentwicklung. Die BAFU-Website orientiert über den Prozess und die Kontakte für eine Beratung.
Die App der Schweizer Pärke hat einen umfassenden Relaunch erfahren. Sie erscheint in einem neuen Design und mit ergänzten Funktionen. Die App dient als multifunktionaler Taschenführer für Gäste und vernetzt die Parkaktivitäten mit entsprechenden Mobilitätsangeboten. Als Kartengrundlage der App dienen die offiziellen Schweizer Landeskarten. Alle vorgestellten Aktivitäten sind mit den öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar.
Regionalprodukte – stark in der Nische, mit Potenzial für weiteres Wachstum
Pirmin Schilliger & Urs Steiger
Was steckt hinter dem Erfolg der Regionalprodukte? Und wie steht es um deren Zukunftsaussichten? Diese und weitere Fragen diskutierten eine Expertin und zwei Experten am Round Table von «regioS»: Eliane Kern, Verantwortliche für Kommunikation und Events von «Feld zu Tisch», einer B2B-Vermarktungsplattform für Regionalprodukte im Raum Basel, Peter Stadelmann, Verantwortlicher für die Regionalprodukte der UNESCO-Biosphäre Entlebuch, und Urs Bolliger, Geschäftsführer und Leiter Märkte von «Culinarium», dem Trägerverein der Marke «regio garantie» in der Ostschweiz.
Steile Zuwachsraten in den letzten zehn Jahren belegen die eindrückliche Erfolgsgeschichte der Regionalprodukte. Welchen Anteil haben die Fördergefässe des Bundes wie die Neue Regionalpolitik (NRP), die Projekte Regionale Entwicklung (PRE) der Landwirtschaftspolitik oder die Tourismusförderung von Innotour?
Urs Bolliger: Die dem Verein Schweizer Regionalprodukte (VSR) angeschlossenen Marken, also auch wir von «Culinarium» in der Ostschweiz, profitieren vor allem vom Absatzförderungsprogramm des Bundesamtes für Landwirtschaft (BLW), das seit 2001 läuft. In den entsprechenden Projekten handelt es sich schwerpunktmässig um Marketing- und Kommunikationsmassnahmen, wobei jeweils zwischen 30 und 50 Prozent der eingesetzten Mittel vom Bund stammen.
Eliane Kern: Auch beim Aufbau von «Feld zu Tisch» ist die Unterstützung durch das BLW über das Projekt zur Regionalen Entwicklung (PRE) «Genuss aus Stadt und Land» massgebend.
Peter Stadelmann: Als Biosphäre-Reservat Entlebuch sind wir primär Teil der Pärkepolitik, für die das Bundesamt für Umwelt (BAFU) zuständig ist. Dieses unterstützt die Pärke zwar nicht bei der Produktentwicklung. Trotzdem profitieren auch wir von Bundeshilfen, und zwar über die erwähnten Fördergefässe des BLW. Besonders wichtig ist die PRE-Unterstützung beim Aufbau der «Biosphäre Markt AG» als Vermarktungsplattform für die Region. Ohne die staatliche Hilfe wäre es kaum möglich gewesen, diese Organisation auf die Beine zu stellen und auf dem Markt zu positionieren.
Welches ist Ihre eigene, bislang grösste regionale Erfolgsgeschichte?
Eliane Kern: Wir konnten in den letzten zwei Jahren in der Region Basel ein Netzwerk aufbauen, unter anderem mit einem Format, das wir «Speed Dating» für den regionalen Direkthandel nennen. Mit diesem Format kommen Produzentinnen und Produzenten mit Abnehmerinnen und Abnehmern zusammen und lernen sich kennen, sodass die gewünschten Handelsbeziehungen beinahe automatisch entstehen. Da treffen sich etwa die Betreiber eines Lokalladens in Basel, die mit regionalen Produkten handeln, mit einer Tempeh-Produzentin in Liestal BL oder einem Produzenten von Kichererbsen in Wenslingen BL, um nur zwei Beispiele von vielen direkten Geschäftsbeziehungen zu erwähnen. Auch die runden Tische, die wir regelmässig veranstalten, um unsere Ideen und Werkzeuge weiterzuentwickeln, stossen auf grosses Interesse. Wir erfahren dabei im Gespräch mit Produzentinnen und Abnehmern von ihren unmittelbaren Bedürfnissen, etwa in Bezug auf die technischen Anforderungen, und wir können dann umso zielgerichteter handeln.
