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Zukunft braucht Herkunft – Wie Alpahirt mithilfe regionaler Innovationsförderung eine Tradition weiterentwickelt

Manchmal beginnt Zukunft mit einem Blick zurück. Als Adrian Hirt 2014 das Label Alpahirt gründete, kehrte er bewusst in seine Heimat Graubünden zurück. Er wollte Fleischprodukte so produzieren, dass Herkunft und Handwerk nachvollziehbar bleiben und das Tierwohl im Zentrum steht. Ein Anspruch, der eng mit seiner Familiengeschichte verbunden ist: Sein Urgrossvater, der «Urneni» war Bauer. Er verstand sein Handwerk als Verantwortung gegenüber Tier, Produkt und Region. Diese Philosophie wollte Adrian Hirt ins heute und morgen übersetzen.

Alpahirt arbeitet mit rund 80 Bergbäuerinnen und Bergbauern aus der Region zusammen und verarbeitet jährlich etwa 140 Kühe aus artgerechter Haltung zu Naturfleisch. Die Tiere wurden ausschliesslich mit hofeigenem Futter ernährt, zumeist Gras und Heu. Dabei setzt das Unternehmen auf kurze Wege, direkte Zusammenarbeit mit regionalen Partnern und den konsequenten Verzicht auf Pökelsalze, Zucker oder weitere künstliche Zusatzstoffe. Stattdessen wird das Fleisch mit Rotwein, Natursalz und Gewürzen verarbeitet: es soll als Lebensmittel nachvollziehbar bleiben, sowohl in seiner Herkunft als auch in seiner Verarbeitung.Die regionale Wertschöpfung ist Grundlage von Alpahirts Geschäftsmodells.

Vom Wunsch nach Weiterentwicklung zur begleiteten Innovation

Nach mehreren Jahren Aufbauarbeit stellte sich für Adrian Hirt die Frage, wie sich ein funktionierendes, wertebasiertes Unternehmen weiterentwickeln lässt. Konkret ging es dabei um neue Produkte: Grill- und Brühwürste aus 100 Prozent Rindfleisch, ohne Pökelsalz und Zusatzstoffe. Handwerklich war vieles bereits vorhanden. Was fehlte, war ein strukturierter Innovationsprozess – von der Rezeptur über die Sensorik, also die systematische Beurteilung von Geschmack, Geruch, Textur und Aussehen eines Produkts, bis zur Einordnung im Sortiment.

An diesem Punkt kam das Innovationscoaching des Innovationsnetzwerks Ostschweiz (INOS) ins Spiel. Dieses wird im Rahmen der Neuen Regionalpolitik (NRP) über ihr Instrument der Regionalen Innovationssysteme (RIS) finanziert. Die RIS sind funktionale, meist interkantonale Wirtschaftsräume, die Unternehmen darin unterstützen, mit Innovationen ihre Geschäftstätigkeit weiterzuentwickeln. Über INOS wurde Adrian Hirt mit Patrick Zbinden, einem Lebensmittelsensoriker und Food Designer, vernetzt. Als Coach begleitet er Unternehmen dabei, Innovationsvorhaben systematisch anzugehen – geschmacklich, technologisch und kulturell. Der gemeinsame Prozess begann mit einem Innovationsworkshop. Dabei wurden mithilfe künstlicher Intelligenz und menschlicher Erfahrung erste Rezepturen entwickelt. Konkret halfen Large Language Models wie ChatGPT, Perplexity oder Mistral bei der Rezepterstellung, der sensorischen Analyse sowie später auch bei Verpackung und Namensgebung.

Die Ergebnisse des Workshops bildeten die Grundlage für die sensorische Feinjustierung der Rezepturen. Die ersten Prototypen wurden dann bewusst von vielen Personen beurteilt, um ein breites sensorisches Bild zu erhalten. Dieser iterative Prozess wurde zu einem zentralen Element der erfolgreichen Produktentwicklung. Was INOS-Coach Patrick Zbinden bei der Begleitung von Coachees in Innovationsprozessen besonders motiviert: «Wenn Unternehmen den Mut finden, ihre kulinarischen Ideen zu schärfen, statt lediglich Trends zu kopieren.»

