Regionalpolitik und Wohnungspolitik sollen zusammen gedacht werden. Das liegt für Martin Tschirren, Direktor des Bundesamtes für Wohnungswesen, auf der Hand. Denn ein passendes und bezahlbares Wohnungsangebot ist ein Standortfaktor. Das gilt in Tourismusregionen und Agglomerationen ebenso wie in Städten. Ein neuer Baukasten zeigt, wie Gemeinden preisgünstigen Wohnraum fördern können.

Katharina Rüegg, Leiterin Kommunikation regiosuisse: Der «Baukasten für preisgünstigen Wohnraum» richtet sich an Gemeinden und stellt zehn Massnahmen zur Förderung von günstigem Wohnraum vor. Sie thematisieren die Lenkung, die Finanzierung und die Kommunikation. Ist es so einfach, dass zehn Bausteine genügen? Martin Tschirren, Direktor des Bundesamtes für Wohnungswesen: Die zehn Massnahmen decken die Handlungsmöglichkeiten der Gemeinden in der Tat gut ab und sind in der Praxis erprobt. Da jede Gemeinde eine andere Ausgangslage und eigene Ziele hat, wird jede Gemeinde die Bausteine wählen, die zu ihrer Situation passen. Die Einfachheit des Baukastens ist seine Stärke.
K.R.: Das erinnert an Lego – damit habt ihr den Baukasten ja auch illustriert. Kann der Baukasten den sehr unterschiedlichen Gegebenheiten in Städten, Agglomerationen und Berggebieten gerecht werden? Martin Tschirren: Ja, denn die Kernfrage stellt sich überall: Entspricht der Wohnraum den Bedürfnissen der Bevölkerung? Es braucht in jeder Gemeinde zunächst eine fundierte Analyse und Strategie. Dann zeigt sich, mit welchen Bausteinen die Gemeinde ihre Strategie umsetzen kann. Schauen wir zum Beispiel die Agglomerationsgemeinde Birsfelden und die Berggemeinde Lantsch / Lenz an: Beide nutzen zum Teil dieselben Bausteine, nämlich «Lenken – Anteile von preisgünstigem Wohnraum in der Nutzungsplanung festlegen» und «Finanzieren – Abgabe von kommunalem Land». Zusätzlich setzt Birsfelden auf «Kommunikation – Verhandlungen» und Lantsch / Lenz auf «Finanzieren – Darlehen/Beiträge an gemeinnützige Wohnbauträger».
K.R. Inwiefern unterscheiden sich die Herausforderungen der Agglomerationen von den Bergregionen?
Martin Tschirren: Agglomerationen sind oft von einem starken Bevölkerungswachstum, einer dynamischen Bautätigkeit und steigenden Mieten geprägt. Zum Beispiel Küsnacht am Zürichsee: eine sehr attraktive Gemeinde mit hohen Land- und Wohnungspreisen. Küsnacht möchte eine sozial und altersmässig durchmischte Gemeinde mit einem lebendigen Dorfleben bleiben. Dafür benötigt sie bezahlbaren Wohnraum. Die nicht touristischen Bergregionen stehen oft vor dem Problem der Abwanderung und dass erschwingliche Mietwohnungen für junge Familien fehlen.
K.R.: Und die touristischen Berggemeinden?
Martin Tschirren: Hier besteht häufig eine grosse Nachfrage nach Zweitwohnungen und eine starke Präsenz von Plattformen für Kurzzeitvermietung wie zum Beispiel Airbnb. Die Wohnungssituation hat sich in den letzten Jahren deutlich verschärft: Die Leerwohnungsziffer in den Tourismusgemeinden hat sich von 2020 bis 2023 halbiert und liegt aktuell im Schnitt bei lediglich 0.8 Prozent. Aber ein Angebot an preisgünstigem Wohnraum ist für Tourismusorte überlebenswichtig – für Arbeitskräfte und Einheimische.
K.R.: Die Neue Regionalpolitik (NRP) kann regionalwirtschaftliche Projekte fördern, die auch konkrete Fragen der Wohnpolitik und preisgünstigen Wohnraum thematisieren können. Wie beurteilen Sie dieses Instrument?
Martin Tschirren: Die Verlinkung von Regionalpolitik und Wohnungspolitik liegt auf der Hand. Denn preisgünstiger Wohnraum ist ein Standortfaktor – und das gilt überall.
K.R.: Welche anderen Förderinstrumente sollten Gemeinden in Agglomerationen und Berggebieten sonst noch kennen?
Martin Tschirren: Der Bund gewährt mit dem «Fonds de Roulement» zinsgünstige Darlehen für gemeinnützigen Wohnungsbau und leistet Bürgschaften. Verschiedene Kantone setzen eigene Förderprogramme um, eine Übersicht bietet die Website des BWO. Zudem können Gemeinden selbst tätig werden, zum Beispiel mit einem eigenen Fonds zur Wohnraumförderung, der aus der Grundstückgewinnsteuer oder Mehrwertabschöpfungen gespiesen wird.
K.R.: Martin Tschirren, herzlichen Dank für das Gespräch!