Peter Stadelmann: Aus Sicht der Biosphäre Entlebuch ist der Aufbau der Markt AG der wichtigste Meilenstein der letzten Jahre. Die Organisation ist für die Regionalproduzenten zum entscheidenden Türöffner geworden, um mit den Grossverteilern ins Geschäft zu kommen. Eine zentrale Stelle ist das A und O, um in diesem Bereich Absatz zu generieren. Die Grossverteiler möchten schliesslich nicht mit jedem Käser und jedem Metzger individuell verhandeln müssen. Die Schwelle zur Zusammenarbeit wird deutlich niedriger, wenn es dafür eine Ansprechperson für die gesamte Region gibt. Neben dieser eher organisatorischen fallen mir verschiedene weitere Erfolgsgeschichten mit einzelnen Produkten ein. Ich denke zum Beispiel an Urdinkel, mit dessen Anbau wir vor vierzehn Jahren auf Initiative eines Verarbeiters begonnen haben. Mittlerweile blüht diese Kultur in der Region, nicht zuletzt, weil alle Abnehmer – also der Müller, Bäcker, Teigwarenhersteller – und die Endverbraucherinnen und -verbraucher bereit sind, den Mehrpreis zu bezahlen, den es aufgrund der höheren Produktionskosten in unserer Höhenlage einfach braucht.
Urs Bolliger: Zentral und entscheidend für unsere Erfolgsgeschichte ist die Zusammenarbeit mit der Migros, die schon vor Jahren das Programm «Aus der Region, für die Region» lanciert hat. Wir arbeiten mit der Migros Ostschweiz seit 2003 zusammen, und ähnlich ist die Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedern unserer Dachorganisation im Verein Schweizer Regionalprodukte (VSR) mit den weiteren Migros-Genossenschaften in der ganzen Schweiz. Dass die Migros mit uns zusammen Regionalität definiert hat und dass die Richtlinien von allen Beteiligten respektiert werden, erachte ich als einen sehr grossen Meilenstein. Wenn man sich die Umsatzstatistiken anschaut, dann ist definitiv die Migros mit dem Programm «Aus der Region, für die Region» der eigentliche Absatztreiber.
Trotz allen Erfolgsgeschichten mussten Sie auch Lehrgeld zahlen. Wo zum Beispiel?
Urs Bolliger: Schwieriger als mit dem Detailhandel ist die Zusammenarbeit mit der Gastronomie. Die Gastronomie wurde von der ganzen Corona-Geschichte richtiggehend durchgeschüttelt. Zudem steht sie schon lange unter heftigem Preisdruck, sodass wir uns den Kopf darüber zerbrechen, wie wir mit einem vernünftigen Aufwand zusammenarbeiten könnten. Es finden sich zwar einzelne Gastrobetriebe, die länger schon intensiv mit Regionalprodukten arbeiten. Leider aber gibt es eine grosse Anzahl Betriebe, die über die Speisekarte den Anschein zu erwecken versuchen, ein bisschen auf regionale Produkte zu setzen. Sieht man genauer hin, sind die meisten Angebote auf dem Teller alles andere als regional.
Eliane Kern: Auch in der Region Basel beschäftigt uns die Frage, wie wir mit der Gastronomie besser zusammenarbeiten könnten. Viel Lehrgeld mussten wir ausserdem bei der Entwicklung der Software für unsere B2B-Plattform zahlen. Wir haben uns dies einfacher vorgestellt und gehofft, auf eine bereits bestehende Lösung zurückgreifen zu können. Mittlerweile sind wir in der Rolle, dass wir auf nationaler Ebene eine Eigenentwicklung anstossen, also eine Open-Source-Lösung, die von ähnlichen Projektträgern ebenfalls genutzt werden kann. Zu schaffen machen uns auch die Nachhaltigkeit und die vergleichsweise hohen Kosten der kleinteiligen Lebensmittellogistik.
Herr Stadelmann, wo liegen die Stolpersteine im Entlebuch?