Umsetzung entlang der Wertschöpfungskette

Im nächsten Schritt ging es um die Umsetzung. Für diese arbeitete Alpahirt eng mit Samuel Helbling, Metzgermeister und Geschäftsführer des Fleischzentrums Davos in Klosters, zusammen. «Für uns Metzger ist es eine ständige Herausforderung uns immer wieder neu zu erfinden und weiterzuentwickeln: sprich mit immer gleichbleibenden Rohstoffen von den Tieren auf wechselnde Kundenbedürfnisse und Trends einzugehen», so Helbling.
Durch die von der NRP mitfinanzierten Coachings von INOS konnten schliesslich die beiden Würste «Alpenblüte» und «Felsenkraft» auf den Markt gebracht werden. Sie unterscheiden sich deutlich im Geschmacksprofil – die erste eher sanft und floral, die zweite kräftig im Geschmack – folgen aber derselben Grundhaltung: regionale Herkunft des Fleisches, handwerkliche Verarbeitung, keine Zusatzstoffe. Am 1. August 2025 wurden diese beiden Produkte lanciert und werden mittlerweile schweizweit vertrieben.

Regionale Innovationssysteme (RIS) als Enabler

Aus Sicht von Marc Plancherel, Verantwortlicher für Regionale Innovationssysteme (RIS) und Leiter Innovation beim SECO / NPR, zeigt das Projekt exemplarisch, wie Innovationsförderung im ländlichen Raum wirken kann: «Regionale Innovationssysteme wie INOS stärken die Innovationsdynamik in den Regionen, fördern das Unternehmertum und erhöhen die regionale Wertschöpfung. Deshalb sind sie ein wichtiges Instrument der Neuen Regionalpolitik», erklärt er. Diese beziehen sich auf funktionale, meist interkantonale Wirtschaftsräume, in denen die für den Innovationsprozess notwendigen Akteure wie Unternehmen, Universitäten und der öffentliche Sektor miteinander vernetzt sind.
Bis 2029 will sich Alpahirt als führende Schweizer Referenz für Naturfleisch ohne Zusatzstoffe etablieren. Im Fokus stehen dabei regionale Wertschöpfung und qualitative Weiterentwicklung. Die Geschichte von Alpahirt zeigt, wie Herkunft zum Ausgangspunkt für Zukunft werden kann – wenn Betriebe bereit sind, sich weiterzuentwickeln. Und oft braucht es auch die passenden Förderinstrumente, die diesen Weg begleiten.

Mehr über die NRP und wie sie regionale Projekte unterstützt:

Auf kulinarischen Pfaden durch das Gotthardgebiet

Eine Wanderung, die alle Sinne anspricht und Bewegung in den Bergen mit regionaler Küche verbindet. Das Projekt Genusspfade San Gottardo vernetzt lokale Anbieter und Anbieterinnen entlang thematischer Wanderwege: Gäste probieren Spezialitäten direkt bei den Produzenten, hören ihre Geschichten und erleben so die Kultur des Gotthardraumes aus erster Hand. Möglich macht das ein Projekt, das Gastronomie, Tourismus und Landwirtschaft vor Ort zusammenbringt – unterstützt von der Neuen Regionalpolitik (NRP).

Von der Idee zur Wanderung

Die Idee entstand während der Corona-Pandemie. Als grosse Events, die er zuvor veranstaltete, wegfielen, suchte Projektträger Niklaus Niederhauser nach einer Alternative: Erlebnisse in kleinerem Rahmen, flexibel buchbar und dennoch nah an den Menschen. Über ein Inserat stiess er dabei auf das Programm San Gottardo, welches gemeinsam mit Bund und den Kantonen Uri, Graubünden und Tessin die Entwicklung rund um den Gotthard fördert. Es setzt dabei auf nachhaltige Wertschöpfung durch Tourismus, die Nutzung lokaler Ressourcen und innovative Kooperationen. Die Vision dahinter: den Gotthardraum zu einem attraktiven Lebens-, Arbeits- und Tourismusstandort machen, mit gesicherten und neuen Arbeitsplätzen sowie verbesserter Wettbewerbsfähigkeit. 

