Nach einer Phase der Tourismus-Stagnation zwischen 2010 und 2016 hat sich die Region des Zürcher Weinlands stark erholt. Während der urbane Tourismus im Kanton Zürich unter der Pandemie litt, erwies sich das Weinland als krisenfest und erreichte 2023 mit rund 19.000 Logiernächten einen neuen Höchststand.
Zum Auftakt der Blogserie «Vielfalt der Regionen» sprechen wir mit Nik Berger, Regionalmanager und Geschäftsleiter der Standortförderung Zürcher Weinland. Seit 2020 setzt er dort mit seinem Team die Neue Regionalpolitik (NRP) um.
Trendwende & Krisenresistenz: Der Aufstieg des Slow Tourismus
regiosuisse: Das Regionenmonitoring zeigt, dass das Zürcher Weinland 2023 einen neuen Rekord bei den Logiernächten erreicht hat. Auffallend ist hierbei eine gewisse Krisenresistenz: Während der urbane Tourismus im restlichen Kanton Zürich unter der Pandemie litt, erholte sich das Weinland relativ schnell. Inwieweit war der Fokus auf «Slow Tourismus» ein entscheidender Impuls, um sich als krisensicherer Gegenpol zum Grossstadttourismus zu etablieren, und welche Rolle spielten dabei neue Angebote im Wein- und Natursektor?
Nik Berger: Der Fokus auf Slow Tourismus hat im Zürcher Weinland sicher eine wichtige Rolle gespielt – aber er ist nicht der einzige Grund für unsere Entwicklung. Ein zentraler Punkt ist auch, dass wir strukturell anders aufgestellt sind als die Städte. Wir haben im Vergleich zur Stadt Zürich und zu vielen urbanen Destinationen kaum MICE-Tourismus – also Geschäftsreisen, Kongresse oder grosse Events. Genau dieser Bereich ist während der Pandemie stark eingebrochen, während wir davon weniger abhängig waren. Gleichzeitig haben sich die Bedürfnisse der Menschen in dieser Zeit verändert: Sie wollten raus in den Wald, in die Natur. Viele hatten plötzlich Zeit «dem Spargel beim Wachsen zuzusehen». Dieses Bedürfnis nach Entschleunigung und nach echten, greifbaren Erlebnissen hat stark zugenommen. Davon konnten wir profitieren. Das Zürcher Weinland ist als Naherholungsgebiet zwischen Zürich, Winterthur, Schaffhausen und Frauenfeld ideal gelegen.
Dazu kommt unser Angebot: Gerade im Velo- und E-Bike-Bereich haben wir Strecken, die jedermann/-frau fahren kann. Jeder kann somit die Landschaft auf seinem sportlichen Niveau erkunden. Das spricht eine breite Zielgruppe an. Hinzu kommt noch das Thema Regionalität: Viele Gäste wollen heute wissen, woher ein Produkt kommt und wer dahintersteht. Der Bezug zu lokalen Produzenten – gerade im Wein- und Kulinarikbereich – ist viel wichtiger geworden. In Kombination mit diesem Wunsch nach Entschleunigung hat das dem Zürcher Weinland geholfen, sich als krisenresistente Alternative zum klassischen Städtetourismus zu positionieren.
Die «lange» Saison und das Phänomen der kurzen Wege
regiosuisse: Ein Blick auf die Logiernächte pro Monat zeigt, dass die Hauptsaison von März bis Oktober dauert. Die Gästezahlen steigen. Gleichzeitig zeigen weitere Auswertungen, dass die Aufenthaltsdauer tendenziell abnimmt. Wie reagieren Sie auf diese Entwicklung? Sehen Sie in der sinkenden Aufenthaltsdauer primär eine Chance für den Tagestourismus aus den nahen Zentren Zürich und Winterthur oder ist es Ihr Ziel, die Gäste durch gezielte Anreize wieder länger an die Region zu binden?
Nik Berger: Das ist kein Widerspruch, sondern widerspiegelt die Lage unserer Region: Wir liegen zwischen mehreren Städten – entsprechend gross ist das Potenzial für spontane Ausflüge. Viele kommen für einen Tag, mit dem Velo oder zu Fuss, und fahren am Abend wieder zurück. Diese Rolle als Naherholungsgebiet ist Teil unserer Vision. Gleichzeitig versuchen wir auch, Anreize zu schaffen, damit Gäste mehr als einen Tag bleiben. Ein Beispiel sind unsere mehrtägigen Velorouten im Naturpark Schaffhausen. Wenn ein Gast einen Tag bleibt, erhält er einen Einblick in die Region, wenn er mehrere Tage bleibt, kann er die Vielfalt der Region entdecken. Damit wollen wir die Übernachtungsbetriebe stärker einbinden.
Wichtig ist es auch, die Zahlen richtig einzuordnen. Ein Teil der Übernachtungen – wie etwa auf Campingplätzen – werden in der Statistik nicht mitgezählt. Zudem steht ein Teil der Hotelzimmer nicht für Individualgäste zur Verfügung. Ausserdem ist unsere Saison hauptsächlich von März bis Oktober – wir sind also keine Ganzjahresdestination. Das ist keine Schwäche, sondern eine Tatsache und Teil unserer Identität. Unser Ziel ist es ein authentisches Angebot zu schaffen, das zu unserer Region passt.
Das Regionenmonitoring von regiosuisse verfolgt die Entwicklung in den Regionen in fünf Themenbereichen: Bevölkerung und Wohlstand, Arbeitsmarkt und Beschäftigung, Wirtschaftsstruktur und -leistung, Standort und Infrastruktur sowie Digitalisierung. Das interaktive Auswertungstool ermöglicht es, verschiedene regiosuisse-Indikatoren nach Region darzustellen und auszuwerten. Innerhalb dieser Themen finden sich zudem thematische Analysen, welche die Erkenntnisse synthetisiert darstellen.