Peter Stadelmann: Damit der Aufbau der Markt AG nicht zum Stolperstein wurde, brauchte es viele Gespräche, und wir benötigten sehr viel Feingefühl. Wir mussten zum Beispiel die Käsereien, die bisher sehr selbständig agiert und ihre eigene kleine Marke aufgebaut hatten, für unser Anliegen gewinnen. Für die einzelne Käserei bedeutete dies, dass sie einen grossen Teil der Marktverantwortung an die neue Organisation, die Markt AG, abgeben musste, die fortan die Koordination und den Verkauf übernahm. Diese Veränderung ist ein schwieriger und langwieriger Prozess, bei dem nicht alles reibungslos funktioniert. Unser einheitlicher Auftritt heisst für den einzelnen Betrieb, dass er seine eigene Unternehmensmarke zurückstellen muss. Ausserdem muss er in der Vermarktung plötzlich mit Betrieben zusammenarbeiten, die er bislang vor allem als Konkurrenten wahrgenommen hat.
Läuft es mit der Gastronomie im Entlebuch besser als etwa in der Ostschweiz oder in Basel?
Peter Stadelmann: Nein, die Gastronomie ist auch hier im Entlebuch ein hartes Brot. Der Preiskampf ist heftig, und die vielen Kleinproduzenten in unserer Region können die Nachfrage etwa bei Grossbanketten nicht immer abdecken. Ausserdem ist die Bereitschaft der Gastronomen wie auch der Gäste gering, sich beim Essen nicht nur auf Steaks und Schnitzel einzulassen, sondern auf die Verwertung des ganzen Tieres. Es braucht generell ein Umdenken, damit auch mal ein regionales Nichtedelstück auf der Menükarte landet.
Eliane Kern: Die Preissensitivität ist in der Gastrobranche tatsächlich ausschlaggebend dafür, wo die Lebensmittel letztlich eingekauft werden. Hinzu kommen Kriterien wie Praktikabilität und Effizienz des Marktplatzes. Wie sind die Lieferzyklen? Wie lange dauert es von der Bestellung bis zur Anlieferung? Wie ist die Verfügbarkeit des Angebotes? Wie zuverlässig und effizient funktioniert die Lieferkette? Wir können auf unserem B2B-Marktplatz zwar einiges gewährleisten, müssen aber einräumen, dass gewisse Herausforderungen von einem grösseren Handelsbetrieb einfacher zu bewältigen sind als von einer kleinteiligen Logistik.
Gibt es für diese Fälle überhaupt vernünftige Lösungsansätze?
Urs Bolliger: Man muss die Relationen im Auge behalten. Regionalprodukte werden in den Medien zwar gehypt, aber Gäste, die im Restaurant explizit danach fragen, bleiben eine Minderheit. Wir sprechen von einem Marktanteil zwischen 5 und 10 Prozent, den die Regionalprodukte über alle Verkaufskanäle hinweg insgesamt besetzen. Ein ähnliches Phänomen habe ich schon mehrere Male erlebt beim «Bio». Wenn man den Durchschnittskonsumenten fragt: «Was denkt ihr, wie hoch ist mittlerweile der Anteil Bio am Verkauf?», lautet die Antwort: «Sicher 50 Prozent.» Tatsächlich liegt der Marktanteil von Bio-Produkten zwischen 15 und 18 Prozent. Die Wahrnehmung des Konsumenten entspricht nicht seinem tatsächlichen Konsumverhalten. Das fällt mir besonders auf, wenn ich mit Metzgereien rede, die auch ein Catering betreiben. Beim Catering scheint es zwar erwünscht, Regionalprodukte im Angebot zu haben. Aber kaum jemand ist bereit, Regionalität explizit einzufordern. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass wir mit Regionalität eine Nische besetzen. Der Lösungsansatz müsste sein, dass wir uns auf diese Nische fokussieren und dort versuchen, erfolgreich zu arbeiten mit zuverlässig funktionierenden Konzepten. Wir können aber nicht erwarten, dass die Bäume in den Himmel wachsen.
Regionalprodukte haben also nur geringe Chancen auf dem Massenmarkt?