Wie Anja Beivi, Projektleiterin vom Programm San Gottardo, erklärt, wurde das Projekt der Genusspfade in ihrem Tourismusinkubator entwickelt. Dieser zeigt, wie innovative touristische Ideen aus dem Gotthardraum initiiert, getestet und umgesetzt werden können, um die Innovationskraft der Region gezielt zu fördern. Die Genusspfade San Gottardo wurden als eines der besten Projekte prämiert. Beivi unterstreicht auch, wie zentral die Förderung der lokalen Anbieter und Anbieterinnen für die Weiterentwicklung der Region ist.

So entstand das Konzept einer kulinarischen Wanderung mit mehreren Stationen: die Genusspfade San Gottardo. Mittlerweile existieren drei solcher Pfade in der Region: der Bündner Bierpfad, der Monsteiner Bierpfad sowie der Surselva Sagengenusspfad. Die meisten hiervon sind aktuell vor allem in den Sommermonaten sowie im Frühherbst aktiv und buchbar. Ein Pfad umfasst vier bis fünf Stationen mit einer Laufzeit von etwa zwei Stunden, die Zeit fürs Eintauchen in die Natur lässt. Die Gäste wandern von Hof zu Hof, von Restaurant zu Restaurant, degustieren etwa Bündner Bier oder Capuns und erfahren dabei, wer hinter den Produkten steht. Das Besondere an den Pfaden: Sie verbinden Bestehendes zu einem neuen Erlebnis. Die Tour lässt sich kurzfristig und digital buchen. Erlebbar sind die Pfadangebote auch klassisch auf Papier, um das Panorama vollends zu geniessen.

Für die Gastgeber, wie zum Beispiel die Geschäftsführerin des Hotel Surselva, Beatrice Hug, bedeutet dieses Konzept: kein Risiko, dafür direkter Nutzen. Zu Beginn war es oft ein Hindernis, so berichtet Niederhauser, dass Gastronomen befürchteten, vorab zahlen zu müssen – eine Sorge, die ihnen jedoch schnell genommen werden konnte. Wenn Gäste buchen, wird ein Umsatz generiert, wenn sie wiederum ausbleiben, machen sie keinen Verlust. Rund 80 bis 90 Prozent der Wertschöpfung verbleiben in der Region. «Die Gäste erleben echte Begegnungen – und die Betriebe gewinnen Umsatz und Sichtbarkeit», so Niederhauser. Das Projektteam testet die Routen selbst und sucht gezielt Betriebe, die mitmachen. Oft kommen Anbieter auch von sich aus auf das Team zu. Er koordiniert den Ablauf und begleitet die Umsetzung vor Ort. «Entscheidend ist das Vertrauen der Menschen in der Region. Nur so entsteht ein Netzwerk, das trägt», so Niederhauser.

NRP als Motor des Projekts

Die NRP war von Beginn an Türöffner und Motor des Projekts. Dessen Förderung ermöglichte unter anderem die Eröffnung der Pfade, die Weiterentwicklung der Website sowie die Erweiterung der Angebote in mehrere Sprachen. Aktuell sind die Angebote auf Deutsch und Italienisch buchbar – zu einem späteren Zeitpunkt soll auch Englisch und Rätoromanisch hinzukommen, das im Bündnerland einen besonderen symbolischen Charakter hat. «Die Mehrsprachigkeit im Gotthardraum ist Teil des Kulturerbes. Mit ihr öffnen wir die Pfade für ein breiteres Publikum», erklärt Niederhauser. Dabei schafft die NRP-Förderung Strukturen, sorgt für Planungssicherheit und verleiht dem Projekt Reichweite.

