Was heute als Abfall gilt, kann morgen eine wertvolle Ressource sein. Genau das zeigt das Projekt RASOL in der Region La Chaux-de-Fonds – unterstützt im Rahmen des Programms Interreg Frankreich–Schweiz. Das Projekt entwickelte eine neue Methode, um Metallabfälle in hochwertige Metalle zu recyceln. Der Recyclingprozess wird dabei ausschliesslich mit Solarenergie betrieben.
Auf Schweizer Seite steht Raphaël Broye, Gründer von Panatere, hinter dem Projekt. Er verfolgt eine ebenso industrielle wie ökologische Vision:
«Was mich antreibt, ist, Licht einzufangen und daraus Wärme zu machen und gleichzeitig Materialien wieder zum Leben zu erwecken, die wir früher weggeworfen haben.»
Das technologische Herzstück von RASOL ist ein Schmelzreaktor mit kontrollierter Atmosphäre, integriert in einen Solarofen, der ausschliesslich mit Sonnenstrahlung betrieben wird. Mit diesem Verfahren lassen sich Metalle schmelzen und reinigen, um unter anderem Stahl der Qualität 1.4441 herzustellen – ein Werkstoff, der in anspruchsvollen Branchen wie der Uhrenindustrie, der Medizintechnik oder der Luft- und Raumfahrt eingesetzt wird. «In unserer Region fallen grosse Mengen an Metallabfällen an. Unser Ziel ist es, diese Abfälle lokal zu sortieren und wiederzuverwerten», erklärt Raphaël Broye. Diese Abfälle stammen insbesondere aus komplexen Produkten wie elektronischen Geräten, die aus vielen schwer trennbaren Metallen bestehen, sowie aus industriellen Produktionsresten, die aus wirtschaftlichen Gründen oft vermischt werden, was ihr Recycling erschwert.
Die Zielsetzung ist klar: industrielle Abfälle in wiederverwendbare Ressourcen umzuwandeln und gleichzeitig die hohen Qualitätsanforderungen der mikrotechnischen Industrie zu erfüllen. Zudem soll der Prozess so optimiert werden, dass eine gleichbleibend hohe Materialqualität gewährleistet ist. Dank der Nutzung von Solarenergie wird der CO₂-Fussabdruck im Vergleich zu konventionellen Verfahren um das bis zu 165-fache reduziert werden.

Grenzüberschreitende Zusammenarbeit als Schlüssel
RASOL basiert auf einer engen Zusammenarbeit zwischen Forschungsinstitutionen und Unternehmen aus der Schweiz und Frankreich. Diese Kooperation wurde durch das europäische Interreg-Programm ermöglicht, das gezielt grenzüberschreitende Projekte fördert.
Jeder Partner bringt spezifische Kompetenzen ein. Das französische Unternehmen Socrate Industrie, spezialisiert auf Maschinenbau, spielt eine zentrale Rolle bei der technischen Umsetzung. Es entwickelt und baut die Anlagen, die für den Recycling-Prozesses erforderlich sind. Der Schweizer Partner Panatere ist wiederum für den gesamten Recyclingprozess verantwortlich. Für Gründer Christian Petit steht die industrielle Anwendung im Vordergrund:«Recycling mit Sonnenenergie ist ein spannender Ansatz, der sich künftig weiter verbreiten könnte. Unser Ziel ist es, konkrete industrielle Anwendungen zu entwickeln – im Einklang mit ökologischen Anforderungen.»
Das Projekt zeigt exemplarisch, wie sich Kompetenzen ergänzen: von der Konzeption über die Modellierung bis hin zur industriellen Umsetzung und Validierung.
Norman Quadroni, Projektleiter bei der Schweizer Interreg-Koordinationsstelle des Progamms Frankreich-Schweiz, hebt hervor:
«Interreg wirkt als Hebel – sowohl für Frankreich als auch für die Schweiz. Die Zusammenarbeit ermöglicht es, gemeinsame Herausforderungen anzugehen, insbesondere in den Bereichen Umwelt und Sicherung von Arbeitsplätzen.
Die Kantone Neuenburg und Jura haben das Projekt mitfinanziert und so zusätzlich regional verankert. Konkret hat Interreg dazu beigetragen, ein Partnernetzwerk aufzubauen, Kompetenzen zu bündeln und den entscheidenden Schritt von der Forschung hin zur Umsetzung zu ermöglichen. «Dieses Netzwerk hat uns erlaubt, ein starkes Kollektiv zu bilden und gezielt ergänzende Kompetenzen einzubinden», sagt Raphaël Broye.
Im Einklang mit der Neuen Regionalpolitik (NRP)
Während Interreg die grenzüberschreitende Zusammenarbeit ermöglicht, setzt die Neue Regionalpolitik (NRP), in deren Rahmen die Schweizer Teilnahme an Interreg erfolgt, auf die nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung der ländlichen Regionen in der Schweiz. Sie unterstützt Projekte, die Innovation fördern, Wertschöpfung generieren und die wirtschaftliche Resilienz stärken.
RASOL passt ideal in diese Logik. Ziel ist der Aufbau einer lokalen Recyclingkette für Stahl – ohne den Einsatz neuer Rohstoffe. Langfristig kann das Projekt die Materialbeschaffung regionaler KMU sichern, insbesondere in Branchen wie der Uhrenindustrie, der Dentaltechnik, der Medizintechnik oder der Luft- und Raumfahrt und gleichzeitig ihre Wettbewerbsfähigkeit stärken.
So ergänzen sich die beiden Förderinstrumente: Interreg vernetzt Akteure über Grenzen hinweg und ermöglicht Innovationen – die NRP sorgt für deren langfristige Verankerung in den regionalen Wirtschaftsstrukturen. Gerade in Zeiten steigender Unsicherheiten bei Rohstoffen und Energie leistet ein solches Modell einen wichtigen Beitrag zur Stärkung regionaler Wirtschaftssysteme.
Perspektiven über die Region hinaus
Über die Region hinaus eröffnet RASOL neue Perspektiven. «Unsere Vision ist es, das Modell in verschiedenen europäischen Regionen in Europa zu kopieren und ein Leuchtturmprojekt für solares Schmelzen im Metallrecycling zu werden», sagt Raphaël Broye. Viele Regionen stehen vor ähnlichen Herausforderungen. «Wir können auch anderen Wirtschaftsregionen einen Mehrwert bieten – etwa die Uhrenregion Watch Valley, wo zahlreiche Unternehmen nach gemeinsamen Lösungen suchen.»
Gleichzeitig bringt Broye die grundlegende Veränderung auf den Punkt: «Die Hyperglobalisierung hat keinen Sinn mehr. Früher wurden Abfälle ans andere Ende der Welt transportiert und legten bis zu 42’000 Kilometer zurück. Heute setzen wir auf kurze Wege.» Das Projekt zeigt, wie eine regionale Initiative – getragen von engagierten Akteuren und unterstützt durch Programme wie Interreg und die NRP – konkrete Lösungen hervorbringen kann, deren Wirkung weit über die Ursprungsregion hinausreicht.