Urs Bolliger: Die gute Zusammenarbeit mit der Migros zeigt, dass wir im Detailhandel durchaus mit Klasse und Masse punkten können. Wir sprechen hier von rund 1 Milliarde Franken, die die Migros mittlerweile jährlich über den Kanal «Aus der Region, für die Region» umsetzt. Darüber hinaus arbeiten wir mit weiteren Detailhändlern zusammen. Jüngstes Beispiel ist Aldi Suisse mit der Marke «Saveur Suisse». Aktuell sind wir mit weiteren Detailhändlern im Gespräch, und es zeichnen sich weitere Absatzmöglichkeiten in anderen Bereichen ab. So haben die SBB die Bewirtschaftung ihrer rund 4000 Automaten in diesem Jahr neu ausgeschrieben mit der Bedingung, dass mindestens 10 Prozent der Artikel Regionalprodukte sein müssen. Das hat dazu geführt, dass uns ein grosser Automatenbetreiber kontaktiert hat, der nun von den SBB für die nächsten Jahre den Zuschlag erhalten hat. Es gibt also weitere Absatzkanäle, über die noch mehr echte Regionalität zum Konsumenten fliessen kann.
Frau Kern, wie beurteilen Sie die Möglichkeiten, in einen breiteren Markt vorstossen zu können?
Eliane Kern: Wir suchen derzeit sehr gezielt den Kontakt mit der Gemeinschaftsgastronomie. Ob uns die gewünschte Absatzerhöhung in diesem Segment gelingen wird, hängt jedoch vom Ausbau unserer Produktionsinfrastruktur ab. Gefragt sind in diesem Fall vorgerüstete Produkte mit einem höheren Convenience-Grad. Wir gehen bei der Umsetzung schrittweise vor und versuchen mittels Marktanalysen herauszufinden, was wirklich funktionieren kann.
Wie kommt die Biosphäre Entlebuch in diesen breiteren Markt?
Peter Stadelmann: Hätten wir das Rezept, mit Regionalprodukten den Massenmarkt zu erobern, würde ich es nicht verraten. Letztlich ist unsere Arbeit ein stetes Strampeln mit kleinen Projekten. Der Kanton Luzern als bisher tierintensiver Kanton startet neuerdings eine Bio-Kampagne und eine Offensive für Spezialkulturen. Hier suchen wir aktuell die Zusammenarbeit, allerdings im Bewusstsein, dass wir uns auch in diesem Bereich in einem Verdrängungskampf befinden. Aus meiner Sicht ist es entscheidend, dass man die speziellen Produkte, die eine Region zu bieten hat, auf dem Markt an richtiger Stelle zu platzieren versucht. Wir im Entlebuch sind ein Grasland, Bergzone 1 und höher – da unterliegen wir bezüglich Vielfalt und Produktivität starken Einschränkungen. Umso wichtiger scheint mir das Denken in Richtung von noch mehr Qualität statt Quantität. Wir müssen uns mit unseren Regionalprodukten so abheben, dass wir in jeder Beziehung einzigartig sind.
Konsumentinnen und Konsumenten stellen sich unter «regional» kurze Wege, Nachhaltigkeit, gesunde Produkte und oft auch «Bio» vor. Können die Produzentinnen und Produzenten diese Erwartungen erfüllen?
Urs Bolliger: Laut Umfragen erwarten die Konsumentinnen und Konsumenten vom Regionalprodukt nicht zwingend auch «Bio». Jedoch ist es eine Tatsache, dass der Konsument manchmal zu viele positive Argumente in die Regionalprodukte hineininterpretiert. Grundsätzlich geniessen Regionalprodukte ein sehr hohes Vertrauen, was uns zu höchster Sorgfalt verpflichtet. Massgebend für die Qualitätskriterien aller «regio.garantie»-Produkte ist der sogenannte ökologische Leistungsnachweis (ÖLN), wie er in den Richtlinien für die Regionalmarken im Detail festgehalten ist.
Eliane Kern: Wir stellen fest, dass gewisse regionale Produkte national herumspediert werden. Das muss nicht unbedingt heissen, dass diese Produkte weniger nachhaltig sind, denn in einer CO2-Bilanz fallen andere Kriterien wie Kühllager viel stärker ins Gewicht als die gefahrenen Kilometer. Trotzdem arbeiten wir daran, uns bezüglich Nachhaltigkeit in sämtlichen Bereichen zu verbessern. Das ist und bleibt eine grosse Herausforderung, die einen Systemwechsel erfordert, der nicht einfach so über Nacht passieren wird.
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