Die Genusspfade sind mehr als ein Ausflugsangebot. Sie stärken Gastronomie, Hotellerie und Landwirtschaft, bringen Gäste und Einheimische zusammen und machen regionale Kultur sichtbar. Mittlerweile ziehen sie auch immer mehr Besuchende aus dem Ausland an.

Der Blick in die Zukunft

Geplant ist, weitere Pfade zu eröffnen, etwa im Tessin und an Ortschaften, die sich abseits von Tourismus-Hotspots befinden und diese ganzjährig anzubieten – auch im Winter. Die Beteiligten sind sich einig: Die Genusspfade San Gottardo zeigen, wie Kulinarik und Tourismus gemeinsam eine Region lebendig machen und bereichern.

Mehr über die NRP und wie sie regionale Projekte unterstützt: 

Bildquelle: Surselva Tourismus/ Ida Sgier

Regio Retica: Der Alpenring, der die Schweiz und Italien verbindet

Von der Engadiner Bergwelt bis ins italienische Veltlin: Wer hier lebt, überquert die Staatsgrenze fast täglich, sei es auf dem Weg zur Arbeit, beim Einkaufen oder beim Austausch von Dienstleistungen. Regio Retica kann man sich wie einen grossen Ring in den Alpen vorstellen, in dem alles zusammenhängt: Was auf der einen Seite geschieht, wirkt sich direkt auf die andere aus. Die Region umfasst mehr als 4000 km² und knapp 200 000 Einwohnerinnen und Einwohner – verteilt auf die schweizer und die italienische Seite. Mit Regio Retica entsteht ein Zukunftsmodell: eine Region, die über die Grenze hinweg gemeinsam denkt und handelt.

Viele pendeln, andere sind auf Gesundheits- und Pflegedienste jenseits der Grenze angewiesen, und auch im Tourismus gibt es unzählige Berührungspunkte zwischen der schweizer und der italienischen Seite. Maurizio Michael, seit über 20 Jahren in grenzübergreifenden Projekten aktiv, bringt es auf den Punkt: «Ohne die italienischen Arbeitskräfte, gerade im Pflegebereich, könnten gewisse Dienstleistungen in der Schweiz nicht aufrechterhalten werden.» Die Grenze ist zwar sichtbar – der permanente Austausch und die enge Zusammenarbeit aber längst Teil des Alltags. Regio Retica will diese Realität nun institutionalisieren.

Von Projekten zu Strukturen 

Bisher lebte die grenzüberschreitende Zusammenarbeit stark von einzelnen Projekten – und von engagierten Personen. Mit Regio Retica soll daraus nun eine dauerhafte Struktur werden. Die Basis dafür sind das Programm Interreg Italia-Svizzera und die Neue Regionalpolitik (NRP). Interreg ist ein europäisches Förderinstrument für grenzüberschreitende Zusammenarbeit. Wie Maurizio Michael betont, hat die Schweiz hier eine besondere Rolle: Sie ist zwar nicht EU-Mitglied, beteiligt sich aber mit eigenen Mitteln am Programm.

Während Interreg den Rahmen für die grenzübergreifende Zusammenarbeit schafft, gibt die NRP den entscheidenden Schub, damit deren Ergebnisse in den Regionen selber verankert werden. Maurizio Michael erklärt: «Interreg öffnet uns Türen für die Zusammenarbeit mit Italien. Die NRP zwingt uns zugleich, den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Mehrwert für die Schweizer Seite klar herauszuarbeiten.» Interreg sorgt für den Blick über die Grenze, die NRP dafür, dass daraus bleibende Strukturen entstehen – mit Wirkung für Bevölkerung und Wirtschaft.