In Kürze: Der Baukasten für preisgünstigen Wohnraum
Der Baukasten des Bundesamtes für Wohnungswesen zeigt anschaulich auf, wie sich preisgünstiger Wohnraum fördern lässt. Zehn Handlungsfelder beschreiben, wie Städte und Gemeinden vorgehen können. Erfolgreiche Beispiele aus verschiedenen Gemeinden zeigen, wie konkrete Massnahmen umgesetzt wurden. Als praxisnahes Instrument unterstützt der Baukasten Städte und Gemeinden bei der Entwicklung einer bedürfnisgerechten Wohnungspolitik. Hier geht es zum Baukasten.
Für Gemeinden in Berggebieten ist zudem dieser Leitfaden nützlich: Attraktives Wohnen in Berggebieten.

Fördermöglichkeiten der Neuen Regionalpolitik
Die Neue Regionalpolitik (NRP) kann Projekte, die sich mit konkreten Fragen der Wohnpolitik und mit preisgünstigem Wohnraum befassen, nur sehr begrenzt fördern. Die detaillierten Förderbestimmungen legen die Kantone fest. Weitere Informationen: Unterstützung für Projektträgerschaften
Neue Regionalpolitik und Herausforderung Wohnen: Drei Beispiele
Grundlagenstudie «360°-Tourismus» im Kanton Graubünden: Der Fokus liegt auf einem integrierenden Lebensraum-Management, das alle relevanten Aspekte (Wohnraum, Arbeit, Verkehrsinfrastruktur, Besucherlenkung, Tourismusakzeptanz) berücksichtigt. Eine besondere Herausforderung ist die Wohnungsknappheit für Arbeitskräfte und für die lokale Bevölkerung.
Nutzungsstrategie Altstadt Sursee, Kanton Luzern: Ziel ist es, eine lebendige Altstadt zu schaffen, die überzeugt – fürs Verweilen, Wohnen, Arbeiten und Einkaufen. Dafür erstellt die Stadt Sursee eine Nutzungsstrategie. Mit dabei sind Anwohnende, Gewerbe- und Gastrobetreibende sowie weitere Akteurinnen und Akteure.
Technische Innovationen in Sion: Das Quartier Ronquoz21 südlich des SBB-Bahnhofs von Sion steht vor einem tiefgreifenden Wandel. Das heute vorwiegend industriell geprägte Gebiet wird zu einem gemischt genutzten Quartier mit Wohnungen, Büros, Geschäften, Einrichtungen und öffentlichen Räumen. Das Projekt fördert im Rahmen der Arealentwicklung innovative Lösungen in den Bereichen Mobilität, Stromversorgung und Wärmeverteilung.
Bilder von © BWO