Val Morteratsch: Sicht auf Piz Palü & Piz Bernina ©Andrea Furger

Zwischen Nähe und Unterschieden – die Rolle von Übersetzern

Auf den ersten Blick wirken Südbünden und das Veltlin vertraut: gemeinsame Sprache, ähnliche Traditionen. Und doch gibt es markante Unterschiede bei den politischen Systemen, bei den Bildungswegen, aber auch ganz einfach bei unterschiedlichen Bedeutungen von Wörtern. Maurizio Michael beschreibt es so: «Manchmal genügt schon ein einziges Wort, das in Italien etwas anderes bedeutet als in der Schweiz. Das Wort Strategie wird zum Beispiel in Italien oft mit einem Zeitraum von fünf Jahren gleichgesetzt – so lang wie eine Legislaturperiode dauert. Für die Schweiz ist eine Strategie die Grundlage eines Projektes. Da braucht es Vermittlung – nicht nur in der Sprache, sondern auch im kulturellen Verständnis.»

Auch unterschiedliche Steuersysteme und Abkommen sind zusätzliche Hürden für Projekte über die Grenze hinweg – oft ebenso anspruchsvoll wie kulturelle Unterschiede. Hier setzt das Projekt Regio Retica ein: Es bringt Nachbarn an einen Tisch, macht Unterschiede sichtbar, vermittelt und schafft dadurch neues Vertrauen.

Corvatsch: Aussicht Fuorcla Surlej ©Engadin Tourismus AG

Der Blick nach vorn

Bis Sommer 2025 läuft eine grosse sozioökonomische Analyse. Sie untersucht Mobilität, Arbeitsmarkt und Dienstleistungen auf beiden Seiten der Grenze. Darauf aufbauend sollen bis 2026 erste Pilotprojekte starten – etwa ein gemeinsames Busticket, das die grenzüberschreitende Mobilität erleichtern soll, oder eine Tourismuskarte, die Angebote im Engadin und im Veltlin verbindet. Bis 2027 soll Regio Retica nicht nur Projekte umgesetzt haben, sondern auch als juristisch anerkannte grenzüberschreitende Region bestehen. Konkret bedeutet das, dass sie als institutionelle Region mit rechtlich verbindlicher Struktur etabliert wird.

Ein Blick in andere Regionen zeigt, was möglich ist. Das erfolgreiche Interreg-Projekt Via Spluga, ein Klassiker unter den Kultur- und Weitwanderwegen zwischen Thusis und Chiavenna, generiert beispielsweise inzwischen jährlich etwa eine Million Schweizer Franken Umsatz. Das Projekt wurde von Anfang an im Sinne einer aktiven Regionalentwicklung gestaltet, bei der Gemeinden, Tourismusorganisationen und Kulturinstitutionen ein nachhaltiges Angebot erarbeitet haben. Die Route ist somit nicht nur ein kulturelles und touristisches Highlight, sondern auch ein Instrument zur Sicherung von Arbeitsplätzen, Förderung regionaler Identität und Stärkung der regionalen Wertschöpfung.

Dieser Beitrag basiert auf einem Gespräch mit Maurizio Michael, seit über 20 Jahren Experte für grenzüberschreitende Zusammenarbeit und einer der Köpfe hinter dem Projekt Regio Retica

Mehr erfahren über Interreg & NRP – und wie diese Programme Regionen helfen, ihre Zukunft gemeinsam zu gestalten:

Podcast: «WiGe: Regionen durch kollektive Intelligenz stärken»

Die Wissensgemeinschaften (WiGe) bringen Akteure aus verschiedenen Bereichen zusammen, um gemeinsam die regionale Entwicklung in der Schweiz voranzutreiben. Sie wurden von regiosuisse ins Leben gerufen und unterstützen die Umsetzung der Neuen Regionalpolitik (NRP), indem sie Räume für den Erfahrungsaustausch und die gemeinsame Gestaltung regionaler Projekte schaffen. Wie funktioniert dieses Format und wie sieht die Zusammenarbeit zwischen den Teilnehmenden aus? Unsere Gäste Luc Jaquet und Laura Collaud sprechen darüber – und untersuchen unter anderem die Parallelen zwischen individueller und territorialer Resilienz.

Von der Krise zum kollektiven Lernen

«Nach Krisen – seien sie persönlicher oder territorialer Natur – geht es nicht nur darum, sich wieder aufzurichten, sondern wenn möglich auch darum, Instrumente zu entwickeln, mit denen wir künftige Krisen besser bewältigen können. Das Wichtigste ist, seine Prioritäten zu überdenken und die Anstrengungen auf die richtigen Bereiche zu konzentrieren», erklärt Luc Jaquet, Senior Projektleiter bei regiosuisse.

Genau in diese Logik fügen sich die Wissensgemeinschaften (WiGe) von regiosuisse ein, ein Format, das dazu dient, Akteure der Regionalentwicklung zu wichtigen Themen wie lokaler Wirtschaft, Soziale Innovationen oder Kreislaufwirtschaft zusammenzubringen. Diese Ansätze stehen in direktem Zusammenhang mit den Zielen der Neuen Regionalpolitik (NRP), die innovative wirtschaftliche Dynamiken in den Regionen fördert.

Drei Workshops zur Erarbeitung konkreter Lösungen

Die Arbeit der WiGe basiert auf drei physischen Workshops, an denen eine kleine, sich ergänzende Gruppe von etwa 15 bis 20 Personen aus verschiedenen Bereichen teilnimmt. «Ein gutes regionales Projekt vereint die Kompetenzen von Wissenschaftlern, Trägern konkreter Projekte und öffentlichen Akteuren», erklärt Luc Jaquet.

Diese Workshops verfolgen drei Ziele:

  1. Ein gemeinsames Verständnis der mit dem behandelten Thema verbundenen Herausforderungen entwickeln
  2. Austausch konkreter Erfahrungen, die diesen Herausforderungen gerecht werden
  3. Stärkung der Kompetenzen und Vorschlag eines Transfers über regiosuisse

Die Schweiz, ein günstiger Nährboden für Co-Kreation

Laut Luc Jaquet, der auch in anderen Ländern gearbeitet hat, erleichtert die Schweiz mit ihrer Nähe zwischen den Akteuren – insbesondere den Behörden – diese Dynamik besonders.

«In der Schweiz ermöglicht diese Kultur des Pragmatismus und der Zusammenarbeit ein effizienteres gemeinsames Vorankommen», erklärt er. Diese Fähigkeit, unterschiedliche Welten auf Augenhöhe miteinander ins Gespräch zu bringen, ist ein Alleinstellungsmerkmal des Schweizer Systems – und ein idealer Nährboden für die gemeinsame Entwicklung von NRP-Projekten.

Erfahrungsbericht der Stadt Freiburg

Laura Collaud, Spezialistin für Stadtmarketing bei der Stadt Freiburg, berichtet von ihrer aktiven Teilnahme an der WiGe «Lokale Wirtschaft». Sie sieht darin eine Gelegenheit zur Inspiration, zum Networking und zum Kompetenztransfer und betont, dass viele Städte mit ähnlichen Herausforderungen wie Freiburg konfrontiert sind. Der Austausch von Ansätzen und Erfahrungen spart nicht nur Zeit, sondern verbessert auch die Effizienz. Angesichts der Herausforderungen ihres sich wandelnden Sektors suchte sie nach bewährten Praktiken, inspirierenden Austauschmöglichkeiten und Zugang zu neuen Netzwerken.

Bei der WiGe stellte sie die kürzlich eingeführte Stadtmarketingstrategie der Stadt Freiburg vor: ihre Entstehung, die Gründung des Sektors sowie die Umsetzung des Aktionsplans. Es handelt sich hier um einen noch jungen Bereich, der jedoch eng mit der lokalen Wirtschaft verbunden ist und dessen Strategie auf einer multipartnerschaftlichen Governance basiert. Erste Erfolge konnten bereits erzielt werden, was auch andere Regionen inspiriert hat.

 «Alleine könnten wir das nicht schaffen – es bedarf der Beteiligung einer ganzen Reihe lokaler, regionaler und sogar überregionaler Partner», erklärt sie und fügt hinzu, dass kollektive Intelligenz zu einer Notwendigkeit geworden sei.

Das Interesse an ihrem Vortrag war so gross, dass sie während der Pause nie ihren Kaffee trinken konnte, so intensiv war der Austausch mit den anderen Teilnehmenden. Darüber hinaus öffnet sich die Stadt Freiburg auch international, insbesondere durch ihre Mitgliedschaft im Netzwerk der Kreativstädte der UNESCO – ohne jedoch die regionale und lokale Verankerung aus den Augen zu verlieren. Ein anschauliches Beispiel für die Rolle von Wissensgemeinschaften als Katalysatoren für Inspiration und Transfer.

NRP: ein strategischer Hebel für die Regionen

Mit der Neuen Regionalpolitik unterstützen die Schweizerische Eidgenossenschaft und die Kantone Projekte, die ausserhalb der grossen städtischen Zentren wirtschaftlichen Mehrwert schaffen. Die kantonalen NRP-Stellen begleiten die Projektträger – Unternehmen, Gemeinden, Vereine – und bieten ihnen finanzielle und methodische Unterstützung.

Alle Ergebnisse dieser Wissensgemeinschaften werden veröffentlicht und sind auf regiosuisse.ch verfügbar. So können nicht nur die Teilnehmenden auf die ausgetauschten Inhalte zurückgreifen, sondern auch alle anderen Interessierten. Luc Jaquet betont zudem, dass bestimmte WiGe, in deren Rahmen weiterer Vertiefungsbedarf festgestellt wird, zur Einrichtung sogenannter permanenter Themenplattformen führen können. Dies war bereits bei den Themen Digitalisierung und Regionalentwicklung sowie Kreislaufwirtschaft der Fall.

Weitere Links:

Wie aus leerstehenden Häusern im Muggio-Tal ein Dorf für Gäste entsteht

Leerstehende Häuser in ein lebendiges Gäste-Dorf verwandeln: Das ist die Idee hinter dem Albergo Diffuso Monte Generoso. Claudio Zanini, einer der Projektträger, setzt dabei auf regionale Identität, Nachhaltigkeit und lokale Wertschöpfung. Die Neue Regionalpolitik (NRP) unterstützt das Projekt finanziell und ermöglicht so die Umsetzung eines dezentralen Hotelkonzepts in einer peripheren Region. Erleben Sie im Video, wie im Herzen des Tessins ein ganzes Tal und Berggebiet vom Tourismus profitieren– und Gäste Teil des Dorflebens werden.

Eine kleine Oase im südlichsten Zipfel der Schweiz – über Serpentinenstrassen vorbei an Wäldern, kleinen Kapellen und verwinkelten Gassen erreicht man das Dorf Scudellate im Muggio-Tal. Ehemals von Abwanderung betroffen und vom Aussterben bedroht – nun zu neuem Leben erweckt.  Dahinter der Monte Generoso, davor der Ausblick auf das Flachland Italiens. An klaren Tagen mit Blick auf die Skyline von Mailand – und bei perfekter Sicht mit Feldstecher sogar den Mailänder Dom.

Zu Gast im Alltag eines Tals in der Region Monte Generoso

Hier, im Albergo Diffuso Monte Generoso, nimmt Claudio Zanini seine Gäste persönlich in Empfang. Mit viel Herzlichkeit und einer ganz eigenen Philosophie: der des ruhigen Lebens im Einklang mit der Natur. Gäste lotst er auf die richtigen Wanderwege, umsorgt sie, erzählt, lacht. „Ich reise nicht mehr – die Reisenden kommen zu mir. Über die Saison verteilt sprechen wir hier vier, fünf Sprachen und hören Geschichten aus der ganzen Welt“. Oft entstehen dabei Freundschaften, viele Gäste kommen wieder.

Das Albergo Diffuso (übersetzt: verstreutes Hotel) ist ein dezentrales Hotelkonzept, das auf regionale Identität, Nachhaltigkeit und lokale Wertschöpfung setzt. Verschiedene Infrastrukturen in der Region Monte Generoso wie Restaurants, Hotels, B&Bs, Hostels, Hütten und Läden mit unterschiedlichen Besitzern laufen hier unter einem gemeinsamen Label zusammen. Zentralisierbare Dienstleistungen wie etwa Marketing, Kommunikation, aber auch Einkäufe, Logistik, Transport und Empfang werden gebündelt – zum Vorteil aller, weil die einzelnen Betriebe dadurch Kosten sparen.

2021 nahm das Projekt des Albergo Diffuso mit der Renovierung der Osteria Manciana und des Hostels in Scudellate seinen Anfang. In den darauffolgenden Jahren wurden die Panorama Lodge « La Casa dei Gelsi», die Capannna «Alpe di Caviano» und das Hotel «Cà Nani» renoviert und für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Letzteres liegt in einem anderen Dorf im Muggiotal. Derzeit sind also fünf Unterkünfte dem Projekt angeschlossen. In Scudellate liegen drei der Unterkünfte nur wenige Schritte voneinander entfernt, während die Entfernungen zu den anderen etwas grösser sind. Gäste, die sich für eine dieser Unterkünfte des Albergo Diffuso entscheiden, geniessen nicht nur eine Übernachtung – sie tauchen in das Leben der Region mit ihren vielfältigen naturkundlichen und kulturellen Angeboten ein. Sie kaufen im Dorfladen ein, essen im Grottino, wandern durch Kastanienwälder. Sie begegnen dem Einheimischen und lernen viele Orte in anderen kleinen Dörfern kennen.

NRP-Förderung als Teil des Weges

Claudio Zanini, selbst aus der Region stammend, hat hierfür Häuser in seinem Heimatdorf gekauft – alte Steinbauten, einige fast verfallen.  Die Umsetzung eines solchen Projekts ist anspruchsvoll – und braucht neben Idealismus auch Ressourcen und Planung. An dieser Stelle wurde das Projekt durch die Unterstützung der Neuen Regionalpolitik (NRP) entscheidend gestärkt. Die finanzielle Beteiligung der NRP hat laut Projektträger Claudio Zanini ermöglicht, das Vorhaben schrittweise aufzubauen und erste Umsetzungen zu realisieren.

Die Neue Regionalpolitik (NRP) ist – so Zanini – «die Basis des ganzen Projekts». Dank ihrer finanziellen Unterstützung konnte das Renovierungskonzept der alten Gebäude umgesetzt und der Betrieb als Albergo Diffuso überhaupt erst aufgenommen werden.

Touristische Wirkung für eine ganze Region

Auch Nadia Fontana Lupi, Direktorin von Mendrisiotto Turismo, sieht das Potenzial des Projekts weit über einzelne Übernachtungen hinaus. Im Video erklärt sie: „Albergo Diffuso bringt neues Leben ins Tal und auf den Monte Generoso. Es geht nicht nur um Tourismus – es geht um wirtschaftliche Impulse, regionale Identität und ein neues Selbstbewusstsein für die lokale Bevölkerung.“

Das Projekt Albergo Diffuso zeigt beispielhaft, wie die Neue Regionalpolitik Impulse setzen kann. Gerade in peripheren Regionen wie dem Muggio-Tal zeigt sich, was regionale Entwicklung konkret bedeuten kann: bestehende lokale Ressourcen werden genutzt, neue Angebote entstehen, die Identität der Region wird gestärkt. Die Wertschöpfung bleibt im Tal, und die Dörfer erhalten neuen Auftrieb.

Aktuell zählt das Albergo Diffuso rund 80 Betten. Ziel ist es, in den kommenden Jahren weitere Infrastrukturen aufzubauen und das Konzept weiterzuentwickeln – neue Häuser und auch digitale Lösungen, um die Region weiter aufblühen zu lassen. Dabei braucht es auch weiterhin eine Politik, die solche Wege mitträgt.

„Die NRP hat hier einen grossen Impact – und wird diesen auch künftig haben.“, so Zanini.

Mehr über die NRP und wie sie Projektideen in den Regionen fördert:

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Praxisleitfaden zur erfolgreichen Regionalentwicklung

Bild © Albergo Diffuso Monte Generoso